Samstag, 5. Oktober 2013

Karnevalspredigt Estomihi 2013, Elgerhausen. Gereimt...

Der Winter ist ein zäher Hund
Und dennoch gibt es guten Grund
Den Frühling schon zu ahnen.
Sieben Wochen Passion
Beginnen nun am Mittwoch schon:
Sie wollen uns ermahnen!

Doch weil das Leben schon so schwer
Brauchen wir doch nicht noch mehr
Finstere Gedanken.
So feiert man in diesen Tagen
Den Abschied von des Winters Plagen
Und von den Alltags Schranken.

Der Karneval, die Faschingszeit
Macht uns innerlich bereit
Den Tod selbst auszulachen.
Mit Masken und mit Mummenschanz
Tanzen wir den Lebenstanz
Und machen schöne Sachen.

Und seltsam ist: in dieser zeit
Sind für die Wahrheit wir bereit,
und können sie gut hören.
Denn sie kommt als Jux und Scherz
Und versüßt somit den Schmerz
Und will uns so betören.

Die Narrenkappe lässt uns wagen
Dinge frei heraus zu sagen
In klapperichten Reimen
So solls auch auf der Kanzel sein:
Freut Euch drauf und lasst euch ein:
Das Wahrheitskorn soll keimen!

So hören wir von Jesus heute
Und der dummen, blinden Meute
Die uns so furchtbar ähnlich ist.
Sie macht  immer groß Geschrei
Ist mit Verboten schnell dabei
Weil sie die Liebe ganz vergisst.

Von einem Blinden wird erzählt,
den seine Dunkelheit sehr quält
und der nach Jesus schreit.
Er sieht ganz ohne Augenlicht,
In Jesus Gottes Angesicht
Und ist darum erfreut.

Die Jünger aber, diese frommen,
haben gar nichts mitbekommen:
Als Jesus sprach von seinem Tod.
Begreifen und verstehn sie  nicht
Dass Jesus von Erlösung spricht
Vom Ende unsrer Not

So sind am Ende die die Narren,
die auf ihrer Sicht beharren
und anderen den Mund verbieten.
Sie sprechen viel von Religion
Und halten sich für weise schon:
In Wahrheit sind sie Nieten!

Weil Gott nicht nach den Weisen fragt
Und Jesus zu uns Menschen sagt:
Was macht ihr bloß für Sachen!
Er will, dass wir die Wahrheit sehen
Und aufmerksam durchs Leben gehen
Erlöst – und voller Lachen.

So hören wir die Worte nun
Die uns am Ende Gutes tun:
Vom  blinden Mann zu Jericho
Der, weil er ganz auf Jesus hofft,
sich mit der blöden Menge zofft
am Ende ist er froh.

Und wenn du fragst: was geht’s mich an?
Ich sage Dir: du bist der Mann!
Mit den verschlossnen Augen.
Ich sage Dir: du bist die Frau,
die meint, sie sei besonders schlau
Euch soll die Predigt taugen!

Lukas 18, 31-43

31Jesus nahm die Zwölfbeiseite
und sagte zu ihnen:
"Seht doch,
wir ziehen jetzt hinauf nach Jerusalem.
Dort wird alles in Erfüllung gehen,
was die Prophetenüber den Menschensohngeschrieben haben:
32Er wird den Heidenausgeliefert,
die unser Land besetzt haben.
Er wird verspottet,
misshandelt
und angespuckt werden.
33Sie werden ihn auspeitschen und töten.
Aber am dritten Tag wird er vom Tod auferstehen."

34Die Zwölf verstanden kein Wort.
Der Sinn dieser Worte
blieb ihnen verborgen.
Sie begriffen nicht,
wovon er sprach.
35Dann, als Jesus in die Nähe von Jericho kam,
saß ein Blinder am Straßenrand
und bettelte.
36Er hörte,
wie die Volksmenge an ihm vorbeiging,
und fragte:
"Was ist denn los?"
37Die Leute sagten zu ihm:
"Jesus von Nazaret kommt gerade hier vorbei."
38Da rief er laut:
Hab Erbarmen mit mir!"
39Die Leute,
die vor Jesus hergingen,
fuhren ihn an:
"Sei still!"
Aber der Blinde schrie noch viel lauter:
Hab Erbarmen mit mir!"
40Da blieb Jesus stehen
und sagte:
"Bringt ihn zu mir!"
Als der Blinde bei ihm war,
fragte Jesus ihn:
41"Was willst du?
Was soll ich für dich tun?"
Der Blinde antwortete:
"Herr, dass ich sehen kann!"
42Und Jesus sagte zu ihm:
"Du sollst sehen können!
Dein Glaubehat dich gerettet."
43Sofort konnte er sehen.
Er folgte Jesus
und rühmte Gott.
Auch das ganze Volk,
das alles miterlebt hatte,
lobte Gott





So mancher Mensch irrt sich gar sehr
Wenn er denkt er sähe mehr
als andere Menschen sehen.
So manche sind in Wahrheit blind
wie man es beim Maulwurf find
weil sie nichts verstehen.

Solche bilden sich dann ein
sie sollten was Besonderes sein
die die anderen führen.
Und laufen, peilungslos und ohne Plan
in die Irre, voller Wahn
Und ohne was zu spüren.

Solche Blinden kennt man gut
Und sie schüren unsre Wut:
vor allem, wenn sie an der Macht.
selbstverliebt und Gottvergessen
sind sie von sich selbst besessen:
und finden sich besonders gut.

Da möchte man so manches mal
schreien voller Seelenqual:
Jesus komm, Erbarme dich

Jeder ist ist seinem Leben
gelegentlich mal ganz daneben
und rennt mit Volldampf vor die Wand.
Und die Schuld wird dann gesucht
bei denen, über die man flucht
und die allzugut bekannt:

Der Chef, die Frau, der schwere Ranzen
Regierung, Kirche und das Amt für die Finanzen,
Sie treiben uns zum Wahnsinn hin!
Der Nachbar und sein Laubgebläse
Der Bauer und die Gartenfräse
rauben uns den letzten Sinn.

Und dann sind wir völlig blind,
dass wir selbst oft schuldig sind.
Denn was man reinruft, ruft der Wald zurück
Die eigne Blindheit sieht man nicht,
Das gibt der Sache sehr Gewicht
und raubt und jedes Lebensglück.

Denn es folgt daraus Geschrei
Gezeter, Mobbing, Keiferei
und die Luft wird ganz vergiftet.
Lauter Blinde schreien dann
einander ganz „erleuchtet“ an.
und die Stimmung driftet.

Da möchte man so manches mal
schreien voller Seelenqual:
Jesus komm, Erbarme dich

Solches sind die Geistesblinden,
die wir ganz beschwerlich finden,
vor allem, wenn wir´s selber sind.
Wir haben ganz schön große Lücken
Es fehlt uns doch in manchen Stücken
Der Durchblick und der Geisteswind.

Als Kanzelmann kann ich es sagen:
Wo ist der Ursprung dieser Plagen?
Ich darf es kühn die Sünde nennen.
Es brennt in uns kein Gotteslicht
drum ist es finster und sehr schlicht:
wir können Wahrheit nicht erkennen.

Wir sind in dieser Welt die Narren,
die doch auf ihrer Sicht beharren,
und wenn es auch Gespinste sind.
Ein Blinder, der zu sehen glaubt,
und so sich selbst die Würde raubt,
das sagt man doch, der spinnt.


Da möchte man so manches mal
schreien voller Seelenqual:
Jesus komm, Erbarme dich


Der Blinde einst in Jericho:
der war ganz gewiss nicht so.
und bittet um ein Wunder.
Obwohl er gar nicht sehen kann,
spricht er Jesus Christus an:
und wird dann ein Gesunder.

Er sieht, ganz ohne Augenlicht,
wer da zu ihm von Gnade spricht.
Die andern wollens ihm verwehren
Er aber weiß: sie sind die Toren,
die in Wahrheit schon verloren:
Der Blinde hat die Geistessicht!

Mit Jesus laufen viele rum,
viele aber auch sehr dumm,
weil sie nichts begreifen.
Sie sehen nicht, wer dieser ist:
Der Davidssohn, Erlöser, Christ
an dem wir alle reifen.

Sie meinen nur, sie wären fromm,
doch keiner ruft: Herr Jesus komm
und mach mich wieder heile!.
Weil sie sich für die Starken halten
wird ihr Herz bald ganz erkalten
und eingeschnürt in bittere Seile.


Da möchte man so manches mal
schreien voller Seelenqual:
Jesus komm, Erbarme dich

Ewig war der Sünder krank:
jetzt lacht er wieder, Gott sei dank!
Weil Gott der größte aller Narren ist:
Er liebt, obwohl wir ihn verspotten,
und lauter dummes Zeug vergotten
uns ohne Falsch und List.

Wir wollen doch nicht närrisch sein
und stimmen in den Ruf mit ein:
Herre Gott, erbarme Dich
Er macht dir die Augen auf
für den wahren Weltenlauf
wenn du rufst: Errette mich!

Denn wirklich weit hat´s nur gebracht,
wer zuletzt am Ende lacht.
und mit völlig klarer Sicht
in jedem Mensch den Narren sieht
für den das alles hier geschieht:
Gott der Herr vergißt dich nicht


Da möchte man doch allezeit
Schreien laut und ganz befreit:
Herre Gott, wir danken Dir!

Und die Moral von der Geschicht:
glaubt es mir, die gibt es nicht.
Gott will uns nicht belehren.
Er will dass wir in Frieden leben
und ab und zu mal einen heben:
Unser Lachen soll ihn ehren.

