Sonntag, 31. Januar 2021

Augenzeugen - Ohrenzeugen. Predigt zum ZoomGD Letzer S. n. Ep. 2021

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Pr 2Petr 1,16–19(20–21, Basibibel

16Wir haben euch ja angekündigt, dass unser Herr Jesus Christus machtvoll wiederkommen wird. Und dabei haben wir uns nicht auf ausgeklügelte, erfundene Geschichten gestützt. Sondern wir haben mit eigenen Augenseine wahre Größe gesehen. 17Von Gott, dem Vater, empfing er seine Ehre und Herrlichkeit –aus der majestätischen Herrlichkeit Gottes kam eine Stimme zu ihm, die sagte: »Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.«18 Diese Stimme haben wir selbst gehört. Sie kam vom Himmel her, als wir mit Jesus auf dem heiligen Berg waren.

19 So gewinnen die prophetischen Worte für uns noch an Zuverlässigkeit. Und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet. Denn diese Worte sind wie ein Licht, das an einem finsteren Ort brennt –bis der Tag anbricht und der Morgenstern in eurem Herzen aufgeht.20 Ihr sollt vor allem eines wissen: Kein prophetisches Wort aus der Heiligen Schrift lässt eine eigenmächtige Deutung zu. 21 Denn keines dieser Worte wurde jemals verkündet, weil ein Mensch es so gewollt hätte. Vielmehr waren Menschen vom Geist Gottes ergriffen und haben in seinem Auftrag geredet.

 

 

Liebe Gemeinde, Petrus war Augenzeuge. Die Worte, die er hier schreibt, beziehen sich auf eine Episode im Leben Jesu: die Geschichte von der sogenannten "Verklärung". Jesus steigt zum Beten auf einen Berg. Er nimmt Petrus, Johannes und Jakobus mit. Sie erleben eine Vision: Sie sehen, wie Jesus zu leuchten anfängt und mit Mose und dem Propheten Elia spricht. Daraufhin bricht es aus Petrus, der ja ein schlichtes Gemüt mit lockerer Zunge war, heraus: "Hier ist ein guter Platz, lasst uns hier Hütten bauen!" Währendessen legt sich eine Wolke aus Licht über sie, und sie hören eine Stimme: "Das ist mein Sohn, ihn habe ich lieb, an ihm habe ich Freude, Hört auf ihn". Da kriegen sie es mit der Angst zu tun, aber Jesus berührt sie und sagt: "Fürchtet Euch nicht". Und erzählt das niemanden weiter, bis ich auferstanden bin.

 

Man könnte sie beneiden: Sie haben gesehen, wovon wir immer nur hören. Ihr Glaube beruht auf Wissen, auf Erleben und Augenzeugenschaft. Aber: Das Sehen hat ihnen gar nichts genützt! Denn als es dann ernst wurde, als Verhaftung, Verurteilung und Tod folgten, gerieten sie in Furcht, flohen und verstanden die Welt nicht mehr. Was sie sahen, erschreckte sie.

 

Erst allmählich, erst nach einer ganzen Weile dämmerte ihnen, was wirklich geschehen war. Und zwar nicht aus dem, was sie gesehen haben, sondern aus dem, was sie gehört haben.

 

Sie haben die Geschichte Jesu nur verstanden, weil sie auf das Wort Gottes, oder wie Petrus hier schreibt: auf die "Propheten" gehört haben. Diese Worte deuteten ihnen die Geschichte. Glauben ist eben nicht nicht ein Wissen, sondern eine Art und Weise, die Welt zu sehen. Glauben verändert die Wahrnehmung.

 

Das haben sie ja auch auf dem Berg erlebt (und nicht verstanden): Gott selbst deutet die Person Jesu, der eben nicht nur ein besonders begabter jüdischer Rabbi war, sondern "der Sohn Gottes".

 

Damit ist gemeint: In ihm zeigt sich Gott selbst. Wenn es also etwas zu sehen gab, dann nur diesen Mann, und wenn es etwas zu hören gab, dann nur seine Worte.

 

Am Ende stehen die Augenzeugen an derselben Stelle wie wir: Deuten wir das Geschehen in der Welt als ein Handeln Gottes, oder halten wir alles für Zufall und bedeutungslos, oder sehen wir gar finstere Mächte am Werk?

 

Glauben heißt: Die Welt mit den Augen Jesu sehen. Als einen gesegneten Ort. Als den Ort, an dem Gott sich zeigt. 

 

Und wir haben Jesus heute nicht anders als in Form der Überlieferung in der Bibel, die wir deswegen die Heilige Schrift nennen. Und die müssen wir auslegen, weil sie sich eben nicht von selbst versteht. Das merkt man ja gerade an solchen seltsamen Geschichten, die einem erst einaml fremd sind.

 

Doch auch hier gilt: Das, was wir sehen, ist nicht alles. Die Buchstaben sind nicht die Botschaft. Die Buchstaben, das, was wir sehen, müssen gedeutet und ausgelegt werden. Und das, liebe Gemeinde, ist genau unsere Aufgab als Christenmenschen heute: Die Welt, in der wir leben, als Gottes Welt verstehen, als die Welt, in die hinein Gott gekommen ist, um die Liebe zu bringen. )

 

Denn die Welt ist kein liebevoller Ort, Corona macht uns das noch einmal überdeutlich. Und viele frustriert diese Erfahrung sehr. Sie ist ein Grund, warum viele so müde und viele so zornig sind, und für viele ist das ein Grund, sich vom Glauben abzuwenden.

 

Aber es gibt eben auch Liebe in der Welt. Und wie die Stimme auf dem Berg, sind wir es jetzt, die sagen: Und diese Liebe, das ist Gottes Wirken in der Welt. Wir sind also alle Zeugen, Ohrenzeugen, darin, diese frohe Botschaft weiterzugeben - nicht anderes meint das Wort "Prophet". So setzen wir dem Geschrei und dem Gejammer eine Hoffnung entgegen - auf die wir als Kirche vertrauen seit 2000 Jahren. Und so tun wir uns und den Menschen etwas Gutes.

 

Deswegen dieser schöne letzte Satz:  "Denn kein Prophetenwort wurde jemals verkündet, weil ein Mensch es so gewollt hat. Sondern es erging durch Menschen, die von Gottes Geist ergriffen waren und in seinem Auftrag redeten."

 

Was ist die Aufgabe der Kirche, was ist unser Aufgabe in der gerade Coronazeit? Die Welt retten? Nein, sondern Hoffnung in sie hineinzubringen, und aus der Hoffnung Trost.  Trost vor allem dann, wenn Menschen irre werden an dem, was sie sehen und erleben. Denn der Glaube kommt aus dem Hören (oder, in diesem Falle: aus dem hörenden Lesen) - und aus dem Weitergeben. Wir brauchen dafür keine heiligen Orte, keine Heiligen Zeiten, keine Heiligen Menschen, keine besonders Erleuchtete und Begabte. Weil Gott uns anspricht, sind wir heilige, egal wo wir sind: auch aus dem Wohnzimmer. Denn in der Taufe hat Gott auch zu uns gesagt: Du bist mein geliebtes Kind. Wir sind die Prophetinnen und Propheten, die das Weitererzählen und so andere Menschen zu Ohrenzeugen machen. Auch aus dem Wohnzimmer. Oder vielleicht sogar gerade: Ich jedenfalls begreife durch Corona noch einmal ganz neu, was Luther meinte, wenn er sagte: Gottesdienst kann auch im Schweinstalle stattfinden. Wir waren vielleicht doch zu sehr auf unsere Kirchen, auf die Tradition, auf das, woran wir uns gewöhnt hatte, fixiert und festgelegt, und haben gar nicht gemerkt, was Jesus meinte, wenn er sagte: wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, das bin ich mitten unter ihnen. Ich bin mir nicht sicher, ob die „Kirchenpause“, die wir gerade machen müssen, nur ein Unglück ist, oder ob wir daraus nicht etwas mitnehmen oder neu verstehen: Gottes Wort ist überall Gottes Wort. Petrus muss keine Hütte auf dem heiligen Berg bauen. Der Heilige Ort, an dem es gilt, Gott hörbar zu machen, ist die Welt unten im Tal, ist hier. Hier brauchen wir den Glauben, damit wir nicht verzweifeln, mutlos werden oder den Halt verlieren.

 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie glauben können, auch wenn Sie nicht "sehen" - oder wenn, dann mit den Augen des Herzens, die uns der Geist Gottes öffnet, der hinter die Dinge schaut und die Liebe sieht.  Als "Prophet" in diesem Sinne, als getauftes Gotteskind, nichts als Amtsperson, darf ich Euch sagen: Ihr seid Gottes geliebte Kinder, er hat Freude an Euch. Sagt es weiter. 

 

Amen.

 

Donnerstag, 24. Dezember 2020

Innere Weihnacht. Christmette 2020.

 Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!

