Montag, 28. Februar 2022

Der Tod der Anderen. Predigt Estomihi, Mk 8, 31-38

 Mk 8, 31-38

31 Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. 32 Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. 33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, 

34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben behalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's behalten. 36 Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? 37 Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? 38 Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

 

Liebe Gemeinde,

Wenn ein römischer Feldherr in einem Kriegszug erfolgreich und siegreich war, wurde ihm ein Triumphzug zugestanden: Ein Festzug, mit ihm an der Spitze,  aus Wagen voller Kriegsbeute, aber auch, und noch viel wichtiger, aus Gefangenen, die je nach politischer Situation entweder als Geiseln gehalten wurden, als Sklaven weiterverkauft oder in einer spektakulären Strafaktion im Zirkus hingerichtet wurden. Doch hinter dem Feldherrn lief ein Sklave, der einen Lorbeerkranz über den Kopf des Feldherrn hielt und ständig rufen musste: memento mori! Bedenke, dass Du sterblich bist! Das ist ja als Redensart bis heute gebräuchlich. Die Erwartung und die Hoffnung war, dass dieser Ruf verhinderte, dass der Sieg dem Sieger zu Kopf stieg. Wie man weiß, hat das wenig gefruchtet. Viele der römischen Kaiser und Feldherrn wurden zu Tyrannen und Schreckensherrschern, ließen sich als Götter verehren und konnten oft nur durch Mord beseitigt werden, wenn es zu schlimm wurde. Man nennt das deshalb den Cäsarenwahn, der Größenwahnsinn oder den Hochmut dessen des Mächtigen. Offensichtlich lässt sich Macht, vor allem ihr Missbrauch, nicht dadurch bändigen, dass man Menschen daran erinnert, dass sie sterben müssen. Eher im Gegenteil: die Angst vor dem Tod und dem Sterben führt gerade bei machtbesessenen Menschen dazu, dass sie erst recht ihre Menschlichkeit und jegliches Maß verlieren. An den eigenen Tod erinnert zu werden, macht die wenigsten bescheiden.

Jesus geht einen anderen Weg. Davon erzählt die Geschichte heute. Jesus spricht von seinem Tod, den er kommen sieht. Er erinnert seine Jünger daran, dass er sterben wird. Das wollen die auch nicht hören, wir haben ja gehört, wie Petrus darauf reagiert: Er wehrt den Gedanken ab. Und muss sich von Jesus einen strengen Verweis einfangen: Du denkst nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist. Menschlich ist es, die Sterblichkeit und die Verletzlichkeit zu vergessen. Doch das, was Jesus sagt, unterscheidet sich von dem, was der römische Sklave ruft. Indem Jesus auf seinen Tod aufmerksam macht, spricht er von der Verletzlichkeit und der Sterblichkeit der anderen Menschen, er dreht die Sichtweise herum. Was Petrus und die Jünger so aufbringt und aufwühlt, ist der Gedanke, Jesus zu verlieren. Jesus zieht den Blick auf die Verletzlichkeit und die Verwundbarkeit der Anderen. Dafür geht er an das Kreuz. Dafür ist das Kreuz ein Symbol. Wenn wir in unser Tradition mit den alten Formeln sagen: „Er ist für uns gestorben“, dann ist damit gemeint: Er zeigt uns das Sterben der Anderen als Folge unseres Handelns. Denn er stirbt, weil eine bestimmte Gruppe von Herrschenden und Mächtigen seinen Ruf zur Liebe und seine Botschaft vom gnädigen Gott nicht hören wollen, weil er ihre Macht in Frage stellt und sie darauf mit Gewalt antworten – mit einer Gewalt, die einen anderen, einen Unschuldigen sogar in diesem Falle, treffen wird. Das Kreuz steht nicht nur für unseren Tod. Es steht für den Tod der anderen. Dieser Blick auf den Anderen als den, der in Not und Gefahr geraten kann auch durch das, was wir tun, das ist der christliche Blick auf den Menschen. An anderer Stelle sagt Jesus das dann ins Positive gewendet: ich lebe und ihr sollt auch leben! (Joh 14, 19). Es geht nicht nur darum, das Leiden und den Schmerz der anderen zu lindern oder wenn möglich zu verhindern, es geht darum, auch den anderen Menschen zu einem guten Leben, zu einem Leben ohne unnötige Angst, zu einem Leben in Frieden und Sicherheit zu führen. Dafür ist uns die Macht gegeben. Das geht darum sehr viel tiefer als der bloße Ruf: „Bedenke, dass du sterben musst“. Der christliche Ruf lautet: Bedenke, dass die Anderen sterben müssen! Bedenke, dass Menschen verletzlich sind!

Darum ist der Krieg für uns keine Möglichkeit, Politik zu gestalten und Politik zu machen. Die Aufgabe von Politik ist, angesichts der Sterblichkeit und der Verletzlichkeit der Anderen dafür zu sorgen, dass das Leben trotzdem gelingen kann, dass wir auch unter den Bedingen von Sterblichkeit und Verwundbarkeit, soweit es irgend möglich ist, Angst bekämpfen, Gerechtigkeit ermöglichen und Frieden gestalten.

Der Schrecken und das Entsetzen, dass die Politik von Wladimir Putin in diesen Tagen auslöst, trifft genau diesen Nerv. Er macht eine Politik, die radikal auf seine Interessen bezogen ist, die nicht nach dem Leid und der Verletzlichkeit der Anderen fragt, sondern kalt und berechnend den Tod anderer in Kauf nimmt. Das ist der wahre Cäsarenwahn, dass ist die wahre Gefahr, die in der Macht liegt, die nicht durch Regeln und Gesetze in Schranken gehalten wird, ein Wahn, der radikal selbstbezogen und machtinteressiert ist.

Darum redet Jesus auf einmal und auf den ersten Blick sehr unvermittelt genau davon: „Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele“? Was hilft es dem Menschen, Land zu erobern, Reichtümer zu scheffeln, Macht zu erweitern, wenn er dabei seine Menschlichkeit verliert? Gemeint ist: seine Fähigkeit zum Mitgefühl, seine Fähigkeit, sich in die anderen zu versetzen, die Fähigkeit, darüber zu erschrecken, was man anderen antun kann. Wir nennen das heute mit dem griechischen Fremdwort „Empathie“, was auf Deutsch nichts andere heißt als „Mitgefühl“. Eine Politik, die nicht nach dem Leid des anderen fragt, ist nicht göttlich, richtet sich nicht am Auftrag aus, Frieden zu stiften und sanftmütig zu sein, sondern sie ist menschlich in einem negativen Sinne: Egoistisch, selbstbezogen und selbstverliebt. Darum sagt er einen Satz vorher: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's behalten“. Was Jesus meint, ist: Richte Dein Leben nicht allein nach deinen Interessen aus, sondern an den Interessen der anderen. Wer nur an sich denkt, wird sein leben verlieren, oder sagen wir besser: Seine Menschlichkeit, seine Fähigkeit zu Mitgefühl. Leben ist hier also, ganz scharf formuliert mit einem Satz von Dietrich Bonhoeffer: Dasein für Andere.