Dem wahren Narren dieser Welt
nur sein eignes Ich gefällt:
das ist wirklich blindes Huhn.
Da dürfen wir auch gern mal lachen
wenn die sich dick und wichtig machen:
Wir haben besseres zu tun.

Gut essen, trinken, feiern, lieben,
auch mal ´ne ruhige Kugel schieben
und suchen nach Gerechtigkeit.
Gemeinsam beten, hören, singen,
dann wird das Leben auch gelingen:
mit klarem Blick und Echtigkeit.

Echtigkeit? Was soll das sein`
Liebe Leut: mir fiel nichts ein.
Die Reime sind verbraucht.
Gemeint war nur das Wörtchen „echt“:
ihr merkt es auch, der Reim war schlecht.
und der Geist verraucht.

So kommt, bevor wir ganz erlahmen,
erbarmungsvoll auch hier:
das Amen.

Predigt zum Sonntag Lätare, Joh 6, 47-51, Das Brot des Lebens

Predigt zum Sonntag Lätare, 11.3.2013, gehalten in Großenritte und Altenritte. 

Joh 6, 47-51
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. 48 Ich bin das Brot des Lebens.
 Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben.
Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe.
Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!

Hunger haben wir alle, es ist eines der tiefsten und stärksten Gefühle, zu denen wir überhaupt im Stande sind. Hunger erinnert uns daran, dass das Leben auf ständige Zufuhr angewiesen ist. Wenn in diesen Wochen viele Menschen fasten, dann tun sie dies, um sich künstlich in den Zustand des Hungers zu versetzen – und so das Leben zu spüren. Wir benutzen das Wort ja auch im übertragenen Sinne: wir sprechen vom Hunger nach Leben, vom Hunger nach Liebe, vom Hunger nach Anerkennung.
Wir müssen Essen, selbst dann, wenn uns gar nicht danach ist. Wir müssen Essen, unter allen Umständen. Diejenigen von Euch, die noch echten Hunger erlebt haben, im Krieg, auf der Flucht, auf der Vertreibung oder in einem Land, in dem echte Knappheit herrschte, werden wissen, was der Hunger aus uns machen kann:  Er kann das Tier im Menschen freilegen. Manchmal sagen wir ja auch zu einem Menschen, wenn er nörgelig, unleidlich und irgendwie genervt ist: iss mal was. Und das hilft oft.
Den Hunger stillen: das ist eine der wichtigsten Aufgaben, die wir Menschen haben. Auch im Industriezeitalter geht es um Nahrungssuche. Denn essen hat auch viel mit Vertrauen zu tun. Wenn wir eingeladen werden, vertrauen wir doch darauf, dass wir nicht vergiftet werden. Darum sind wir ja auch mit fremden  und unbekannten Essen so vorsichtig. Bekommt mir das? Schmeckt mir das? Macht das satt? Ist das in Ordnung?
Und darum ist gemeinsames Essen auch eine vertrauensbildende Maßnahme. Ich weiß, wie wichtig es ist, miteinander zu essen, wenn man in Frieden zusammen leben will. Darum bieten wir einander ja auch immer etwas zu essen an, wenn wir uns besuchen. Das ist etwas, was ich als Pfarrer durchaus mag: mit Menschen zusammen essen.
Und wehe, es schmeckt nicht: peinlich, peinlich. Und es ist ein Stück Erwachsenwerden, sich auch fremdem Essen auszusetzen. Gerade Jugendliche haben ja oft Ekel vor allem Möglichen. Für Konfirmanden zu kochen kann eine echte Herausforderung sein. Einer meiner größten Reinfälle war mal ein Nudelkochen mit Konfirmanden. Die Nudeln waren natürlich nicht das Problem, Nudeln gehen immer. Aber meine Bolognesesauce – da hatte ich, unbedacht, Sardellen und Kapern reingemacht. Das gab lange Zähne! Und manche haben es nicht geschafft, auch nur zu probieren. So ist das. Andererseits, das kennen wir ja: „Und, wie war die Klassenfahrt? Och, ganz schön, super Essen“. Mehr zu erzählen ist dann gar nicht nötig, warum auch…

Essen ist heikel, weil es uns tief anspricht.
Und darum widern uns auch die dauernden Lebensmittelskandale an. Beim Essen belogen und betrogen zu werden ist mit das Schlimmste, was man uns antun kann. Pferd statt Rind, Eier, die nicht sind, was sei sein sollen; „Analogkäse“, ich will gar nicht genau wissen, was das wirklich ist, und Sorge machen uns  Lebensmittel, von denen wir wissen, dass irgendwie Unrecht an ihnen klebt, Lebensmittel, von denen wir wissen, dass sie schädlich sind, Lebensmittel, die auf Genmanipulation zu rückgehen wo wir gar nicht so genau verstehen, was das meint und bedeutet: all das rückt uns schwer auf den Pelz, verunsichert uns.
Essen ist Vertrauenssache: denn es geht um unser Leben.
Und darum haben die Worte Jesus so ein großes Gewicht:
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben.
 Ich bin das Brot des Lebens.
 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

Jesus stillt unseren Hunger, für ewig. Er gibt uns nicht Brot, er ist das Brot. Glauben heißt nichts anderes, als darauf zu vertrauen: Er stillt unseren Hunger nach Leben. Er ist das tägliche Brot, um das wir beten.
Klar, das zielt auch auf das Abendmahl. Wer das tiefste und wichtigste Ritual unseres Glaubens kennt, versteht diese Wort sofort. Dann aber sind sie ganz einfach, ganz schlicht, geradezu von kindlicher Einfalt: Wenn wir Abendmahl feiern, dann kommen wir einander ganz nahe, dann nehmen wir Jesus in uns auf, dann werden wir satt.
Aha, werdet ihr sagen, schöne Worte. Und was heißt das für mein Leben? Was folgt daraus für die, die echten Hunger haben? Was folgt daraus für unser alltäglich Essen? Sollen wir jetzt Abendmahlsbrot statt Hartz IV austeilen und Abendmahlsbrot nach Afrika senden anstatt echte Hilfe?

In gewisser Weise ist das wirklich so. Aber genau andersherum, als man denkt, wie so oft stellt Jesus unser Denken auf den Kopf und lässt uns etwas sehen, was wir vorher nicht gesehen haben:  Wir sollten jedes Brot so behandeln, als wäre es das Brot des Abendmahls. Und mit Brot ist natürlich jedes Nahrungsmittel gemeint, wie im Vaterunser. Brot steht für Nahrung.
Ich möchte das an drei Punkten zeigen:
Wenn Jesus sich das Brot nennt, dann möchte er, dass wir in jedem Stück Brot, in jedem Nahrungsmittel die Gnade Gottes erkennen. Dann sollten wir lernen und begreifen, dass Nahrung als solche heilig und gut ist, dass sie uns nicht nur satt macht, sondern Frieden bringt. Bei jedem Stück Brot, das ihr in die Hand nehmt, bei jedem Stück Fleisch, das ihr esst, bei jedem Gummibärchen und jedem Eis sollt ihr das hören: Ich bin das Brot. Essen und Trinken, gemeinsames Essen und trinken, sollte uns heilig sein, weil es Jesus heilig ist. Im Grunde sollte jede Mahlzeit wie ein Abendmahl sein: Gemeinschaft, Vergebung, Frieden. Wenn ihr jetzt eine Sekunde darüber nachdenkt, wie wir heute Essen und trinken, werdet ihr merken, wie sehr der Glaube unser Leben auch in Frage stellen kann. Davon, dass unser gemeinsames Essen und Trinken etwas von einem Abendmahl, etwas von einem Gottesdienst hat, sind wir, wenn wir ehrlich sind, sehr weit entfernt. Und wir spüren diesen Verlust sehr wohl. Ich komme ja, mit meinem nordhessischen und russlanddeutschen Hintergrund, aus zwei Kulturen, in denen das gemeinsame Essen sehr wichtig war und ist. Wir haben, soweit das möglich war, nicht gegessen, wie es der Tagesrhythmus vorgab, sondern der Tagesrhythmus richtete sich am Essen aus. Und ich glaube, das ist sehr gesund. Und das seht ihr, wie die Worte Jesus etwas unmittelbar Praktisches haben: lasst uns als Christen dafür sorgen, dass wir eine gute, förderliche und gesunde Esskultur haben. Damit ehren wir Jesus, das Brot des Lebens, und die Menschen.