Die uns so bekannte und doch immer wieder neue Geschichte, die Lukas am Anfang seines Evangeliums erzählt, die Weihnachtsgeschichte, endet ganz still.

Sie erzählt, wie unter all dem Jubel und Trubel der äußeren Ereignisse etwas in Maria geschieht. Sie erzählt vom äußeren und vom inneren Weihnachten.


„Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“.


In einem Film sähe man jetzt Maria, die ganz erschöpft, versunken und still den Hirten hinterherschaut, die wieder auf ihre Felder gehen. Für Maria schließt sich mit damit ein Kreis von Ereignissen, die lange vorher begannen, ein wirklich aufregendes Jahr geht zu Ende.

Genauer gesagt: Es begann rund eineinhalb Jahre früher. Da wurde nämlich ihre Cousine Elisabeth, die eigentlich aus den Jahren schon heraus war, schwanger. Das war schon merkwürdig und geschah unter merkwürdigen Umständen.

Und dann Maria selbst: Ein Engel verkündigte Ihr die Schwangerschaft, und er kündigte auch an, was für ein Kind das werden wird: Der lang erwartete Heiland, der Messias, der Christus, der Gottessohn, der, auf den alle hofften.

Das ist jetzt neun Monate her.


Das alles wird Maria in diesem Moment, wenige Stunden nach ihrer Geburt, durch den Kopf gegangen sein.

Aber mehr noch das, was sie gerade eben erlebt hat, denn jetzt ist ihr die ganze Tragweite des Geschehens deutlich geworden. Die äußeren Ereignisse zeigen ihren inneren Gehalt.

Bisher war das ja alles nur ganz wenigen Menschen bekannt: Ihrer Cousine Elisabeth, mit der sich sich ganz zu Beginn ihrer Schwangerschaft getroffen hatte, und natürlich Joseph, ihrem Verlobten und späteren Mann. Wem sonst hätte sie davon erzählen sollen, ohne sich lächerlich zu machen oder gar üblen Verdächtigungen ausgesetzt zu sein?

Niemand hatte eine Ahnung davon, was es mit diesem Kind und dieser Schwangerschaft auf sich hatte.

Und wer hätte das ahnen können?

Eine Geburt im Gasthaus während einer Reise, das ist zwar sicherlich nicht so häufig geschehen, aber so besonders ist das nun auch nicht.

Das Kind in die Futterraufe des Schlafraumes zu legen, den sich Menschen und Tiere teilen, ist letztlich einfach nur eine gute Idee, wohin sonst? Die Herberge war eine schlichte, einräumige Karawanenstation für Mensch und Tier, für solche Fälle nicht gedacht.

Durch die Hirten aber wird klar: Hier ist der Erlöser der Welt geboren. Hier ändert sich die gesamte Geschichte der Menschheit. Hier wird ein jahrundertealtes Versprechen Gottes eingelöst. Die Hirten sind die ersten menschlichen Boten der frohen Botschaft.

Was Weihnachten meint, geht selbst Maria erst ganz am Schluß auf: Gott wird Fleisch und kommt zu den Niedrigen.

Unter all dem Spektakel der Himmelserscheinungen, unter all den seltsamen Ereignissen des vergangenen Jahres öffnet sich jetzt, wo sie allein ist, der Blick für das wirkliche Wunder, das hier geschehen ist.

Für Maria wird es jetzt auch innen Weihnachten, in ihrem Herzen. Die äußeren Ereignisse sind nicht das, worum es geht, sie sind Begleiterscheinungen. Was zählt, ist das Innere, die Erkenntnis, das Verstehen, die Bewegung des Herzens in diesen einfachen Leuten, von denen die Geschichte erzählt.

Und so zeigt sich das Weihnachtsfest bis heute: Es gibt sozusagen ein äußeres Weihnachtsfest mit all seinen Zeichen und Symbolen, mit all seinen Festlichkeiten und Ritualen, mit all seinem nervigen Klimbim und seinem ernsthaften Brauchtum, das sich im Laufe der Jahrhunderte so angesammelt hat.

Und es gibt ein inneres Weihnachtsfest, wenn unser Herz bewegt wird von der Botschaft dieses Festes: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr“. Die Botschaft, die die Hirten von dem Engel und Maria von den Hirten gehört hat.

In diesem Jahr müssen wir auf vieles verzichten, was zum äußeren Weihnachtsfest gehört. Das empfinden die einen als schmerzlich, die anderen sind vielleicht ganz froh. Darüber zu streiten, bringt nicht viel. Es ist traurig, aber eine Katastrophe ist das nun wirklich nicht. Die finden wahrlich ganz anderswo statt.

Aber das innere Weihnachten, das unser Herz bewegt, darauf brauchen wir nicht zu verzichten. Das bleibt.

Und wer weiß:

Vielleicht hören wir es dieses Jahr klarer, deutlicher, tröstlicher als in den anderen Jahren.

Vielleicht ist dieses Jahr, das uns so viel Angst, Sorgen, Streit, Verzicht und Trauer gebracht hat, das Jahr des inneren Weihnachtsfestes, das uns Weihnachten mit neuen Augen erleben lässt und die Botschaft mit neuen Ohren hören lässt:

„Fürchtet Euch nicht! Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volk wiederfahren wird, denn euch ist heut der Heiland geboren, wecher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids“. Und dazu der himmlische Gesang: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Das alles bewegte Maria in ihrem Herzen, als der Trubel vorbei war.

Lass es Weihnachten werden, lieber Gott, in uns, wie Du es in Maria hast Weihnachten werden lassen: In aller Stille, ganz bei uns, jenseits von allem Jubel und Trubel.

Lass es in uns Weihnachten werden wie in Maria in diesem ganz besonderen Jahr. Und lass uns hören wie schon lange nicht mehr: „Fürchtet euch nicht“! Amen. 

Montag, 14. Dezember 2020

Der Lockdown des Zacharias. Predigt zum Benedictus.

 Premium-Predigt (Bergmoser und Höller-Verlag) für den dritten Advent zum Benedictus Lk 1,67–79


Liebe Gemeinde, Schwerstern und Brüder im Herrn!

Wir sind in der zweiten Welle der Corona-Pandemie, und es zeigt sich: Sie ist deutlich heftiger als die erste Welle. Die Inzidenzzahlen sind, regional unterschiedlich, aber in der Summe, besorgniserregend hoch, die Zahl der Menschen in Intensivbehandlung an der Belastungsgrenze, die Zahl der Toten erschreckend. 

Der „Lockdown light“ bringt nicht den erhofften Effekt. In der Luft liegen strengere Maßnahmen bis hin zum wirklich harten Lockdown - und das vor und über Weihnachten. Die Situation ist angespannt. Denn an Weihnachten wird uns das noch viel härter treffen als im Frühjahr, weil die Erwartungen an das Weihnachtsfest viel höher sind. Hat uns der Lockdown im Frühjahr vor allem innerkirchlich sehr betroffen, würden härtere Maßnahmen über Weihnachten auch Menschen, für die Weihnachten längst kein religiöses Fest mehr ist, treffen. 

Es ist deutlich zu spüren, wie die politische und gesellschaftliche Debatte davon beeinflusst ist. Keiner traut sich so recht, zu sagen, was eigentlich zu sagen wäre: es muss einen harten Lockdown geben. Und so mehren sich auch die Stimmen innerhalb der Kirche, die sagen: Sollten wir als Kirchen hier nicht sogar vorangehen und aus Verantwortung und Nächstenliebe auf größere Veranstaltungen an Weihnachten von uns aus verzichten? 

Und es gibt genau andersherum die Stimmen, die sagen: Nein, gerade nicht, wir haben als Kirchen gezeigt, dass verantwortliche Gestaltung von Veranstaltungen möglich ist. Immerhin hat es im Bereich der verfassten Kirchen keinen größeren Vorfall, keinen „Cluster“, gegeben. Das stellt auch das diese Woche veröffentlichte Gutachten der nationalen Akademie der Wissenschaften „Leopoldina“ deutlich fest: Die Kirchen haben sich als so regelkonform erwiesen, dass für die Gottesdienste keine zusätzlichen härteren Regeln notwendig sind. Das ist auf jeden Fall schon einmal eine gute Nachricht, und vielleicht zeigt es doch, dass Glauben und Verantwortung gut zusammengehen. 

Doch wie auch immer: Wir erleben eine sehr besondere Adventszeit. Das Warten auf das Christkind, um es einmal ganz schlicht zu formulieren, wird überlagert vom Warten auf den Impfstoff und das Ende der Pandemie. 

Während der Impfstoff quasi in der Luft liegt, ist das Ende der Pandemie aber eher noch in weiter Ferne. 

Wie aber umgehen damit? Was tun, wenn doch der harte Lockdown kommt? Wie damit umgehen, dass auch unter den Bedingungen des sanften Lockdown Weihnachten dieses Jahr ein schwieriges Fest wird? Verlieren wir hier als Kirche, als glaubende Menschen, nicht etwas Wesentliches und Wichtiges? 

