Was mich da anglotzt
sind meine augen
erloschener funke
vergangener tränen
noch nur ein traum
warte.
wecke mich erst
wenn es vorbei ist
Schenk mir die gnade
von Adams erstem schlaf.
Was mich da anglotzt
sind meine augen
erloschener funke
vergangener tränen
noch nur ein traum
warte.
wecke mich erst
wenn es vorbei ist
Schenk mir die gnade
von Adams erstem schlaf.
Krieg
sagen sie
zerstört als erstes die wahrheit.
Wie aber wenn es so wäre:
dass er die wahrheit vielmehr
ans licht bringt?
Kyrie eleison
Deine Erde
hat den menschen
nicht verdient. Was hat
sie getan dass du
sie der bestie anvertraust?
Deine gnade ist geradezu
ärgerlich unbegreifbar.
milde rhythmen blaue noten
braungrüne töne über silbernem schlag
das herz ganz langsam
zug für zug
pumpen die lungen
gelbliche luft
lila neuronen pulsen
gegen die angst
web dich ein
hilf mir atmen
grab mich aus
Mit einem stein
Einem lächerlichen stein
Und einer schlaufe
Einer lächerlichen schlaufe
Und einem segen
Einem lächerlichen segen
Warf er ihn um
Wurde dann selbst
lächerlich
vielfacher mörder, schänder, tyrann
Was macht macht.
Hab kein wort mehr
für dich. Todesengel flattern
wie am jüngsten tag. Es stinkt
nach offenem körper
Endzeitfliegen umsurrt
liegt Kains last
schwer auf der liebe
die aus Wunden stammt, deinen!
Ein wunsch nur für mich: erklärs mir
Für alle andren:
Mach ein ende
mit dem gesterbe.
S
Warum? Frag ich schon lange nicht mehr.
Die Antwort übersteigt wohl mein Begreifen:
Nach tausend Büchern kein einziger Satz
und wenn, dann gefällt er mir gar nicht:
Evas Versagen? Adams Schuld? Kains Fluch?
So kleinlich?
Der Preis der Freiheit? So zynisch?
Lass gut sein
Aber “Wie lange noch“
das quält mich
nicht nur für mich.
Lass die Granate ins Leere platzen
Die Rakete trudele ins All und zerschelle lautlos
Dem Panzer lass die Kette reißen
Und feucht möge werden das Pulver
krepieren jegliche Zündung in einem
grotesken Wölkchen von süßlichem Rauch.
Erlahmen soll alles, was rollt zum finstern Geschäft
im klebrigen Schlamm.
Den Feind treffe das Schwert,
das er nicht erhob: das der Gerechtigkeit.
Mütter holen ihre Söhne zurück
Und Väter treten den Generälen
In den ordengeschmückten Arsch.
Die Gattin verweigere sich dem Mörder
Und die Töchter dissen den eiskalten Vater,
Die Söhne fesseln den Irregewordenen
An sein Bett.
Die Völker scheissen auf Grenzen und Sprachen
Und werfen die Fesseln ab der Verblendung:
Niemals, niemals sei Tod ein Mittel
Niemals, niemals sei Tod ein Zweck
Selbst die Hasser sollen leben
Befreit vom Gift
Und sei es
Mit bezwingender Gewalt
die vernichtet
was vernichtet
Und wenn’s vollbracht ist
Sollen Gebete wie diese
nie wieder gebetet werden.
Mk 8, 31-38
31 Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. 32 Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. 33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich,
34 Und er rief zu sich das Volk samt
seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne
sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer
sein Leben behalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um
meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's behalten. 36 Denn
was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an
seiner Seele? 37 Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele
auslöse? 38 Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem
ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der
Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit
den heiligen Engeln.
Liebe Gemeinde,
Wenn
ein römischer Feldherr in einem Kriegszug erfolgreich und siegreich war, wurde
ihm ein Triumphzug zugestanden: Ein Festzug, mit ihm an der Spitze, aus Wagen voller Kriegsbeute, aber auch, und
noch viel wichtiger, aus Gefangenen, die je nach politischer Situation entweder
als Geiseln gehalten wurden, als Sklaven weiterverkauft oder in einer
spektakulären Strafaktion im Zirkus hingerichtet wurden. Doch hinter dem
Feldherrn lief ein Sklave, der einen Lorbeerkranz über den Kopf des Feldherrn
hielt und ständig rufen musste: memento mori! Bedenke, dass Du sterblich bist!
Das ist ja als Redensart bis heute gebräuchlich. Die Erwartung und die Hoffnung
war, dass dieser Ruf verhinderte, dass der Sieg dem Sieger zu Kopf stieg. Wie
man weiß, hat das wenig gefruchtet. Viele der römischen Kaiser und Feldherrn
wurden zu Tyrannen und Schreckensherrschern, ließen sich als Götter verehren
und konnten oft nur durch Mord beseitigt werden, wenn es zu schlimm wurde. Man
nennt das deshalb den Cäsarenwahn, der Größenwahnsinn oder den Hochmut dessen
des Mächtigen. Offensichtlich lässt sich Macht, vor allem ihr Missbrauch, nicht
dadurch bändigen, dass man Menschen daran erinnert, dass sie sterben müssen.
Eher im Gegenteil: die Angst vor dem Tod und dem Sterben führt gerade bei machtbesessenen
Menschen dazu, dass sie erst recht ihre Menschlichkeit und jegliches Maß
verlieren. An den eigenen Tod erinnert zu werden, macht die wenigsten
bescheiden.
