Allein den Betern
Allein den Betern kann es noch gelingen
Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten
Und diese Welt den richtenden Gewalten
Durch ein geheiligt Leben abzuringen.
Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.
Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen,
Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
Und in den Tiefen, die kein Aug’ entschleiert,
Die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.
Reinhold Schneider
Samstag, 30. April 2016
Samstag, 26. März 2016
Predigt Ostern 2016, 1. Kor 15, 1-10, Züschen und Heimarhausen.
1.Kor 15,1-11
15 1 Ich erinnere euch
aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr
auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, 2 durch das ihr auch selig
werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe;
es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt.
3 Denn als Erstes habe ich
euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist
für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er
auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; 5 und dass er gesehen worden
ist von Petrus, danach von den Zwölfen.
6 Danach ist er gesehen
worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch
heute leben, einige aber sind entschlafen. 7 Danach ist er gesehen worden von
Jakobus, danach von allen Aposteln.
8 Zuletzt von allen ist er
auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. 9 Denn ich bin der
geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel
heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.
10 Aber durch Gottes Gnade
bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen,
sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern
Gottes Gnade, die mit mir ist. Es sei nun ich oder jene: so predigen wir und so
habt ihr geglaubt.
Liebe Gemeinde, Schwestern
und Brüder im Herrn
Was Paulus hier seiner Gemeinde mitteilt, gilt auch
noch für uns. Wie entstand, wie entsteht der christliche Glaube, unser Glauben?
Er entsteht durch die Begegnung mit der Botschaft vom auferstandenen Christus. Und was hat zu bedeuten? Er bedeutet das Ende der Gewalt und den Anfang der Liebe!
Was ist geschehen an jenem Morgen, drei Tage nach dem Kreuzestod? Was hat hat die Menschen zum Glauben an den Auferstandenen gebracht? Das leere Grab war es nicht: die Frauen liefen davon, wie wir hörten, sie waren erschrocken, und das kann man gut verstehen. Es muss noch mehr geschehen sein, dass
die Menschen zum Glauben an den Auferstandenen gekommen sind, etwas muss doch
geschehen sein, dass wir bis heute Ostern feiern und Sonntag für Sonntag die
Auferstehung verkündigen!
Paulus berichtet es was geschehen ist. Er bringt in
seinem Brief an die Korinther, die genau diese Frage hatten, ein altes
Glaubensbekenntnis. Das älteste, das wir haben: ein Stück christliches
Urgestein.
Jesus Christus, der Gekreuzigte, ist gesehen worden
von Petrus, danach von den Zwölfen, dann von allen anderen Aposteln, schließlich
von 500 und ganz zum Schluss auch von ihm, Paulus selber.
Der christliche Glaube entstand, weil die Jüngerin
und Jünger dem auferstandenen Herrn begegnet waren und durch diese Begegnung
von innen heraus verwandelt worden sind.
Es dauerte fünfzig Tage, es dauerte bis Pfingsten, bis
alle verstanden hatten, was geschehen ist: Gott hat das Geschehen vom Karfreitag
überwunden. Er hat den getöteten Christus zu sich geholt, ihm das ewige Leben
geschenkt, seinen Mördern vergeben und ein neues Kapitel in der Geschichte von
Gott und Mensch aufgeschlagen mit der Überschrift: Von der Liebe!
Das ist es, was geschah: Menschen wurden durch
diese Begegnung, wie es ja auch bei Paulus war, im innersten berührt und
verwandelt. Aus ihrer Trauer, aus ihrem Entsetzen und ihrem Schmerz wurde
Freude, Dankbarkeit und sogar Jubel. Mitten in einer Welt, die in Dunkel und
Finsternis versunken schien, leuchtet auf einmal ein helles Licht.
Und daraus folgt eine einfache Botschaft, die wir
in diesen Tagen besonders klar hören und bekennen müssen: Gewalt im Namen
Gottes ist Gotteslästerung! Christus wurde im Namen Gottes getötet und
gekreuzigt, es war ein religiöser Mord, wie wir sie in diesen Tagen dauernd
erleben, aber Gott hat das nicht gelten lassen. Wer Hass, Verachtung und Ausgrenzung
predigt und lebt, hat den Ruf des Auferstandenen noch nicht verstanden, selbst
wenn er ihn gehört hat. Jesus Christus hat alle Grenzen gesprengt: Darum gibt
es auch für den Glauben keine Grenzen. Wenn Menschen sich in die Luft sprengen,
weil sie meinen, damit Gott einen Gefallen zu tun, dann ist das nicht nur unter
menschlichem Gesichtspunkt abscheulich. sondern ein Greuel und ein Frevel, und
diese Menschen können einem nur leid tun, weil sie im Namen eines
Hirngespinstes von Religion einem Götzen nachlaufen!
Meine Lieben: von dieser Barmherzigkeit Gottes hat
auch der Islam gehört. Die erste Sure des Koran nennt Gott den Allerbarmer und
den Barmherzigen! Auch Moslem hören davon, dass Gott die Toten auferweckt und
zu sich in sein Reich holt. Aber genau wie das Christentum mit seiner
Geschichte von Gewalt, Unterdrückung und Massenmord, haben das nicht alle so
recht verstanden. Nehmen wir das beim Wort: Stoßen unsere moslemischen Mitmenschen
nicht weg, weil einige von Ihnen fanatisch und verblendet sind, sondern laden wir sie ein. mit uns gemeinsam
diese Barmherzigkeit Gottes zu feiern! Wir wissen aus unsere Geschichte, wohin
es führt, wenn man Barmherzigkeit mit Rache verwechselt, wohin es führt, wenn
man den Glauben missbraucht, um Menschen einzuschüchtern, klein zu machen und
zur Rache aufzustacheln. Wie furchtbar kann ein frommer Mensch sein, der die
Barmherzigkeit vergessen hat und nicht merkt, dass er voll ist von Hass und Rache!
Auch das Christentum hat seine Geschichte von Feuer und Schwert, und das sollte
uns demütig machen!
Paulus selbst war auch voller Hass und Rache auf
die ersten Christen, weil er gefangen war in seinem engen Glauben an einen
zornigen Gott und sich für sein Werkzeug hielt. Damit war er auch meilenweit
entfernt von dem, was sein jüdischer Glaube ihm eigentlich hätte sagen sollen!
So wurde er eines Besseren belehrt: Durch Jesus Christus selbst. Darum schreibt
er: „Zuletzt begegnete Christus auch mir, als einer Nachgeburt“, sozusagen in
letzter Minute. Jeder hat die Chance, von Gott gerufen zu werden, jeder hat die
Chance, aus dem selbstgeschaufelten Grab von Hass und Angst herausgerufen zu
werden. Das ist der Kern der österlichen Botschaft. Darum lasst uns nicht müde
werden, diese Botschaft zu verkündigen. Nicht wir bekehren und ändern die
Menschen, nicht wir wecken Tote auf, nicht wir heilen Wunden und richten
zerschlagene Herzen auf, sondern Gott selber tut es – er tut es aber nicht ohne
uns: Wir sind seine Zeugen! Was für ein Vertrauen er in uns hat!
Geben wir als Christen also ein Zeugnis dafür, dass
Gottes Barmherzigkeit allen Menschen, allen Geschöpfen zugewandt ist, vertrauen
wir als Jüngerinnen und Jünger Jesu darauf, dass sein Wort Kraft hat: dann werden
wir gegen die Mächte des Todes etwas in der Hand haben, was stärker ist als der
Tod: Die Liebe. Gegen alle Verachtung, gegen allen menschengemachten Tod, gegen
alle Bomben, Kriege und Kreuze rufen wir: Der Herr ist auferstanden, er ist
wahrhaftig auferstanden! Es ist unsere einzige Chance, dem Schrecken
standzuhalten und den Frieden in die Welt zu bringen. Es ist unsere einzige
Chance, aus der Verwirrung unseres Verstandes herauskommen zur Klarheit des
Herzens: Jesus Christus der Auferstandene ist das Ende der Gewalt.