Das ist das zweite. Die Erde versorgt uns mit den Gütern. Letztlich ist uns das Essen geschenkt, wie uns die Gnade und die Liebe geschenkt ist. Davon erzählt die Schöpfungsgeschichte: Gott gibt der Erde den Befehl, Nahrung hervorzubringen. Es ist genug für alle da – freilich nur, wenn alle teilen. Freilich nur, wenn alle mitarbeiten. Gerade weil die Erde so überreichlich mit ihren Gütern ist, stellt sich die Frage nach der der Gerechtigkeit ganz besonders scharf. Die Güter der Erde sind nicht knapp, sie sind schlecht verteilt. Wenn wir wollen, dass Menschen im Brot die Gnade Gottes erkennen, dann müssen wir ihnen auch welches geben. Menschen satt zu machen, ist eine politische Aufgabe. Da sind wir als Christen, weil Jesus das Brot des Lebens ist, besonders wachsam.
Und das dritte:
Im Brot steckt ein großes Geheimnis. Es war eine der größten Entdeckungen der Menschheit, als sie herausbekamen, was mit Getreidebrei geschieht, wenn man ihn stehenlässt: er fängt an zu gären. Er stinkt sogar, und je nachdem, welche Bakterien und Pilze am ‚Werke sind, nimmt er sogar eine ziemlich eklige Farbe an. Es war immer ein Highlight in der Schule, wenn ich eine Portion Sauerteig mitbrachte. Wir hatten sogar einmal einen Schulgottesdienst gemacht, indem wir Sauerteig verteilt haben. Das war ein großes Hallo. Aber wir haben auch Anleitungen verteilt, was man damit machen soll. Das gab dann drei Tage später ein großes Hallo. Aus der stinkenden und etwas schleimigen Masse war knuspriges, duftendes Brot geworden.
Es ist das Geheimnis der Verwandlung, das im Brot steckt. Ich habe, zu Zeiten, als ich noch Hausmann war, das Brotbacken immer als etwas geradezu Mystisches erlebt. Und so ist es auch von Jesus gemeint. „Ich bin das Brot“ ist auch eine Anspielung daraus, dass sich an ihm das tiefste Geheimnis unseres Glauben vollzieht: Tod und Auferstehung, die große Verwandlung. Da ist der Kern unsere Hoffnung, liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder, dass wir verwandelt werden wie das Korn zu Mehl, das Mehl zu Teig, der Teig zu Sauerteig und der Sauerteig zu Brot: Durch Zerstörung, Vernichtung, durch Leiden, Schmerz und Kummer hindurch zum ewigen Leben. Wenn wir Abendmahl feiern, feiern wir das Leben und teilen die Hoffnung, dass wir nicht gefangen sind in unserem Leben, sondern dass es eine treibende Kraft gibt, die uns am Leben hält. Wann immer wir gemeinsam essen, erinnern wir uns daran, dass wir das Brot zum Leben brauchen und das jedes gemeinsame Essen ein Schritt zur Versöhnung ist.
Wann immer ihr, Schwestern und Brüder, ein Stück Brot in der Hand haltet, sollt ihr an diese Wort denken: Ich bin das Brot des Lebens. Ein Stück Hoffnung, weit über jeden Hunger hinaus, ein Stück Leben, weit über jedes Leben hinaus: Wann immer wir Brot essen, tauchen wir ein in das Geheimnis des Ewigen Lebens, Wann immer wir Brot essen, wird  der Ruf nach Gerechtigkeit laut. Wann immer wir Brot essen, erinnern wir uns an die Liebe Gottes, die sich reichlich ausschüttet in Jesus Christus, dem Brot des Lebens. Wann immer wir Brot essen, erinnern wir uns daran, das auch wir verwandelt werden sollen: vom Tod ins Leben, vom Dunkel ins Licht, von der Verzweiflung zum Glauben, von Hungernden in Satte.
Das wünsche ich euch: Immer einen Kanten Brot in der Nähe und das Wort Gottes im Herzen.
Amen.

Jesus, Marilyn und der Gottesknecht. Predigt zum Karfreitag 2013

Predigt zum Karfreitag 2013, Elgershausen. Predigttext: Das Gottesknechtlied aus Jes 52 f. Vor Verlesung des Textes gab ich ein paar einleitende Hinweise auf die Entstehung des Textes und wovon die Rede ist: vom leidenden Gottesknecht, der in der Verkennung die Erlösung bringt - als Muster zum Verständnis des Karfreitag, aber des menschlichen Schicksals überhaupt.


13 Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. 14 Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder, 15 so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken.


53 1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart?

Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.

Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.

4 Fürwahr,er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.

Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.

8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. 9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.



Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!



Am Karfreitag muss ich oft an Marilyn Monroe denken. Das mag Euch verblüffen, aber im Grunde ist es ganz einfach.

Sie war der Inbegriff der schönen und begehrenswerten Frau, der Inbegriff eines erfolgreichen Menschen, ein Idol, geliebt und geehrt von Millionen, nicht nur Männern.

Sie starb an einer Überdosis Schlaftabletten am 8. August 1962 in Hollywood, ein psychisches Wrack, einsam, seelisch tief beschädigt, verlassen, ausgenutzt, drogenabhängig. Bis heute ist ungeklärt, ob es Selbstmord war oder ein besonders gemeiner Mord.

Von Außen war sie schön und erhaben, stand sie hoch und, wie ein Fan es schreibt: „Es umgab sie ein herrliches Licht.“

Ihr Tod aber ist und bleibt eine Schande, denn er hat viel damit zu tun, dass niemand sehen wollte, wer sie wirklich war, was in ihr vorging. Die wirkliche Marilyn, die mit bürgerlichem Namen Norma Jeane Baker hieß, wollte niemand sehen, mit der wollte niemand etwas zu tun haben. Sie war eine einfache Verkäuferin, die Karriere machte, weil sie mit einem schönen Körper und einem mässigen Talent zum Schauspielen beschenkt worden war. Das reichte: mehr brauchte man nicht zum Träumen.

Sie wurde benutzt und sie hat sich benutzen lassen, sie war die Leinwand für die Träume der Menschen von einem besseren Leben, von einem schöneren Körper und einer besseren Welt.

Sie lebte in äußerer Herrlichkeit, sie starb in äußerster Niedrigkeit – so sieht es aus, aber in Wahrheit war es noch viel schlimmer: Sie lebte in Niedrigkeit, und sie starb in noch viel tieferer Niedrigkeit.

Noch heute wird sie ausgeschlachtet und benutzt, keine Ehrfurcht, keine Scham ist zu spüren, kein Zurückschrecken davor, einen zerbrochenen Menschen wenigstens im Tode seinen Frieden zu lassen. Sie lebte in Niedrigkeit, sie starb in Niedrigkeit und sie bleibt in Niedrigkeit: Ein elendes Schicksal, den Menschen bleibt sie ausgeliefert, noch nach ihrem Tod.

Herr, erbarme Dich!

Jesus starb und lebte auch in Niedrigkeit, aber ohne äußeren Glanz. Wenige waren es, die ihn bewunderten, und wenn, dann weniger wegen seiner Worte, sondern wegen seiner Wunder und weil er so mutig gegen die Mächtigen auftrat und gegen die Weisen sprach, die den Menschen Vorschriften für ihr Leben machten. Aber er war zu Lebzeiten eher verachtet und geringgeschätzt, man machte sie über ihn lustig und man hielt ihn für gefährlich, als die Menschen anfingen, von ihm größere Taten zu erwarten. Er wurde getötet, damit die Schwachen und die kleinen Leute gar nicht erst auf den Gedanken kommen, sich gegen ihr Schicksal zu wehren. Das Unrecht fürchtete sich vor dem Recht – und so töteten sie ihn, obwohl er eigentlich harmlos war und vielen nur als ein Spinner erschien. Er starb in Niedrigkeit und Elend, in Gottverlassenheit und verspottet. Niemand wollte hören und sehen, wer er in Wahrheit war, niemand sah in dieser Niedrigkeit die Herrlichkeit des Herren. Niemand vermutet hier das Göttliche. Er war der Allerverachtetste, allein am Ende, auch von denen verlassen, die ihm gefolgt waren. Da kommen Marilyn und Jesus zusammen: der Tod in Niedrigkeit. Doch ihr Tod war das Ende eine Kette von Erniedrigungen, die aus ihrer falschen Herrlichkeit kamen, den Träumen von Schönheit, Ruhm und Macht der Menschen. Sein Tod aber war die Wirkung seiner göttlichen Herrlichkeit: denn es war ein freiwilliger Gang in die Niedrigkeit. Er wusste, was er tat. Und so erschien in seiner Erniedrigung die Herrlichkeit des Herrn.

Der so in Niedrigkeit lebte und in Niedrigkeit starb, lebte in Wahrheit in Herrlichkeit, denn er lebte aus der Kraft Gottes, er lebte ganz aus in der Liebe – bis hin zu seinem Tode, den er auf sich nahm, damit wir frei würden von falschen Bildern und falschen Hoffnungen und falschen Illusionen. Der Tod am Kreuz war der tiefste Punkt dieses Menschen, und doch sehen wir heute, sehen wir jetzt darin die Herrlichkeit Gottes, die Herrlichkeit eine liebenden, solidarischen, sanften Gottes, der uns im Kreuz nicht nur zeigt, wer wir in Wahrheit sind, sondern auch, wer er in Wahrheit ist: der uns in den Leidenden begegnet, an der Grenze des Lebens - ein Gott in der Niedrigkeit. Da ist Gott: ganz unten.

So wissen wir im Glauben, wie es in Wahrheit ist: Der Glanz der Marilyn Monroe, ihre Herrlichkeit, ihre Schönheit ist nicht das, was göttlich an ihr war. Das ist nicht, was des Menschen Herrlichkeit und Schönheit ausmacht.

Da, wo sie hässlich war, zerbrechlich, zerschlagen, zerstoßen und zerrissen, da sehen wir auch in ihrem Antlitz Gott, wie wir Gott sehen im Gesicht des zerschlagenen Jesu von Nazareth.

Im Lichte des Ostermorgens aber leuchten auch sie, wie das Leben aller Gedemütigten, verlassenen und geknechteten.

Meine Lieben. Das werden wir auch als Kirche lernen müssen. Wir sind nicht herrlich und schön. Wir sind für immer weniger Menschen wichtig. Ja, vielen sind wir inzwischen sogar ein Dorn im Auge. Überall auf der Welt werden Christen verfolgt, z.T. sogar bis in den Tod. Selbst in der Katholischen Kirche ist es zu spüren: weltliche Macht und Herrlichkeit uns ihre Insiginien und Symbole sind Christus unangemessen. Als Kirche sind wir stark, wenn wir schwach sind: Denn unsere Schwäche ist nur von außen Schwäche. Sanftmut, Solidarität, Vertrauen auf die Kraft der Liebe, der recht verstandenen Demut und der Kraft des Wortes sind keine wirklichen Schwächen. So sollten wir alles das, was wir gerade erleben als Kirche, geistlich ernst nehmen und uns dem stellen, wie sich Jesus dem gestellt hat im Garten Gethsemane. Das Geld wird knapp: also lasst uns allen unnötigen Plunder abwerfen. Und wir werden uns wundern, was alles unnötig ist, und wie beim Kellerausmisten werden wir die Last erst spüren, wenn wir uns ihr entledigt haben. Die Pfarrer und Pfarrerinnen werden weniger: also lasst sie als Geistliche arbeiten, und nicht als hochbezahlte Gemeindemanager, Hausmeister und Vorstandsvorsitzende. Die sog. Ehrenamtlichen – also Menschen, die freiwillig, unentgeldlich arbeiten – werden wichtiger: also lasst uns sie stützen und tragen und geistlich festigen, dass gute Zeugen der Gnade werden können..