Jesus
geht einen anderen Weg. Davon erzählt die Geschichte heute. Jesus spricht von
seinem Tod, den er kommen sieht. Er erinnert seine Jünger daran, dass er
sterben wird. Das wollen die auch nicht hören, wir haben ja gehört, wie Petrus
darauf reagiert: Er wehrt den Gedanken ab. Und muss sich von Jesus einen
strengen Verweis einfangen: Du denkst nicht, was göttlich ist, sondern was
menschlich ist. Menschlich ist es, die Sterblichkeit und die Verletzlichkeit zu
vergessen. Doch das, was Jesus sagt, unterscheidet sich von dem, was der
römische Sklave ruft. Indem Jesus auf seinen Tod aufmerksam macht, spricht er
von der Verletzlichkeit und der Sterblichkeit der anderen Menschen, er dreht
die Sichtweise herum. Was Petrus und die Jünger so aufbringt und aufwühlt, ist
der Gedanke, Jesus zu verlieren. Jesus zieht den Blick auf die Verletzlichkeit
und die Verwundbarkeit der Anderen. Dafür geht er an das Kreuz. Dafür ist das
Kreuz ein Symbol. Wenn wir in unser Tradition mit den alten Formeln sagen: „Er
ist für uns gestorben“, dann ist damit gemeint: Er zeigt uns das Sterben der
Anderen als Folge unseres Handelns. Denn er stirbt, weil eine bestimmte Gruppe
von Herrschenden und Mächtigen seinen Ruf zur Liebe und seine Botschaft vom
gnädigen Gott nicht hören wollen, weil er ihre Macht in Frage stellt und sie
darauf mit Gewalt antworten – mit einer Gewalt, die einen anderen, einen
Unschuldigen sogar in diesem Falle, treffen wird. Das Kreuz steht nicht nur für
unseren Tod. Es steht für den Tod der anderen. Dieser Blick auf den Anderen als
den, der in Not und Gefahr geraten kann auch durch das, was wir tun, das ist
der christliche Blick auf den Menschen. An anderer Stelle sagt Jesus das dann
ins Positive gewendet: ich lebe und ihr sollt auch leben! (Joh 14, 19). Es geht
nicht nur darum, das Leiden und den Schmerz der anderen zu lindern oder wenn
möglich zu verhindern, es geht darum, auch den anderen Menschen zu einem guten
Leben, zu einem Leben ohne unnötige Angst, zu einem Leben in Frieden und
Sicherheit zu führen. Dafür ist uns die Macht gegeben. Das geht darum sehr viel
tiefer als der bloße Ruf: „Bedenke, dass du sterben musst“. Der christliche Ruf
lautet: Bedenke, dass die Anderen sterben müssen! Bedenke, dass Menschen
verletzlich sind!
Darum
ist der Krieg für uns keine Möglichkeit, Politik zu gestalten und Politik zu
machen. Die Aufgabe von Politik ist, angesichts der Sterblichkeit und der
Verletzlichkeit der Anderen dafür zu sorgen, dass das Leben trotzdem gelingen
kann, dass wir auch unter den Bedingen von Sterblichkeit und Verwundbarkeit,
soweit es irgend möglich ist, Angst bekämpfen, Gerechtigkeit ermöglichen und
Frieden gestalten.
Der
Schrecken und das Entsetzen, dass die Politik von Wladimir Putin in diesen
Tagen auslöst, trifft genau diesen Nerv. Er macht eine Politik, die radikal auf
seine Interessen bezogen ist, die nicht nach dem Leid und der Verletzlichkeit
der Anderen fragt, sondern kalt und berechnend den Tod anderer in Kauf nimmt.
Das ist der wahre Cäsarenwahn, dass ist die wahre Gefahr, die in der Macht
liegt, die nicht durch Regeln und Gesetze in Schranken gehalten wird, ein Wahn,
der radikal selbstbezogen und machtinteressiert ist.
Darum
redet Jesus auf einmal und auf den ersten Blick sehr unvermittelt genau davon:
„Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu
nehmen an seiner Seele“? Was hilft es dem Menschen, Land zu erobern, Reichtümer
zu scheffeln, Macht zu erweitern, wenn er dabei seine Menschlichkeit verliert?
Gemeint ist: seine Fähigkeit zum Mitgefühl, seine Fähigkeit, sich in die
anderen zu versetzen, die Fähigkeit, darüber zu erschrecken, was man anderen antun
kann. Wir nennen das heute mit dem griechischen Fremdwort „Empathie“, was auf
Deutsch nichts andere heißt als „Mitgefühl“. Eine Politik, die nicht nach dem
Leid des anderen fragt, ist nicht göttlich, richtet sich nicht am Auftrag aus,
Frieden zu stiften und sanftmütig zu sein, sondern sie ist menschlich in einem
negativen Sinne: Egoistisch, selbstbezogen und selbstverliebt. Darum sagt er
einen Satz vorher: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und
nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten
will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um
des Evangeliums willen, der wird's behalten“. Was Jesus meint, ist: Richte Dein
Leben nicht allein nach deinen Interessen aus, sondern an den Interessen der
anderen. Wer nur an sich denkt, wird sein leben verlieren, oder sagen wir
besser: Seine Menschlichkeit, seine Fähigkeit zu Mitgefühl. Leben ist hier
also, ganz scharf formuliert mit einem Satz von Dietrich Bonhoeffer: Dasein für
Andere.
Was
da gerade in der Ukraine geschieht und was wir da gerade erleben, ist genau
das: Hier werden Menschenleben geopfert wegen der Machtinteressen eines
einzelnen, hinter denen natürlich die Machtinteressen einer Gruppe steht, die
längst den Kontakt zum Leben, zum Leben der anderen, verloren hat, und ihre
Macht nur dazu nutzt, ihre eigene Macht zu stärken. Davor erschrecken wir, und
wir erschrecken davor vor allem auch deswegen, weil wir in den letzten 70
Jahren, nach den menschlichen Verwüstungen, die der zweite Weltkrieg und der
mörderische Holocaust am jüdischen Volk in Europa ausgelöst hat, doch etwas
gelernt haben. Wir hatten, zumindest in Europa, den Eindruck, dass wir da
weiter gekommen sind, dass wir gelernt haben, dass nur eine Politik, die sich
an den Bedürfnisse der Anderen ausrichtet, wirklich eine erfolgreiche Politik
ist, eine Politik, die mit der Verletzlichkeit und Verwundbarkeit der anderen
Menschen rechnet und dem auch Rechnung trägt.
Das
wird nun radikal in Frage gestellt, und wir müssen uns dieser Frage stellen,
weil ja die Frage im Raum steht, wie wir darauf antworten können und sollen.