Der christliche Glaube entstand, weil Menschen dem
Auferstandenen begegneten. Gestern, heute und morgen, überall, wo seine Botschaft
verkündigt wird in Wort und Tat und Sakrament, wie wir es gerade jetzt tun im
Auftrag Jesu Christi, der uns zuruft: Ich lebe, und ihr sollt auch leben! Das
ist Ostern: grenzenlose, grenzenüberwindende Hoffnung! Amen
Samstag, 27. Februar 2016
Predigt Eph 5, 1-8, Sonntag Okuli, 2016
Das Leben im Licht
5 1 So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder 2
und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst
für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. 3
Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht
einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. 4 Auch schandbare
und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr
Danksagung. 5 Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner
oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi
und Gottes.
6 Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn
um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.
7 Darum seid nicht ihre Mitgenossen.
8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht
in dem Herrn. Lebt als ]Kinder des Lichts;
Lebt als Kinde des Lichts! Das klingt fast wie der Aufruf
einer Sekte: wir sind die Kinder des Lichtes, die anderen sind die Kinder der
Finsternis, also lasst uns mit ihnen keine Gemeinschaft haben, seid die
besseren Menschen!
Wir wissen, wohin so etwas führt. Wer sich selber für einen
besseren Menschen hält, ist auf dem besten Wege, zum schlechtesten aller
Menschen zu werden: denn wer sich für einen besseren Menschen hält, der hält ja
automatisch die anderen für schlechte Menschen!
Das ist ja die Gefahr bei jeder Gruppenbildung. Wir neigen
immer dazu, die eigenen Gruppe für besser, höher und klüger zu halten. Das ist
eine wahres Gift, das tief in uns drin sitzt und noch aus der Zeit stammt als
unsere Vorfahren im Rudel auf allen vieren durch die Wälder krochen. Das ist
unser Erbe, vor dem wir uns sehr hüten müssen! Denn diese Verhalten spaltet uns
auf und sorgt für Feindschaft und Unfrieden. Es ist genau dieses Denken, an das
die Rattenfänger aller Zeiten anknüpften, wenn sie Menschen dahin bringen
wollten, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun wollen. Unser
Herdeninstinkt ist hier am Werke. Und wir erleben ja gerade sehr eindrücklich,
wohin das führt. Grölende Menschenmenschen stehen vor Bussen und empfangen die
Menschen, die auf der Flucht sind, mit Hass und Häme. Auf dem Schulhof
ist das tägliche Realität: Wer nicht in ist, wer nicht zur Gruppe gehört, der
ist der Feind. Wer die falschen Klamotten trägt, wer die falsche Musik hört,
wer sich nicht haargenau so benimmt, wie es gerade Mode ist: der läuft ganz
schnell Gefahr, ausgegrenzt und verspottet zu werden. Ich glaube nicht, dass
hier viele Beispiel dafür bringen muss. Wer sich selber für besser hält, läuft
Gefahr, gerade weil er ein Kind des Lichtes sein will, ein Kind der Finsternis
zu werden. Das ist falsches und gefährliches Denken..
Wieso schreibt der Apostel das dann aber so? Und er sagt ja
scheinbar auch ganz genau, was man tun muss, um ein Kind des Lichtes zu sein.
Haltet Euch von Unzucht fern: also von sexueller Ausschweifung, Seid nicht
habgierig, seid keine Götzendiener. Ist das ist nicht genau das Gift, von dem
ich hier gesprochen habe? Das sieht auf den ersten Blick so aus, und so ist
leider auch immer wieder verstanden worden und so wird es auch immer wieder
verstanden. Menschen meinen, weil sie auf der richtigen Seite sind und alles
richtig machen, hätten sie ein Recht, sich über andere zu erheben.
Das kann aber wohl nicht gemeint sein. Und ist es auch
nicht. Denn der Text des Apostel beginnt ja mit dem Satz: Ahmt Euren Gott nach
als die geliebten Kinder! Macht, wie er es gemacht hat! Lasst Euch nicht durch
leere Reden verführen, sondern hört genau hin!
Denn der Gott, von dem hier die Rede ist, ist der Gott der
Liebe und der Erkenntnis. Am Ende geht es um die Frage, an welchen Gott wir
glauben – und darum, meine Lieben, ist es so wichtig, dass wir nicht
irgendetwas glauben, sondern dass unser Glaube genau ist und konkret.
Lebt als Kinder des Lichtes! dann meint er genau das: lebt
in der Nachfolge Jesu, seid barmherzig miteinander! Was aber am
allerwichtigsten ist: Der Glaube muss konkret sein. Wir müssen wissen, was wir
glauben. Das Licht, dass Gott in de Welt senden, will auch unseren
Verstand erleuchten! Darum unterrichten wir unsere Kinder im Glauben, darum
predigen wir Sonntag für Sonntag: damit wir nicht irgendwelchen Hirngespinsten
auflaufen, sondern auch wissen, was wir glauben. Und wir Christen glauben nun
einmal an einen gnädigen Gott, der nicht mit Wut und Verachtung über uns
herrscht, sondern mit Liebe und Verständnis. Bemüht euch, es auch so zu machen.
Wir glauben an Jesus Christus.
Denn solches genaues und richtiges Wissen über das, was man
glaubt, kann und davor bewahren, Rattenfängern auf den Leim zu gehen.
Und jetzt wird es interessant. Warum kommen junge Menschen
dazu, sich dem islamischen Staat anzuschließen und sich so einer
menschenverachtenden Gruppe zugehörig zu fühlen? Wir haben ja diese Woche in
der Zeitung von dem Vater lesen können, der zwei Söhne verloren hat, weil sie
nach Syrien gegangen sind, um dort als Gotteskämpfer am Krieg teilzunehmen. Wie
kommen die dazu? Wir wissen es leider nur zu genau. Weil sie keine Ahnung
haben. Es ist erschütternd, aber es zeigt sich immer wieder: Die meisten der
Menschen, die sich dem islamischen Staat anschließen, haben von ihrer Religion
keine Ahnung! Das mag auf den ersten Blick ein wenig widersprüchlich klingen:
sind das nicht fanatisch fromme Menschen, töten sie nicht gerade im Namen der
Religion? Ja, das ganz gewiss, aber wenn man sich mit den ehemaligen Kämpfern
unterhält, wird auf erschreckende Weise sichtbar, dass ihr angeblicher Glaube
schierer und reiner Aberglaube ist, eine Karikatur, ein Zerrbild der Religion:
Das, was im islamischen Staat als angeblicher Glaube verkündigt wird, hat mit
dem Islam nur sehr wenig zu tun, so wenig, wie Hexenverbrennung und die
Inquisition mit dem christlichen Glauben . Sie kennen den Koran meistens gar
nicht, und die, aus dem Christentum kommen, haben keine Ahnung von der Bibel.