Was da gerade in der Ukraine geschieht und was wir da gerade erleben, ist genau das: Hier werden Menschenleben geopfert wegen der Machtinteressen eines einzelnen, hinter denen natürlich die Machtinteressen einer Gruppe steht, die längst den Kontakt zum Leben, zum Leben der anderen, verloren hat, und ihre Macht nur dazu nutzt, ihre eigene Macht zu stärken. Davor erschrecken wir, und wir erschrecken davor vor allem auch deswegen, weil wir in den letzten 70 Jahren, nach den menschlichen Verwüstungen, die der zweite Weltkrieg und der mörderische Holocaust am jüdischen Volk in Europa ausgelöst hat, doch etwas gelernt haben. Wir hatten, zumindest in Europa, den Eindruck, dass wir da weiter gekommen sind, dass wir gelernt haben, dass nur eine Politik, die sich an den Bedürfnisse der Anderen ausrichtet, wirklich eine erfolgreiche Politik ist, eine Politik, die mit der Verletzlichkeit und Verwundbarkeit der anderen Menschen rechnet und dem auch Rechnung trägt.

Das wird nun radikal in Frage gestellt, und wir müssen uns dieser Frage stellen, weil ja die Frage im Raum steht, wie wir darauf antworten können und sollen. Die Antwort kann auch christlicher Sicht, angesichts des Kreuzes Jesu nur lauten: Auf keinen Fall mit Gewalt, auf keinen Fall mit einer Antwort, die nicht nach den Leben derer fragt, die betroffen sind. Als Christen sollten wir dafür beten, dass wir andere und bessere Wege finden, als Gewalt, selbst wenn es uns Opfer kosten wird, selbst wenn die wirtschaftlichen Maßnahmen – und welche anderen sollten es sein? – unseren Lebensstandard senken werden. Lassen wir uns auf das böse Spiel der Gewalt ein, werden wir unsere Seele verlieren, wird viel von dem, was wir uns erarbeitet haben, verloren gehen: Eine Politik, die mit der Verletzlichkeit und der Verwundbarkeit der anderen rechnet, die Leben bewahret um jeden Preis. Es hat also wenig Sinn, jetzt Wladimir Putin zu verteufeln und zum Unmenschen zu erklären. Mag sein, dass der dem Cäsarenwahn verfallen ist und alle Menschlichkeit verloren hat. Mag sein, dass sein Interesse an der Macht so groß geworden ist, dass er vergessen hat, dass uns Macht vor allem gegeben ist, damit Gutes zu tun. Das führt uns aber nicht weiter, so zu denken, ist schon ein Schritt in den Abgrund, weil es mit gleicher Münze heimzahlt. Die christliche Sicht der Dinge ist: Jetzt auf jeden Fall dafür zu sorgen, dass die Gewalt eingedämmt wird und wir nicht auf Gewalt mit Gegengewalt antworten, dass wir das Leiden der Menschen nicht aus den Augen verlieren, sondern immer das Bewusstsein dafür bewahren, wie verletzlich, verwundbar und wie kostbar das Leben der Anderen ist. Daran richtet sich eine christliche Politik aus. Gott gebe uns die Kraft und die Stärke, in diesem Sinne das zu denken, was göttlich ist: Das wir leben wollen uns sollen – und die anderen auch. „Denn was würde es dem Menschen helfen, wenn die ganze Welt gewönne, und doch seine Seele verliert?“ Die Antwort ist völlig klar: Nichts. Gott hat es nicht beim Kreuz als letzte Antwort belassen. Er hat den Schmerz überwunden und uns ein neues, ein anderes und besseres Leben eröffnet: Eines in Hoffnung. In Hoffnung darauf, dass der Schmerz der Anderen den wir sehen, uns dazu bringt, den Frieden zu suchen, um jeden Preis – außer dem des Todes. Memento mori – ganz gewiss. Aber viel mehr noch: Bedenke, dass auch die anderen verletzlich sind.

 

Amen.

Freitag, 25. Februar 2022

Fürbitte angesichts des Krieges

Herr, unser Gott, wir bitten dich um Gedanken des Friedens. 

Wecke das Mitgefühl in uns mit denen, die jetzt in Angst und Schrecken leben. 

Lenke die Gedanken der Regierenden auf die Weisheit deines Gebotes, dem Leben zu dienen. 

Lass uns nicht kalt und berechnend werden, erhalte uns die Menschlichkeit. 

Schenke den Völkern die Kraft und den Mut, andere Wege zu finden, als Gewalt und Tod. 

Sende uns und denen, denen wir Macht verliehen haben, Liebe zur Gerechtigkeit. 


Lass uns erkennen, dass dein Kreuz ein Zeichen ist für das Ende der Gewalt. 

Lass uns bereit sein, die nötigen Opfer zu bringen - außer dem Tod der Anderen. 

Sende uns Gedanken des Friedens und wecke in uns die Phantasie, Wege zum Frieden zu finden. 

Stehe denen bei, die um den Frieden ringen 

und lass dein Wort des Lebens laut werden in der Welt des Todes. 


Falle den Gewalttätigen in den Arm, lass sie dein Gericht fürchten.  

Bewahre die Soldaten, schütze die Unschuldigen  

Lass uns nicht die Feinde hassen, sondern das, was sie tun. 

Lass uns nicht unseres Feindes Feind werden, sondern mutige Gegner des Bösen.

Lass nicht den Zorn, sondern die Sanftmut gewinnen, 

gib nicht Gedanken von Rache und Heimzahlen Raum, 

sondern lenke unsere Gedanken auf Frieden und Versöhnung. 

Und stärke uns für den Kampf um den Frieden, und sei es durch Gewalt hindurch, 

Kyrie eleison 


Amen. 

Samstag, 19. Februar 2022

Zweischneidiges Schwert. Die Macht des Wortes, Predigt für Sexagesimae 2022, Heb 4, 12f

 

Predigt

12 Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Ein übles Wort ist schnell gesagt – und kann nicht mehr zurückgenommen werden. Wir können uns mit Worten verletzen, so sehr, dass es viel schwieriger heilt als jede andere Wunde. Seelische Wunden sind sehr tiefe Wunden. Dadurch, dass wir sprechen können, haben wir, von Kindesbeinen an, eine scharfe Waffe bei uns. Und Erziehung meint zum nicht geringen Teil: zu lernen, mit dieser gefährlichen Waffe umzugehen. Die Zunge, sagt eine Redensart, ist schärfer als jedes Schwert, und weil das auch für die geschriebene Sprache gilt, heißt auch: Die Feder ist mächtiger als das Schwert. Ich glaube nicht, dass ich dafür viele Beispiele bringen muss. Jedem und jede wird sofort etwas einfallen. Schmerzen, die wir mit Worte anrichten, könne sehr tief gehen.

 

Aber das ist ja nur die eine Seite. Auf der anderen Seite können wir mit Worten auch Gutes tun. Ein gutes Wort zu rechten Zeit gesagt, kann sehr tröstlich, sehr heilsam und sehr aufbauend sein. Loben können wir, und unsere Zuneigung ausdrücken, ja letztlich ist auch die Liebe auf gute Worte angewiesen. Auch hier brauche ich wohl keine Beispiele zu bringen: Auch hier wird jedem und jede sofort etwas einfallen, wo ein gutes Wort heilsame Wirkung hatte, uns gestärkt und aufgebaut hat.

 

Seltsam ist nur, dass uns solche guten Worte sehr viel schwerer von der Zunge gehen. Seltsam auch, dass wir solche guten Worte oft sehr viel schwerer hören können. Einen Tadel, eine Beschimpfung, eine Rüge erreicht uns sofort. Ein gutes Wort hat es sehr viel schwerer. Sich loben zu lassen und ein Lob anzunehmen: das will offensichtlich auch geübt werden.