Die Menschen wenden sich von der Kirche ab: dann schimpft nicht auf sie, sondern fragt: warum? Vielleicht wenden sie sich von der Kirche ab, weil wir allzunah an den Mächtigen, allzunah an den Wichtigen, allzunah an den scheinbar Erfolgreichen waren? Vielleicht sind wir als Kirche auf einem völlig falschen Weg, wenn wir uns an der „gesellschaftlichen Mitte“ und ihren Bedürfnissen orientieren anstatt an den Rändern und am Worte Gottes?

Sind wir als Kirche wirklich ein Bild des zerschlagenen, leidenden, solidarischen Christus, der die Menschen tröstet, oder wären wir – prüft euch ernsthaft – nicht doch lieber eine geliebte, strahlende, superwichtige Institution von Menschen, die besser Bescheid wissen als „die anderen“?

Der Karfreitag erinnert uns daran, wo unser Platz ist: in der Niedrigkeit. Das hat mich falscher und verlogener Demut nichts zu tun. Das hat auch nichts zu tun mit Kriecherei oder gar mit Ohnmacht. Lass dir an meiner Stärke genügen, meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, musste Paulus hören und ertragen.

Jetzt wisst ihr, warum ich an Karfreitag so oft an Marilyn Monroe denken muss: Wir wären als Kirche auch gerne oft wie eine sexy Blondine, der die Menschen scharenweiser hinterherlaufen. Aber Ihr Schicksal sollte uns mahnen und das Wort des Propheten von der Niedrigkeit des Gottesknechtes sollte uns zu denken geben. In Licht des Kreuzes wird alles, was auf Erden glänzt, zu Plunder und Staub. So ist der Karfreitag, weil an ihm Niedrigkeit und Herrlichkeit die Rollen tauschen, der Tag der Gerechtigkeit und der Wahrheit. Kein Wunder, dass ihn niemand von den Stolzen, Mächtigen, Schönen, Reichen und Partymachern ihn wirklich haben will: Und dafür liebe ich ihn. Es ist der Tag der Erniedrigten und Sterblichen. Es ist unser Tag.


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Anreger für diese Predigt war Ernesto Cardenals Gebet für Marilyn, für mich einer der schönsten und bewegensten Texte der Theologie der Befreiung. Lang ist´s her...
gebet-fur-marilyn-monroe
Vielleicht hat die Theologie der Befreiung jetzt wieder eine Chance?????

Der Osterruf - Predigt Elgershausen, Osternacht 2013

Der "Osterruf", den ich heute morgen in Elgershausen zum Hören gebracht habe in der Osternachtfeier - mit Taufen, auf die ich extra eingegangen bin: Aber in der Osternacht predigt sich die Taufe fast von selbst.
Frohe Ostern Nah und Fern!




Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!
Was hat Euch hierher geführt? Warum seid ihr hier? Viele Antworten gibt es darauf: „Weil ich Lust dazu hatte“, „Weil Ostern ist und man da in die Kirche geht“, „weil ich das Wort Gottes hören will“, „weil mir langweilig ist“, „weil ich hier meine Ruhe habe“, und die Konfirmanden werden wohl sagen: „weil ich muss…“
Alle Antworten sind richtig, denn jeder hat gute Gründe, warum er in den Gottesdienst geht. Niemanden steht es zu, hier zu rechten und peinliche Fragen zu stellen. Das war auch gar nicht der Sinn meiner Frage. Denn warum ihr auch immer hier seid- es gibt einenGrund, der für alle zutrifft, und der in Wahrheit der einzige wirkliche Grund ist:
Ihr seid hier weil Gott Euch gerufen hat.
Wie, Gott hat mich gerufen?
Ja, das tut er, er ruft uns Menschen seit Anbeginn der Schöpfung, denn Gott will nicht ohne uns sein.
Er ruft Euch, er ruft uns durch das Geläut der Glocken.
Er ruft uns durch die Stimme seiner Kirche, die seit 2000 Jahren einlädt, den Gottesdienst zu feiern, Gott zu loben und zu danken und vor allem sein Wort zu hören.
Und die Menschen, die die Kirche sind und waren und sein werden, die rufen die anderen Menschen, weil sie selber gerufen worden sind, und es ist seit 2000 Jahren immer derselbe Ruf, der Ruf der am Anfang von allem stand: Der Herr ist auferstanden und er ist dem Simon erschienen. Wäre dieser Ruf nicht erschollen, wären wir nicht hier.
Und der Herr ist auferstanden, weil er den Ruf gehört hat, den Gott in die Schöpfung rief: Es werde Licht! Und es ward Licht.
So werden wir gerufen, immer und immer wieder, darum verkündigen wir, immer und immer wieder: Hier, wo seit Jahrhunderten das Wort Gottes zu hören ist, hier ist der Ort des Lebens.
Ja aber, höre ich die Konfirmanden, ist doch stinklangweilig. Stimmt, kann schon sein. Bis es Dich eines Tages trifft und du endlich kapierst, worum es geht: um Dein Glück, um Dein Leben. Es gehört auch Durchhalten dazu. Dann aber hast du die Chance, dass du den Ruf wirklich hörst und er dich trifft. Dann hast Du die Chance, das du das große Glück findest: Da Glück, Glauben zu dürfen und ein Leben ohne Angst zu führen.
Ja aber, höre ich den einen oder anderen, bei mir tut sich nichts. Stimmt, kann schon sein. Denn Gott ist kein Magier und kein Therapeut, er versucht es auch nicht mit Gewalt und Überredung. Sanft dringt er in uns ein, und sanft verändert er uns. Du darfst Dich nur nicht davor fürchten, dass sich etwas ändert.
Ja aber, höre ich beim Nächsten, das ist doch alles altes Zeug, ich möchte´s ja gerne glauben, aber ich kann´s nicht.
Stimmt, kann schon sein.
Aber vielleicht versucht Du ja das Falsche zu glauben, vielleicht verwechselt Du da etwas, vielleicht hörst Du mit dem ganz falschen Ohr? Vielleicht verwechselt du, wie so viele, die Lehre der Kirche mit dem Lebendigen Christus? Vielleicht hast du ja einfach noch nicht gehört, dass es im Glauben um Vertrauen geht, und nicht um Wissen? Vielleicht solltest Du in der Bibel lesen und nicht im Spiegel oder RTL gucken, wenn du etwas von Gott wissen willst?
Ja, aber – eben, dieses „Ja, aber“, das ist das, was Paulus immer so trefflich den „Stachel der Sünde“ nennt: unser Widerstand gegen Gott. Wir können gar nicht wirklich glauben, es gibt immer einen Einspruch dagegen. Und manchmal sind diese Einsprüche nur halb so vernünftig, wie sie klingen. Manchmal aber sind sie auch todernst.
Von den Toten auferstanden? Das ich nicht lache! Wer soll das glauben?
Aber bereitwillig glauben wir, dass ein Klumpen heißer Matsch irgendwann von selber angefangen hat zu leben, zu atmen und herumzulaufen, obwohl es nicht die Spur eines Beweises dafür gibt oder auch nur eine vernünftige Wahrscheinlichkeit. Wir verwechseln eine wissenschaftliche Theorie mit der Wahrheit. Darin aber liegt kein Trost. Schon morgen kann sie überholt sein.
Bereitwillig glauben wir, dass wir die Welt mit Messen und Wiegen in den Griff kriegen. Als ob das, was z.B. in Zypern gerade passiert, nicht der schlagende Gegenbeweise wäre.
Bereitwillig glauben wir, dass unsere Sinne uns nicht trügen und dass wir Herr im Hause unseres Körpers sind, obwohl doch soviel dagegen spricht: spürt nur eure Müdigkeit heute morgen.
Bereitwillig glauben wir, dass uns schon nichts passieren wird und leben, als gingen die Vorräte niemals zu ende, fahren wir Auto, als seien wir unsterblich, gehen wir miteinander um, als wäre das Leben nicht kostbar.
Was wir glauben und was wir nicht glauben, wovon wir überzeugt sind und was wir für Unsinn halten – das hängt doch von so vielen Faktoren ab, von so vielen Umständen, von Menschen, die Einfluss auf uns haben, von Erlebnissen, die uns prägen, von Gedanken, die uns faszinieren- woher sollen wir die Wahrheit kennen?
In Wahrheit ist glauben, nämlich Vertrauen haben etwas ganz und gar elementares und Wichtiges für uns: wir kämen gar nicht zurecht mit dem bisschen wirklichen Wissen, dass wir haben. Wir Leben auf Verdacht bei fast allem, was wir tun.
Nur bei Gott, da meinen wir, wir müssten es wissen. Aber gerade in Bezug auf Gott gilt: Vertraue! Da stellt sich die Gewissheit nicht über das Wissen ein, sondern über die Erfahrung. Und die machen wir nur gemeinsam, als Gemeinde.
Denn immer muss seine Stimme erklingen, und sie erklingt durch uns. Das ist unser Auftrag seit jenem Morgen, als ihn die Frauen zum ersten Mal hörten, und danach die Jünger und schließlich die ganze Welt: Gehet hin und machten zu Jüngern alle Menschen, und lehret sie halten alles, was ich Euch geboten habe, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und siehe, ich bin bei Euch alle Tage, bis an der Welt Ende. .
Meine Lieben, warum seid ihr hier? Es gibt viele Gründe, sie sind alle gute Gründe. Aber es gibt einen Grund, dass ist der wahre Grund: Wir sind hier, weil Menschen den Ruf Gottes gehört haben und ihn weitergegeben haben über die Jahrhunderte und Jahrtausende, von Jerusalem über Rom bis nach Elgershausen,  bis zu Dir: So spricht Gott am Ende gerade zu dir -  weil du da bist. Ob du es glaubst oder nicht.
Das ist die österlicher Freude, meine Lieben, möge sie tief und nachhaltig nach euch greifen: Kommt, her, ihr seid geladen, Gott rufet Euch. Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Er hat Jesus aus dem Grabe geholt, wie sollt er uns im Dunkel des Todes lassen?
Was immer Euch hierher geführt hat: Jetzt habt ihr gehört, warum er Euch gerufen hat: um mit Euch zu leben und zu feiern!
Der Friede der Herrn sei mit Euch allen!