Sie habend en Kopf voller fanatischer, verzerrter Hirngespinste. Was sich
hier zeigt, ist ein erschreckender Mangel an religiöser Bildung. Von Gnade, von
Vergebung, von Wertschätzung und Herzensbildung, die für uns Christen so
wichtig sind - und übrigens auch im Koran eine große Rolle spielen –
haben sei noch nie gehört. Sie sind nicht einer Religion, sondern einer
Ideologie aufgesessen, weil sie niemals eine wirkliche religiöse Bildung
genossen haben. Darum, meine Lieben, ist es so wichtig, dass wir uns mit unserm
Glauben wirklich befassen. Es gibt, mit Verlaub, auch viele Christen, die
schieren Unsinn reden, der keinerlei Anhalt an der Bibel und den Traditionen
unseres Glaubens hat. Der Glaube lebt von der Auseinandersetzung mit der
Wahrheit, nicht von der Behauptung der Wahrheit. Darum hat Luther die
Bibel übersetzt: damit jeder die Möglichkeit hat, sich kundig zu machen! Das
ist heutzutage vielleicht die wichtigste Aufgabe des christlichen Glaubens in
der Gesellschaft: dass wir unsern Glauben so konkret wie möglich weitergeben,
dass wir religiöse Bildung verbreiten. Darum ist der Religionsunterricht, darum
ist de Konfirmandenunterricht, darum ist die Predigt so wichtig. Denn der Gott,
der hier durch sein Wort zu uns spricht, hat mit dem Hirngespinst-gott,den wir
uns manchmal so zurechtlegen, nichts zu tun. Gottes Wort erleuchtet unseren
Verstand, um uns vor der Finsternis unser Vorurteile und Meinungen zu befreien.
Sich genau kundig zu machen, genau hinzuhören, mit Menschen wirklich in Kontakt
zu treten: das ist die vielleicht wichtigste Aufgabe, die wir als Christen im
Moment haben. Es ist kein Zufall, dass die Ausländerfeindlichkeit in unserem
Lande da am höchsten sind, wo gar keine Ausländer leben: IN Sachsen wohnen
prozentual die wenigsten Menschen, die nicht aus Deutschland stammen,
gleichzeig ist die Zahl der Christen dort auch besonders niedrig. Ich glaube
schon, dass es da einen Zusammenhang gibt. Wo das Licht des Glaubens nicht
leuchtet, da wachsen Hass, Vorurteile und Gruppenzwänge, die Menschen dazu
bringen,,, andere Menschen nur deshalb zu verachten, weil sie anders sind.
Lebt als Kinder des Lichtes kann also für nur heißen: Bleibt
besonnen! Rechnet mit den Mächten der Finsternis auch in eurem eigenen Herzen
und kämpft dagegen an – Mit Liebe, mit Geduld, mit guten Worten und Taten der
Zuwendung. Nehmt den Menschen die Angst vor dem Fremde, in dem ihr nach dem
Menschen fragt, der hinter dem fremden Gesicht steckt. Richtet euch an Christus
aus, und nicht an irgendwelchen Hirngespinsten: Lasst Euch nicht durch leere
Reden verführen, sondern hört auf das Wort Gottes, dass Euch zur Liebe führen
will. Das heißt nicht, dass wir alles gutheißen und billigen. Das heißt nicht,
dass wir das Böse in der Welt verleugnen und so tun, als wäre alles nur ein
Missverständnis. Das heißt vielmehr; dass wir reden miteinander, dass wir
einander der Liebe Gottes versichern, dass wir einander Mut machne, dem Bösen,
auch dem bösen in uns, mit Sanftmut entgegentreten und uns für das Recht
einsetzen: Denn nur das Recht kann uns schützen
Denn das Böse: das will das Recht nicht, das Böse will das
Leben nicht in seiner Vielfalt.
Christen sind keine besseren Menschen, die auf andere
Menschen herabblicken: Christen sind Menschen, die im Lichte der Liebe Gottes
um ihre eigene Fehlbarkeit wissen und darum auf der Hut sind. Was uns helfen
kann, diese Erkenntnis am Leben zu halten, ist das Gebet, das Gebet um
Erleuchtung und Liebe und Gnade und Weisheit: die brauchen wir heute so dringend,
wie selten zuvor.. Niemand hat behauptet, dass der Glaube das Leben einfacher
macht: weit gefehlt. Der Glaube, der uns zur Liebe ruft, ist und bleibt eine
Zumutung, weil er uns alle vermeintlich einfachen Erklärungen, alle schnellen
Urteile und Vorurteile aus der Hand nimmt, und an ihre Stelle Besonnenheit,
Klugheit du die Bereitschaft zur Versöhnung und Kompromiss stellt, vor allem
aber das, was uns gerade am meisten fehlt: Nüchternheit. Ja, wir sollen leben
als Kinder des Lichtes: Nicht weil wir bessere Menschen sind, sondern weil in
diesem Licht auch der Schatten sichtbar wird, weil wir wie jeder anderer vor
Gott stehen und nur rufen können: Herr, erbarme Dich! Durch Jesus Christus
können wir gewiss sein, dass dieser Ruf nicht ungehört bleibt. Das Gebet um
Erkenntnis, das Gebet um liebe und Gnade, das Gebet um Erleuchtung ist also die
erste und wichtigste Tat des Glaubens: Lehrt unser Kinder in diesem Geiste
beten, und ihr gebt ihnen einen kostbaren Schatz in die Hand, der sie
schützt vor Rattenfängern und Verführern, vor Vereinfachern und angeblich
Frommen, die am Ende nur Unheil säen! Darum lasst uns das jetzt tun: Beten! Das
ist der Anfang des Lebens im Licht.
Amen!
Dienstag, 27. Oktober 2015
Predigt zur Gnaden- und Diamantenen Konfirmation Großenritte 2015
Liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!
1945.
1955. Man muss sich diese Jahreszahlen einmal auf der Zunge zergehen lassen, um
ihnen ab zu spüren, was sie bedeuten. Die Termine Eurer Konfirmation sind fast
ein Leben weit von uns entfernt.
Aber
auch voneinander sind sie weit entfernt. Es sind ja nur 10 Jahre. Aber was für
10 Jahre! 1945 fand die Konfirmation unter dem Donner der Flakkanonen statt,
die Amerikaner standen vor der Tür. Deutschland lag in Trümmern, nur wenige
Kilometer von hier war Kassel eine entsetzliche Steinwüste. Ich kann mir die
Stimmung gar nicht vorstellen. Und schon gar nicht kann ich mir vorstellen, wie
14jährige das erlebt haben. Was gab es wohl für Geschenke, wenn überhaupt? Ein
paar Strümpfe? Eine neue Jacke, aus einer Uniformjacke oder einen Rock aus
Fallschirmseide? Auf jeden Fall, so habe ich mir erzählen lassen, für die
Jungen einen Hut.
1955:
Die Besatzungszeit endet offiziell, Deutschland wird Mitglied der Nato. Der
Wiederaufbau ist so in Fahr gekommen, dass die ersten Boten des künftigen
Wohlstandes zu erkenne sind. Der Marshallplan hat gegriffen. Deutschland hat
wieder eine Zukunft. In Kassel ist die neue Stadt schon deutlich zu erkennen.
Erst Pläne zur Ansiedlung des VW-Werkes werden bekannt. Es beginnt ein
Aufschwung, wie ihn die Weltgeschichte noch nicht gesehen hat. Zugleich ist
Deutschland ein geteiltes Land, ja die ganze Welt ist geteilt. Auch hier geht
es mir so: ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sich das für 14 jährige
angefühlt haben mag. Was gab es für Geschenke? Schon mehr als 1945? Gab es
vielleicht sogar schon Geld? Aber immer noch war die Konfirmation für die
meisten von Euch der Anfang des Erwachsenenlebens, der Einstieg in die
Ausbildung, in den Beruf.
Die
Konfirmanden von 1945 sind inzwischen junge Menschen, in Arbeit und Brot,
verheiratet, die einen oder anderen vielleicht schon verheiratet, haben Kinder.
Ich bin 5 Jahre später geboren!
Die
Welt hat sich atemberaubend verändert in diesen 10 Jahren.
Und
dann erst!
2015.