 

Woran liegt das? Nun, vermutlich liegt es an unserer Angst. An der Angst, nicht richtig zu sein, den Ansprüchen nicht zu genügen, ein falscher Mensch zu sein. Diese Angst hat viele Wurzeln. Sie hängt auch mit dem Bild zusammen, dass wir von uns selbst haben. Wir möchten doch gerne oft ein anderer, ein andere sein, als die, wir sind. Und da fällt natürlich ein böses Wort sofort auf fruchtbaren Boden und bestätigt uns: „Siehste, ich wusste es doch, ich bin nichts wert, ich tauge nicht, ich bringe nichts, keiner liebt mich“.

Es ist sehr bequem, sich in so einem Bild von sich selbst einzurichten – denn dafür bekommt man immer Bestätigung. Wer sich selbst klein macht, wird immer jemanden finden, der das bestätigt und befeuert. Mit unserem Selbstbewusstsein ist es nicht weit her.

Und es gibt noch einen zweiten Grund. Wenn uns jemand seine Wertschätzung und seine Zuneigung, seine Achtung oder sogar seine Liebe ausdrückt, dann spüren wir darin auch eine Verpflichtung. Da möchte jemand mit mir eine Beziehung aufnehmen. Da möchte mir jemand nahe kommen. Da möchte jemand, dass ich mich auf ihn einlasse. Davor schrecken wir auch oft zurück, obwohl wir uns zugleich mit jeder Faser unseres Leben danach sehen.

 

Menschen sind eben widersprüchliche Wesen. Hab mich lieb und lass mich in Ruhe. Komm mir nahe und bleib mir fern. Wir sind innerlich oft sehr zerrissen.

 

Das macht das Leben manchmal wirklich schwer. Paare, die schon länger zusammen sind, kennen das sehr genau. Und auch die Beziehung von Kindern und Eltern ist davon geprägt. Und in der Politik erleben wir es jeden Tag.

Wir warten auf ein gutes Wort, und wir hören es nicht. Wie sagen ein gutes Wort, und es wird nicht gehört. Aber der kleinste Anflug von Kritik macht uns nervös oder sogar aggressiv, wir ziehen uns zurück – und werden noch unerreichbarer. Ein wahrer Teufelskreis, der eine Beziehung, eine Freundschaft, ja sogar eine tiefe Liebe auf Dauer zersetzen kann.

 

Was braucht es, damit dieser Teufelskreis gar nicht erst in Gang kommt?

 

Es braucht Vertrauen. Und zwar ein doppeltes Vertrauen. Zum einen braucht es das Vertrauen in den anderen Menschen. Dass er es wirklich gut mit mir meint, auch wenn er das vielleicht nicht so ausdrücken kann. Dass er es auch gut mit mir meint, wenn er mal ein böses Wort sagt, Kritik äußert oder schlicht genervt und gereizt ist.

 

Und darum braucht es zugleich auch Selbstvertrauen, ein Vertrauen darauf, dass ich im Grunde in Ordnung bin, dass ich liebenswert bin, und dass der andere mich auch dann noch liebt, wenn ich das gar nicht spüre. Es ist ein Stück Erwachsenwerden, damit umzugehen. Einen Menschen, der ein gutes Vertrauen in sich und die anderen Menschen hat, den nennen wir reif und erwachsen, und es wäre schön, wenn wir immer so wären.

 

Erwachsene Menschen wissen, dass Wörter zweischneidige Schwerter sind, die tief verletzen können und gut heilen können. Und darum nennt der Apostel das Wort Gottes auch ein zweischneidiges Schwert. Denn mit Gottes Wort ist es genauso. Auch dieses Wort kann uns verletzen und kann uns heilen, kann uns kleinmachen und kann uns aufbauen.

 

Glaube meint nun: Darauf zu vertrauen, dass Gottes Wort zwar zweischneidig ist, aber dass es immer zum Guten gemeint ist. Dass Gott sein Wort niemals dazu einsetzt, uns zu verletzen, sondern immer nur, um uns Gutes zu tun. Alles, was wir von Gott hören, ist sozusagen von der Liebe eingeklammert, ist zu uns gesagt in der Absicht, uns zu stärken und zu trösten.

 

Nehmen wir die 10 Gebote, als die vielleicht bekanntesten Worte Gottes. Sie sind gemeint als Richtschnur zum Leben, sie beschreiben, wie das Leben gelingen kann und wie wir in Frieden leben können. Das ist gut gemeint, sehr gut gemeint sogar. Diese Gebote sind ein großes Geschenk. Aber natürlich erinnern sie uns zugleich auch daran, dass wir eben nicht so leben, wie es die Gebote sagen. Dass wir es mit der Wahrheit oft nicht so genau nehmen, dass wir eben doch auch neidisch und missgünstig sind, dass unser Begehren sich oft auf andere richtet und wir damit Beziehungen in Gefahr bringen, dass wir eben nicht ständig unser Leben vor Gott führen. Dann klingen die Gebote wie Drohungen. Obwohl sie gut gemeint sind. Obwohl sie Worte zum Leben sein wollen, hören wir sie als Anklage, oder wie man früher sagte: Als Gericht, als Verurteilung.

 

Und jetzt kommt der Glaube ins Spiel. Jetzt kommt auch Jesus ins Spiel. Seine ganze Botschaft, sein ganzes Leben war darauf ausgerichtet, uns Gottes Wort, uns die Botschaft Gottes, als etwas Gutes, Wohlmeinendes, Wertschätzendes nahe zu bringen.

 

Für mich ist das alles in den einen schönen Wort von Jesus versammelt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“. Wir sollen und brauchen uns vor Gott nicht fürchten, sondern wir können und sollen sein Wort als ein Wort der Liebe und der Zuwendung hören – auch dann, wenn es uns mal schneidend vorkommt: So ist doch zu unserem Besten gemeint. Es ist auch wichtig, und auch ein Ausdruck von Wertschätzung, dass er uns auf unsere Fehler und Schwächen aufmerksam macht, dass er uns warnt vor bestimmten Verhaltensweisen, weil sie uns Schaden zufügen. Ist das nicht das, was Eltern, Lehrer und Lehrerinnen, gute Freunde und Freundinnen und geliebte Menschen auch tun?

 

Es ist auch an uns, wie wir die Worte hören wollen. Und anders als bei Menschen, wo immer auch ein Rest an Zweifel bleiben wird, ob sie es wirklich gut mit uns meinen, und anders als bei Menschen, wo wir eben doch damit rechnen müssen, dass sie es übel mit uns meinen, ist das bei Gott eben nicht so.

 

Er meint es immer gut. Darauf können wir uns verlassen. Es ein Zeichen für einen reifen Glauben, dass er Gott nur Gutes unterstellt. Und wer aus diesem Glauben, aus diesem Vertrauen heraus lebt, der wird auch genug Selbstvertrauen, genug innere Stärke bekommen, mit den Verletzungen zu leben, die uns Menschen zufügen.

 

Wer aus diesem Glauben lebt, wird die Kraft und die Stärke finden, auf ein böses Wort mit einem guten Wort zu reagieren. Das ist was die Bibel „Versöhnung“ nennt, die der Anfang des Friedens ist.

 

Letztlich ist es eine Entscheidung, ob wir Menschen oder ob wir Gott das letzte und gültige Wort über uns sagen lassen. Für Jesus, nachdem wir uns ja nicht ohne Grund Christen nennen, ist es völlig klar: Gott kann es nur gut mit uns meinen. Er spricht das letzte und gültige Wort über mich.

 

Dieser Gedanke, dieses Wort ist der Anfang und Weg in ein gutes Leben, in dem nicht die Angst, sondern das Vertrauen unseren Weg bestimmt. Lasst Euch darauf ein, es lohnt sich. Fürchtet Euch nicht vor dem Wort Gottes, auch wenn es ein zweischneidiges Schwert ist.