Demut und Optimierung. Predigt zu Himmelfahrt anläßlich des Kongresses der ästhetisch-plastischen Chirurgen in Kassel

Es ist guter Brauch: wenn in den Veranstaltungsräumen des Landeskirchenamtes in Kassel (die nicht von der Kirche bewirtschaftet werden) eine Veranstaltung über einen christlichen Feiertag stattfindet, wird ein Gottesdienst als Teil des Programmes angeboten. Der fand nun heute morgen, 8.30 Uhr statt. Die Veranstaltung war schon bemerkenswert und erzeugte im Vorfeld schon hohe mediale Aufmerksamkeit.
vdaepc-kongress



Liebe Gemeinde,

Während draußen sich um diese Stunde tausende, wenn nicht hunderttausende von Vätern (echte und selbsternannte, künftige) sich auf den Weg machen, sich in der sogenannten freien Natur gepflegt zu betrinken und sich was zu grillen – was ich in meiner wilden Zeit auch sehr gerne tat,damit ich hier nicht missverstanden werde – während also draußen "Vatertag" gefeiert wird, haben Sie sich versammelt, um darüber zu beraten, wie Sie die Welt ein wenig schöner machen können. Denn das ist das besondere an Ihrem medizinischen Auftrag: Sie machen nicht nur gesund, in dem Sinne, dass sie einen Organismus wieder stabilisieren, sie machen auch schöner oder wieder schön, was durch Natur oder Schicksal verunstaltet wurde.

Und ich?

Ich stehe hier und verkündige das Wort Gottes, denn nur weil das, was ich gleich vorlese werde, in der Bibel steht, sind wir überhaupt heute zusammen. Christi Himmelfahrt ist eines der wenigen echten christlichen Feste, das sich nicht an irgendein anderes, schon vorhandenes Fest angedockt hat. Und es ist auch deswegen ein zutiefst christliches Fest, weil es die Hoffnung, die wir Christen haben, in ganz besonderer, geradezu kindlich bildhafter Weise zum Ausdruck bringt. Die Hoffnung auf den Himmel.

Lk 24.50-53, mit kurzer Einführung in die Szene.

50 Jesus führte die Jünger hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. 51 Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. 52 Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude 53 und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.



Was haben wir gehört? Die Geschichte einer Vision und einer Audition. Sie sind Ärzte oder doch medizinisch gebildet genug, um sich die physiologisch-psychologischen Voraussetzung solcher Erfahrungen erklären zu können. Aber damit ist natürlich gar nichts erklärt. Die Vision als solche ist ja nicht das Entscheidende, sondern ihre Deutung. Die Jünger müssen endgültig Abschied nehmen von ihrem Meister: Kaum haben sie den Schock seines gewaltsamen Todes überwunden, kaum haben sie die tief verunsichernden Erlebnisse seit dem Ostermorgen verkraftet, verlässt er sie nun endgültig. Und zwar in Richtung Himmel: nach oben. Und das ist es, was ich mit ihnen heute Morgen kurz bedenken möchte: der Himmel, der viel mit dem zu tun hat, was Sie tun.

Der Himmel nämlich war in der Antike der Ort, wo Gott wohnt: über den Himmeln, streng genommen sogar. Der Himmel war gedacht als eine Art Kristallschale, und zwar siebenfach gestaffelt: an jeder Schale hing ein Planet, - deswegen sieben - und darüber waren die Fixsterne angebracht, und das ganze drehte sich um die Erde – die übrigens in der Antike mehrheitlich mitnichten als Scheibe gedacht wurde. Und über dem siebten Himmel war Gottes Ort. Dorthin sehen die Jünger Jesus verschwinden. Und Sie wissen: Er geht ihnen voran. Die christliche Gewissheit, hier, unter dem Himmel, nicht verloren zu sein, sondern eine Hoffnung haben zu dürfen, die bis in den siebten Himmel reicht, drückt sich darin genau aus. Der Himmel steht uns offen.

Nun ist der Himmel für uns dieser Ort nicht mehr, auch wenn er in unserer Sprache so weiterlebt. Deswegen erfassen wir ja sofort, wovon die Geschichte erzählt. Aber um sie verstehen, müssen wir uns klar machen: Die Antike dachte in Räumen, wo wir in Zeiten denken. Was für die Alten der Himmel war, ist für uns die Zukunft – und zwar die herrliche Zukunft. Wie aber kommen wir dahin?

Und schon sind wir bei unserer Profession angelangt. Der Himmel ist der Ort unbeschwerten, glückseligen Lebens. Ein Leben in Schönheit und Unvergänglichkeit, ein Leben in Perfektion und Klarheit ohne Leid und Geschrei. Mit anderen Worten: Im Himmel gibt’s keine Kirche: denn die Menschen leben unmittelbar zu Gott. Keine spirituellen Krücken, keine Rituale, keine fromme Erziehung. Die überwältigende und beglückende Nähe Gottes ist unmittelbar. Die Kirche ist nur ein Hilfsmittel, diese Hoffnung am Leben zu halten: die Wolke der Zeugen. Sie ist nur ein Schatten des Künftigen, und oft genug ein recht kümmerlicher. Da ist viel Anlass zur Demut. Himmelfahrt erinnert uns auch an die Zerbrochenheit und Vorläufigkeit des Irdischen.

Schönheitschirurgen wird´s darum im Himmel auch nicht brauchen. Es wird sie nicht brauchen, weil wir im Himmel erlöste Menschen sein werden. Und was kann es für eine größere Erlösung geben als die Erlösung vom menschengemachten Leistungs-, Perfektions- und Schönheitsdruck. Was kann es schöneres geben, als ein Handicap zu verlieren. Wir werden im Himmel nicht schöner sein. Und auch nicht klüger. Und auch nicht fitter. Aber die Art und Weise, wie wir uns ansehen, auch im Spiegel, wird sich verändern. Und die Art und Weise, wie wir uns wertschätzen, wird sich verändern. Es wird nichts Hässliches mehr geben, nur Verschiedenes. Ich weiß, dass klingt völlig naiv und kindlich. Aber das Bild hat mächtige, tröstende Kraft, und es ist meilenweit entfernt von den naiven Himmelsbilder, wie man sie aus frommen Büchern kennt: lauter schöne Menschen um die Dreißig. Das ist der der Himmel der Sekten: Der Himmel der optimierten Menschen. Ein furchtbarer, ein langweiliger Ort.

Ich habe mal einen schwer behinderten Mann begraben, der unglaubliche 40 Jahre mit einem gewaltigen Hydrozephalus – und folglich auf eine fast pflanzenhafte Existenz verwiesen – von seinen Schwestern gepflegt wurde. Als er dann starb, war die Trauer groß. Und beim Gespräch stellte sich die Frage, wie er wohl im Himmel aussehen werde: Ob diesem Leben dann Gerechtigkeit wiederfahren werde. Denn natürlich wurde er, wie es noch bis vor gar nicht langer Zeit üblich war, versteckt, gar zu scheußlich und gräulich sein Anblick, angeblich. Ich habe dann auf das Bild des Gekreuzigten gezeigt, der in der frommen Stube hing, und gesagt: So wie Jesus. Mit den Wunden. Mit dem, was wir hässlich finden, wird er im Himmel sein. Denn nicht dieser Mensch muss verändert werden, sondern wir müssen verändert werden. So ist es mit dem Himmel. Das ist ein ganz naiver Gedanke, das weiß ich wohl, und ich hoffe, Sie verstehen, dass ich in Bildern rede, wie das der Glaube einzig tun kann. Aber Sie spüren hoffentlich auch, welche Kraft dieses Bild hat, auch für das, was Sie tun. Denn es macht deutlich: Wir leben eben auf der Erde. Und da werden Menschen täglich verunstaltet und in ihrer Lebensqualität eingeschränkt und eingedämmt, weil sie hässlich sind oder dazu erklärt werden, weil sie Körperteile verlieren, weil sie beim Blick in den Spiegel erschrecken oder ihr Leben unerträglich geworden ist, weil sie sozial, sexuell oder politisch ausgegrenzt werden um einer schiefen Nase, einer hängenden Brust oder einer verbrannten Haut willen. Was für ein Segen die moderne Technik ist, was können wir Menschen heute helfen, glücklicher zu werden. Wir sind ganz schon weit gekommen damit, den Himmel auf die Erde zu holen. Aber es ist immer ein menschengemachter Himmel. Es hat immer einen Schatten. Prof. Noah hat mir Ihren Ehrenkodex geschickt. Allein, dass es ihn geben muss, zeigt, dass hier nichts selbstverständlich ist. Der Philosoph Sloterdijk spricht, wenn er auf die Moderne blickt, von den „Anthropotechniken der Selbstoptimierung“, die uns in eine unerträgliche Spannung versetzen, die er „Vertikalspannung“ nennt: Immer höher hinaus. Das ist sozusagen Himmelfahrt aus eigener Kraft. Das kennen sie sehr gut. Und sie wissen auch, dass ihr Handeln, so segensreich es sein kann, auch begrenzt ist. Eine neue Nase allein reicht nicht, und eine wundervoll rekonstruierte und meinetwegen auch optimierte Brust reicht nicht. Was alle heilenden und helfenden Berufe sich immer wieder sagen lassen müssen: Wir können die Menschen nicht retten,m nur leiten und begleiten, und auch das nur in Maßen. Das ist eine oft demütigende Erfahrung. Sie beschreibt unsere Grenze, die wir akzeptieren müssen. Und es ist besonders schlimm, Menschen zu leiten und zu begleiten, um dem eigenen Ego zu dienen. Und der Himmel auf Erden hält meist nur von Zwölf bis Mittag, wie man hier in Hessen sagt – deswegen können Schönheitsoperationen süchtig machen und Religionen fanatisch: Dann will man´s mit Gewalt. Es gibt genauso fratzenhafte Formen des Glaubens wie es Gesichter gibt, denen man das Unmaß des Schönsein-Wollens ansieht. Gott ist im Himmel, wir sind auf der Erde. Auch das ist die Botschaft des Himmelfahrtstages.