Wir leben in einem Wohlstand, der, von 1945 und 1955 aus gesehen, unbegreiflich
ist. Die Welt ist nicht mehr in Blöcke aufgeteilt, wir feiern gerade 25 Jahre
deutsche Einheit. Die elektronische Revolution mit Computer, Smartphone und
Tablett hat unsere Welt so verändert, das ältere Menschen - und da zähle ich mich unter diesem
Gesichtspunkt schon dazu – kaum noch mitkommen. Die Welt ist nach einer Phase
der Ruhe von fast 50 Jahren wieder in Bewegung geraten, die Flüchtlingsströme
fordern uns heraus. Die VW-Krise trifft uns hart, wenn auch vielleicht nicht
direkt, aber auf jeden Fall als ein großer Schrecken und eine tiefe
Verunsicherung und Kränkung. Und zugleich erlebt Ihr Euer Alter, wie es das
auch noch nicht gegeben hat: Nie waren Menschen über 60 aufs Ganze gesehen so
fit, gesund und gut versorgt.
So
könnte ich jetzt noch stundenlang weiterreden, und ich denke, dazu werdet ihr
heute noch Gelegenheit haben: Das ist ja der Sinn einer solchen Veranstaltung.
Doch wir feiern ja heute einen ganz besonderen Jahrestag, und darauf möchte ich
mich konzentrieren. Die Konfirmation war und ist ja so etwas wie der Abschluss
der Erziehung im christlichen Glauben, ist die Entlassung in die
Eigenverantwortlichkeit. Ihr habt einen Segen bekommen, der für das ganze Leben
reichen soll.
Ein
Segen meint: Ihr werdet ausgestattet mit der Kraft Gottes, Euer Leben zu
bewältigen. So mag der Tag heute und der Gottesdienst jetzt auch eine
Gelegenheit sein, einmal zu fragen: Wo und wie habe ich diesen Segen gespürt?
Wo habe ich die Erfahrung gemacht, dass Gott mit mir war, wo fühlte ich mich
alleingelassen?
Ihr
findet auf Eurer Urkunde, die ihr gleich bekommen werdet, den Wochenspruch, den
ich für Euch ausgewählt habe. Denn er bringt ganz wunderbar und ganz einfach
auf den Begriff, worum es im Glauben geht. Es ist ein Gebet, es ist eine Bitte
an Gott: Jer 17,4 Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist
mir geholfen; denn du bist mein Ruhm.
Der
Prophet Jeremia sagt diese Worte. Und er sagt sie in einem Moment, in dem sein
Glaube gerade nicht stark war, wo es ihm gerade nicht gut geht, im Gegenteil:
Er ist wegen seiner Botschaft, dier er in Gottes Auftrag zu verkündigen hat, in
enorme Schwierigkeiten geraten, ja er ist sogar mit dem Tod bedroht. Jeremia
betet, weil er Angst hat, weil sein Glaube schwach und angefochten ist. Jeremia
betet, weil er aber dennoch glaubt und hofft, dass Gott ihm beisteht. Heile Du
mich Herr, dann werde ich heil.
Heil
sein meint: Mit sich selbst im Einklang leben. Heil sein bedeutet, geheilt sein
von Egoismus, von der kleinlichen Angst, heil sein bedeutet: Mit sich und der
Welt versöhnt sein. Denn nur dann kann man wirklich gut leben.
Wir
haben in den vergangenen Jahren vielleicht doch zu sehr das Heil mit dem Wohl
verwechselt. Wir haben, und gerad Eure Generation! mit einer ungeheuren Energie
großen Reichtum und Wohlstand geschaffen. gerade Ihr wahrt es, die diesen Staat
und diese Gesellschaft aufgebaut habt. Dafür sind wir Nachgeborenen Euch
zutiefst zu Dank verpflichtet
Doch
es zeigt sich auch ein Schatten des Wohlstandes, er hat auch eine dunkle und
finstere Seite. Er macht bequem, er macht faul, er kann dazu führen, dass alles
für selbstverständlich genommen wird. Wer sein Leben nur auf das Wohl setzt,
wer nur nach Reichtum, Erfolg, Schönheit fragt, wird, sobal es schwierig wird,
ängstlich werden, und aus der Angst heraus aggressiv und wütend. Wir erleben
das gerade. Die Menschen kommen zu uns, weil es uns gutgeht, weil wir, aus
ihrer Sicht in einem absolut unbegreiflichen Reichtum und vor allem: in
Sicherheit leben. Und jetzt macht sich die Angst breit, dass es nicht für alle
reichen könnte. Aber anstatt in Ruhe nachzudenken und zu überlegen, wie wir das
in den Griff kriegen könnten, macht sich allenthalben ein Geschrei breit, und
es kommt sogar zur Gewalt, was immer verachtenswert ist. Gerade Eure Generation
hat es geschafft und erlebt, aus Trümmer, ja fast aus dem Nichts heraus alles
das aufzubauen, was wir heute haben. Sollte es uns nicht gelingen, das noch
einmal zu schaffen? Die Wiedervereinigung haben wir doch auch hinbekommen:
gegen alle Unkenrufe brummt unsere Wirtschaft wie noch nie. Aber: sind die
Herzen mitgekommen? Sind unsere Seelen mitgekommen? Fragen wir außer nach
unserem Wohl auch nach unserem Heil? Der Glaube will uns dahin führen, gelassen
zu werden und das Leben dankbar aus Gottes Hand zu nehmen, der glauben will uns
dahin führen, dass wir aus dem Segen leben, den Gott über uns ausgeschüttet
hat. Darum konfirmieren wir junge Menschen, um ihnen etwas mitzugeben, was sie
sich eben nicht selbst geben können, um sie mit etwas auszustatten, mit dem
sich Menschen eben nicht ausstatten können: Mit Heil!
Daran
möchte ich Euch Erinnern. Ich möchte Euch ermutigen und ermuntern, heute die
Frage nach dem Glauben, nach Eurem Glauben, noch einmal zu stellen, die Spuren
Gottes in eurem Leben zu suchen und zu finden. Ich möchte euch noch einmal an die
Kraft Gottes erinnern, die immer eine Kraft zum Guten ist, eine Kraft zum Heil.
Wir werden den Segen gleich noch einmal hören. Nicht, weil der Segen schwach
geworden ist oder gar erloschen. Er gilt für immer. Aber unser Gedächtnis,
unsere Erinnerung ist schwach: die muss immer wieder aufgefrischt werden. Und
vielleicht war für den einen oder andere von Euch der Glaube auf der weiten
Strecke Eures Lebens gar nicht so wichtig, weil die Sorgen und Aufgaben des
Alltags so groß waren. Vielleicht sind einige von Euch auf dem Weg bis hierher,
wie der Prophet Jeremia, an Gott und der Welt auch wenig irre geworden oder gar
verzweifelt. Dann möchte ich euch Mut machen, es wieder zu probieren, die Kraft
des Gebets neue zu erfahren. Vielleicht war für einige von Euch der Glaube, das
feste Vertrauen auf Gott, ein Leben lang ein starker und guter Begleiter, der
euch auch in den dunkelsten Stunden Licht und Kraft gegeben hat: Dann seid
dankbar dafür, dann erzählt Euren Enkeln und Kindern davon, den vom Erzählen
lebt der Glaube.
Wie
immer es war, wie immer es sein wird: Wir leben unter Gottes Segen und wir
können immer zu ihm kommen mit der Bitte:
Jer
17,4 Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen;
denn du bist mein Ruhm.
Denn
aller Wohlstand hat nur Kraft und Bedeutung, wenn er eingewoben ist in das
Heil, das uns zu ganzen Menschen macht.
Das
wünsche ich Euch an diesem bewegenden Tag, das wünsche ich uns. Gott ist mit
uns alle Tage, bis an der Welt Ende, wie es uns in unserer Taufe zugesagt hat
und wie er es uns in der Feier des Abendmahl schmecken und spüren lässt. Ich
wünsche Euch einen gesegneten Tag voller starker Erinnerungen und uns einen
Gemeinschaft voller Heil, voller Frieden und Freude.