Das wird euch helfen, damit zurecht zu kommen, das menschliche Worte oft zweideutig sind. Das Wort Gottes ist es nicht. Wer das gute Wort Gottes als gutes Wort hört, wird auch gute Worte für sich und andere finden und damit einen Weg zum inneren und äußeren Frieden. Das ist jedenfalls unsere Hoffnung.

 

Amen.

Mittwoch, 19. Januar 2022

Glaube ohne Grenzen. Predigt zu Mt 8, 5-13, 3. Sonntag nach Epiphanias, 23.1.2022

 

Der Hauptmann von Kapernaum

5 Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn 6 und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. 7 Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. 8 Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. 9 Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er's.

10 Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!  Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;

12 aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

13 Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

 

Liebe Gemeinde:

Die Botschaft ist völlig klar. Die Gute Nachricht, die Frohe Botschaft, das Evangelium, der Glaube, das Wort Gottes, die christliche Religion – nennt es, wie ihr wollt, kennt keine Grenzen, keine Nationen, keine Völker, keine Stämme, keine Rassen, kein Geschlecht und keinen Stand.

 

Ja, mehr noch, sie kennt auch keinen Verdienst und keine Würdigkeit, keine Privilegien und keine Barrieren, keine Hierarchien und keine Ordnungen. Es kommt nur auf Vertrauen an.

 

Genau davon erzählt die so harmlos daherkommende Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum. Jesus heilt den Knecht eines römischen Hauptmanns auf dessen Bitte hin. Wir schauen uns das gleich noch genauer an.

 

Aber es ist völlig deutlich: was Jesus hier macht, ist nichts anderes als Feindesliebe. Denn ein römischer Hauptmann: Das war der Feind schlechthin, der Besatzer, ein Symbol der Unfreiheit des jüdischen Volkes, ein Agent der verhassten Großmacht im Westen. Was Jesus hier tut, ist eine Provokation ersten Ranges. Er stellt sich damit gegen so gut wie alles, was die meisten Menschen empfanden. Ein Römer war ja nicht nur ein Besatzer. Er war ja vermutlich sogar ein Heide, also einer, der gar nicht an den Gott Israels glaubte. Obwohl man das so genau nicht wissen kann, es gab schon auch römische Soldaten und Offiziere, die sich dem Judentum zuwandten. Aber sagen wir mal so: so „ganz richtige“ Juden waren sie nach damaligem Denken damit nicht. Na, und so weiter. Ich denke, es ist ziemlich klar: Jesus überschreitet hier eine deutliche Grenze, eine Grenze, die uns nur zu vertraut ist.

 

Am Ende steht die schlichte Botschaft: Gottes Gnade und Barmherzigkeit ist für alle da. Und zwar, das ist dann die nächste Spitze, auch ohne Vorbedingungen. Dafür müssen wir uns die Geschichte jetzt genauer ansehen.

 

Jesus betritt die Stadt Kapernaum, in der er für eine Weile gelebt hat, im Norden Israels, am See Genezareth. Er ist schon eine Weile unterwegs, es hat sich schon herumgesprochen, wer er ist, oder besser gesagt: Was die Menschen denken, wer er sei. Ein besonders begabter Prophet und Gottesmann, der auf eine ganze neue und ziemlich radikale Weise von Gott spricht, der sich mit der religiösen und politischen Obrigkeit, vor allem aber mit den traditionellen Gelehrten, angelegt hat und der, besonders wichtig, heilende Kräfte hat.

 

In dem Moment also, wo er die Stadt betritt, kommt ihm ein römischer Hauptmann entgegen und spricht ihn an. Das ist nach den damaligen religiösen Regeln, jedenfalls in ihrer strengen Auslegung, eine schwierige Situation für Jesus: Eigentlich sollte er den Kontakt mit einem solchen Menschen eher vermeiden.

 

Aber der spricht ihn sofort an, und er sagt zu ihm „Herr“! Das ist eine starke Anrede, die schon zeigt, dass dieser Hauptmann mit einer sehr ungewöhnlichen Bitte zu Jesus kommt. Ein römischer Hauptmann, der einen jüdischen Rabbi mit „Herr“ anredet. Man kann sich vorstellen, wie die umstehende Menge und seine Jünger verwundert waren, wenn nicht sogar ein wenig erschrocken. Der Hauptmann redet also sofort los: Mein Knecht ist krank und leidet sehr! Und ohne Zögern, ohne Rückfragen antwortet Jesus.

 

Auch das ganz ungewöhnlich. Jesus will gar nicht wissen, mit wem es hier zu tun hat. Er sieht es: ein Mensch in Not steht vor ihm, und zwar ein Mensch, der in Not ist, weil ein anderer Mensch in Not ist. Der Hauptmann will gar nicht für sich, jedenfalls nicht direkt, sondern für seinen Diener, wie man das Wort „Knecht“ heute besser übersetzen sollte. Unter Umständen war es sogar ein Sklave, was die Situation noch heikler macht Seit wann kümmert sich ein Sklavenhalter um das Wohlergehen seines Sklaven? 

Wie auch immer: keine Rückfragen. Jesus antwortet: „Ich will kommen und ihn gesund machen“. Man sieht förmlich, wie die umstehende Menge sich fragt: Wie, einfach so? Und er will auch noch hingehen, er will in das Haus eines Menschen gehen, der erstens ein Fremder, zweitens ein Nicht-Jude und drittens ein Römer ist? Das ist stark - bisher war Jesus zwar auch in Häuser gegangen, die in zumindest ein streng religiöser frommer Jude nicht geht. In das Haus von Matthäus zum Beispiel, der ein Zolleinnehmer für die Römer war, aber immerhin einer, der bereute, was er getan hat. Jesus war auch in das Haus eines Phärisäers gegangen, einer von den jüdischen Gelehrten, die Jesus sehr kritisch gegenüberstanden. Das kannte man also schon.

Aber das hier ist noch einmal ein Schritt darüber hinaus. Und das spürt auch der Hauptmann – er wehrt diesen Gedanken ab. Aber mit was für einem seltsamen Argument:

 

„Herr“, sagt er, also wieder: „Herr“! – so redet ein Sklave seinen Besitzer an oder ein niedrigstehender einen Höherstehenden, also wieder. „Herr“.

„Herr, ich bin nicht würdig, dass du unter mein Dach gehst, aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund“. Der Hauptmann stellt sich unter Jesus und geht davon aus, dass Jesus das auch aus der Ferne erledigen kann. Der Hauptmann glaubt an die Kraft Jesu, und daran, dass Jesus, wie auch immer, weit über ihm steht. Deswegen erklärt er auch sofort, wie er das sieht: „Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er's“.

 

Der Hauptmann geht davon aus, dass Jesus eine Kraft hat, den bösen Geistern, die seinen Diener krank gemacht haben, auch aus der Ferne Befehle zu geben und dass die das dann tun, wie seine Soldaten Befehle erfüllen.

Nun ist uns dieser Gedanke heute etwas fremd, weil wir ja wissen, dass nicht böse Geister am Werk sind, aber das spielt hier letztlich keine Rolle. Was sich hier zeigt, ist das ungeheure Zutrauen des Hauptmannes in Jesus.

 

Und das verblüfft jetzt sogar Jesus. Er wendet sich an die Umstehenden und sagt: „Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!“

Das ist ein sehr harter Satz!