Nun, dahinter steht die Frage, worum es an Weihnachten überhaupt geht. Und faszinierenderweise gibt uns der der Predigttext, der uns für diesen Sonntag vorgegeben ist, da einen wichtigen Hinweis und eine große Hilfe. Er erzählt nämlich von einem Menschen, der einen sehr persönlichen Lockdown ganz eigener Art erlebt hat: Zacharias, der Vater von Johannes dem Täufer. 

Das Evangelium des Lukas erzählt uns ausführlich die Vorgeschichte der Weihna+chtsnacht, der Geburt Jesu. Denn die Geburt des Messias, des Erlösers, des lang erwarteten Heilands ist eingebettet in eine lange Geschichte der Hoffnung und des Wartens, sie reicht weit in die Geschichte des Volkes Israel hinein, die uns im Alten Testament überliefert ist. 

Zacharias war ein Priester am Tempel in Jerusalem, er stammt aus einer Familie von Priestern, wie auch seine Frau, Elisabeth, die zudem eine Cousine von Maria, der Mutter Jesu ist. Beide waren nach damaligem Verständnis schon sehr alt und kinderlos, Elisabeth war aus dem Alter, Kinder zu bekommen, schon hinaus. 

Das bedeutete für beide einen großen Kummer! Und nun geschieht etwas Unglaubliches: Während Zacharias im Tempel seinen Dienst tut, hat er eine Erscheinung. Ein Engel spricht zu ihm: „Deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Johannes geben“ (Lk 1, 13). Der soll ein besonderes Kind sein, nämlich der Vorläufer und Prophet des Messias, des Christus. 

Zacharias aber hat einen Einwand: Wie soll das gehen? Meine Frau ist zu alt dafür. Er leugnet das Wunder, das hat Folgen. Denn der Engel antwortet: Du wirst verstummen und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die erfüllt werden sollen zu ihrer Zeit. 

Zacharias wird quasi in einen persönlichen Lockdown geschickt. Er kann die frohe Botschaft, die er gehört hat, nicht verkündigen können. Dabei betrifft sie sowohl sein persönliches Leben als auch das ganze Volk, ja die ganze Welt! Er bekommt sozusagen eine persönliche Kontaktsperre - eine sicherlich schwer zu ertragende Situation. Zacharias muss verstummen in einer Situation, die Reden erfordert. Er verliert sogar den Kontakt zu seiner Frau. Eine angespannte Situation. 

Nun wird Elisabeth schwanger und ist überglücklich. Freilich wäre sie noch glücklicher, wenn sie wüsste, was für eine besondere Schwangerschaft das ist – auch sie ist in einer Art Lockdown. Das Leben der beiden ist gedämpft. Beide ziehen sich ins Gebirge zurück, um mit der späten Schwangerschaft nicht zum Gespött der Leute zu werden. 

Allerdings erfährt Elisabeth dann doch, was geschieht: Sie bekommt nämlich Besuch von ihrer Cousine Maria, die damals noch ein ganz junges Mädchen war, unverheiratet, aber ebenfalls schwanger. Und als die beiden aufeinandertreffen, rührt sich in Elisabeths Mutterleib das Kind und der Heilige Geist kommt über sie. Sie erkennt, was geschieht: Maria trägt den Erlöser, sie trägt den Propheten, der ihn ankündigt. Aber auch das geschieht im Stillen, niemand bekommt davon etwas mit: Maria bleibt drei Monate bei ihr im Rückzug. Beide Frauen loben Gott und freuen sich - ganz für sich. 

Nun kommt die Zeit der Geburt, und Elisabeth bekommt einen Jungen. Die Menschen um sie herum freuen sich, und fragen: Wie soll er heißen? Elisabeth antwortet: Johannes! Alle wundern sich: Der Name ist in eurer Familie nicht üblich! Fragen wir den Vater. Der nun kann immer noch nicht reden, und so benutzt er ein anderes Medium, er schreibt auf eine kleine Tafel: Der Junge soll Johannes heißen. Mit einem Schlag wird klar, dass er alles wusste! Jetzt ist es öffentlich. Die ganze Geschichte, die bisher allen ein Rätsel war, wird klar. Und nun öffnet sich endlich der Mund des Zacharias. Aber anstatt eine lange Erklärung abzugeben, fängt er an zu singen: Er singt ein Gotteslob. Gott hat besucht und erlöst sein Volk, er löst seine Versprechen ein, die Zeit des Heils ist gekommen! Und er begrüßt seinen Sohn, nicht allein aus Vaterfreude, sondern weil er weiß: Jetzt geht in der Finsternis die Sonne auf, jetzt wächst aus dem vertrockneten Baum ein neues Reis, ein neuer Zweig, jetzt erscheint die Barmherzigkeit Gottes! 

Die Zeit des Lockdown ist zu Ende, die Zeit der öffentlichen Rede beginnt, nun können auch alle wissen, was es mit der Schwangerschaft der Maria auf sich hat. Auf eine Zeit des Schweigens, der Stille, der Kontaktarmut folgt eine Zeit des Jubels und der Hoffnung, eine Zeit des Neubeginnes mitten im Alten. 6 Monate später wird Jesus geboren, und die Geschichte nimmt ihren bekannten Lauf. 

Ein Lockdown, liebe Gemeinde, muss keine verlorene Zeit sein. Ein Lockdown, so hart er ist, kann auch eine Zeit der Besinnung sein, eine Zeit, in der sich die Dinge neu sortieren, eine Zeit, in der wir neu und intensiv darüber nachdenken können, was Erlösung, Heil und Gnade bedeuten, ein Lockdown muss keine Zeit der Trübsal sein, keine verlorene Zeit, sondern gefüllte Zeit. In der Tradition der Kirche war die Adventszeit, als sie noch nicht die „Vorweihnachtszeit“ mit ihrem Jubel und Trubel war, eine Fastenzeit, eine Zeit des inszenierten „Lockdowns“, des Innehaltens und der Besinnung, nichts, vor dem wir uns als Kirche fürchten müssen. Nun liegen die Dinge heute anders, es gibt durchaus Grund, sich zu fürchten, und der Lockdown, der uns blüht, kommt nicht von Gott. 

Aber die Geschichte des Zacharias kann uns Mut machen, auch das durchzustehen und als eine Zeit der Schwangerschaft zu verstehen, an deren Ende die Geburt des Lichtes mitten in der Finsternis steht. Das mag uns eine Hilfe sein durchzustehen, was da noch kommen wird, und mit den Mitteln, die wir haben, mit aller Vorsicht, aller Besonnenheit, aller Verantwortung auch weiterhin zu verkündigen, zu vermelden, zu singen, was Gott an uns tut. 

Wie Zacharias, der, weil er schweigen musste, es eben auf ein Täfelchen schrieb. 

Es gibt keinen Grund, die Hoffnung zu verlieren, nur weil es dieses Jahr nicht so ist wie immer. Und wer weiß: Vielleicht lernen wir Weihnachten und das Wunder, um das es geht, ganz neu kennen: Gott wird Mensch und nimmt, in der Zeit der Kontaktverbote, Kontakt mit uns auf. 

Das mag uns ein Trost und eine Stärkung sein in dieser ganz besonderen Adventszeit. Nehmen wir sie an, als Herausforderung, unseren christlichen Glauben gerade darin zu bewähren, dass wir in besonderer Weise Verantwortung übernehmen und so ein Zeichen des Lichtes zu werden, und wenn wir nicht singen können, so können wir doch innerlich frohlocken: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels. Denn er hat besucht und erlöst sein Volk“. 

Amen.

Fürbitte

Herr unser Gott, du führst uns durch schwierige Zeiten, die uns oft müde machen, zornig, resigniert und mutlos. 

Wir können nicht so handeln und sein, wie wir möchten, alles Gewohnte bricht gerade weg, und wir fragen uns: Wie lange noch? Und: Machen wir es richtig? 

Wir bitten dich: stärke uns mit deinem Wort, das uns ein Licht sein will in dieser seltsamen Finsternis. 

Stärke vor allem die, die schwere Entscheidungen fällen müssen, bei denen es oft sogar ums Leben geht. 

Stärke die, die erkrankt sind oder positiv getestet, stärke die, die mit ihnen leben. 

Stärke die, die einen Menschen verloren haben und jetzt nicht wie gewohnt trauern können. 

Stärke die Menschen, dass sie mit Zuversicht und Geduld ertragen, was verhängt wird, kritisch prüfen, was gesagt wird, tapfer tun, was getan werden muss. 

Sende den Regierenden Weisheit und Besonnenheit, den Geist der Versöhnung über Grenzen hinweg und Mut, das zu tun, was als richtig erkannt wurde. 

Sende uns den Geist der Zuversicht und der Geduld. 

Steh uns bei, wenn wir kleinmütig werden, wecke die Phantasie, andere Wege zu gehen. 