Amen.
Montag, 19. Oktober 2015
Abschiedspredigt über Micha 6,8, Wochenspruch
Am Sonntag, dem 18.10 wurden Hauke Rauschenbach, Jugendarbeiter, und ich, Gemeindepfarrer, verabschiedet. Wir teilten uns die Predigt.
Predigt
über den Wochenspruch.
Es
ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich
Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Micha 6,8
Liebe
Gemeinde!
Worum
geht es in der Kirche? Wozu ist sie da? Die Antwort ist ganz einfach. Die
Aufgabe ist es, das Wort Gottes zu verkündigen. Denn das, was Gott uns zu sagen
hat, können wir uns nicht selber sagen. So, wie wir uns nicht selber ins Leben
rufen können. Ohne das Wort Gottes, wären wir nicht die, die wir sind. Das gilt
auch für die, denen das Wort Gottes ganz egal ist. Unsere Aufgabe als Kirche
ist es, weiterzusagen, was Gott uns zu sagen hat:. Davon haben die Propheten
geredet, davon sprach Jesus Christus.
Davon
reden auch wir. Indem wir aus der Heiligen Schrift die Stimme Gottes hören,
wird uns gesagt, was gut ist.
Es
ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich
Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Micha 6,8
Dem
gehen wir jetzt nach. Ein älterer Herr, seit fast dreißig Jahren im Pfarramt,
seit fast fünfzig Jahren, seit dem Kindergottesdienst, in der Kirche immer mit
Vollgas aktiv, der nun einen Gang zurückschaltet, weil er an seine Grenzen
gestoßen ist.
Ein
junger Mann, schon mit Berufserfahrung, der gerade einen Wechsel hinter sich
gebracht hat, auch im Dienst der Kirche und jetzt der Diakonie. Beide also
Kirchenmenschen, beide Christen. Beide mit dem Auftrag, jeder auf seine Weise,
an seinem Ort, und mit seinen Fähigkeiten und Erfahrungen, das Wort Gottes zu
verkündigen in Wort und Tat. Wir wollen Euch zum Schluss noch einmal hören
lassen, was das für uns bedeutet.
Hauke, du bist so viel jünger als ich.
Was hörst Du, wenn dir gesagt ist: Du sollst Gottes Wort halten?
HR: Als allererstes denke
ich da an die 10 Gebote. Diese geben uns ja 10 Worte oder 10 Regeln vor. Bei
Luther steht dort am Anfang: Du sollst nicht... Das finde ich ganz schön
einschränkend. In meiner Arbeit habe ich gemerkt, für Jugendliche und vor allem
für Konfirmanden waren die 10 Gebote immer schwierig. Das darf ich nicht, dies
soll ich nicht? Warum eigentlich? Erst muss ich mir das immer von meinen Eltern
anhören und jetzt sagt mir auch noch Gott was ich tun und lassen soll.
Ich
finde diesen Zugang verständlich, so habe ich früher auch gedacht und gefühlt.
Aber in den letzten Jahren, in der Auseinandersetzung mit den 10 Geboten hat
sich in meinem Verständnis und meinem Zugang jedoch etwas verändert. Gott
fordert von mir nicht ein, dass ich mich so und so verhalte. Er verlangt nicht
von mir, dass ich mich verbiege. Ich kann so sein wie ich bin und zwar in der
festen Zuversicht, dass Gott mich so annimmt wie ich bin. In dieser Liebe bin
ich geborgen. Und wenn ich das ernst nehme und annehme, dann wird es plötzlich
ganz einfach mit Gottes Wort. Wenn ich anfange mich und Gott ernst zu nehmen,
dann werde ich nicht stehlen, dann werde ich Vater und Mutter ehren usw. Dann
ist das kein Zwang, sondern eine Aufgabe, der ich mich gerne stelle. Und so ist
es für mich leicht Gottes Wort zu halten, indem ich mich und ihn ernst nehme.
RK: Ich höre: Frag
zuerst nachdem, was Gott will. Er spricht zu uns. Gott ist Mensch geworden,
damit wir ihn erkennen und verstehen. Er wohnt nicht in einem fernen Himmel,
sondern er war als ein Mensch unter uns, in Jesus von Nazareth. Im
Johannesevangelium heißt es: Das Wort wurde Fleisch und wohnt unter uns. Gott
ist uns ganz nah. Wir erkennen ihn in Jesus. Und das heißt: wir erkennen ihn im
Leiden, wir erkennen ihn im Menschen, der in Not ist. Es geht nicht um
Prinzipien oder abstrakte Regeln. Jesus war immer ganz konkret. Wenn Du am
Sabbat Hunger hast, dann ernte, haben wir gehört. Denn der Sabbat ist um des
Menschen willen da. Wir sind nicht Automaten, die Gott am Gängelband führt. Wir
sind freie Menschen, denen Gott zutraut, nach seinem Wort zu leben, damit die
Welt ein besserer Ort wird. Nach 30 Jahren Pfarramt, in dem ich wahrlich viel
erlebt habe, ist mir das immer klarer geworden. Was die Menschen am
dringendsten brauchen, ist ein gutes Wort, das sie aufrichtet, wenn sie
gekrümmt sind, das ihnen Mut macht, wenn sie verzweifelt sind, das sie tröstet,
wenn sie traurig sind und das sie zurechtweist, wenn sie in die Irre laufen.
Nicht, weil es das Gesetz fordert, sondern weil Gott will, dass wir in Frieden
leben. Mein Konfirmationsspruch wurde mir zum Leitvers für mein ganzes Leben.
Jesus Christus spricht: ich lebe, und du sollst auch leben. Je älter ich werde,
um so einfacher und klarer erscheint mir das Wort Gottes. Mit diesem Satz ist
für mich alles gesagt.
Hauke, was hörst du, wenn dir gesagt
ist: Du sollst Liebe üben?
HR…. Ganz ehrlich fiel es
mir erst schwer mit der Liebe. Doch dann fiel mir das Lied: Ins Wasser fällt
ein Stein ein. Dort heißt es: Nimm Gottes Liebe an, du brauchst dich nicht
allein zu müh'n. Denn seine Liebe kann/ in deinem Leben kreise zieh'n. Und
füllt sie erst dein Leben und setzt sie dich in Brandt. Gehst du hinaus teilst
Liebe aus, denn Gott füllt dir die Hand.
Zuerst
heißt es da: Ich soll die Liebe annehmen. Und zwar brauche ich das nicht
alleine zu tun, mir wird dabei geholfen. Gottes Liebe kann ich spüren und
weitergeben. Und das wird mich und die Menschen um mich verändern. Also Liebe
geht nicht alleine. Ich brauch dafür jemand anderen. Nur im Kontakt mit anderen
wird deutlich was Gottes Liebe bedeutet. Für und mit anderen da zu sein. Zu helfen,
zu reden, zu hören, zu teilen oder einfach zu schweigen. In den letzten
dreieinhalb Jahren gab es viele Situationen, in denen ich Gottes Liebe spüren
konnte. Besonders dann, wenn ich mit Kindern und Jugendlichen zusammen etwas
gestaltet habe. Die Aktionen und Gespräche haben mir immer neue Kraft gegeben
und mir die „Hände gefüllt“ und dann konnte ich da sein, wenn aus den lustigen
mal ernste oder traurige Momente wurden. Da konnte ich Andere unterstützen,
aber genau so habe ich auch an ganz vielen Punkten die Unterstützung und Liebe
von anderen gespürt, die mich gestärkt hat.