Der Himmel aber, der wirklich ewig ist, ist der Himmel Gottes. Der steht uns offen, umsonst. Ich spüre, wie dieses „umsonst“, dieses „gratis“ uns als evangelische Kirche auch an Rand der Gesellschaft bringt: das will die Optimierungsgesellschaft nicht hören. Doch der Glaube beharrt darauf: Wir brauchen uns nicht zu verkrampfen. Unter dem offenen Himmel können wir leben; entspannt. Und gemeinsam Wege suchen, dass der Mensch, der auf Erde lebt, der Erde treu bleibt und lernt, sich zu lieben, wie er ist. Es ist eine große Aufgabe, dem Menschen zu seiner Schönheit zu verhelfen, die ihm vom Gott her seit je eingesenkt ist: Denn die wahre Schönheit eines Menschen ist seine Würde. Da können Skalpell und Gespräch einiges, viel sogar. Die Quelle der Würde aber ist Gott, indem er uns des Himmels für würdig erklärt. Da kommt alle chirurgische Kunst an ihre Grenzen, auch aller Erziehungs- und Predigtkunst und überhaupt alle Menschkunst: Da können wir tatsächlich nur, wie die Jünger damals, in den Tempel gehen und Gott loben und preisen, dass er den Himmel aufgerissen hat: Für alle. Die Hässlichen und die Schönen, die Lahmen und die Flotten, die Klugen und die Dummen, die Reichen und die Armen: das spielt dann alles keine Rolle.

Das Gotteslob sei hiermit geschehen zu Beginn dieses Tages mit seinem vollen Lernprogramm. Gott schenke Euch Phantasie und einen wachen Geist, Kreativität und tiefe Einsicht in das, was ihr tut: Dass ihr es mit Lust tut zum Wohle und zur Würde des Menschen – unter dem offenen Himmel.

Amen.

Ansprache zu einer Trauung, Großenritte

Man kann viel theoretisieren, aber für uns Pfarrer im Boten- und Bodendienst (und ich rede jetzt mal schon so, als ob, sind ja nur noch ein paar Wochen) sind die Fragen nach der Bedeutung der Ehe höchst konkret: wir tun´s nämlich und müssen mit klaren Worten vor die Menschen treten, die von uns nicht Geringeres als den Zuspruch des Segens erwarten (und nicht etwa eine Grundsatzdiskussion über´s Heiraten)!

Ich hatte die große Freude, schon vor fast einem Jahr, als von Bewerbung, geschweige denn Besetzung noch keine Rede war, in Großenritte eine Trauung angenommen zu haben.
Die habe ich nun gestern vollzogen, und schön war´s.
Trauungen sind gar nicht mehr so häufig, meine letzte ist fast 3 Jahre her (!), nicht nur, weil ich keine mehr hatte, sondern weil tatsächlich die Zahl zurückgeht.

Und ich denke, wir sollten darum ringen, sie wieder in die Kirche zu holen. Denn wir haben zu diesem Thema etwas zu sagen, was sonst keiner zu sagen hat. Freilich: Es sollte dann auch gesagt werden!

Unverbindliches Mainstream-Liebes-Kitsch Blabla oder pseudokritisches Ehe-Bashing auf der Kanzel machen die Trauung belanglos. Die Predigt hier ist steil, und weil sie steil war, wurde zugehört, klar war es auch eine Herausforderung. Aber wer Spaß haben will, soll sich ein Helene-Fischer Ticket kaufen, das kann die nämlich besser.  Überhaupt: Alles andere können nämlich auch alle anderen besser. (Für mich ein Sparkriterium übrigens). Aber Segen zusprechen: das können nur wir.

Auf der Kanzel jedenfalls bewährt sich, was gefahrlos sonstwo diskutiert werden kann (weswegen ich übrigens immer fand, dass die Theologen und Theologinnen, die einigermaßen regelmässig predigten, auch zuverlässiger waren).

Nebenbeibemerkt sind "Trauungen" natürlich gar keine solchen bei uns Evangelischen, sondern einfach nur Segensgottesdienste anläßlich einer Eheschließung. (Wüßten das alle, hätten wir den Kampfplatz gar nicht, den wir gerade haben. Die Heteroehe ist nur insofern priviligiert und besonders segensbedürftig, als dass ihr die natürliche Fähigkeit zur Fortpflanzung mit all ihren auch körperlichen Risiken innewohnt.

Das ist heute etwas aus dem Blickfeld geraten, aber der sog. "Fortpflanzungsbefehl" war für die Alten eine ZUSAGE, dass es auch gelingt und Mutter und Kind es auch mehrfach überleben, man beachte den Kontext der Paradiesgeschichte mit Evas Fluch. Das ist der wesentliche Unterschied zu allen anderen Lebensformen mit sexueller Motivation: Das Schwangerschafts- und Geburtsrisiko sowie die ersten Monate der Aufzucht. Zu deren sozialer und emotionaler Absicherung dient die Ehe vor allem.

Und egal, wohin der Zug fährt: wenn wir die Frauen hier institutionell alleine lassen, weil wir keine feste und gegebenenfalls einklagbaren Bindungversprechen etablieren, dann tun wir uns nichts Gutes.
Der Geburtenrückgang spricht für mich an dieser Stelle Bände. Frauen scheuen - verständlicherweise, so wie die Dinge im Moment liegen - das Risiko von Schwangerschaft und Geburt. Hat es sie früher in das gesellschaftliche Leben überhaupt erst hineingekickt, kickt es sie jetzt oft genug heraus. Wir haben kein Problem mit dem absoluten Minderheitenphänomen "Homo-Ehe". Wir haben ein Problem mit dem Mehrheitenphänomen Hetero-Ehe).
Jedenfalls ist eine "Trauung", weil Gottesdienst,  ein öffentliches Ereignis, und folglich ist auch die Predigt common issue. Das nur so nebenher. Ich habe die Namen natürlich rausgenommen. Und falls es jemanden auffällt oder gar ärgert: ich verwende immer das liturgische Du, es sei denn, dass ich zu persönlichen Dingen etwas sage. Wir sind im Gottesdienst in einem heiligen Rollenspiel. Das sollte ruhig hörbar werden.


So, Blablah finito: Der Text der Ansprache. Darf übrigens von jedem gerne verwurstet werden, Predigten unterliegen nicht dem Copyright. Wir sind keine Künstler oder Literaten, auch wenn mancher so auftrittt (lächerlich).



Ansprache zur Trauung, Großenritte, 29.6.2013. 

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. 1. Kor 13,13

Liebes Brautpaar, Liebe Angehörigen, Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!

Diesen Vers habt ihr ausgesucht als den Vers, der als Segensspruch über Eurem gemeinsamen Lebensweg stehen soll. Der ja heute nicht beginnt, aber einen, wie es heutzutage so schön heißt, neuen Level erreicht. Ihr macht es nochmal: jetzt vor Gott und vor dem Zeugen aus Familie und Gemeinde.

Verheiratet seid ihr ja schon eine Weile, vor dem Gesetz, bürgerlich verheiratet. Ihr habt den großen Vertrag schon geschlossen: Miteinander, voreinander und vor dem Staat. Er verspricht Euch, Eure Ehe zu schützen und zu stützen, ihr versprecht ihm, die Gesetze zu halten. Das ist alles.

Aber wer unter der Golden Gate Bridge heiratet, im fernen Amerika, der will natürlich mehr. Das Foto hat mich beeindruckt, wo man dieses imposante Bauwerk im Hintergrund sieht. Der Name ist ja ein Programm: durch die Bucht von San Franzisko, das „goldene Tor“, kamen die Goldsucher während des großen Goldrausches 1848 ins Land, auf der Suche nach dem Glück. Die wenigsten fanden es, wie wir wissen. Und Gold ist auch nicht das Glück. Und doch ist die Brücke ein Symbol für die Suche nach dem Glück.

Für den christlichen Glauben hat das Glück einen Namen: Es heißt „Segen“. Wer gesegnet ist, darf sich glücklich schätzen.