Die Antwort kann auch christlicher Sicht, angesichts des Kreuzes Jesu nur
lauten: Auf keinen Fall mit Gewalt, auf keinen Fall mit einer Antwort, die
nicht nach den Leben derer fragt, die betroffen sind. Als Christen sollten wir
dafür beten, dass wir andere und bessere Wege finden, als Gewalt, selbst wenn
es uns Opfer kosten wird, selbst wenn die wirtschaftlichen Maßnahmen – und
welche anderen sollten es sein? – unseren Lebensstandard senken werden. Lassen
wir uns auf das böse Spiel der Gewalt ein, werden wir unsere Seele verlieren,
wird viel von dem, was wir uns erarbeitet haben, verloren gehen: Eine Politik,
die mit der Verletzlichkeit und der Verwundbarkeit der anderen rechnet, die
Leben bewahret um jeden Preis. Es hat also wenig Sinn, jetzt Wladimir Putin zu
verteufeln und zum Unmenschen zu erklären. Mag sein, dass der dem Cäsarenwahn
verfallen ist und alle Menschlichkeit verloren hat. Mag sein, dass sein Interesse
an der Macht so groß geworden ist, dass er vergessen hat, dass uns Macht vor
allem gegeben ist, damit Gutes zu tun. Das führt uns aber nicht weiter, so zu
denken, ist schon ein Schritt in den Abgrund, weil es mit gleicher Münze
heimzahlt. Die christliche Sicht der Dinge ist: Jetzt auf jeden Fall dafür zu
sorgen, dass die Gewalt eingedämmt wird und wir nicht auf Gewalt mit
Gegengewalt antworten, dass wir das Leiden der Menschen nicht aus den Augen
verlieren, sondern immer das Bewusstsein dafür bewahren, wie verletzlich,
verwundbar und wie kostbar das Leben der Anderen ist. Daran richtet sich eine
christliche Politik aus. Gott gebe uns die Kraft und die Stärke, in diesem
Sinne das zu denken, was göttlich ist: Das wir leben wollen uns sollen – und
die anderen auch. „Denn was würde es dem Menschen helfen, wenn die ganze Welt
gewönne, und doch seine Seele verliert?“ Die Antwort ist völlig klar: Nichts.
Gott hat es nicht beim Kreuz als letzte Antwort belassen. Er hat den Schmerz
überwunden und uns ein neues, ein anderes und besseres Leben eröffnet: Eines in
Hoffnung. In Hoffnung darauf, dass der Schmerz der Anderen den wir sehen, uns
dazu bringt, den Frieden zu suchen, um jeden Preis – außer dem des Todes.
Memento mori – ganz gewiss. Aber viel mehr noch: Bedenke, dass auch die anderen
verletzlich sind.
Amen.
Herr, unser Gott, wir bitten dich um Gedanken des Friedens.
Wecke das Mitgefühl in uns mit denen, die jetzt in Angst und Schrecken leben.
Lenke die Gedanken der Regierenden auf die Weisheit deines Gebotes, dem Leben zu dienen.
Lass uns nicht kalt und berechnend werden, erhalte uns die Menschlichkeit.
Schenke den Völkern die Kraft und den Mut, andere Wege zu finden, als Gewalt und Tod.
Sende uns und denen, denen wir Macht verliehen haben, Liebe zur Gerechtigkeit.
Lass uns erkennen, dass dein Kreuz ein Zeichen ist für das Ende der Gewalt.
Lass uns bereit sein, die nötigen Opfer zu bringen - außer dem Tod der Anderen.
Sende uns Gedanken des Friedens und wecke in uns die Phantasie, Wege zum Frieden zu finden.
Stehe denen bei, die um den Frieden ringen
und lass dein Wort des Lebens laut werden in der Welt des Todes.
Falle den Gewalttätigen in den Arm, lass sie dein Gericht fürchten.
Bewahre die Soldaten, schütze die Unschuldigen
Lass uns nicht die Feinde hassen, sondern das, was sie tun.
Lass uns nicht unseres Feindes Feind werden, sondern mutige Gegner des Bösen.
Lass nicht den Zorn, sondern die Sanftmut gewinnen,
gib nicht Gedanken von Rache und Heimzahlen Raum,
sondern lenke unsere Gedanken auf Frieden und Versöhnung.
Und stärke uns für den Kampf um den Frieden, und sei es durch Gewalt hindurch,
Kyrie eleison
Amen.
Predigt
12
Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes
zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch
Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Und
kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt
vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.
Liebe
Gemeinde!
Ein
übles Wort ist schnell gesagt – und kann nicht mehr zurückgenommen werden. Wir
können uns mit Worten verletzen, so sehr, dass es viel schwieriger heilt als
jede andere Wunde. Seelische Wunden sind sehr tiefe Wunden. Dadurch, dass wir
sprechen können, haben wir, von Kindesbeinen an, eine scharfe Waffe bei uns.
Und Erziehung meint zum nicht geringen Teil: zu lernen, mit dieser gefährlichen
Waffe umzugehen. Die Zunge, sagt eine Redensart, ist schärfer als jedes
Schwert, und weil das auch für die geschriebene Sprache gilt, heißt auch: Die
Feder ist mächtiger als das Schwert. Ich glaube nicht, dass ich dafür viele
Beispiele bringen muss. Jedem und jede wird sofort etwas einfallen. Schmerzen,
die wir mit Worte anrichten, könne sehr tief gehen.
Aber
das ist ja nur die eine Seite. Auf der anderen Seite können wir mit Worten auch
Gutes tun. Ein gutes Wort zu rechten Zeit gesagt, kann sehr tröstlich, sehr
heilsam und sehr aufbauend sein. Loben können wir, und unsere Zuneigung
ausdrücken, ja letztlich ist auch die Liebe auf gute Worte angewiesen. Auch
hier brauche ich wohl keine Beispiele zu bringen: Auch hier wird jedem und jede
sofort etwas einfallen, wo ein gutes Wort heilsame Wirkung hatte, uns gestärkt
und aufgebaut hat.
Seltsam
ist nur, dass uns solche guten Worte sehr viel schwerer von der Zunge gehen.
Seltsam auch, dass wir solche guten Worte oft sehr viel schwerer hören können.
Einen Tadel, eine Beschimpfung, eine Rüge erreicht uns sofort. Ein gutes Wort
hat es sehr viel schwerer. Sich loben zu lassen und ein Lob anzunehmen: das
will offensichtlich auch geübt werden.