RK: Ich höre: Du sollst
Liebe üben. Sie ist nicht einfach so da. Ich muss mich auch bemühen. Was die
Bibel mit Liebe meint, ist das, was wir heute Solidarität nennen. Die Kirche ist
für mich vor allem eine Solidargemeinschaft des Erbarmens: vom Gottesdienst,
der uns das zuspricht, von all den Kreisen, Gruppen und Initiativen, die sich
das sagen lassen und versuchen, daraus zu leben bis hin zur Kirchensteuer, die
all das ermöglicht. Denn alleine kannst Du keine Liebe üben. Das geht nur mit
anderen zusammen. Denn nur gemeinsam finden wir heraus, was Liebe jeweils
meint. Dazu gehört auch, dass wir uns darüber auseinandersetzen. Es kann, wie
wir beim Thema Flüchtlinge gerade merken, sehr strittig sein, welcher Weg der
Weg der Liebe ist. Auch die Frage nach der Zukunft der Gemeinde ist strittig in
Zeiten, in denen das Geld knapp wird und die Menschen weniger. Immer aber muss
es darum gehen, Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Liebe ist
mehr als ein Gefühl. Gefühle kommen und gehen. Aber Solidarität kann ich
einüben. Weil ich von Gott reich beschenkt bin, brauche ich keine Angst zu
haben, zu kurz zu kommen. Schon lange, bevor ich in der Lage bin, zu lieben,
bin ich geliebt. Wieder ist es am Ende ganz einfach. Die Liebe stellt eine
einfache Frage: Was brauchst Du, was kann ich für dich tun?
Hauke, was hörst Du, wenn dir gesagt
ist, du sollst demütig sein vor deinem Gott?
HR: ….. Ich
muss dazu erst mal Wikipedia befragen, was Demut ist. Da steht dann: die
Bereitschaft, etwas als Gegebenheit hinzunehmen, nicht darüber zu klagen und
sich selbst als eher unwichtig zu betrachten. Das fällt mir dann doch schwer.
Mich nicht so wichtig nehmen. Anerkennen, dass da über mir jemand ist und vor
allem nicht zu klagen.
Es
ist doch so einfach. Lieber laut klagen und jammern. Ja, dass fällt einem
leichter. Außerdem geht es doch gerade heute unter Jugendlichen zu zeigen was
man kann, was man hat. Man hat das neueste Smartphone oder 10000 Follower beim eigenen Youtube-Channel...
Alles
und alle werden schneller, besser und lauter. Und da kommt die Demut ins Spiel.
Wenn ich so laut bin überhöre ich die anderen. Wenn ich so schnell bin übersehe
ich die Langsamen. Und das war für mich in den letzten Jahren die Stärke der
Ev. Jugendarbeit. Hier steigen wir aus der lauten, schnellen Welt aus. Hier
musste man nicht der oder die Tollste und die Lauteste sein. Hier konnte man
auch mal Schwäche zeigen, langsam machen und so sein, wie man ist. Und das macht
mich demütig. Ich nehme mich selber nicht so wichtig, höre den anderen zu und
dadurch zur Ruhe zu kommen. An manchen Gegebenheiten kann ich nichts ändern,
aber ich muss sie ja nicht mitmachen. Und da ist eine Nische in der Kraft
steckt.
RK: Ich höre: Übernimm
dich nicht. Lerne, deine Grenzen zu erkennen. Demut heißt nicht, dass ich mich
kleiner mache, als ich bin. Das will Gott sicherlich nicht. Aber ich musste in
dreißig Jahren Pfarramt lernen, was geht, und was nicht geht, oft auf die harte
Tour. Das ist heute mein vierter großer Abschied, und keiner war wirklich
freiwillig, jeder hat heftige Kerben in der Seele hinterlassen. Das macht
demütig. Ich musste lernen, mit meinen Fehlern zu leben. Ich habe als Pfarrer
erlebt, dass ich es gut meinte, und damit Unheil anrichtete. Aber ich durfte
auch erfahren, dass durch mich auch Gutes geschah, mit dem ich gar nicht
rechnete. Demut heißt für mich heute vor allem Gelassenheit. Demut ist in
unserer Hochleistungsgesellschaft zu einem Unwort geworden, es ist völlig aus
der Mode gekommen. Aber ein Leben ohne Demut macht uns krank, furchtsam und
aggressiv. Das merkt man überall. Ich aber spüre, je älter ich werde: Demut ist
ein großes Gut, denn Demut macht uns menschlich. Dazu gehört auch, nicht alles
auf einmal zu wollen, sondern Geduld zu haben und zu fragen, was wirklich
wichtig ist. Und wirklich wichtig sind die Menschen. Ein Video auf You-tube hat
mich sehr berührt. Ein kleiner Junge, vielleicht 4 oder 5 Jahre, wurde gefragt, ob in seinem
Kindergarten auch Ausländer sind. Er schaute den Reporter erstaunt an: ne, da
sind nur Kinder.
Das
ist für mich Demut: Als Mensch dem Menschen ein Mensch sein, weil Gott Mensch
geworden ist. Darum geht es in der Kirche. Der Rest ist Organisation und
Verwaltung, viel weniger bedeutend, als die meisten meinen, und das sage ich
ganz bewusst als einer, der an der Spitze dieser Verwaltung mitarbeitet. Aber
immer geht es um den Dienst an den Menschen und die Gestaltung von Solidarität.
Am Ende ist es wieder ganz einfach ist: Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist
und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und
demütig sein vor deinem Gott.
Wir
können das, weil wir glauben:
Gott
ist der, der zuerst gibt, bevor er fordert. Er gibt uns sein Wort, er schenkt
uns seine Liebe, in Jesus Christus kommt er uns demütig entgegen. Wir leben aus
der Fülle.
Wenn
wir mutig von unserem Glauben reden und ihn leben, so gut es geht, dann
erfüllen wir als Kirche unseren Auftrag. Darum geht es. Pfarrer kommen und
gehen, Jugendarbeiter kommen und gehen. Das kann traurig sein, das kann
manchmal auch eine Befreiung sein. Aber das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.
Lasst es Euch gesagt sein, und ihr werdet leben. Amen.
Samstag, 10. Oktober 2015
Heile Du mich Herr Predigt zum Wochenspruch. Diamantene und Gnadenkonfirmation in Großenritte. 2015
Liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!
1945.
1955. Man muss sich diese Jahreszahlen einmal auf der Zunge zergehen lassen, um
ihnen ab zu spüren, was sie bedeuten. Die Termine Eurer Konfirmation sind fast
ein Leben weit von uns entfernt.
Aber
auch voneinander sind sie weit entfernt. Es sind ja nur 10 Jahre. Aber was für
10 Jahre! 1945 fand die Konfirmation unter dem Donner der Flakkanonen statt,
die Amerikaner standen vor der Tür. Deutschland lag in Trümmern, nur wenige
Kilometer von hier war Kassel eine entsetzliche Steinwüste. Ich kann mir die
Stimmung gar nicht vorstellen. Und schon gar nicht kann ich mir vorstellen, wie
14jährige das erlebt haben. Was gab es wohl für Geschenke, wenn überhaupt? Ein
paar Strümpfe? Eine neue Jacke, aus einer Uniformjacke oder einen Rock aus
Fallschirmseide? Auf jeden Fall, so habe ich mir erzählen lassen, für die
Jungen einen Hut.
1955:
Die Besatzungszeit endet offiziell, Deutschland wird Mitglied der Nato. Der
Wiederaufbau ist so in Fahr gekommen, dass die ersten Boten des künftigen
Wohlstandes zu erkenne sind. Der Marshallplan hat gegriffen. Deutschland hat
wieder eine Zukunft. In Kassel ist die neue Stadt schon deutlich zu erkennen.