Verwandele die Zeit der Erstarrung in eine Zeit der Besinnung. 

Heile uns, Gott, unser Herr, an Leib und Seele, komm zu uns, wie du versprochen hast, rühre uns an in dieser Zeit der fehlenden Berührung.

Amen. 

Samstag, 12. Dezember 2020

Postheroische Askese

 Es gibt Askese aus Zwang und Angst, Selbst- und Weltverachtung. Sie ist furchtbar, verlogen und letztlich gewalttätig. Und es gibt eine Askese aus Einsicht und Vernunft, aus Selbstliebe und Liebe zur Schöpfung. Sie bewahrt Leben und öffnet für Solidarität.Askese nur vom Verzicht her zu denken: das macht sie unmöglich. Askese als Befreiung zu denken: das öffnet ihre transformative Kraft. Askese meint: Üben, trainieren. „Nächstenliebe üben“ sagen wir. Aber es geht nicht darum, dass die Anderen meine Nächsten sind, sondern dass ich den Anderen zum Nächsten werde. Und das gilt auch für jene Anderen, die ich als meine Feinde bezeichne.  Und wenn mein Handeln für die Anderen schädlich ist,sollte ich mich zurückhalten. Hier ist Askese kein Zwang, sondern tätige Liebe, die mir und den Anderen Raum gibt zum Leben, anstatt Leben zu gefährden.Askese wird für mich zum Schlüsselbegriff für meine christliche Ethik des 21. Jahrhunderts. Da hat die Corona-Erfahrung etwas verstärkt, was ich eigentlich schon seit meiner Kindheit gelernt habe: „Teilen“ heißt nicht nur „abgeben“. Teilen heißt vor allem auch: Maßhalten.Und: Sich mäßigen. Nicht aus selbstverachtender „Bescheidenheit“. Nicht aus gebrochener „Demut“. Sondern aus einer Erfahrung der Kraft: wie wenig man braucht. Denn was ich als Fülle erlebe, hängt von meinem Bedarf ab. Askese trainiert, das Wenige zu lieben .Askese ist in der Überfluss- Verschwendungs- und Präsenzkultur etwas fundamental anderes als in einer Kultur der Knappheit, in der sie entwickelt wurde. Traditionelle Askese will weniger vom „Schlechten“, wobei das „Schlechte“ metaphysisch isoliert wird: Sex, Nahrung, Beziehung.Postheroische Askese will weniger vom „Guten“, das aber kontextuell definiert wird. Das heißt aber: zu dieser Askese gehört auch der „Verzicht“ auf einfache Lösungen. Das nämlich hat die klassische Askese gewalttätig gemacht. Askese und Gewalt müssen entkoppelt werden, wie auch ,Askese und Verdienst. Hier sehe ich Jesus, und stärker noch Paulus, sehr weit vorne. Es geht um „fröhlichen Verzicht“ nicht aus einem Gefühl des Mangels und Versagens, sondern der Fülle und der Kraft.Wir sollten auf Präsenzgottesdienste „verzichten“. Es liegt der Hauch des Todes auf ihnen. Es wäre ein Zeichen von Kraft und Stärke, von postheroischer Askese.

Samstag, 31. Oktober 2020

Pest, Angst und Freiheit. Predigt zum Reformationsfest 2020, Großenritte

 

Zu Beginn des Gottesdienstes:

 

Memorandum der medizinischen Fakultät der Universität Paris, Oktober 1348, zur um sich greifenden Pestepidemie, die als der schwarze Tod über 3 Jahrhunderte hinweg Millionen Todesopfer fordern wird.

 

„Wir, die Mitglieder des Medizinalkollegiums zu Paris, geben hier nach reiflicher Überlegung und gründlicher Durchsprechung des herrschenden Sterbens und Ablebens und nach Erforschung der Meinung unserer alten Meister eine klare Darstellung der Ursachen dieser Pest gemäß den Regeln und Schlüssen der Astrologie und Naturwissenschaft.

Wir erklären somit folgendes: Man weiß, daß in Indien und in den Gegenden des großen Meeres die Gestirne, welche mit den Sonnenstrahlen und der Hitze der Himmelsfeuer kämpfen, ihren Einfluß besonders auf jenes Meer ausüben und heftig gegen seine Gewässer ankämpfen. Daraus entstehen Dämpfe, welche die Sonne verdunkeln und ihr Licht in Finsternis verwandeln. Diese Dämpfe erneuern alle achtundzwanzig Tage den Kreislauf des Steigens und Fallens ohne Unterlaß [...]. 

Falls die Einwohner folgende Vorschriften oder ähnliche nicht beachten wollen, kündigen wir ihnen unausweichlichen Tod an. [...]

Sobald Donner und Hagel es ankündigt, muß jeder auf den Regen gefaßt sein und sich vor der äußeren Luft während des Unwetters und nachher hüten. Man soll dann große Feuer aus Weinreben, aus Lorbeerzweigen oder anderem grünen Holz anzünden, ferner soll man große Massen Weihrauch und Kamillen auf den öffentlichen Plätzen und an stark bevölkerten Orten und im Innern der Häuser verbrennen. [...]

Kalte, feuchte und wässrige Speisen sind größtenteils schädlich. Gefährlich ist das Ausgehen zur Nachtzeit bis um drei Uhr morgens wegen des Taues. Fisch soll man nicht essen; zuviel Bewegung kann schaden; man kleide sich warm und schütze sich vor Kälte, Feuchtigkeit und Regen, man koche nichts mit Regenwasser. Zu den Mahlzeiten nehme man etwa Theriak; Olivenöl zur Speise ist tödlich. Fette Leute sollen sich der Sonne aussetzen. Eine große Enthaltsamkeit, Gemütserregungen, Zorn und Trunkenheit sind gefährlich. Durchfälle sind bedenklich, Bäder gefährlich. Man halte den Leib mit Klistieren offen – Umgang mit Weibern ist tödlich; man soll sie weder begatten, noch in einem Bett mit ihnen schlafen.

Diese Vorschriften gelten besonders für Alle, die an den Gestaden des Meeres oder auf Inseln wohnen, wohin der verderbliche Wind gedrungen ist.“

 

Lesung:

Römer 3, 28-31 

28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. 29 Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja gewiss, auch der Heiden. 30 Denn es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben. 31 Wie? Heben wir das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Sondern wir richten das Gesetz auf. 

 


 

Predigt:

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn, liebe Zuschauende und Zuhörende im Live Stream,

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus!

 

 

Die Reformation war eine Befreiung. Das ist es, was wir feiern und woran wir heute erinnern. Eine Befreiung wovon? In der Lesung haben wir es gehört, in schwerwiegenden Gedanken des Apostels Paulus über Gesetz und Glauben. Was er dort in seiner schwierigen theologischen Sprache sagt, ist aber ein einfacher Gedanke: Das Gesetz, die Regeln, sind für den Menschen da, nicht der Mensch für die Regeln. Dass Gott uns liebt, uns annimmt und uns für immer treu bleibt, hängt nicht davon ab, ob wir die Regeln und Gesetze halten. Er liebt uns bedingungslos, es ist an uns, ihm zum vertrauen. Zwischen Gott und Mensch herrschen Regeln und Gesetze, sondern die Liebe. Und für die steht Jesus Christus, dessen Weg durch Tod und Angst in die Auferstehung ein Weg gegen die Angst und die Verweiflung ist. So hat es Luther erfahren und erlebt, und dieser Impuls ist der Impuls der Reformation: Befreiung von der Angst und die Befreiung der Vernunft von religiösen Voruteilen, Aberglauben und falschem Autoritätsglauben.

Die Vernunft ist nicht mehr die Sklavin des Glaubens, sondern seine Partnerin. Vernunft und Glauben gehen nun Hand in Hand, Glauben und Wissen sind Geschwister, die einander kritisch begleiten und um die Wahrheit streiten. Die aber steht nicht in Büchern, sondern wird durch methodische Erfahrung, Auseinandersetzung und ständige Überprüfung freigelegt. Das ist der Geist der Moderne, die in der Reformation eine ihrer Wurzeln hat. Dem gehe ich in der Predigt nach.

 

Wir haben zu Beginn das Gutachten der Pariser theologischen Fakultät zu der großen Pestepidemie, dem Schwarzen Tod, gehört. Sie brach im Jahr 1347 aus und raffte innerhalb kürzester Zeit Hundertausende, am Ende über fast drei Jahrhunderte gar Millionen Menschen dahin.

 

Und wir haben gehört, wie hilflos die Menschen dem damals ausgeliefert waren, weil die Medizin der damaligen Zeit ein wüster Mix aus Religion. Aberglauben, Autoritätsglauben und wirren Theorien war, die dann auch völlig sinnlose und sogar schädliche Ratschläge gab. Am Ende blieb den Menschen nur Beten, und selbst das half nicht, beten hilft eben nicht gegen das Sterben, sondern gegen die Angst.