Woran
liegt das? Nun, vermutlich liegt es an unserer Angst. An der Angst, nicht
richtig zu sein, den Ansprüchen nicht zu genügen, ein falscher Mensch zu sein.
Diese Angst hat viele Wurzeln. Sie hängt auch mit dem Bild zusammen, dass wir
von uns selbst haben. Wir möchten doch gerne oft ein anderer, ein andere sein,
als die, wir sind. Und da fällt natürlich ein böses Wort sofort auf fruchtbaren
Boden und bestätigt uns: „Siehste, ich wusste es doch, ich bin nichts wert, ich
tauge nicht, ich bringe nichts, keiner liebt mich“.
Es
ist sehr bequem, sich in so einem Bild von sich selbst einzurichten – denn
dafür bekommt man immer Bestätigung. Wer sich selbst klein macht, wird immer
jemanden finden, der das bestätigt und befeuert. Mit unserem Selbstbewusstsein
ist es nicht weit her.
Und
es gibt noch einen zweiten Grund. Wenn uns jemand seine Wertschätzung und seine
Zuneigung, seine Achtung oder sogar seine Liebe ausdrückt, dann spüren wir
darin auch eine Verpflichtung. Da möchte jemand mit mir eine Beziehung
aufnehmen. Da möchte mir jemand nahe kommen. Da möchte jemand, dass ich mich
auf ihn einlasse. Davor schrecken wir auch oft zurück, obwohl wir uns zugleich
mit jeder Faser unseres Leben danach sehen.
Menschen
sind eben widersprüchliche Wesen. Hab mich lieb und lass mich in Ruhe. Komm mir
nahe und bleib mir fern. Wir sind innerlich oft sehr zerrissen.
Das
macht das Leben manchmal wirklich schwer. Paare, die schon länger zusammen
sind, kennen das sehr genau. Und auch die Beziehung von Kindern und Eltern ist
davon geprägt. Und in der Politik erleben wir es jeden Tag.
Wir
warten auf ein gutes Wort, und wir hören es nicht. Wie sagen ein gutes Wort,
und es wird nicht gehört. Aber der kleinste Anflug von Kritik macht uns nervös
oder sogar aggressiv, wir ziehen uns zurück – und werden noch unerreichbarer.
Ein wahrer Teufelskreis, der eine Beziehung, eine Freundschaft, ja sogar eine
tiefe Liebe auf Dauer zersetzen kann.
Was
braucht es, damit dieser Teufelskreis gar nicht erst in Gang kommt?
Es
braucht Vertrauen. Und zwar ein doppeltes Vertrauen. Zum einen braucht es das
Vertrauen in den anderen Menschen. Dass er es wirklich gut mit mir meint, auch
wenn er das vielleicht nicht so ausdrücken kann. Dass er es auch gut mit mir
meint, wenn er mal ein böses Wort sagt, Kritik äußert oder schlicht genervt und
gereizt ist.
Und
darum braucht es zugleich auch Selbstvertrauen, ein Vertrauen darauf, dass ich
im Grunde in Ordnung bin, dass ich liebenswert bin, und dass der andere mich
auch dann noch liebt, wenn ich das gar nicht spüre. Es ist ein Stück
Erwachsenwerden, damit umzugehen. Einen Menschen, der ein gutes Vertrauen in
sich und die anderen Menschen hat, den nennen wir reif und erwachsen, und es
wäre schön, wenn wir immer so wären.
Erwachsene
Menschen wissen, dass Wörter zweischneidige Schwerter sind, die tief verletzen können
und gut heilen können. Und darum nennt der Apostel das Wort Gottes auch ein
zweischneidiges Schwert. Denn mit Gottes Wort ist es genauso. Auch dieses Wort
kann uns verletzen und kann uns heilen, kann uns kleinmachen und kann uns
aufbauen.
Glaube
meint nun: Darauf zu vertrauen, dass Gottes Wort zwar zweischneidig ist, aber
dass es immer zum Guten gemeint ist. Dass Gott sein Wort niemals dazu einsetzt,
uns zu verletzen, sondern immer nur, um uns Gutes zu tun. Alles, was wir von
Gott hören, ist sozusagen von der Liebe eingeklammert, ist zu uns gesagt in der
Absicht, uns zu stärken und zu trösten.
Nehmen
wir die 10 Gebote, als die vielleicht bekanntesten Worte Gottes. Sie sind
gemeint als Richtschnur zum Leben, sie beschreiben, wie das Leben gelingen kann
und wie wir in Frieden leben können. Das ist gut gemeint, sehr gut gemeint
sogar. Diese Gebote sind ein großes Geschenk. Aber natürlich erinnern sie uns
zugleich auch daran, dass wir eben nicht so leben, wie es die Gebote sagen.
Dass wir es mit der Wahrheit oft nicht so genau nehmen, dass wir eben doch auch
neidisch und missgünstig sind, dass unser Begehren sich oft auf andere richtet
und wir damit Beziehungen in Gefahr bringen, dass wir eben nicht ständig unser
Leben vor Gott führen. Dann klingen die Gebote wie Drohungen. Obwohl sie gut
gemeint sind. Obwohl sie Worte zum Leben sein wollen, hören wir sie als
Anklage, oder wie man früher sagte: Als Gericht, als Verurteilung.
Und
jetzt kommt der Glaube ins Spiel. Jetzt kommt auch Jesus ins Spiel. Seine ganze
Botschaft, sein ganzes Leben war darauf ausgerichtet, uns Gottes Wort, uns die
Botschaft Gottes, als etwas Gutes, Wohlmeinendes, Wertschätzendes nahe zu
bringen.
Für
mich ist das alles in den einen schönen Wort von Jesus versammelt: „Ich lebe,
und ihr sollt auch leben“. Wir sollen und brauchen uns vor Gott nicht fürchten,
sondern wir können und sollen sein Wort als ein Wort der Liebe und der
Zuwendung hören – auch dann, wenn es uns mal schneidend vorkommt: So ist doch
zu unserem Besten gemeint. Es ist auch wichtig, und auch ein Ausdruck von
Wertschätzung, dass er uns auf unsere Fehler und Schwächen aufmerksam macht,
dass er uns warnt vor bestimmten Verhaltensweisen, weil sie uns Schaden
zufügen. Ist das nicht das, was Eltern, Lehrer und Lehrerinnen, gute Freunde
und Freundinnen und geliebte Menschen auch tun?