Und Segen: Der kann nur von Gott kommen. Denn ein Segen: das ist der Zuspruch der Kraft Gottes. Wenn jemand gesegnet wird, dann heißt das: Die Kraft Gottes liegt auf dir. Und deswegen seid ihr hier. Und ich glaube, ich darf es sagen: Anders als bei vielen anderen Ehepaaren, die hier manchmal strahlend, ein wenig naiv und unbekümmert fröhlich sitzen, wisst ihr schon sehr genau, wozu ihr den Segen braucht und warum. Ihr wisst schon, dass die Ehe - wie das Leben überhaupt - ein Weg ins Ungewisse ist. Und dass sie, mehr als jede andere Form des menschlichen Lebens, einen Segen braucht: den Zuspruch der Kraft Gottes. Eine Ehe kann nicht aus sich allein heraus leben. Sie braucht die Unterstützung von Außen. Und genau um die geht es hier.

Einmal haben wir da das Wort Jesu, das wir gleich noch hören werden. Es ist sozusagen der Anlass, warum wir überhaupt Hochzeit feiern: Weil Jesus davon spricht, wozu die Ehe da ist. Als Gott die Menschen schuf, schuf er sie als Mann und Frau, sagt Jesus und bezieht sich damit auf die Schöpfungsgeschichte. Und dann sagt er: Und darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und sie werden ein Fleisch sein. Es geht gar nicht vordergründig um Familie, wie manche meinen. Es geht um Menschwerdung und Menschsein.

Und dahinter steckt ein wundervoller Gedanke: Dass Mann und Frau nur zusammen einen ganzen Menschen ergeben. Als Mann und Frau sind sie das Ebenbild Gottes. Denn Gott ist die Liebe. Um nicht mehr und nicht wenig geht es in der christlichen Ehe: Die beiden verschmelzen zu einem Körper, zu einem Leib, zu einem Fleisch und werden darin ein Ebenbild Gottes, und das ist sowohl ganz wörtlich als auch ganz geistlich gemeint. Und dieser Gedanke steht hinter jenem Vers des Apostels Paulus, den ihr ausgewählt habt: „Glaube, Hoffnung Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die Größte unter ihnen“. Und wenn die Ehe tatsächlich das stärkste Ebenbild der Schöpfung ist - dann müssen Glaube, Hoffnung und Liebe für sie eine besondere Rolle spielen. Schauen wir sie uns noch einmal an:

Der Glaube: das ist nichts anderes als blindes Vertrauen. Denn der Glaube, so heißt es an andere Stelle, ist das Vertrauen auf das, was man nicht sieht. Wie anders als in solchem Vertrauen, als in solchem Glauben kann eine Ehe funktionieren? Als es im beim Sport „Peng“ machte - war das das Ergebnis langen Nachdenkens? Hast Du ein Notizbuch rausgezogen: Aha, so und so groß, so und so alt, die habe ich gesucht? Hast Du in Deinem Traumtypenapp geblättert und gesagt: Aha, der und der Beruf, vom Dorf, so und so groß - den nehme ich? Habt ihr Euch erst Fragebogen vorgelegt und bei der Schufa angerufen?

Wohl kaum. Es hat Euch etwas angezogen und hingezogen, ihr habt einfach geglaubt, was mit Euch passiert ist. Und dieser Glaube ist die Keimzelle der Liebe. Hier erfahren wir Menschen, wie es Gott mit uns macht und meint: Blindes Vertrauen. Ja sagen auf Hoffnung hin.

Und damit sind wir bei der Hoffnung. Und da wird es jetzt heikel.

Die Hoffnung wird nämlich gerne verwechselt mit der Illusion. Das fällt mir oft auf, gerade in den letzten Jahren, wo das Christliche immer mehr verschwindet. Je weniger die Menschen glauben, umso mehr verwechseln sie Hoffnung und Illusion. Aber die christliche Hoffnung ist nicht die Illusion: „alles wird irgendwie gut“. Es geht nicht um Vertröstung und Verweigerung der Wirklichkeit. Hoffnung ist das tiefe Vertrauen, dass in allem was ist, Gottes Liebe zu finden ist.

Letztlich bedeute die Hoffnung nichts andere als den Glauben daran, dass alles einen Sinn hat, auch wenn wir ihn nicht sehen. Nicht das Glück ist entscheidend für ein gutes Leben, sondern die Fähigkeit, Glück und Unglück gleichermaßen zu ertragen und zu teilen: das ist eine gesegnete Beziehung! Nicht Stärke ist entscheidend, sondern die Fähigkeit, mit den Stärken und den Schwächen zu leben und sie zu teilen. Ihr seid beide sportliche Menschen, und Sie [Ehemann] sogar in einem Bereich, der schon fast ein Risikosport ist: Ihr wisst, wie wichtig das Vertrauen ist und die Hoffnung, wie man die eigenen Kräfte kennen muss und die eigenen Schwächen, wie man sich auf die Mannschaft verlassen und muss auf den Coach: In der Ehe seid einander Mannschaft und Coach, und den größten Sieg habt errungen, wenn ihr beide gewonnen habt. Gegeneinander wird’s nichts. Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die wichtigste. Denn sie ist der Grund der Ehe. Und zugleich die Trophäe: ein Fleisch!.

Und darum ist die Ehe für den christlichen Glauben so wichtig. Sie ist selber eine Art Gemeinde, wie viele andere Formen des gemeinschaftlichen Lebens auch, wenn sie unter dem Wort Gottes stehen. Und darum feiern wir einen Gottesdienst mit der Gemeinde. Die ist mehr als nur das tobende Publikum, sie spielt mit: Wir beten für Euch: Dankbar, freudig, Mitfühlend. Ihr geht nicht allein. Wir glauben für Euch, wenn Eure Glauben schwach ist. Wir hoffen für Euch, wenn Eure Hoffnung schwach ist. Wir lieben für Euch, wenn Eure Liebe schwach ist, denn in Wahrheit ist es Gott, der dies alles an uns tut.

Und wenn ihr Glaube, Hoffnung, Liebe, wie es uns Menschen manchmal so geht, aus den Augen verloren habt:

Dann erinnert Euch an diesen Moment, an diesen Tag, an dieses Ja! - und sie wird wieder sichtbar werden, die Liebe, und mit ihr der Glaube und die Hoffnung. Dann macht einen Spaziergang am Sonntagmorgen und geht in diese Kirche in den Gottesdienst: und ihr werdet Euch heilsam erinnern. In Wahrheit werden gute Ehen nämlich jeden Morgen neu geschlossen, ach was: Mit jedem Blick neu geschlossen: Danke, das Du da bist! Mit diesem Satz geht ihr jeden Morgen aufs Neue durch das Golden Gate, durch das Tor der Liebe. Es ist das große JA! Gottes in kleiner Münze. Es ist der tägliche Segen als das tägliche Glück.

Wenn ihr so anfangt: jeden Tag mit Glaube, Liebe, Hoffnung, wird der Rest wird sich finden.

Amen.

Abschiedspredigt Elgershausen, 7. n. Trinitatis, Tageslosung


Und nun für alle, die es lesen möchten: Die letzte Predigt, die ich in Elgershausen gehalten habe. Es war ein bewegender Gottesdienst, mit abschließendem Ständchen der Gemeinde, was mich doch sehr rührte. Wir hatten eine gute Zeit. Jetzt noch der Abschied im LKA, und dann geht es am 1. September mit dem "Kuckuksfest" in Altenritte gleich richtig los.



Es ist die homelische Umarbeitung des Threads von gestern. 


Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

Hiob 19,25

Jesus hat die Menschen befreit, die durch ihre Angst vor dem Tod das ganze Leben lang Sklaven gewesen sind.
Hebräer 2,15

Hebräer 2,15

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn,

das ist nun meine letzte Predigt im Rahmen des Predigtauftrages. Gut 2 Jahre war es mir vergönnt, recht regelmäßig auf dieser schönen Kanzel zu stehen und Euch das Wort Gottes zu verkündigen. Nun endet der offizielle Auftrag, weil ich im wenigen Wochen in Großenritte anfange. Das ist ja nun wahrhaftig nicht aus der Welt, und ich denke, wir werden uns wohl kaum aus den Augen und Ohren verlieren.

Ich möchte heute Morgen über die Tageslosung von Gestern sprechen. Denn die hat mich tief getroffen: weil sie so etwas wie einer meiner Leitsätze ist. Ich habe mir nämlich ganz schön Gedanken gemacht in der letzten Woche, was ich heute wohl sagen muss. Ich war schön völlig verkrampft, als mich gestern Morgen die Tageslosung erlöste und ich wusste: genau, das ist der Satz, mit dem ich mich verabschieden möchte: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Klarer geht’s nicht. Klarer kann man nicht sagen, was glauben bedeutet. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Und der Lehrtext aus den Neuen Testament erklärt, was damit gemeint ist. Jesus hat die Menschen befreit, die durch ihre Angst vor dem Tod das ganze Leben lang Sklaven gewesen sind. Hebräer 2,5.

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt: das sagt Hiob. Der Satz des Hiob wäre völlig belanglos, wenn es nicht der Satz des Hiob wäre.Hiob, der von Gott geschlagen, der Reichtum und Kinder verlor, der schließlich krank und leidend auf der Asche seines früheren Lebens saß uns seine brennende und juckende Haut mit einer Scherbe kratzte, Hiob sagte diesen Satz. Er sagte ihn auf dem Gipfel seines Zornes, er sagte ihn zu seine vier Freunden die ihn mit allerhand Wahrheiten trösten wollten, aber alles nur noch viel schlimmer machten dadurch: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

In seiner Situation vollkommenen Elends bekommt das Wort "Erlöser" eine ungeheure Kraft und Wucht.