Am Ende galt die Pest als eine Strafe Gottes - was die Angst der Menschen nur noch steigerte und sie in den Wahnsinn des religiösen Fanatismus, der Hexenverbrennung, Judenverfolgung und der teilweise völligen Auflösung der Ordnung führte. Das Ganze war, aus heutiger Sicht, sehr unvernünftig, und die Religion spielte da eine unrühmliche Rolle: Die Kirche schürte noch die Angst.

 

Auch zur Zeit von Martin Luther wütete die Pest wieder einmal in Deutschland, und im Jahre 1527 kam sie auch nach Wittenberg. Und dazu hat Luther eine kleine Schrift verfasst, mit dem Titel: „Ob man vor dem Sterben fliehen solle“.

Und Luther antwortete - ganz modern : das hängt von den Umständen ab! Niemand ist verpflichtet, sich und andere unnötig in Gefahr zu bringen.

Allerdings unter einer Bedingung: Für das Wohl der Nächsten muss gesorgt sein. Die ganze Anstrengung muss, bei aller Sorge um die eigene Gesundheit, dahin gehen, Menschen nicht im Stich zu lassen und, wie wir heute sagen würden, die notwendige Balance zwischen der Sorge für sich und die Sorge für den andern zu finden. Und so gibt er ganz nüchterne Ratschläge:

Die Friedhöfe sollen aus den Städten verlegt werden, damit sie nicht ein Ort des Unheils werden; es sollen Krankenhäuser aus der öffentlichen Kasse eingerichtet werden und eine Fürsorge organisiert. Und dann, wir hören es wörtlich,

 

„Wenn  Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und  der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften,  Arznei geben und nehmen, Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit  ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine  Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde.

Wenn  mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person  meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein  gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und  Gott nicht versucht.“

 

Das klingt sehr vernünftig. Und sehr vernünftig ist es auch, nicht in ein falsches und hochmütiges, dummdreistes Gottvertrauen zu verfallen und zu meinen, dem Frommen könne nichts passieren. Das wäre nach Luthers Sicht geradezu gotteslästerlich!

Das ist schon ein sehr anderer Ton als der des Pariser Pestgutachtens! Das ist der Ton, mit dem Reformation die Kirche und den Glauben, am Ende aber die gesamte Gesellschaft aus der Enge eines Glaubens, der auf Angst beruht, in die Freiheit eines Glaubens führte, der auf Vertrauen beruht und die Vernunft einsetzt.

 

Nun wissen wir heute so unendlich viel mehr und Besseres über die Herkunft, die Verbreitung und die Bekämpfung der Seuchen.

Die Befreiung der Vernunft, die nun frei war, nicht mehr mit der Bibel in der Hand die Welt zu erforschen, sondern auf die Fähigkeiten des Menschen zur Erkenntnis und zu Wahrheit zu vertrauen, hat uns Möglichkeiten des Lebens in die Hand gegeben, von der Luther nicht einmal träumen könnte und für die wir Gott nicht genug danken können.

Wir verstehen heute die Seuche nicht mehr als Strafe Gottes, sondern als Herausforderung an unsere Vernunft und unsern Glauben.

Sie ist eine Katastrophe wie andere auch, halb naturgemacht, halb menschengemacht, und wie andere Katastrophen fordert sie unsere Solidarität, unseren Gemeinschaftssinn und unser Vertrauen heraus.

Wir sind frei, uns nach dem zu richten, was vernünftig ist.

Luther sagt einmal ganz zugespitzt: die Christen machen neue 10 Gebote, wenn es die Zeit erfordert. Das Gesetz muss dem Menschen dienen, und die Liebe ist der Prüfstein! So richten wir das Gesetz auf, wie Paulus schreibt, das Gesetz der Liebe.

Und vernünftig ist es, auf die Wissenschaft zu hören und mit ihr um die Wahrheit zu streiten, vernünftig ist es, den Erkenntnissen der letzten 200 Jahre zu folgen, die uns so viel Segen gebracht haben, dass wir oft vergessen, wie zerbrechlich unser Leben ist.

Vernünftig ist es aber auch, auf Gott zu vertrauen! Das ist nämlich kein Gegensatz! Also heißt die Devise, die wir aus dem Impuls der Reformation aufnehmen: Auf Gott vertrauen und vernünftig sein. Luther hätte heute, dessen bin ich mir ziemlich sicher, harte Worte für den Leichtsinn und das Geschwätz gefunden, und vermutlich zum Maskentragen, zur Quarantäne, zur Hygiene geraten, zur Zurückhaltung in den Kontakten, denn es geht  geht um das Wohl des Nächsten und das Gemeinwohl: das wir anderen nicht durch unsere Nachlässigkeit ein Grund zum Tode werden!

Darum tun wir als Kirche gut daran, das auch in besondere Weise zu tun und unseren Beitrag zu leisten und so zu Zeugen für die Freiheit zu werden, die Gott uns schenkt. Wir halten uns an die Regeln nicht aus Zwang, sondern aus Freiheit und Einsicht.

Wir wissen, dass gemeinsames Singen gefährlich ist. Wir wissen, dass größere Menschenansammlungen gefährlich sind. Wir wissen, wie gefährlich der zu enge Kontakt ist.

Wir wissen, dass wir aus dieser Pandemie nur herauskommen, wenn wir auch bereit sind, Opfer zu bringen - aber was zählen die gegen Menschenleben? Und das größte Opfer, das wir werden brngen müssen, ist die zu schüzten, die Opfer bringen müssen bis an den Rand ihrer Existenz, die unter dem Lockdown leiden und in ihrer Lebensgrundlage bedroht werden. Es wird auch darum gehen, unseren Wohlstand dadurch zu wahren, dass wir ihn verteilen. Das wird die eigentliche Herausforderung werden!

Nicht Furcht und Sorge sollen uns bestimmen, aber auch nicht Gleichgültigkeit und Schulterzucken, nicht Panik und wirres Geschrei sollen uns bestimmen, auch nicht Zorn und Wut, sondern Nüchternheit, Besonnenheit und Maßhalten.

Der Verzicht auf den Gottesdienst, wie wir ihn kennen, der Verzicht auf den Gesang, der Verzicht auf enge, auch körperliche Gemeinschaft kommt uns hart an und trifft uns ins Mark.

Aber unser Heil hängt nicht daran. Die Kirche hat schon ganz andere Katastrophen überlebt, für Selbstmitleid und Gejammer gibt es keinen Grund. Trauer ja, Jammern nein!

Aber es gibt Grund zum Vertrauen: daran hängt unser Heil, nicht an Regeln und Gesetzen. Und Vertrauen führt in die Freiheit: Die Freiheit, unseren Glauben so zu gestalten wie die Zeiten es zulassen. Jetzt, in der Zeit der Seuche, bewährt sich die Kirche als Sorgegemeinschaft: Sorge für uns, Sorge für den Nächsten, Sorge für die Gesellschaft.

Wenn wir als Kirche uns an diese Regeln halten, ist das nicht Staatshörigkeit oder Untertanengeist, wie oft geschwätzt wird, sondern Vernunft, die aus der Liebe geboren wird. So, liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitmenschen, so halten wir das Erbe der Reformation in Ehren:

Wir folgen der von der Angst befreiten Vernunft, die nach dem Wohl des Menschen fragt. Gott gebe uns dazu seinen Geist und lehre uns recht beten!

Und wir freuen uns jetzt schon darauf, dass wir auch aus diesem finsteren Tal zum frischen Wasser geführt werden.

Und ich freue mich schon auf den ersten Gottesdienst, den wir wieder in voller Pracht und Glanz feiern können, wann immer das sein wird.

Bis dahin aber: Bleibt vernünftig, um Gottes und der nächsten Willen, haltet Euch an die Regeln, nicht, weil sie von Gott kommen, sondern weil sie vernünftig sind und Ausdruck der tätigen Nächstenliebe.

Und dankt Gott für den Segen der Wissenschaft, die es bisher geschafft hat, diese Seuche nicht zu einer Katastrophe werden zu lassen und uns aus dem Dunkel der wirren Theorien geholt hat, die wir am Anfang gehört haben.

Lasst uns, in aller Freiheit, alles dafür tun, dass es so bleibt. Gott ist mit uns, er ist unsere feste Burg, nicht unser Gefängnis.

 

Amen.  

Freitag, 16. Oktober 2020

Das Jahr, in dem Weihnachten verboten wurde.

 

Das Jahr, in dem Weihnachten verboten wurde. Eine Vision.

Roland Kupski, vermutlich 1996

Eines Tages geschah es.