Erst Pläne zur Ansiedlung des VW-Werkes werden bekannt. Es beginnt ein
Aufschwung, wie ihn die Weltgeschichte noch nicht gesehen hat. Zugleich ist
Deutschland ein geteiltes Land, ja die ganze Welt ist geteilt. Auch hier geht
es mir so: ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sich das für 14 jährige
angefühlt haben mag. Was gab es für Geschenke? Schon mehr als 1945? Gab es
vielleicht sogar schon Geld? Aber immer noch war die Konfirmation für die
meisten von Euch der Anfang des Erwachsenenlebens, der Einstieg in die
Ausbildung, in den Beruf.
Die
Konfirmanden von 1945 sind inzwischen junge Menschen, in Arbeit und Brot,
verheiratet, die einen oder anderen vielleicht schon verheiratet, haben Kinder.
Ich bin 5 Jahre später geboren!
Die
Welt hat sich atemberaubend verändert in diesen 10 Jahren.
Und
dann erst!
2015.
Wir leben in einem Wohlstand, der, von 1945 und 1955 aus gesehen, unbegreiflich
ist. Die Welt ist nicht mehr in Blöcke aufgeteilt, wir feiern gerade 25 Jahre
deutsche Einheit. Die elektronische Revolution mit Computer, Smartphone und
Tablett hat unsere Welt so verändert, das ältere Menschen - und da zähle ich mich unter diesem
Gesichtspunkt schon dazu – kaum noch mitkommen. Die Welt ist nach einer Phase
der Ruhe von fast 50 Jahren wieder in Bewegung geraten, die Flüchtlingsströme
fordern uns heraus. Die VW-Krise trifft uns hart, wenn auch vielleicht nicht
direkt, aber auf jeden Fall als ein großer Schrecken und eine tiefe
Verunsicherung und Kränkung. Und zugleich erlebt Ihr Euer Alter, wie es das
auch noch nicht gegeben hat: Nie waren Menschen über 60 aufs Ganze gesehen so
fit, gesund und gut versorgt.
So
könnte ich jetzt noch stundenlang weiterreden, und ich denke, dazu werdet ihr
heute noch Gelegenheit haben: Das ist ja der Sinn einer solchen Veranstaltung.
Doch wir feiern ja heute einen ganz besonderen Jahrestag, und darauf möchte ich
mich konzentrieren. Die Konfirmation war und ist ja so etwas wie der Abschluss
der Erziehung im christlichen Glauben, ist die Entlassung in die
Eigenverantwortlichkeit. Ihr habt einen Segen bekommen, der für das ganze Leben
reichen soll.
Ein
Segen meint: Ihr werdet ausgestattet mit der Kraft Gottes, Euer Leben zu
bewältigen. So mag der Tag heute und der Gottesdienst jetzt auch eine
Gelegenheit sein, einmal zu fragen: Wo und wie habe ich diesen Segen gespürt?
Wo habe ich die Erfahrung gemacht, dass Gott mit mir war, wo fühlte ich mich
alleingelassen?
Ihr
findet auf Eurer Urkunde, die ihr gleich bekommen werdet, den Wochenspruch, den
ich für Euch ausgewählt habe. Denn er bringt ganz wunderbar und ganz einfach
auf den Begriff, worum es im Glauben geht. Es ist ein Gebet, es ist eine Bitte
an Gott: Jer 17,4 Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist
mir geholfen; denn du bist mein Ruhm.
Der
Prophet Jeremia sagt diese Worte. Und er sagt sie in einem Moment, in dem sein
Glaube gerade nicht stark war, wo es ihm gerade nicht gut geht, im Gegenteil:
Er ist wegen seiner Botschaft, dier er in Gottes Auftrag zu verkündigen hat, in
enorme Schwierigkeiten geraten, ja er ist sogar mit dem Tod bedroht. Jeremia
betet, weil er Angst hat, weil sein Glaube schwach und angefochten ist. Jeremia
betet, weil er aber dennoch glaubt und hofft, dass Gott ihm beisteht. Heile Du
mich Herr, dann werde ich heil.
Heil
sein meint: Mit sich selbst im Einklang leben. Heil sein bedeutet, geheilt sein
von Egoismus, von der kleinlichen Angst, heil sein bedeutet: Mit sich und der
Welt versöhnt sein. Denn nur dann kann man wirklich gut leben.
Wir
haben in den vergangenen Jahren vielleicht doch zu sehr das Heil mit dem Wohl
verwechselt. Wir haben, und gerad Eure Generation! mit einer ungeheuren Energie
großen Reichtum und Wohlstand geschaffen. gerade Ihr wahrt es, die diesen Staat
und diese Gesellschaft aufgebaut habt. Dafür sind wir Nachgeborenen Euch
zutiefst zu Dank verpflichtet
Doch
es zeigt sich auch ein Schatten des Wohlstandes, er hat auch eine dunkle und
finstere Seite. Er macht bequem, er macht faul, er kann dazu führen, dass alles
für selbstverständlich genommen wird. Wer sein Leben nur auf das Wohl setzt,
wer nur nach Reichtum, Erfolg, Schönheit fragt, wird, sobal es schwierig wird,
ängstlich werden, und aus der Angst heraus aggressiv und wütend. Wir erleben
das gerade. Die Menschen kommen zu uns, weil es uns gutgeht, weil wir, aus
ihrer Sicht in einem absolut unbegreiflichen Reichtum und vor allem: in
Sicherheit leben. Und jetzt macht sich die Angst breit, dass es nicht für alle
reichen könnte. Aber anstatt in Ruhe nachzudenken und zu überlegen, wie wir das
in den Griff kriegen könnten, macht sich allenthalben ein Geschrei breit, und
es kommt sogar zur Gewalt, was immer verachtenswert ist. Gerade Eure Generation
hat es geschafft und erlebt, aus Trümmer, ja fast aus dem Nichts heraus alles
das aufzubauen, was wir heute haben. Sollte es uns nicht gelingen, das noch
einmal zu schaffen? Die Wiedervereinigung haben wir doch auch hinbekommen:
gegen alle Unkenrufe brummt unsere Wirtschaft wie noch nie. Aber: sind die
Herzen mitgekommen? Sind unsere Seelen mitgekommen? Fragen wir außer nach
unserem Wohl auch nach unserem Heil? Der Glaube will uns dahin führen, gelassen
zu werden und das Leben dankbar aus Gottes Hand zu nehmen, der glauben will uns
dahin führen, dass wir aus dem Segen leben, den Gott über uns ausgeschüttet
hat. Darum konfirmieren wir junge Menschen, um ihnen etwas mitzugeben, was sie
sich eben nicht selbst geben können, um sie mit etwas auszustatten, mit dem
sich Menschen eben nicht ausstatten können: Mit Heil!
Daran
möchte ich Euch Erinnern. Ich möchte Euch ermutigen und ermuntern, heute die
Frage nach dem Glauben, nach Eurem Glauben, noch einmal zu stellen, die Spuren
Gottes in eurem Leben zu suchen und zu finden. Ich möchte euch noch einmal an
die Kraft Gottes erinnern, die immer eine Kraft zum Guten ist, eine Kraft zum
Heil. Wir werden den Segen gleich noch einmal hören. Nicht, weil der Segen schwach
geworden ist oder gar erloschen. Er gilt für immer. Aber unser Gedächtnis,
unsere Erinnerung ist schwach: die muss immer wieder aufgefrischt werden. Und
vielleicht war für den einen oder andere von Euch der Glaube auf der weiten
Strecke Eures Lebens gar nicht so wichtig, weil die Sorgen und Aufgaben des
Alltags so groß waren. Vielleicht sind einige von Euch auf dem Weg bis hierher,
wie der Prophet Jeremia, an Gott und der Welt auch wenig irre geworden oder gar
verzweifelt. Dann möchte ich euch Mut machen, es wieder zu probieren, die Kraft
des Gebets neue zu erfahren. Vielleicht war für einige von Euch der Glaube, das
feste Vertrauen auf Gott, ein Leben lang ein starker und guter Begleiter, der
euch auch in den dunkelsten Stunden Licht und Kraft gegeben hat: Dann seid
dankbar dafür, dann erzählt Euren Enkeln und Kindern davon, den vom Erzählen
lebt der Glaube.