Darum ist er für mich einer der stärksten Sätze der ganzen Bibel und der Kern des Glaubens, das Bekenntnis, in dem alle anderen umfasst sind.

Hiob spricht von seinem Erlöser. In einer Situation, in der andere fluchen, schimpfen oder schweigen würden, sagt Hiob: ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Er meint Gott damit, und meint: ich weiß, worauf ich mich verlassen kann. Was immer hier mit mir geschieht, es ist Gottes Wille und es hat einen guten Sinn. Gott ist nicht einfach nur irgendwie Gott, er ist Erlöser. Er holt mich hier raus. Wie er sein Volk aus Ägypten geholt hat, und wie er später Jesus Christus aus dem Grab holen wird.

Was anderes sollte ein Gott tun, der seine Geschöpfe liebt?

Liebe aber meint: absolute Wertschätzung des Geschöpfes durch den Schöpfer. Davon erzählt die Geschichte von der der Speisung der 5000, die wir als Lesung gehört haben. Ungefragt bekommen alle etwas ab, weil sie eben da sind. Gottes Gaben reichen für alle und sind für alle da. Wer kommt, bekommt was er braucht. Wir sind Gottes Gäste, und das Gastrecht ist heilig. Und wer das verstanden und verinnerlicht hat, der lebt ohne Angst. Das ist der Schlüssel. Wenn Kinder, Konfirmanden und Ungläubige fragen, was hast Du von Deinem Glauben, was bringt er dir, hier die Antwort: Befreiung von der Angst. Wer sich von Gott geliebt weiß, braucht sich von niemandem mehr zu rechtfertigen, denn Gott rechtfertigt ihn.

Denn wir haben doch immer irgendwie Angst und sind Sklaven der Angst. Vor dem Versagen in Schule und Beruf, vor dem Versagen in der Partnerschaft, vor dem Versagen im Leben. Nichts ist schlimmer, als ein Loser zu sein. Nicht ist kränkender. Und das stellt sich die Frage: wer hat die Macht, das über mich zu sagen? Vor wem muss ich mich rechtfertigen?

Der Glaube weiß, dass sein Erlöser lebt. Nur vor Gott müssen wir uns rechtfertigen. Und der schaut uns mit den Augen der bedingungslosen Liebe an..

Bedingungslose Liebe. Jetzt, meine Lieben, wird es ernst. Bis jetzt waren es erbaulich Worte. Aber jetzt zeigt ich Auch die Folgen. Es ist eine große Herausforderung, sich der bedingungslosen Liebe auszuliefern und aus ihr heraus zu leben. Denn das bedeutet, keinerlei Unterschiede und Voraussetzungen zwischen Menschen zu akzeptieren. Die Frage unter Christen darf niemals lauten: Was hast zu vorzuweisen? Was hast Du geleistet? Was trägst Du bei zu unserer Gemeinschaft? Sondern die Frage muss immer nur sein: wer bist Du? Erzähl mir Deine Geschichte, das wir miteinander lachen und weinen können. Denn so wächst die Liebe, von der hier die Rede ist: die Wertschätzung. Selbst alte Feinde fallen sich um den Hals, wenn sie Gelegenheit bekommen, sich ihre Geschichten zu erzählen. Wist ihr was: das ist das, worauf ich mich am meisten freue wenn ich wieder Gemeindepfarrer bin. Die Geschichten zu hören, die Menschen zu erzählen haben. Und dann mit ihnen zu dem Punkt zu gelangen, wo sie sagen können: ich weiß, dass mein Erlöser lebt! Das ist Seelsorge, wie ich sie verstehe. Denn dann bin auch ich getröstet.

Viele Menschen aber haben Angst, wie sie ständig auf der Hut sind. Der Mensch ist schlecht, heißt es dann, da muss man auf der Hut sein. Freilich: wenn alle voreinander ständig auf der Hut sind, dann sieht es schon so aus, als sei der Mensch schlecht. Aber ein wertschätzender Umgang ist das nicht. Aber der Mensch ist nicht schlecht, er handelt hin und wieder schlecht. Der Mensch ist sterblich, und deshalb hat er Angst, und weil er Angst hat, beißt er. Menschen sind Angstbeißer. Entweder sie beißen andere oder sich selbst. Und von dann an wird zurückgebissen. Ihr lebt auf dem Dorf. Ihr wisst, wie unglaublich unheilvoll und vernichtend diese Spirale sein kann.

Aus dieser Spirale will uns Gott herausholen. Das geht natürlich nicht mit Gewalt. Das geht nur mit dem Wort. Das geht nur über Geschichten vom Gelingen. Mit ihnen lockt uns Gott zum Glauben. .

Und was ist das Geheimnis des Gelingens? Was zeichnet Hiob und Christus aus?

Hiob und Christus haben absolutes Vertrauen gewagt. Sich völlig ausgeliefert. Totale Hingabe an Gott. Das hat sie frei gemacht, die Welt zu ertragen und zu gestalten, obwohl sie ihnen als ein widerlicher Ort der Qual begegnete.

Das ist die Zumutung des Glaubens: das Leiden annehmen.

Und darin ist er unzeitgemäß, heute mehr, denn je. Darum haben alle Formen von "Spiritualität", die sich mit allerlei Methoden um diesen existentiellen Sprung, diese Entscheidung für Gott herummogeln, so große Konjunktur, die Opiumhölle der "Religion" hat Kultur wie nie, Aber viele von dem, was hier teuer als Religion verkauft wird, ist nur Volksverdummung. Da müssen wir sogar als Kirche aufpassen, uns nicht unter Preis und falsch zu verkaufen. Es ist sehr verlockend, sich als frommer Amüsierbetrieb auf dem Markt zu behaupten. Mit Erlösung hat das aber nichts zu tun.

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

Zu wissen, dass der Erlöser lebt, wird alle anderen "Erlöser" ziemlich dünn aussehen lassen und ihre Einnahmequelle verdorren lassen.

Da wird es der Glauben immer schwerer haben, das ist abzusehen, weil die Erlösung (sprich: Betäubung) ein ungeheures Geschäft geworden ist, gegen dass der Erlösungsbetrieb des Jerusalemer Tempels wie ein Kinderkaufmannsladen wirkt: Wir Christen werden immer mehr Spielverderber, Nestbeschmutzer, Suppenspucker, Brunnenvergifter der kommerziellen Erlösung werden müssen. Dass wir uns als Kirche so deutlich in den Fragen der Sonntagsheilung äußern, dass wir so deutlich zu Fragen der Kinderbetreuung Stellung nehmen und dass wir so deutlich für Minderheiten eintreten, macht uns immer weniger Freunde. Wir stören die Geschäfte. Wir reden von Gott, wo andere vom Geld reden. Wir reden von Würde, wo andere von Werten reden. Wir reden von Menschen, wo andere von Waren reden.

Und das heißt: wir werden auch als Kirche noch viel weiter aus dem kommerziellen Betrieb heraus müssen. Ich fürchte, hier hat Papst Franziskus, als Südamerikaner, die Nase weiter vorne als wir. Wir Protestanten beschäftigen uns zu sehr mit Randfragen

Homosexuelle Lebensformen: was für ein marginales Thema im Grunde. Wie viele davon kennt ihr? Und wie viele unglückliche Heteroehen voller Gewalt und Lüge, voller Betrug und Verrat kennt ihr? Aha, und worum kümmern wir uns?

Und was für eine Energie stecken wir in schlichte Organisationsfragen, anstatt alle Energie in das Evangelium zu stecken. Deswegen wirken wir auf viele inzwischen wie ein leicht vergreister Verein zur Pflege religiöser Traditionen. Oder wie Gottes Finanzamt.

Wenn wir unsere Außenseiterrolle annehmen und begreifen, dass wir in der Mitte der Gesellschaft nichts zu suchen haben, und dass der Satz des Hiob nur auf dem Aschehaufen wirklich wahr ist, wird das den Glauben stärken. Und wir werden die Angst verlieren, kleiner, weniger und weniger geliebt zu werden. Dafür werden wir wahrer, klarer und wichtiger werden.

Und wir werden damit zur Minderheit. Wie Hiob. Der da saß und sich die frommen (!) Reden seiner 4 Freunde anhören musste, die wirklich gar nichts begriffen haben von Gott, sondern nur Katechismuswissen und religiöse Stereotypen von sich gaben.

Wir werden klarer werden, deutlicher. Wie Hiob. Dessen endlose Klagen in diesem einen Satz gipfeln, der wirklich der Gipfel der Klarheit ist:

"Ich weiß, dass mein Erlöser lebt".



Das ist es, was ich euch heute mitgeben möchte. Bleibt Gott treu. Fürchtet Euch nicht. Fragt nicht nach Geld, fragt nach dem Evangelium. Fragt nicht danach, wichtig zu sein, fragt danach, klar und deutlich zu sein. Stimmt nicht mit ein in das Krisengeschrei, betet lieber. Und freut Euch aneinander: dann dazu sind wir hier.

Gott, schenke mir diese Klarheit, wenn ich künftig wieder das Kleid des Wortes trage.

Erleuchte meinen Verstand zu dieser Einfachheit des Bekennens, wenn ich künftig wieder Menschen tröste und begleite.

Stärke mein Herz zu dieser Tapferkeit zur Wahrheit, wenn ich künftig wieder Kindern und Jugendlichen den Weg in das Leben zeige.

Lass die Asche auf meinem Haupt zu Diamantstaub werden.

Verwandle mein Scheitern in Kraft.

Und tue meine Lippen auf, dass mein Mund Deinen Ruhm verkündige.

Herr, erlöse mich von mir selbst und führe mich zu dir.

Und Herr: halte Deine Gemeinde in der Treue zu Dir.