Es
ist auch an uns, wie wir die Worte hören wollen. Und anders als bei Menschen,
wo immer auch ein Rest an Zweifel bleiben wird, ob sie es wirklich gut mit uns
meinen, und anders als bei Menschen, wo wir eben doch damit rechnen müssen,
dass sie es übel mit uns meinen, ist das bei Gott eben nicht so.
Er
meint es immer gut. Darauf können wir uns verlassen. Es ein Zeichen für einen
reifen Glauben, dass er Gott nur Gutes unterstellt. Und wer aus diesem Glauben,
aus diesem Vertrauen heraus lebt, der wird auch genug Selbstvertrauen, genug
innere Stärke bekommen, mit den Verletzungen zu leben, die uns Menschen
zufügen.
Wer
aus diesem Glauben lebt, wird die Kraft und die Stärke finden, auf ein böses Wort
mit einem guten Wort zu reagieren. Das ist was die Bibel „Versöhnung“ nennt,
die der Anfang des Friedens ist.
Letztlich
ist es eine Entscheidung, ob wir Menschen oder ob wir Gott das letzte und
gültige Wort über uns sagen lassen. Für Jesus, nachdem wir uns ja nicht ohne
Grund Christen nennen, ist es völlig klar: Gott kann es nur gut mit uns meinen.
Er spricht das letzte und gültige Wort über mich.
Dieser
Gedanke, dieses Wort ist der Anfang und Weg in ein gutes Leben, in dem nicht
die Angst, sondern das Vertrauen unseren Weg bestimmt. Lasst Euch darauf ein,
es lohnt sich. Fürchtet Euch nicht vor dem Wort Gottes, auch wenn es ein
zweischneidiges Schwert ist.
Das
wird euch helfen, damit zurecht zu kommen, das menschliche Worte oft zweideutig
sind. Das Wort Gottes ist es nicht. Wer das gute Wort Gottes als gutes Wort
hört, wird auch gute Worte für sich und andere finden und damit einen Weg zum
inneren und äußeren Frieden. Das ist jedenfalls unsere Hoffnung.
Amen.
Der Hauptmann von Kapernaum
5 Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein
Hauptmann zu ihm; der bat ihn 6 und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause
und ist gelähmt und leidet große Qualen. 7 Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen
und ihn gesund machen. 8 Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin
nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird
mein Knecht gesund. 9 Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und
habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und
zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut
er's.
10 Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach
zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe
ich in Israel bei keinem gefunden! Aber
ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und
Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;
12 aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen
in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
13 Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir
geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben
Stunde.
Liebe Gemeinde:
Die Botschaft ist völlig klar. Die Gute Nachricht,
die Frohe Botschaft, das Evangelium, der Glaube, das Wort Gottes, die
christliche Religion – nennt es, wie ihr wollt, kennt keine Grenzen, keine
Nationen, keine Völker, keine Stämme, keine Rassen, kein Geschlecht und keinen
Stand.
Ja, mehr noch, sie kennt auch keinen Verdienst und
keine Würdigkeit, keine Privilegien und keine Barrieren, keine Hierarchien und
keine Ordnungen. Es kommt nur auf Vertrauen an.
Genau davon erzählt die so harmlos daherkommende
Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum. Jesus heilt den Knecht eines römischen
Hauptmanns auf dessen Bitte hin. Wir schauen uns das gleich noch genauer an.
Aber es ist völlig deutlich: was Jesus hier macht,
ist nichts anderes als Feindesliebe. Denn ein römischer Hauptmann: Das war der
Feind schlechthin, der Besatzer, ein Symbol der Unfreiheit des jüdischen
Volkes, ein Agent der verhassten Großmacht im Westen. Was Jesus hier tut, ist
eine Provokation ersten Ranges. Er stellt sich damit gegen so gut wie alles,
was die meisten Menschen empfanden. Ein Römer war ja nicht nur ein Besatzer. Er
war ja vermutlich sogar ein Heide, also einer, der gar nicht an den Gott Israels
glaubte. Obwohl man das so genau nicht wissen kann, es gab schon auch römische
Soldaten und Offiziere, die sich dem Judentum zuwandten. Aber sagen wir mal so:
so „ganz richtige“ Juden waren sie nach damaligem Denken damit nicht. Na, und
so weiter. Ich denke, es ist ziemlich klar: Jesus überschreitet hier eine
deutliche Grenze, eine Grenze, die uns nur zu vertraut ist.
Am Ende steht die schlichte Botschaft: Gottes Gnade
und Barmherzigkeit ist für alle da. Und zwar, das ist dann die nächste Spitze,
auch ohne Vorbedingungen. Dafür müssen wir uns die Geschichte jetzt genauer
ansehen.
Jesus betritt die Stadt Kapernaum, in der er für
eine Weile gelebt hat, im Norden Israels, am See Genezareth. Er ist schon eine
Weile unterwegs, es hat sich schon herumgesprochen, wer er ist, oder besser
gesagt: Was die Menschen denken, wer er sei. Ein besonders begabter Prophet und
Gottesmann, der auf eine ganze neue und ziemlich radikale Weise von Gott
spricht, der sich mit der religiösen und politischen Obrigkeit, vor allem aber
mit den traditionellen Gelehrten, angelegt hat und der, besonders wichtig,
heilende Kräfte hat.
In dem Moment also, wo er die Stadt betritt, kommt
ihm ein römischer Hauptmann entgegen und spricht ihn an. Das ist nach den
damaligen religiösen Regeln, jedenfalls in ihrer strengen Auslegung, eine
schwierige Situation für Jesus: Eigentlich sollte er den Kontakt mit einem
solchen Menschen eher vermeiden.
Aber der spricht ihn sofort an, und er sagt zu ihm
„Herr“! Das ist eine starke Anrede, die schon zeigt, dass dieser Hauptmann mit
einer sehr ungewöhnlichen Bitte zu Jesus kommt. Ein römischer Hauptmann, der
einen jüdischen Rabbi mit „Herr“ anredet. Man kann sich vorstellen, wie die
umstehende Menge und seine Jünger verwundert waren, wenn nicht sogar ein wenig
erschrocken. Der Hauptmann redet also sofort los: Mein Knecht ist krank und
leidet sehr! Und ohne Zögern, ohne Rückfragen antwortet Jesus.