Den muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Jesus behauptet hier nichts anderes, als dass dieser Hauptmann mehr oder weniger der erste ist, der wirklich an ihn glaubt, mehr alle alle jüdischen Menschen, mit denen Jesus bisher zu tun hat. Ein ziemlich grenzwertiger Satz, man kann ja leicht hier wieder den uns sehr vertrauten Judenhass am Werk sehen. Aber das war Jesus natürlich sehr fremd. Ihm geht es hier um etwas anderes – und um das noch verstärken, schiebt er etwas für unser Ohren recht Rätselhaftes nach: „Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern“. Was er meint: Am Ende der Zeit werden Menschen aus allen Völkern kommen und bei Gott mit am Tisch sitzen, aber die, die sich selbst für die wahren Frommen halten, werden ausgestoßen werden – weil sie auf ihre Herkunft vertraut haben, auf ihren Stand, auf ihre Frömmigkeit und ihre Tradition, auf ihre Religion und ihre Frömmigkeit. Eine sehr heftige Zuspitzung, die leicht falsch verstanden werden kann. Es kommt Jesus hier auf den Kontrast an:

 

Aber das, was wir Menschen so für wichtig halten, wird nicht zählen. Worauf es ankommt, ist Vertrauen, Vertrauen auf Gott. Und zwar ein Vertrauen, dass wirklich nur auf die Kraft Gottes zum Guten, auf seine Barmherzigkeit und Liebe vertraut, und eben nicht auf Stand, Herkunft und Privilegien. Und dann: „Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.“

 

Das Wunder geschieht, und es wird gar nicht berichtet wie genau, weil das auch gar nicht wichtig ist. Gemeint ist: Das Gebet dieses Mannes wird erhört, weil es voller Vertrauen gesprochen wurde.

 

Letztlich kann man das ganz einfach sagen: Es ist der Glaube dieses Mannes, dieses geradezu kindliche Vertrauen, auf das es ankommt und der Berge versetzen kann. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“, sagt Jesus an anderer Stelle, „werdet ihr das Reich Gottes nicht erlangen“.

Was Gott von uns will, ist einfach nur Vertrauen. Alles andere, alle sonstigen Regeln und Bestimmung, alles was uns Menschen sonst so wichtig und bedeutsam ist, alles, nach dem wir Menschen sonst so einteilen und beurteilen, spielt hier überhaupt keine Rolle. Hier ist ein Mensch in Not, in seiner Not wendet er sich an Jesus, voller Vertrauen, und so wird ihm geholfen. Einfach, weil er ein Mensch in Not ist.

Das ist es, worum es im Glauben geht. Vertrauen über alle Grenzen hinweg. Man kann es noch einfacher sagen: Gottes Liebe ist für alle da, die sie brauchen. Und wer braucht sie nicht? Es gibt da keine Schranken.

So einfach ist das. Und es bleibt für uns eine Herausforderung, denn wir wissen, dass es unter uns nicht so läuft. Darum ist der Glaube immer auch eine Anfrage an uns: Worauf vertraust Du?

Amen.

 

Sonntag, 16. Januar 2022

Gesunder Menschenverstand. 1. Kor 2,1-10, Predigt für den 2. S. n. Epiphanias, 16.1.2022

 

1. Korinther 2, 1-0

Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen.  Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.  Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern;  und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft,  auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

 Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.  Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,  die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.  Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jes 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«

Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.

 

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn.

 

Es gibt nichts daran zu deuteln: Der Glaube widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Denn der gesunde Menschenverstand neigt dazu, nur das für wahr und sicher zu halten, was er sehen kann und was er selbst erfahren hat. „Ich glaube nur, was ich sehe“, sagen wir dann.

 

Doch denkt man darüber einen Moment nach, dann kommt man schnell darauf, dass wohl doch eine zu einfache Sicht der Dinge ist. Der sogenannte gesunde Menschenverstand macht es sich da zu einfach. So gesund, wie er meint, ist er nämlich gar nicht: er lieg of sehr daneben.

 

Denn unsere Erfahrungen und unser Augenschein können uns sehr täuschen. Weil viele von dem, was wahr ist, unsichtbar ist.

Nehmen wir ein ganz aktuelles Beispiel: Dass Krankheiten von Viren und Bakterien übertragen werden, wissen wir zwar inzwischen. Aber woher wissen wir das?

Die wenigsten von uns werden je ein Bakterium oder einen Virus mit eigenen Augen gesehen haben. Man braucht dafür ein Instrument: ein Mikroskop. Wir wissen daher von Bakterien und Viren nur aus zweiter Hand. Wir vertrauen auf die Ergebnisse der Wissenschaft.

 

Und die Wissenschaft enthüllt Dinge, die wir eben nicht mit bloßem Auge sehen, sondern die sich uns nur mit komplizierten Experimenten und jahrelanger Forschung erschließen, und oft ist das, was dabei herauskommt, völlig gegen unser Empfinden.

 

So hat es auch fast drei Jahrhunderte gedauert, bis alle Menschen akzeptiert haben, dass Krankheiten durch Ansteckung übertragen werden, und das hinter der Ansteckung Bakterien und Viren stecken. Bis noch vor gut 150 Jahren dachte man, Krankheiten übertragen sich durch Gerüche, wenn man nicht sogar annahm, dass am Ende böse Geister und Dämonen oder gar Gott dahinterstecken.

 

Und oft ist das, was die Wissenschaft herausbekommt, so gegen unser Empfinden, dass es uns schwerfällt, das zu glauben. Von gut 150 Jahren verstand ein Arzt diesen Zusammenhang, Ignaz Semmelweis.

Der war Geburtshelfer und stellte sich die Frage, warum so viele Frauen am Kindbettfieber starben. Und er fand heraus, durch jahrelange Beobachtung und Versuche, dass die Frauen nicht so schnell krank werden, wenn sich die Ärzte und Hebammen die Hände waschen.

Er führte also in seinem Krankenhaus das Händewaschen ein. Und obwohl in seinem Krankenhaus die Sterblichkeit rapide abnahm, wurde er für seine Entdeckung verspottet und verlacht – Händeaschen galt damals als eher schädlich. Es kostete ihn seine Karriere und seinen guten Ruf.

 

Erst 50 Jahre später wurden seine Ergebnisse von der Wissenschaft bestätigt und das, wir heute Hygiene nennen, allgemein eingeführt. Aber immer noch gegen starke Widerstände: zu sehr wiedersprach das, was er da herausgefunden hatte, dem gesunden Menschenverstand. Heute ist Ignaz Semmelweis einer der großen Helden der Medizin.

 

Das ist nur ein ziemlich einfaches Beispiel dafür, wie unser alltägliches Wissen, wie unser gesunder Menschenverstand, schief liegen kann, weil er eben nur sieht, was vor Augen liegt.

 

Die Sonne, so sagt unser Augenschein, geht im Ostern auf und im Westen unter, denn das ist das, was wir sehen. Wir wissen aber inzwischen – auch nach Jahrhunderten erbitterter Kämpfe um diese Wahrheit – dass das falsch ist. Die Erde dreht sich, und die Erde rast um die Sonne, deswegen wandert sie über den Horizont. Unser natürliches Empfinden liegt hier völlig falsch.

 

Wir sind bei vielem, was wir wissen können, tatsächlich darauf angewiesen, dass wir Menschen glauben. Glauben im Sinne von Vertrauen. Wir müssen den Wissenschaftlern vertrauen, wenn sie uns ihre Ergebnisse mitteilen. Was wir mit der Pandemie gerade erleben, der Streit um das Impfen, hat ja viel damit zu tun, dass wir der Wissenschaft glauben – oder eben nicht. Ein Großteil der sogenannten Impfskeptiker und Impfverweigerer bringen hier kein Vertrauen auf, obwohl die Statistiken eindeutig sind. Impfen hilft uns in der Pandemie, weil es schwere und tödliche Erkrankungen verhindert, weil die die Ansteckungsrate senkt und die Risiken einer Impfung minimal sind gegenüber den Risiken einer Erkrankung. Aber da wir das im alltäglichen Leben nicht unbedingt mitkriegen, bleibt uns nur Vertrauen auf die Arbeit der Wissenschaftler, der bloße Augenschein hilft da nicht.