Weihnachten wurde verboten. Als Folge des Kruzifixurteiles wurden das öffentliche Aufstellen, Verkaufen und Verbreiten von Weihnachts­symbolen aller Art, von Dekoration und Lampchen, von Tannengrün und Weihnachtsrot, Engeln und Krippen unter Andro­hung von Ge­schäftsschließungen und hohen Bußgeldern gesetzlich untersagt. Weih­nachtsfeiern, auf denen weihnachtliches Gebäck gereicht, fromme Worte gesprochen und saisonale Lieder abgesungen wurden, sollten im Vorkommensfalle von der Polizei aufgelöst wer­den, die Veranstalter in Beugehaft genommen und die Teilnehmer erkennungsdienstlich behandelt werden. Schnüffeltruppen der Gesundheitsämter gingen durch die Häuser, und wo es nach Plätzchen duftete, wurde eingeschritten. Lastwagen voller Weihnachtsbedarf aus der ganzen Welt wurden bereits an der Grenze abgefangen. Die volkstümliche Hitparade enthielt nicht ein ein­ziges "Vom Himmel hoch" oder "Heidschi bum beidschi", der Dresd­ner Kreuzchor sang "Oh Haupt voll Blut und Wunden" als Höhepunkt seines Dezember­konzertes, und die Kurrende führte nicht das Bach'sche Weih­nachtsoratorium auf, sondern die Kantate "Ich habe genug" von Jo­hann Sebastian Bach.

Den Pfarrer und Pfarrerinen wurde am 1. Dezember schriftlich das Abhalten von Weihnachtsogtttesdiensten untersagt, die weihnachtli­che Urlaubssperre wurde aufgehoben und alle Pfarrer und Pfarrerin­nen aufgefordert, zu verreisen. Im Bayerischen Wald und anderen Ski- und Wandergebieten war in Folge davon kaum noch ein Zim­mer zu bekommen.

Als Predigttexte wurden verordnet ein Text des Propehten Amos (Amos 5,21): "Ich bin euren Feiertagen gram, spricht der Herr, und mag eure Versammlungen nicht riechen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lie­der, denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören. Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach!"

Am 23. 12. wurden zur Vorsicht die Kirchenschlüssel eingezogen und dem Landrat übergeben, wi­despenstige Küster und Küsterinnen kamen in Beugehaft.

Weihnachten war verboten.

Und was geschah? Die Menschen atmeten auf. Endlich freie Zeit in diesen Wochen. Endlich war der Geschenkestress zu Ende. Nirgendwo dudelte Weihanchtsmusik schon im Oktober, nirgends mußte stunden­lang herumtelefoniert werden, um Termine für Weihanchstfeiern zu machen und die Verwandtschaft zusammenzu­trommeln. Bürgermeister, Pfarrer und Vereinsmenschen hatten ein paar freie Abende, an denen sie Kegeln gingen oder Fernsehen guckten, falls sie nicht einfach einen Abend lang mit der Familie zu­sammensassen, ohne etwas sogenanntes Nützliches zu tun. Die Frommen versammelten sich heimlich zum Ge­bet und zu Klagegot­tesdiensten, denn war Advent nicht eine Bußzeit, ein Zeit der Ein­kehr gewesen? Und weil es dunkel war und still in den Städten und auf den Strassen, kamen viele zum Nachdenken, trauten sich, sich zu erinnern und auch den Kummer und die Sehnsucht nach vergan­genen Zeiten auszuhalten. Und sie spürten, daß es ihnen guttat, was sie sonst fürchteten, und vielen fanden in den stillen, dunklen Nächten wieder den Schlaf, den sie verloren hatten.

Die alten Menschen fingen an, sich in der freigewordenen Zeit zu besu­chen, Eltern und Kinder gingen ins Schwimmbad oder machten sonst etwas Schönes.

Zwei Wochen vor Weihnachten aber begann etwas Merkwürdiges. Die Kinder spürten, daß mit den Erwachsenen etwas nicht stimmte, und sie fragten: "Was ist denn los?" Und die Erwachsenen fingen an zu erzählen, aber leise, flüsternd, denn man wußte ja nie, ob nicht ein Weihnachtsspitzel in der Nähe war: "Früher feierten wir in diesen Wochen ein tolles Fest, Weihnachten genannt. Wir stellten einen Weihnachtsbaum auf und sangen Lieder, wir gingen in die Kirche, wir buken Plätzchen und ganz besondere Kuchen". Und die Kinder frugen weiter: "Und warum das? Wozu?" Und die Erwachsenen schauten sich an, und merkten plötzlich: so genau wußten sie es gar nicht. Sie kramten heim­lich, nachts, bei Licht von Taschenlampen und vorge­zogenen Vorhängen, ihre Bibeln und ihre Kinderbücher wieder her­aus und lasen es nach: "Stimmt ja, das hatte doch etwas mit Gott zu tun, war da nicht nicht die Geburt Gottes in der Welt?" "Gott, wer ist das, kann der denn geboren werden?" frugen die Kinder weiter, wie sie so sind, und die Erwachsenen sahen sich in die Augen und merkten: darauf konnten sie nun schon gar nicht mehr antworten. Heimlich traf man sich, getarnt als Sitzungen des Personlarates, des Gemeindevorstandes, als Jahres­hauptversammlung traf man sich bei Glühwein - der aber nicht Glühwein genannt wer­den durfte - und sprach darüber, was Weihnach­ten war und ist. Die alten Leute wurde auf­gefordert zu erzählen: "Wie war das denn da­mals, als Weihnachten noch ein christliches Fest war" - und sie be­richteten, und man erinnerte sich. Den Kin­dern wurde aber so weinig wie möglich erzählt, damit sie nicht in der Öffentlichkeit herumschwätzen und die Eltern in Schwierigkeiten brach­ten. Geschäftsleute orderten heimlich Weihnachtssachen, aber nur ganz kleine Dinge, die sie unter größter Gefahr aus dem Ausland herein­schmuggelten oder im Schutze der Nacht anfertigen ließen. Und nur gegen ein Losungswort: "Heilige Nacht" wurde unter dem Ladentisch etwas davon verkauft.

Die Vorhänge wurden vorgezogen, in der Nacht wurden Plätzchen ge­backen, bei geöffneten Sauerkrautfaß, damit niemand den Duft riecht. Die Gemeindbriefe wurden mit Zitronensaft geschrieben, und nur wer sie unter das Bügeleisen legte, konnte die Weihnachstbotschaft nachlesen; die wenige Briefe, die es deswegen gab, wurden wie kostbare Kaßiber aus einer anderen Welt weitergereicht, fo­tokopierte Blätter gingen von Hand zu Hand, heimlich wurden Komitees zur Planung des Widerstandes gegründet. Die Pfarrer und Pfarrerinnen verreisten zum Schein, kehrten aber alle am 20. 12. wieder zurück und zogen bei Ihren Küstern ein, um in aller Stille Weihnachtsgottesdienste vorzubereiten. Die Kinder der Kurrende trafen sich in Zivil und wie zufällig im Altersehim und im Gemein­dehaus, im Krankenhaus und ihren Häusern und sangen vorsichtig, leise, ein Weihnachtslied. Die Kinder waren verrückt vor Aufregung, denn sie spürten: etwas ganz und gar Geheimnis­volles war da am Gange, am 24.12. wird irgendetwas Ungeheures ge­schehen, man munkelte etwas von Geschenken und gemeinsam Singen und von Geschichten aus der Bibel, was mag das bloá sein? Und die vielen, vielen Menschen, die früher unter Weihnachten litten, weil es für sie das traurigste, entzsetzlichste und schwerste Fest des Jahres war, sie trafen sich nun und sprachen darüber, daá Weihnachten sie eigen­lich immer traurig gemacht hat, daß sie das aber nie sagen durften, und es bildeten sich heimliche Gesprächskreise: "Trauer an der Weihnacht", und sie trauten sich nun - in aller Freiheit - auf die Friedhö zu gehen und zu trauren, denn jetzt war ja plötlzlich keine Freude mehr verordnet. Und all die Familien, die sich immer an Weihnachten gestritten haben, weil sie es einfach nicht aushielten, vier füf Tage untäig zu­sammengepfercht zu sein zu einen Fest, das kaum einer mehr verstand, wurden plözlich verschworene Gemein­schaften, zusammengehalten durch das Gefül, etwas Verbotenes, aber ganz und gar Wichtiges zu tun. Am 22. 12. erreichte die Spannung ihren Höepunkt, endlich wurde den Kindern erzält, worum es wirklich ging, und völig atemlos hörten die Geschichte davon, wie Gott als ein Kind geboren wurde, um der Welt eine Hoffnung zu bringen und die Menschen zur Liebe und zum Frieden zu bewegen. Und die Erwachsenen höen zum ersten Mal seit ihrer eigenen Kindheit die Geschichte wieder als eine Ge­schichte von Le­ben unter schwierigsten Bedingungen, als eine Ge­schichte von der Freiheit fü die Benachteiligten und Armen, tausend­mal gehöt, aber nun zum ersten Mal verstanden: "Kommet ihr Hirten" wurde zur Losung fü heimliche Weihnachtsversammlungen. Die alten Lieder und Texte wurden auswendig gelernt, denn wer mit einem Ge­sangbuch erwischt wurde, kam drei Tage ins Gefägnis.