Auch das ganz ungewöhnlich. Jesus will gar nicht
wissen, mit wem es hier zu tun hat. Er sieht es: ein Mensch in Not steht vor
ihm, und zwar ein Mensch, der in Not ist, weil ein anderer Mensch in Not ist.
Der Hauptmann will gar nicht für sich, jedenfalls nicht direkt, sondern für
seinen Diener, wie man das Wort „Knecht“ heute besser übersetzen sollte. Unter
Umständen war es sogar ein Sklave, was die Situation noch heikler macht Seit
wann kümmert sich ein Sklavenhalter um das Wohlergehen seines Sklaven?
Wie auch immer: keine Rückfragen. Jesus antwortet:
„Ich will kommen und ihn gesund machen“. Man sieht förmlich, wie die umstehende
Menge sich fragt: Wie, einfach so? Und er will auch noch hingehen, er will in
das Haus eines Menschen gehen, der erstens ein Fremder, zweitens ein Nicht-Jude
und drittens ein Römer ist? Das ist stark - bisher war Jesus zwar auch in Häuser
gegangen, die in zumindest ein streng religiöser frommer Jude nicht geht. In
das Haus von Matthäus zum Beispiel, der ein Zolleinnehmer für die Römer war,
aber immerhin einer, der bereute, was er getan hat. Jesus war auch in das Haus
eines Phärisäers gegangen, einer von den jüdischen Gelehrten, die Jesus sehr
kritisch gegenüberstanden. Das kannte man also schon.
Aber das hier ist noch einmal ein Schritt darüber
hinaus. Und das spürt auch der Hauptmann – er wehrt diesen Gedanken ab. Aber
mit was für einem seltsamen Argument:
„Herr“, sagt er, also wieder: „Herr“! – so redet ein
Sklave seinen Besitzer an oder ein niedrigstehender einen Höherstehenden, also
wieder. „Herr“.
„Herr, ich bin nicht würdig, dass du unter mein Dach
gehst, aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund“. Der Hauptmann
stellt sich unter Jesus und geht davon aus, dass Jesus das auch aus der Ferne
erledigen kann. Der Hauptmann glaubt an die Kraft Jesu, und daran, dass Jesus,
wie auch immer, weit über ihm steht. Deswegen erklärt er auch sofort, wie er
das sieht: „Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe
Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu
einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut
er's“.
Der Hauptmann geht davon aus, dass Jesus eine Kraft
hat, den bösen Geistern, die seinen Diener krank gemacht haben, auch aus der
Ferne Befehle zu geben und dass die das dann tun, wie seine Soldaten Befehle
erfüllen.
Nun ist uns dieser Gedanke heute etwas fremd, weil
wir ja wissen, dass nicht böse Geister am Werk sind, aber das spielt hier
letztlich keine Rolle. Was sich hier zeigt, ist das ungeheure Zutrauen des
Hauptmannes in Jesus.
Und das verblüfft jetzt sogar Jesus. Er wendet sich
an die Umstehenden und sagt: „Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich
in Israel bei keinem gefunden!“
Das ist ein sehr harter Satz!
Den muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.
Jesus behauptet hier nichts anderes, als dass dieser Hauptmann mehr oder
weniger der erste ist, der wirklich an ihn glaubt, mehr alle alle jüdischen
Menschen, mit denen Jesus bisher zu tun hat. Ein ziemlich grenzwertiger Satz,
man kann ja leicht hier wieder den uns sehr vertrauten Judenhass am Werk sehen.
Aber das war Jesus natürlich sehr fremd. Ihm geht es hier um etwas anderes –
und um das noch verstärken, schiebt er etwas für unser Ohren recht Rätselhaftes
nach: „Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit
Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des
Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und
Zähneklappern“. Was er meint: Am Ende der Zeit werden Menschen aus allen
Völkern kommen und bei Gott mit am Tisch sitzen, aber die, die sich selbst für
die wahren Frommen halten, werden ausgestoßen werden – weil sie auf ihre
Herkunft vertraut haben, auf ihren Stand, auf ihre Frömmigkeit und ihre
Tradition, auf ihre Religion und ihre Frömmigkeit. Eine sehr heftige
Zuspitzung, die leicht falsch verstanden werden kann. Es kommt Jesus hier auf
den Kontrast an:
Aber das, was wir Menschen so für wichtig halten,
wird nicht zählen. Worauf es ankommt, ist Vertrauen, Vertrauen auf Gott. Und
zwar ein Vertrauen, dass wirklich nur auf die Kraft Gottes zum Guten, auf seine
Barmherzigkeit und Liebe vertraut, und eben nicht auf Stand, Herkunft und
Privilegien. Und dann: „Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir
geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben
Stunde.“
Das Wunder geschieht, und es wird gar nicht
berichtet wie genau, weil das auch gar nicht wichtig ist. Gemeint ist: Das
Gebet dieses Mannes wird erhört, weil es voller Vertrauen gesprochen wurde.
Letztlich kann man das ganz einfach sagen: Es ist
der Glaube dieses Mannes, dieses geradezu kindliche Vertrauen, auf das es
ankommt und der Berge versetzen kann. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“,
sagt Jesus an anderer Stelle, „werdet ihr das Reich Gottes nicht erlangen“.
Was Gott von uns will, ist einfach nur Vertrauen.
Alles andere, alle sonstigen Regeln und Bestimmung, alles was uns Menschen
sonst so wichtig und bedeutsam ist, alles, nach dem wir Menschen sonst so
einteilen und beurteilen, spielt hier überhaupt keine Rolle. Hier ist ein
Mensch in Not, in seiner Not wendet er sich an Jesus, voller Vertrauen, und so
wird ihm geholfen. Einfach, weil er ein Mensch in Not ist.
Das ist es, worum es im Glauben geht. Vertrauen über
alle Grenzen hinweg. Man kann es noch einfacher sagen: Gottes Liebe ist für
alle da, die sie brauchen. Und wer braucht sie nicht? Es gibt da keine
Schranken.