 

Das gilt auf allen Lebensgebieten. Das gilt zum Beispiel ja auch für die Liebe. Die kann man schließlich auch nicht sehen. Dass ein Mensch mich liebt, kann ich nur an Zeichen erkennen, und ich muss letztlich darauf vertrauen, dass das stimmt, was er sagt und dass die Liebe, die er mir zeigt, nicht geheuchelt ist, sondern echt und verlässlich. Wer kein Vertrauen aufbringt, keinen Glauben an den anderen Menschen, wird auch keine Liebe erfahren können. Die Liebe ist unsichtbar. Wir müssen darauf vertrauen, dass die Zeichen, die wir sehen, ein Zeichen dafür sind, dass wir wirklich geliebt werden.

 

Und da sind wir schon beim Glauben auch im religiösen Sinne. Denn Glauben heißt ja auch Vertrauen. Denn niemand hat Gott je gesehen. Gott ist unsichtbar. Glaube ist also ein Vertrauen auf etwas Unsichtbares, von dem wir nur Zeichen haben. Wir haben Zeichen von Gott, dass er uns vertraut und uns liebt, und dass wir ihm auch vertrauen und ihn lieben können.

 

Das Zeichen für Gott, das für uns Christen bestimmend ist, ist Jesus Christus. Das ist, was Paulus erlebt und erfahren hat, und diese Erfahrung gibt er an seine Gemeinden und damit an uns weiter – und vieles von dem, was wir von Jesus erzählen widerspricht auch dem gesunden Menschenverstand.

 

Denn die Geschichte, die wir von Jesus erzählen, erzählt so ganz anders von Gott, als wir uns Gott normalerweise so vorstellen. Wir erzählen die Geschichte eines Menschen, der die Liebe Gottes verkündigte, die den Menschen, uns, ohne wenn und aber, ohne Gegenleistungen und ohne Erwartungen an uns, liebt.

Das ist der Kern des Evangeliums. Gott liebt uns, weil wir seine Geschöpfe sind, aus keinem anderen Grund. Und er geht in seiner Liebe so weit, dass er Mensch wird und für seine Liebe sogar bereit ist, zu sterben. Gott geht in den Tod. Dafür steht das Kreuz. Dort erkennen wir Gott als einen Gott, der um der Liebe willen leidet, damit wir von der Angst vor Gott erlöst werden.

Mit dieser Botschaft eckte Paulus sehr an, wie ja auch schon Jesus damit aneckte. So von Gott zu reden, widerspricht dem gesunden Menschenverstand – schließlich haben sie ihn dafür umgebracht.

 

Ist Gott nicht allmächtig, allwissend und unsterblich? Paulus sagt: ja, das ist er. Aber benutzt seine Allmacht nicht gegen uns, sondern für uns. Er nimmt uns nicht alles ab, sondern er geht mit uns unseren Weg. Er lässt uns unsere Freiheit, und zu der gehört auch das Leiden und der Schmerz.

 

Und darum, sagt Paulus, ist für in das Bild von einem Gott am Kreuz so überzeugend und so stark. Es widerspricht der Weisheit dieser Welt, die sich einen fernen und bedrohlich allmächtigen Gott ausdenkt, der nichts anders ist als eine Karikatur unsere Angst.

 

Er widerspricht allen Versuchen, mit dieser Macht Gottes auch menschliche Macht zu begründen. Er widerspricht allen Versuchen, Gott zu beweisen, und stellt dann diese Stelle das Vertrauen, dass wir in Jesus erfahren, wer Gott in Wahrheit ist: Nach menschlichem Ermessen, nach der Logik des gesunden Menschenverstandes ist Jesus gescheitert, Aber genau darin zeigt sich Gott: verletzlich, solidarisch und mitleidend, dem Menschen nicht fern, sondern nah.

 

So haben es Christen über die Jahrhunderte immer wieder erlebt und sich damit gegen all die ausgedachten Götter dieser Welt gestellt, auch wenn sie dafür, wie Jesus und Paulus, ausgelacht und verspottet, ja sogar verfolgt und gequält worden sind.

 

Für Paulus ist das fast schon ein Zeichen dafür, dass die Botschaft wahr ist: der Glaube widerspricht dem gesunden Menschenverstand, weil der nur das kennt, was er sieht oder zu sehen meint. Der Glaube aber, als ein Vertrauen auf das, was man nicht sieht, schaut tiefer. Er sieht da Geheimnis in der Welt, das Gott ist und vertraut, ist, im Kreuz, das dem gesunden Menschenverstand, oder wie Paulus es nennt: der Weisheit dieser Welt, geradezu widerspricht.

 

Deswegen schreibt er:

 

Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jes 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«

 

Glauben, liebe Gemeinde, heißt Vertrauen darauf, dass Gott sich im Kreuz gezeigt hat. Gegen allen Augenschein, der hier nur einen leidenden Menschen sieht, sieht der Glaube hier einen leidenden Gott, der durch unser Leiden hindurchgegangen ist, um uns die Tür zum ewigen Leben zu öffnen. Glauben heißt Vertrauen, über den sogenannten gesunden Menschenverstand hinaus, der so oft völlig falsch liegt.

 

Schaut so auf die Welt, und überprüft, ob diese Art und Gott zu reden und diese Art, sich ihm zu nähern nicht doch überzeugender, tröstlicher, kräftiger und letztlich klüger ist, als alles, was wir uns über Gott so ausdenken.

 

Und wenn wir spüren, dass uns das in Unruhe versetzt, dann ist das ein gutes Zeichen: dann kommt die Wahrheit des Glaubens bei Euch an, die Wahrheit, die nicht vor Augen liegt, sondern auf die Vertrauen müssen auf das Zeugnis der Vielen hin, die damit bessere Erfahrungen gemacht haben, weil es ihnen halt, ihr altes Denken, das auf Angst und Furcht beruhte abzulegen, und ein neues Denken zu lernen, das auf Liebe und Vertrauen beruht und auf das Zeichen der Liebe Gottes schaut, das er für uns aufgerichtet hat: das Kreuz. Erkennen wir uns selbst nicht im Kreuz sehr viel klarer wieder, als in allen Phantasien von einem allmächtigen Gott, der fern von uns teilnahmslos im Himmel thront?

 

Wir reden, sagt Paulus,  darum davon: »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« Auf das unser Menschenverstand erleuchtet werde und über das hinausblickt, was vor Augen liegt. Da sind sich Glaube und Wissenschaft unglaublich ähnlich, nämlich: vernünftig.

 

Amen.

Samstag, 30. Oktober 2021

Über die Freiheit, kein Armleuchter zu sein. Predigtscribble für den Reformationstag 2021 zu Gal 5, 1-5

 




Das Reformationsfest ist das Fest der Freiheit, und wir haben klare und deutliche Worte aus der Bibel über die Freiheit gehört.

Aber was für eine Freiheit? Es ist das am meisten missbrauchte Wort der letzten Jahre, und ich bin geradezu entsetzt darüber, welches Schindluder damit getrieben wird. Lasst mich also eine Runde schimpfen. Heute also keine beschaulichen Worte über den Reformator, sondern eher Worte, wie sie der Reformator gesprochen haben könnte: voller Zorn und voller Vernunft. Bei erstem bin ich mir sicher. Das zweite könnt ihr überprüfen.  