Damit die Menschen in Ruhe und in der gebotenen Heimlichkeit ihre Vorbereitungen treffen konnten, machten viele L„den schon am 22. 12. Betriebsferien oder feierten krank, es kehrte nie gekannte Ruhe ein in das Land, die Menschen gingen spazieren und grüßtesich verschwo­ren mit dem alten Engelsgruß "Friede sei mit dir", und daran erkannten sie sich, und die Pfarrer und Pfarrerinnen wa­ren von Morgens bis Abends unterwegs, weil die erinnerungsschwe­ren Tage nach dem Gespräh drägten; und es waren gute Tage fü sie, denn zum ersten Mal konn­ten sie aus vollem Herzen das tun, was sie ge­lernt hatten und wozu sie da sind.

Das ganze Land war von einer Spannung erfült, wie man sie nur kannte, als man noch ein ganz kleines Kind war. Es war wie das erste Mal Weihnachten.

Am 24. 12 geschah es dann, die Menschen versammelten sich vor den Kirchen und vor den Gemeindehäsern, auf den Marktpläzen und in den Parks, sie züdeten Kerzen an und sangen "O du Fröli­che", und die Polizei marschierte auf, aber nach 20 Takten warfen die Polizisten ihre Schilde weg und sangen mit, der BGS ließdie Wasserwerfer in den Himmels sprüen, sodaßdas Wasser als Schnee herabfiel, die Kinder fingen an, sich zu erinnern und die Alten auch, und es wurden schnell ein paar bunte Tüher hervorgekramt und Krippenspiele improvisiert, vor den Kirchentüen standen Gruppen von Jugendlichen und jungen Menschen, von denen viele seit der Konfirmation dort nicht mehr gesehen waren und skandierten in Chor: "Die Tüe mußauf, die Tüe mußauf" und: "Wir sind das Gottesvolk, wir sind das Gottesvolk."

Die Geschätsleute nahmen sich ein Herz und schmükten nur fü diese eine Nacht die Städte und die Fenster und die Häuser, und mit einem Male erstrahlte alles in einem Glanz, der schier überwältigte nach den langen, dunklen Wochen, es war ein Singen und ein sich Freuen, das THW brachte Gulaschkanonen voll Glühwein, das Rote Kreuz verteilte Spekulatius und Stollen, die AWO hatte eine Kapelle besorgt und die spielte "Brüder, zur Sonne zur Freiheit, Schwestern zu Christus em­por" -

und verstohlen wurden aus den Manteltaschen kleine Päckchen ge­holt, so klein, daß sie nicht auftrugen, denn man wußte ja nie, ob nicht doch ein Weihanchstspitzel dabei war und man schenkte wild­fremden Leute etwas Nettes, und die, die Weihanchten immer trau­rig und allein zu Hause sassen, genossen es, unter Menschen zu sein; und sie durften hemmunglos weinen und sich an die Schulten wild­fremder Menschen legen und die Obdachlosen unter den Brücken kamen dazu, alles lag sich in den Armen für diese eine Nacht, und man lud sich ein für den nächsten Tag: "Aber ewartet nicht zuviel, Ihr wißt ja, man bekam ja nichts, wir haben nur Kochwürst­chen und Kartoffelsalat, ihr müßt was mit­bringen", - 

und da öffneten sich plötzlich sich die Kir­chentüren, die Kurrende kam singend heraus, die Pfarrer strahlten und verkündeten das Wort mit nie gekannter Vollmacht, weil sie zum ersten Mal wirklich Zeit hatten, das Fest intensiv mit Gebet und Meditation vorzubereiten; die Orgeln sausten und brausten, daß die Luft zu zittern schien, und es machte sich atemlose Stille breit, als die Stimme der Lektoren und Lektorinnen ertönte: "Siehe, euch ist große Freude wie­derfahren, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Chri­stus, der Sohn Gottes", und es erhob sich großer Jubel unter den Men­schen, es war Weihnachten geworden wie es noch nie war, in dem Jahr, als Weihnachten verboten wurde. Am andern Tag wurden die Bi­beln herausgeholt, und man las die Geschichte wieder und wieder, und jeder verstand, was Freiheit ist, und jeder ahnte, wie es ist, getröstet zu werden in dieser Nacht, und jeder spürte das Geheimnis dieser Nacht, das für Jahrzehnte vorher vom Rummel übertont und vom falschen Glanz der Lichter überstrahlt worden war, und das gesparte Geld wurde gesammelt und nach Bosnien ge­schickt und nach Rußland und nach Afrika, und als eine Woche später die Danktelegramme eintrafen, als die Fernseher voll von den Bildern überglcklicher Menschen waren, die auf einmal in dieser Zeit zu essen und trinken hatten, die auf einmal ganz körperlich spürten, daß Weihnachten das Fest der Liebe und der Solidarität ist, als die Telegramme eintrafen voller Dank und Freude, brachen alle in Tränen aus, denn das war das schönste Geschenk, das uns je ge­macht wurde, keiner hatte ein Geschäft gemacht und doch waren alle reich geworden, das alles geschah in dem Jahr, als Weihnachten verbo­ten wurde.

 

Freitag, 15. Mai 2020

Herr der Töpfe und Pfannen: Theresa von Avila

 


Herr der Töpfe und Pfannen -

Theresa von Avila



Herr der Töpfe und Pfannen,
ich habe keine Zeit,
eine Heilige zu sein
und Dir zum Wohlgefallen
in der Nacht zu wachen,
auch kann ich nicht meditieren
in der Morgendämmerung
und im stürmischen Horizont.

Mache mich zu einer Heiligen,

indem ich Mahlzeiten zubereite
und Teller wasche.
Nimm an meine rauen Hände,
weil sie für Dich
rau geworden sind.

Kannst Du meinen Spüllappen
als einen Geigenbogen gelten lassen,
der himmlische Harmonie
hervorbringt auf einer Pfanne?
Sie ist so schwer zu reinigen
und ach, so abscheulich!

Hörst Du, lieber Herr,

die Musik, die ich meine?
Die Stunde des Gebetes ist vorbei,
bis ich mein Geschirr
vom Abendessen gespült habe,
und dann bin ich sehr müde.

Wenn mein Herz noch am Morgen
bei der Arbeit gesungen hat,
ist es am Abend schon längst
vor mir zu Bett gegangen.
Schenke mir, Herr,
Dein unermüdliches Herz,
dass es in mir arbeite statt des meinen.

Mein Morgengebet

habe ich in die Nacht gesprochen
zur Ehre Deines Namens.
Ich habe es im voraus gebetet
für die Arbeit des morgigen Tages,
die genau dieselbe sein wird
wie heute.

Herr der Töpfe und Pfannen,
bitte darf ich Dir
anstatt gewonnener Seelen
die Ermüdung anbieten,
die mich ankommt
beim Anblick von Kaffeesatz
und angebrannten Gemüsetöpfen?

Erinnere mich an alles,

was ich leicht vergesse;
nicht nur um Treppen zu sparen,
sondern, dass mein
vollendet gedeckter Tisch
ein Gebet werde.

Obgleich ich Martha-Hände habe,
hab' ich doch ein Maria-Gemüt,
und wenn ich die schwarzen Schuhe putze,
versuche ich, Herr,
Deine Sandalen zu finden.
Ich denke daran,
wie sie auf Erden gewandelt sind,
wenn ich den Boden schrubbe.

Herr, nimm meine Betrachtung an,

weil ich keine Zeit habe für mehr.
Herr, mache Dein Aschenbrödel
zu einer himmlischen Prinzessin;
erwärme die ganze Küche
mit Deiner Liebe
und erleuchte sie mit Deinem Frieden.

Vergib mir, dass ich mich absorge,
und hilf mir, dass mein Murren aufhört.
Herr, der Du das Frühstück am See
bereitest hast, vergib der Welt,
die da sagt: "Was kann denn
aus Nazareth Gutes kommen?"

Sonntag, 15. März 2020

Corona


Ein stammelnder Versuch, mal etwas tiefer zu schürfen. 

Sonntag, 15. März 2020
09:14
Wo ist Gott in Zeiten der Seuche? 

Die Tatsache, dass uns die Corona-Infektion in der Passionszeit trifft, löst bei mir theologisch sehr intensive Fragen aus. Längst von mir für vergessen gehaltene theologische, oder besser gesagt: Glaubens-Fragen tauchen wieder auf. 

Sehr groß ist die Verlockung, hier Strafe am Werk zu sehen (für was auch immer) oder, was das Allerschlimmste wäre, die Seuche dafür zu instrumentalisieren, die Gottesfurcht zu wecken und in moralischen Apellen zu versinken. Und ich spüre, dass unsere kirchliche Normal-Theologie an ihre Grenzen stößt. Sehr haben wir uns eingerichtet in einer Welt, in der Leid und Not recht weit weg sind oder als (behebbare), letztlich individuelle Störung betrachtet werden.