So einfach ist das. Und es bleibt für uns eine
Herausforderung, denn wir wissen, dass es unter uns nicht so läuft. Darum ist der
Glaube immer auch eine Anfrage an uns: Worauf vertraust Du?
Amen.
1.
Korinther 2, 1-0
Auch ich, meine
Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder
hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. Denn ich hielt es
für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den
Gekreuzigten.
Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem
Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden
Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, auf
dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes
Kraft.
Von Weisheit reden wir aber unter den
Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der
Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit
Gottes, die im
Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer
Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn
wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht
gekreuzigt. Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jes 64,3):
»Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz
gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«
Uns aber hat es Gott offenbart
durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.
Liebe
Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn.
Es
gibt nichts daran zu deuteln: Der Glaube widerspricht dem gesunden
Menschenverstand. Denn der gesunde Menschenverstand neigt dazu, nur das für
wahr und sicher zu halten, was er sehen kann und was er selbst erfahren hat. „Ich
glaube nur, was ich sehe“, sagen wir dann.
Doch
denkt man darüber einen Moment nach, dann kommt man schnell darauf, dass wohl
doch eine zu einfache Sicht der Dinge ist. Der sogenannte gesunde
Menschenverstand macht es sich da zu einfach. So gesund, wie er meint, ist er
nämlich gar nicht: er lieg of sehr daneben.
Denn
unsere Erfahrungen und unser Augenschein können uns sehr täuschen. Weil viele
von dem, was wahr ist, unsichtbar ist.
Nehmen
wir ein ganz aktuelles Beispiel: Dass Krankheiten von Viren und Bakterien
übertragen werden, wissen wir zwar inzwischen. Aber woher wissen wir das?
Die
wenigsten von uns werden je ein Bakterium oder einen Virus mit eigenen Augen
gesehen haben. Man braucht dafür ein Instrument: ein Mikroskop. Wir wissen
daher von Bakterien und Viren nur aus zweiter Hand. Wir vertrauen auf die
Ergebnisse der Wissenschaft.
Und
die Wissenschaft enthüllt Dinge, die wir eben nicht mit bloßem Auge sehen,
sondern die sich uns nur mit komplizierten Experimenten und jahrelanger
Forschung erschließen, und oft ist das, was dabei herauskommt, völlig gegen
unser Empfinden.
So
hat es auch fast drei Jahrhunderte gedauert, bis alle Menschen akzeptiert
haben, dass Krankheiten durch Ansteckung übertragen werden, und das hinter der
Ansteckung Bakterien und Viren stecken. Bis noch vor gut 150 Jahren dachte man,
Krankheiten übertragen sich durch Gerüche, wenn man nicht sogar annahm, dass am
Ende böse Geister und Dämonen oder gar Gott dahinterstecken.
Und
oft ist das, was die Wissenschaft herausbekommt, so gegen unser Empfinden, dass
es uns schwerfällt, das zu glauben. Von gut 150 Jahren verstand ein Arzt diesen
Zusammenhang, Ignaz Semmelweis.
Der
war Geburtshelfer und stellte sich die Frage, warum so viele Frauen am
Kindbettfieber starben. Und er fand heraus, durch jahrelange Beobachtung und
Versuche, dass die Frauen nicht so schnell krank werden, wenn sich die Ärzte
und Hebammen die Hände waschen.
Er
führte also in seinem Krankenhaus das Händewaschen ein. Und obwohl in seinem Krankenhaus
die Sterblichkeit rapide abnahm, wurde er für seine Entdeckung verspottet und
verlacht – Händeaschen galt damals als eher schädlich. Es kostete ihn seine
Karriere und seinen guten Ruf.
Erst
50 Jahre später wurden seine Ergebnisse von der Wissenschaft bestätigt und das,
wir heute Hygiene nennen, allgemein eingeführt. Aber immer noch gegen starke
Widerstände: zu sehr wiedersprach das, was er da herausgefunden hatte, dem
gesunden Menschenverstand. Heute ist Ignaz Semmelweis einer der großen Helden
der Medizin.
Das
ist nur ein ziemlich einfaches Beispiel dafür, wie unser alltägliches Wissen,
wie unser gesunder Menschenverstand, schief liegen kann, weil er eben nur
sieht, was vor Augen liegt.
Die
Sonne, so sagt unser Augenschein, geht im Ostern auf und im Westen unter, denn
das ist das, was wir sehen. Wir wissen aber inzwischen – auch nach
Jahrhunderten erbitterter Kämpfe um diese Wahrheit – dass das falsch ist. Die
Erde dreht sich, und die Erde rast um die Sonne, deswegen wandert sie über den
Horizont. Unser natürliches Empfinden liegt hier völlig falsch.
Wir
sind bei vielem, was wir wissen können, tatsächlich darauf angewiesen, dass wir
Menschen glauben. Glauben im Sinne von Vertrauen. Wir müssen den
Wissenschaftlern vertrauen, wenn sie uns ihre Ergebnisse mitteilen. Was wir mit
der Pandemie gerade erleben, der Streit um das Impfen, hat ja viel damit zu
tun, dass wir der Wissenschaft glauben – oder eben nicht. Ein Großteil der
sogenannten Impfskeptiker und Impfverweigerer bringen hier kein Vertrauen auf,
obwohl die Statistiken eindeutig sind. Impfen hilft uns in der Pandemie, weil
es schwere und tödliche Erkrankungen verhindert, weil die die Ansteckungsrate
senkt und die Risiken einer Impfung minimal sind gegenüber den Risiken einer
Erkrankung. Aber da wir das im alltäglichen Leben nicht unbedingt mitkriegen,
bleibt uns nur Vertrauen auf die Arbeit der Wissenschaftler, der bloße
Augenschein hilft da nicht.
Das
gilt auf allen Lebensgebieten. Das gilt zum Beispiel ja auch für die Liebe. Die
kann man schließlich auch nicht sehen. Dass ein Mensch mich liebt, kann ich nur
an Zeichen erkennen, und ich muss letztlich darauf vertrauen, dass das stimmt,
was er sagt und dass die Liebe, die er mir zeigt, nicht geheuchelt ist, sondern
echt und verlässlich. Wer kein Vertrauen aufbringt, keinen Glauben an den
anderen Menschen, wird auch keine Liebe erfahren können. Die Liebe ist
unsichtbar. Wir müssen darauf vertrauen, dass die Zeichen, die wir sehen, ein
Zeichen dafür sind, dass wir wirklich geliebt werden.