 

Also: Über die Freiheit, kein Armleuchter zu sein.

 

Freedom Day. All warten drauf. Aber das wird kein Freedom day werden, sondern der Tag, wo die Freiheit noch mühsamer wird, als sie schon war.

 

Der wahre Freedom-Day war der 13. März 2020, als der Lockdown verkündigt wurde. Der Freedom-Day, auf den wir jetzt zugehen, wird keiner werden. Er wird uns, mit den Worten des Paulus, ein Joch auferlegen, mit dem wir uns in eine noch viel größere Unfreiheit hineinkatapultieren. Denn wovon werden wir befreit an diesem Freedom Day? Von Regeln, die uns geholfen haben, den Zustand zu erreichen, den wir jetzt haben. Ich finde den Begriff "Freedom Day", gerade als Christ, gerade auf der Grundlage der Worte des Paulus, die wir gehört haben, völlig unangemessen, ja sogar, ehrlich gesagt, ein bisschen verlogen. Das, was Christen mit Freiheit meinen, ist damit jedenfalls nicht gemeint.

 

Das ist eine steile These. Und ich will Euch erklären, warum.

 

Was ist Unfreiheit? Unfreiheit heißt: Regeln unterworfen zu sein, in seinen Handlungen eingeschränkt, in seiner Bewegung gehindert sein. Unfreiheit heißt, in Angst und Furcht zu leben, in Unsicherheit, Vertrauenslosigkeit und Verzagtheit. Die Betonung liegt auf: Regeln unterworfen sein. Wer Regeln unterworfen ist, ist ein unfreier Mensch. Er ist fremdbestimmt, lebt nicht sein Leben, sondern das Leben anderer. Wer auch immer diese Anderen sind.

 

Was ist Freiheit? Freiheit meint: Die Regeln, nach denen jemand lebt, selbst zu setzen. Freiheit meint, in Sicherheit und innerer Ruhe zu leben. Freiheit meint Selbstbestimmung.

 

 

Wie aber kann man zu dieser Freiheit gelangen? Der Philosoph Kant hat das vor über zweihundert Jahren formuliert, und er steht mit dem, was er das sagt, in der Tradition des Protestantismus und Luthers, und über Luther hinaus in der Tradition von Paulus. Frei ist ein Mensch, sagt Kant, wenn er sich an Regeln hält, weil er sie als vernünftig erkannt hat. Vernünftig sind Regeln, die das Leben so regeln, dass maximale Freiheit für jeden dabei herausspringt. Frei ist ein Mensch, der sich auch innerer Freiheit an die Regeln hält.

Das klingt auf den ersten Blick ziemlich ausgedacht und auch ein bisschen schräg. Heißt Freiheit nicht, tun und lassen, können, was man will? Heißt Freiheit nicht, von allen Zumutungen anderer Menschen oder gar Gottes völlig frei zu sein? Für egoistische Armleuchter schon. Für  vernunftbegabte Wesen nicht.  

 

Aber schauen wir uns mal Regeln an und üben wir ein wenig, echte Freiheit von falscher Freiheit zu unterscheiden.

 

Wer sich an die Verkehrsregeln hält, weil er weiß, dass er bestraft wird, wenn er sie übertritt: ist das ein freier Mensch? Oder ist der ein freier Mensch, der sich an die Verkehrsregeln hält, weil sie vernünftig sind, weil sie nach menschlichem Maß dafür sorgen, dass wir angstfrei am Verkehr teilnehmen können? Verkehrsregeln geben Sicherheit, dass ist ihr vernünftiger Grund. Und wer diesen vernünftigen Grund erkannt hat und sich freiwillig an die Regeln hält, der ist ein freier Mensch. Wer unbedingt meint, auf der Autobahn 200 km/h fahren zu dürfen, weil er sich ein fettes Auto leisten kann und gerne schnell fährt, ist ein unfreier Menschen: Getrieben von Gefühlen. Denn vernünftig ist das nicht. An dieser Stelle ist das Volk der Dichter und Denker gerade auf eine Weise anstrengend dumm, dass eigentlich weltweit alle den Kopf über uns schütteln. Ich habe das Gleichnis nicht ohne Grund gewählt. Die lächerliche Freiheit des Rasenkönnens ist ein großartiges Beispiel für die Freiheit der Armleuchter. Da rücke ich keinen Millimeter von ab, ich habe eine Schwester und zwei Freunde an den Autoverkehr verloren. 

 

Wer sich die Regeln des Handels hält, Verträge einhält, Rechnungen bezahlt,  Fristen einhält, Zusagen nachkommt: das ist ein freier Mensch, weil er diese Regeln als vernünftig erkannt hat, denn er möchte, dass alle Menschen auch ihn so behandeln. Wir möchten nicht betrogen, belogen und hintergangen werden. Die Regeln und Gesetze, nach denen wir Verträge schließen und Geschäfte machen, engen unserer Freiheit nicht ein, sie öffnen sie überhaupt erst. Sie geben uns Freiheit und Sicherheit.

 

Das ist der Sinn von Gesetzen. Sie wollen Freiheit eröffnen und Räume, in denen wir uns so sicher bewegen können, wie das nach menschlichem maß überhaupt möglich ist.

 

Das oberste Gebot der Freiheit lautet also: Handle immer so, dass die Art und Weise, wie du handelst, auch Gesetz für alle sein könnte.

 

Oder, wie Jesus es formulioert: handele so, wie du möchtest, dass du behandelt werden möchtest und wie du möchtest, dass alle anderen auch behandelt werden.

 

Und da sehen wir schon: Freiheit hat Grenzen. Nämlich die Grenze, an der wir anderen und uns selbst Schaden zufügen, Angst machen, wo wir das Leben anderer einengen und klein machen, wo wir Leben verhindern, anstatt es zu ermöglichen. Freiheit hat auch da Grenzen, wo das Gesetz und die Regeln nicht aus Gründen der Vernunft, sondern aus Angst und Furchtsamkeit gehalten werden. Wer mit dem Auto auf der Landstrasse 100 fährst, weil er Angst hat, geblitzt zu werden, ist eine unfreier Mensch.

Freiheit, so hat es die Historikern Hedwig Richter vor Kurzen formuliert,  ist nicht allein die Freiheit von Zumutungen, sie ist auch die Freiheit zu Zumutugen. Denn die Zumutung: das sind die anderen. Die Zumutung ist: das ich  nur frei sein kann, wenn andere frei sind.

 

 

Und darum haben alle Unrecht, die den Lockdown als einen Akt der Unfreiheit, des Einsperrens und der Beraubung von Rechten verstehen. Es war demokratischer Konsens, dass wir das miteinander tun. Weil jedem, der bei Trost war und verstanden hat, was das Wort „Pandemie“ meint, klar war: alles andere hätte verheerende Folgen.

Wir haben die Freiheiten, die wir haben, eingeschränkt, um Freiheit zu gewinnen. Das meinte ich damit, dass der 13. März 2020 der wahren freedom Day war. Und der Freedom Day, der das kommen soll, wird, wenn er zu früh kommt, erst recht in die Unfreiheit führen. Denn wenn er zu früh kommt, ist wieder jeder für jeden ein Risiko. Schöne Freiheit: wir heben die Verkehrsregeln auf. Gut für SUV-Fahrer. Schlecht für Fußgänger-

 

 

Und ich will Euch was sagen: dass wir als Kirchen durch diese Zeit ohne größer Ausbrüche, ohne schlimme Hotspot, ohne massenhaften Ansteckungen durchgekommen sind, hat viele damit zu tun, dass Christenmenschen wenigsten noch eine Ahnung davon haben, dass Freiheit nicht meint, zu tun und zu lassen, was einem in den Sinn kommt, sondern nach dem Wohl des Nächsten zu fragen und sich nicht von der Angst, sondern von der Vernunft bestimmen zu lassen.  