Doch das Leid ist einfach so da. Es ist auf eine sehr radikale Art "demokratisch", es geht nicht einfach so "weg" und es macht keine Unterschiede. Gleichzeitig macht es Ungerechtigkeit, Privilegien und Asymetrie radikal erkennbar: in der Art, wie damit umgegangen wird. Wenn Du arm bist, stirbst du schneller. 

Es ist auch nicht aus der Welt. Das Kreuz Jesu ist nicht das Ende des Leides. Es ist seine Veröffentlichung. Es ist ein Signal seiner Präsenz. Die Auferstehung macht es nicht ungeschehen, sondern nimmt das Leid mithinein in Gott. Das Leiden ist in Gott präsent. Und seine Überwindung, seine Aufhebung, ist nicht eine Wirklichkeit, die erfahrbar ist. Es ist eine Botschaft.

Das Leiden ist nicht aus der Welt seit Ostern. Es ist sichtbar. Es ist sichtbar als Teil der beschädigten Schöpfung. Es gehört zur conditio humana in der gefallenen Schöpfung. Die neue Schöpfung, in der kein Leid, kein Schmerz, keine Tränen mehr sein werden, ist nicht heute. Sie ist morgen. Sie ist jenseits des Todes. Hier, jetzt, heute, diesseits des Todes ist sie Verheißung, ist sie der Horizont, vor dem wir leben können und leben müssen. 

Das Kreuz nimmt das Leiden ernst. Es heiligt es nicht. Das ist der Irrtum, der hinter dem Gedanken des Martyriums steckt. Die Vorstellung, durch Leiden etwas zu erwerben, Anrechte zu bekommen, durch Leiden privilegiert vor Gott zu sein, ist ein absurder Gedanke. Das Leid ist so präsent, dass selbst Gott sich ihm nicht einfach entziehen kann. Und auch nicht will. 

Denn die Liebe ist Hingabe. Indem Gott das Leiden sichtbar macht, indem Gott das Leiden nicht einfach beiseite schiebt, stellt er sich auf die Seite der Opfer, auf die Seite der Leidenden. Und das sind nicht allein die anderen. Das bin auch ich. Die Corona-Seuche macht sichtbar, wie dünn das Eis der Illusion ist, auf dem wir gehen, sie zerstört der Illusion, wir wären in Sicherheit und alles wäre halb so schlimm. 

Das Leiden ist nicht die große Störung unseres Glücks, sondern die Basis unseres Lebens. Es klingt fremd und fast zynisch: Das Leid ist die eigentliche Gestaltungsaufgabe unseres Lebens. Wir erkennen uns darin als Ebenbild Gottes, dass wir uns als Ebenbild des Gekreuzigten erkennen: er ist der wahre Mensch. Weniger formelhaft gesagt: im Gekreuzigten erkennen wir, wie es um uns Menschen in Wahrheit steht. Wir sind Sterbende. Aber es ist Gott, der im Gekreuzigten sichtbar wird. 

Was uns vor Sarkasmus, oder schlimmer noch: vor Zynismus bewahrt, ist, dass darin ein Funken Hoffnung sichtbar wird. Die Sterbenden sind nicht die Verlorenen. Sie sind nicht die große Ausnahme. Sie sind nicht die Aufgegebenen. Sondern sie sind die, denen Gottes Liebe besonders gilt. Die große Herausforderung, aber auch das große Geschenk des Glauben ist, dass er uns ein Bild dafür schenkt, wer wir in Wahrheit sind. 

Und die große Hoffnung für hier und heute, für unsere, wie man früher sagte, unsere "iridsche Existenz" ist, dass wir, wenn wir diesen Blick zulassen, wenn wir diesen Blick aufnehmen, wenn wir ihn, verzweifelt und mutig zugleich, teilen, dass wir dann weich werden, dass Barmherzigkeit in uns geweckt wird. Nicht durch moralische Ermahnung, nicht durch den Ruf zur Vernunft und Besonnenheit, nicht durch "don´t panic", sondern durch einen Moment des Innehaltens und der Besinnung: Ecce homo. Das bist du.

Und daraus formt sich das elementare Gebet, die elementare Klage, die elementare Bitte: kyrie eleison. Lass Tod und Vernichtung, Verlust und Vergehen nicht das letzte Wort sein. Öffne uns einen Horizont des Mutes in einer Welt voller Leid.

Die Tageslosung machte mich darauf aufmerksam. Sie spricht es aus, worum es geht.

Gott sprach zu Salomo: Weil du weder um langes Leben bittest noch um Reichtum noch um deiner Feinde Tod, sondern um Verstand, auf das Recht zu hören, siehe, so tue ich nach deinen Worten.
1. Könige 3,11-12
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
Matthäus 6,3

Nach dem Reich Gottes trachten: Das bedeutet nicht, dass wir hier Gottes Reich auf Erden bauen, wie immer so schön gesagt wird. Das scheitert immer und führt in ein Scheitern, dass den Glauben zutiefst beschädigt. 

Er baut. Für uns. Wir brauchen, um das Bild zu stressen, nur einzuziehen. Einziehen in ein Haus der Hoffnung, dessen Fundamente zwar auf der Erde stehen, dessen Wohnungen aber im Himmel liegen. Das ist kein Eskapismus. Das ist keine Flucht aus der Wirklichkeit. Es ist gerade andersherum: An der Tür zum Haus Gottes hängt das Kreuz. Daran kommen wir nicht vorbei. Unsere Energie, unser Bemühen sollte also nicht dafür verschwendet werden, religiös verbrämte utopische Wolkenkucksheime zu bauen. 

Darin ist der Glaube moderner, als die Moderne von sich selbst denkt.  Der von Gott in die Freiheit von Gott entlassene Mensch hängt nicht an Gottes Schürzenzipfel, sondern steht auf seinen Beinen. Die Perspektive kehrt sich um. Der Allmächtige Gott, das Gespenst des Aberglaubens, zeigt sich nicht als Alleskönner, sondern als Leidender, der das Leiden von innen her überwindet. 

Dafür hat die Vernunft keine Kategorien. Darin ist der Glaube unvernünftig, weil er auf der Liebe beharrt: auf reiner Zuwendung. Darin ist "Salomo" vernünftig: dass es ihm nicht um sich selbst geht. Das ist die Vernunft des Glaubens, und ich spitze zu: darin ist sie die vernünftigere Vernunft. Das bringt die Corona-Seuche ans Licht. Wer nur an sich denkt, begeht Verrat. 

Klopapier wird zum Symbol der Unvernunft. Es sei denn, ich horte es, um es gegebenenfalls an die weiterzugeben, die welches brauchen werden. Es geht um Zuwendung. Sie ist die Antwort auf das Leid.

Der Gekreuzigte braucht unsere Zuwendung, wie er sich schon als Kind in der Krippe gebraucht hat. Der Glaube lenkt den Blick nicht auf den Himmel. Er lenkt ihn auf die Erde, dort wo die Erde, die gefallene Schöpfung, am irdischsten ist. Da soll unsere Energie hinfließen. Leid mindern: das ist, was wir können. Solidarisch unter dem Kreuz stehen, wie die Frauen. Einander in der Verlassenheit annehmen, wie Johannes zum Sohn der Maria wird, als ihr Sohn stirbt. Auf Golgatha ordnet Gott uns einander zu: das Volk der Leidenden. Dahin blickt. Das Leid ist da. Es gilt, es mindern. Darum braucht es das Recht und den Verstand. Die sind jetzt gefragt. Angesichts der unveränderten Präsenz des Leides in der Schöpfung, der das Ende des Leides verheißen ist, bedeutet Liebe: Solidarität. Dafür wird Salomo gelobt. Dahin lenkt Jesus unseren Blick.

Mit Verharmlosung, mit Instrumentalisierung des Leides (als vermeintlicher Ausbruch des Zornes Gottes), mit Beschwichtigung, mit Gesundbeterei im übelsten Sinne ist uns nicht geholfen, mit moralischen Appellen auch nicht. 

Ganz im Gegenteil. Gerade der Glaube an die Auferstehung  kann uns stark machen, zu sehen, was der Fall ist: Die Schöpfung ist voller Leid, kyrie eleison. Nach dem Reich Gottes trachten: das kann für uns nur heißen: seiner Verheißung trauen und uns der Wirklichkeit stellen. Der Kelch geht nicht an uns vorüber, wie er auch an Jesus nicht vorüberging. 

Es ist ein fast unerträglicher Satz, den ich am Ende aussprechen muss: In jedem Leidenden offenbart sich Gott. Was ihr getan habt einem meiner geringsten Geschwister, das habt ihr mir getan. 

Ausgerechnet Nietzsche (oder vielleicht gerade er, der aus einem "frommen" Elternhaus stammt) spricht es sehr klar aus: Bleibt der Erde treu.

Kyrie eleision.

Amen.