Und
da sind wir schon beim Glauben auch im religiösen Sinne. Denn Glauben heißt ja
auch Vertrauen. Denn niemand hat Gott je gesehen. Gott ist unsichtbar. Glaube
ist also ein Vertrauen auf etwas Unsichtbares, von dem wir nur Zeichen haben.
Wir haben Zeichen von Gott, dass er uns vertraut und uns liebt, und dass wir
ihm auch vertrauen und ihn lieben können.
Das
Zeichen für Gott, das für uns Christen bestimmend ist, ist Jesus Christus. Das
ist, was Paulus erlebt und erfahren hat, und diese Erfahrung gibt er an seine
Gemeinden und damit an uns weiter – und vieles von dem, was wir von Jesus
erzählen widerspricht auch dem gesunden Menschenverstand.
Denn
die Geschichte, die wir von Jesus erzählen, erzählt so ganz anders von Gott,
als wir uns Gott normalerweise so vorstellen. Wir erzählen die Geschichte eines
Menschen, der die Liebe Gottes verkündigte, die den Menschen, uns, ohne wenn
und aber, ohne Gegenleistungen und ohne Erwartungen an uns, liebt.
Das
ist der Kern des Evangeliums. Gott liebt uns, weil wir seine Geschöpfe sind,
aus keinem anderen Grund. Und er geht in seiner Liebe so weit, dass er Mensch
wird und für seine Liebe sogar bereit ist, zu sterben. Gott geht in den Tod. Dafür
steht das Kreuz. Dort erkennen wir Gott als einen Gott, der um der Liebe willen
leidet, damit wir von der Angst vor Gott erlöst werden.
Mit dieser Botschaft eckte Paulus sehr an, wie
ja auch schon Jesus damit aneckte. So von Gott zu reden, widerspricht dem
gesunden Menschenverstand – schließlich haben sie ihn dafür umgebracht.
Ist Gott nicht allmächtig, allwissend und
unsterblich? Paulus sagt: ja, das ist er. Aber benutzt seine Allmacht nicht
gegen uns, sondern für uns. Er nimmt uns nicht alles ab, sondern er geht mit
uns unseren Weg. Er lässt uns unsere Freiheit, und zu der gehört auch das
Leiden und der Schmerz.
Und darum, sagt Paulus, ist für in das Bild von
einem Gott am Kreuz so überzeugend und so stark. Es widerspricht der Weisheit
dieser Welt, die sich einen fernen und bedrohlich allmächtigen Gott ausdenkt,
der nichts anders ist als eine Karikatur unsere Angst.
Er widerspricht allen Versuchen, mit dieser
Macht Gottes auch menschliche Macht zu begründen. Er widerspricht allen
Versuchen, Gott zu beweisen, und stellt dann diese Stelle das Vertrauen, dass
wir in Jesus erfahren, wer Gott in Wahrheit ist: Nach menschlichem Ermessen, nach
der Logik des gesunden Menschenverstandes ist Jesus gescheitert, Aber genau
darin zeigt sich Gott: verletzlich, solidarisch und mitleidend, dem Menschen
nicht fern, sondern nah.
So haben es Christen über die Jahrhunderte
immer wieder erlebt und sich damit gegen all die ausgedachten Götter dieser
Welt gestellt, auch wenn sie dafür, wie Jesus und Paulus, ausgelacht und
verspottet, ja sogar verfolgt und gequält worden sind.
Für Paulus ist das fast schon ein Zeichen
dafür, dass die Botschaft wahr ist: der Glaube widerspricht dem gesunden
Menschenverstand, weil der nur das kennt, was er sieht oder zu sehen meint. Der
Glaube aber, als ein Vertrauen auf das, was man nicht sieht, schaut tiefer. Er
sieht da Geheimnis in der Welt, das Gott ist und vertraut, ist, im Kreuz, das
dem gesunden Menschenverstand, oder wie Paulus es nennt: der Weisheit dieser
Welt, geradezu widerspricht.
Deswegen schreibt er:
Sondern wir
reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott
vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den
Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten
sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern wir reden, wie
geschrieben steht (Jes 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört
hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die
ihn lieben.«
Glauben,
liebe Gemeinde, heißt Vertrauen darauf, dass Gott sich im Kreuz gezeigt hat.
Gegen allen Augenschein, der hier nur einen leidenden Menschen sieht, sieht der
Glaube hier einen leidenden Gott, der durch unser Leiden hindurchgegangen ist,
um uns die Tür zum ewigen Leben zu öffnen. Glauben heißt Vertrauen, über den
sogenannten gesunden Menschenverstand hinaus, der so oft völlig falsch liegt.
Schaut
so auf die Welt, und überprüft, ob diese Art und Gott zu reden und diese Art,
sich ihm zu nähern nicht doch überzeugender, tröstlicher, kräftiger und letztlich
klüger ist, als alles, was wir uns über Gott so ausdenken.
Und
wenn wir spüren, dass uns das in Unruhe versetzt, dann ist das ein gutes
Zeichen: dann kommt die Wahrheit des Glaubens bei Euch an, die Wahrheit, die
nicht vor Augen liegt, sondern auf die Vertrauen müssen auf das Zeugnis der Vielen
hin, die damit bessere Erfahrungen gemacht haben, weil es ihnen halt, ihr altes
Denken, das auf Angst und Furcht beruhte abzulegen, und ein neues Denken zu
lernen, das auf Liebe und Vertrauen beruht und auf das Zeichen der Liebe Gottes
schaut, das er für uns aufgerichtet hat: das Kreuz. Erkennen wir uns selbst nicht
im Kreuz sehr viel klarer wieder, als in allen Phantasien von einem allmächtigen
Gott, der fern von uns teilnahmslos im Himmel thront?
Wir reden, sagt Paulus, darum davon: »Was kein Auge gesehen hat und
kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet
hat denen, die ihn lieben.« Auf das unser Menschenverstand erleuchtet werde und
über das hinausblickt, was vor Augen liegt. Da sind sich Glaube und
Wissenschaft unglaublich ähnlich, nämlich: vernünftig.
Amen.