Die sogenannten Querdenker, und das ist der einzige Satz, den ich dazu sagen, denken genau darin völlig quer, dass die Freiheit, von der sie reden, nicht anderes ist als blanker Egoismus, als schiere Unvernunft und Selbstbezogenheit. Es ist die Freiheit der Raser auf der Autobahn, der Großmäuler auf dem Schulhof und der Vordrängler in der Kassenschlagen, es ist die Freiheit der Stammtischstrategen und Bescheidwisser. Ich bin dessen so müde, dass kann man sich gar nicht vorstellen.

Aber das ist eine letztlich kleine Groppe von Krakeelern, die durch die Medien großer gemacht worden sind, als sie sind. Es sind Scheinriesen, die kleiner werden, je näher man ihnen kommt.

Darum, meine Lieben, ist für mich der Tag des Lockdowns ein Tag der Freiheit gewesen. Und jetzt möchte ich wahrhaftig mit Paulus rufen: Zur Freiheit hat Euch Christus befreit! Lasst Euch nicht wieder unter das Joch der Knechtschaft zwingen, unter das Leben, dass sich nur an Regeln hält, weil die Angst es diktiert, anstatt in Freiheit sich Regeln zu setzen, die die Freiheit der anderen ermöglicht.  Ich sehe dem kommenden Freedom Day, so wie jetzt über ihn geredet wird, mit Sorge entgegen.

Meinetwegen solle es Freedom day heißen. Aber dann nur unter einer Voraussetzung: dass nun jeder für sich, auch ohne denZwang des Gesetztes, auch ohne Angst vor Strafe und Ausgrenzung, dass dann jede und Jede ihr Leben vernünftig lebt, immer eingedenk der Gefahr, die nach wie vor da sein wird. Immer eingedenkt der Alten und der Kinder, die noch lange nicht aus dem Schneider sind. Immer eingedenk der Kliniken und Krankenhäuser, in denen zutiefst erschöpfte Menschen arbeiten, die jetzt sogar Impfverweigerer bis zu derem Tod pflegen, und ich möchte nicht in der Haut eines Menschen stecken, der seine lebenswichtige Operation verschieben muss, weil ein Impfwahnwichtel sein Intensivbett belegt.

Wenn es einen Freedom Day geben solle, dann wir es der Tag sein, wo jeder für sich seine eigenen Freiheit Tag für Tag daran wird prüfen müssen, ob es die Freiheit anderer einschränkt. Der Freedom Day wird ein Working Day werden.

Als Christenmenschen sind wir freie Menschen. Unsere Freiheit hängt nicht an Gesetzen und Regeln. Unserer Freiheit hängt am vernünftigen Vertrauen. Glauben heißt Vertrauen, nicht ängstliches Halten von Regeln. Glauben heißt Vertrauen auf die Kraft der Liebe, die nicht das Ihre sucht, sondern das Wohl des Anderen, und dazu die Vernunft einsetzt.  

Da sind wir als Christenmenschen tatsächlich auch gefordert: sollte es einen freedom day geben, wird es der Tage sein, an dem sich die Freiheit von Christenmenschen darin bewährt, dass sie die Freiheit der andern achten, vorsichtig bleiben, rücksichtsvoll bleiben. Maske tragen, wenn sie krank sind, sich zurückziehen, wenn nicht ganz klar ist, wie es um einen steht, Rücksicht auf die, die schwächsten sind in unsere Gesllschaft. Das sind im Moment die Kinder und die Ungeimpften: Die einen weil sie nicht dürfen, sie brauchen besonderen Schutz. Die anderen, weil sie nicht wollen. Hier gilt: Liebet Eure Feinde. Da fällt mir das unglaublich schwer.

Unsere Freiheit bewährt sich darin, dass wir die Freiheit der anderen achten – gerade weil wir frei sind. .

Das ist, was Paulus seinen Galatern ins Stammbuch schreibt, wenn er ihnen zuruft: Zur Freiheit hat Euch Christus befreit. Es ist die Freiheit von der Angst, es ist die Freiheit zur Liebe.

 

Sollte der Freedom Day unter dieser Maxime stehen: dann soll er kommen. Aber ich sage Euch: Dann fängt die Arbeit erst richtig an – es wird keine Rückkehr zur Normalität geben, solange die Krankheit nicht besiegt, ausgerottet oder harmlos geworden ist.

Gott schenke uns Vernunft und Einsicht, Kraft und Charakterstärke, diese Herausforderung, diese Prüfung zu bestehen. Denn es warten noch ganz andere Herausforderungen an unsere Fähigkeit zur Freeheit auf uns, der uns noch ganz anderes abverlangen wird: Aber über den Klimawandel predige ich ein anderes Mal.

 

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Freiheit vom Egoismus, Freiheit vom Aberglauben, Freiheit von religiösen Fesseln. Freiheit zur Entscheidung für die Vernunft, Freiheit für das Ergreifen der Liebe, Freiheit, die Freiheit der anderen zu schützen. Freiheit, keine Armleuchter zu sein. Und das ist schon richtig viel.

Lasst uns dafür dankbar sein an diesem Tag, der unter der Losung der Freiheit steht, aber auch an jedem Morgen, wenn wir aufwachen und in den Tag gehen. So bewähren wir uns als Christenmenschen in der Welt zum Wohle der Welt. 





Feuer im Netz. Gebet zum Abschluss des Digitaltages von EKHN und EKKW

 Zwischen Bit und Bytes. Dein Wort

Im Tanz der Elektronen: Deine Kraft

In Netz der Netze: Deine Energie,

Mehr als neuronal

Über alle kosmischen Strings hinaus:

Ewige Schwingung von Liebe zu Liebe.

 

Vielfältig sprichst Du

In Zeichen und Gesten

Berührst Du

Bewegst Du

Rufst du ins Leben

Führst zusammen

Bist Du präsent

In allen Räumen.

 

Licht bist du

Aus dem innersten Kern

Der dreieinigen Umarmung

Pure Energie

 

Die Welten verschmelzen

Unter dem Feuer Deiner Liebe,

Die Ströme der Gnade

Durchpulsen alles,

Was Geschaffenes ist

 

Atmendes, Stoffwechselndes,

Glühendes, Kaltes

Gewachsenes; Menschengemachtes,

Alles, was schaltet und waltet.

 

Alles durchpowert von Dir:

Nimm uns hinein in diesen Fluß

Webe uns ein in dein Netz

 

Weltweit wirke Dein Segen

In allen, die wir lieben

Mehr noch in allen

Die uns hassen

Die zu lieben

Uns schwerfällt.

 

Speise die Armen

Tröste die Trauernden

Die Vermessenen weise in ihre Schranken

Den Lügnern falle ins Wort

Hetze lasse erlahmen

Wehre der Gewalt

Kranken schenke Gesundheit

Trauenden und Sterbenden Hoffnung

Deiner Kirche mache Mut

Neue Räume zu betreten.

 

Steh uns bei

 

Leuchte uns entgegen

Im Licht der Displays

Im Strahlen der Sonne

Im Blick, der uns trifft

Und aus dem du uns anschaust:

Jesus Christus.

 

Es segne und behüte uns der barmherzige Gott,

Vater, Sohn, Heiliger Geist