Wie
immer es war, wie immer es sein wird: Wir leben unter Gottes Segen und wir
können immer zu ihm kommen mit der Bitte:
Jer
17,4 Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen;
denn du bist mein Ruhm.
Denn
aller Wohlstand hat nur Kraft und Bedeutung, wenn er eingewoben ist in das
Heil, das uns zu ganzen Menschen macht.
Das
wünsche ich Euch an diesem bewegenden Tag, das wünsche ich uns. Gott ist mit
uns alle Tage, bis an der Welt Ende, wie es uns in unserer Taufe zugesagt hat
und wie er es uns in der Feier des Abendmahl schmecken und spüren lässt. Ich
wünsche Euch einen gesegneten Tag voller starker Erinnerungen und uns einen
Gemeinschaft voller Heil, voller Frieden und Freude.
Amen.
Freitag, 18. September 2015
Freiheit! Predigt zum 16. S. n. Trin., Apg 12,1-11, Kirmesgottesdienst Großenritte
12 1 Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von
der Gemeinde, sie zu misshandeln. 2 Er tötete aber Jakobus, den Bruder des
Johannes, mit dem Schwert.
3 Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und
nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.
4 Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete
ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn
nach dem Fest vor das Volk zu stellen. 5 So wurde nun Petrus im Gefängnis
festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.
6 Und in jener Nacht,
als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten,
mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis.
7 Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem
Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell
auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.
Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe
an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir!
9 Und er ging hinaus
und folgte ihm und wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den
Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. 10 Sie gingen aber durch die
erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das
tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße
weit, und alsbald verließ ihn der Engel. 11 Und als Petrus zu sich gekommen
war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und
mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk
erwartete.
Liebe
Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!
Das
ist es, wovon die Bibel erzählt: Von der Freiheit. Oder besser und genauer
gesagt: Von der Befreiung!
Es
war die Urerfahrung des Volkes Israels, des Volkes Gottes, dass er sie aus der
Gefangenschaft in Ägypten führte. Als ihre Situation aussichtslos erschien, als
die Last von Frondienst, Ausbeutung und Misshandlung das Übermaß erreicht
hatte, da berief Gott den Mose, dass er sein Volk aus der Gefangenschaft
führte. Es muss ein unglaubliches Bild gewesen sein: Zehntausende machten sich
auf, nahmen das Nötigste und brachen auf, einfach so, und gingen. Gott hatte
den Pharao, den ägyptischen König, so weit gebracht, dass er sie ziehen ließ.
Gott hat sich als stärker erwiesen als die vermeintlichen Götter der Ägypter,
er hat die Ägypter seine Macht spüren lassen, und so ließen sie das Volk Israel
ziehen! Und es brach auf, ohne eigentlich genau zu wissen, wohin. Es brach auf,
auf ein bloßes Wort des Mose hin, dass er sie in ein Land führen wird, in dem
Milch und Honig fließen. Es war ein Flüchtlingstreck, wie ihn die Geschichte
bis dahin noch nie gesehen hatte – wie sie ihn aber, wie wir wohl wissen, künftig
immer wieder sehen wird. Dieses Ereignis sitzt im Gedächtnis des Volkes Gottes
bis heute ganz tief, und jedes Jahr wird es aufs Neue gefeiert, wenn Israel das
Fest der ungesäuerten Brote feiert, das Passahfest! Gott ist der Gott, der in
die Freiheit führt, und wenn es auch, wie beim Volk Israel, vierzig Jahre
dauern wird, am Ende steht die Freiheit, steht das neue Leben in
Selbstbestimmung und ohne Unterdrückung!
Ich
bin der Herr dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat! Das ist der Satz,
mit dem Gott sich seinem Volk künftig immer wieder vorstellen wird, Mit ihm leitet
er die 10 Gebote ein, dieser Satz taucht immer auf, wenn Israel dabei ist,
seinen Gott zu vergessen. „Gedenke, dass auch du ein Flüchtling warst aus dem Lande
Ägypten und dass Du ein Fremdling warst in dem Land, dass ich dir gegeben habe,
darum bedrücke den Fremden nicht, denn er ist ein Flüchtling wie du! wird dem
Volk immer wieder eingebläut, wenn es dabei ist, zu vergessen, wer es ist und
woher es kommt. Ich muss glaube ich, kein Wort dazu sagen, wie aktuell diese
Worte sind. Aber was gehen sie uns an? Wir sind doch nicht Israel?
Oder
doch?
Aber
doch!
Denn
wir sind die Erben, die geistlichen geschwisterlichen Erben dieses Volkes. Über
Jesus Christus, den Juden, sind auch wir, sind alle Menschen berufen, Teil des
Volkes Gottes zu sein und an seiner Erfahrung teilzuhaben! Denn hunderte Jahre nach
dem Auszug aus Ägypten wird Gott wieder eine große Befreiungsaktion starten: Diesmal
aber geht es um die Befreiung aus der Not von Sünde und Tod, von Dummheit,
Hochmut, Trägheit und Gewalt, diesmal werden die Menschen, alle Menschen, in
die Freiheit der Versöhnung und der Vergebung geführt. Durch Jesus Christus. Es
ist kein Zufall, dass er genau an dem Fest starb, als Israel seiner Befreiung
aus Ägypten gedachte, es ist kein Zufall, dass wir Ostern, das Fest der
Auferstehung und der Befreiung vom Tode, zu gleichen Zeit feiern, wie die Juden
ihr Passafest. Genau an diesem Tag vollführte Gott sein größtes Wunder, in dem
er Jesus, den von den Menschen ermordeten Boten der Liebe und der Versöhnung,
von den Toten erweckte und so allem Haß, aller Vergeltung, allen Wünschen nach
Rache und Zurückzahlung ein für allemal einen Riegel vorschob: Wir feiern den
Auszug aus der Sünde, aus der Schuld und aus dem Tode, das Ende von Rache und
Gewalt, wenn wir Ostern feiern, wie Israel den Auszug aus dem Lande seiner
Unterdrückung. Wir ziehen aus dem Land des Unfriedens in das Land der
Versöhnung: Zur Freiheit hat uns Gott befreit, denn er will, dass wir freie
Menschen sind. Und so ist es auch kein Zufall, dass die beiden Apostel, die
beiden Boten Gottes, ihre Befreiung aus dem Gefängnis auch genau wieder am
Passahfest erfahren, einige Jahre später: Sie waren in Gefangenschaft geraten,
weil der König Herodes dem Drängen des Volkes nachgab, die Verkündiger des
Gottessohnes und der fleischgewordenen Liebe einzusperren und am Ende, genau wie
den Apostel Jakobus, umzubringen. Gott sprengt die Mauern des Gefängnisses, und
auch wenn die ganze Geschichte ein bisschen märchenhaft und ein wenig im Stil
von frommen Kitsch ausgeschmückt wird, ist ihre Botschaft völlig klar: Gott
lässt seine Boten nicht in der Unfreiheit sitzen, er lässt die Mauern
einstürzen. Er bricht aus der Mauer der Verzweiflung Steine der Hoffnung, wie
es Martin Luther King so schön formulierte.
Das
ist eine klare Botschaft, für uns alle. Die Freiheit ist unsere Sache, sie ist
der Kern der christlichen Botschaft. Freiheit von der Angst, verloren, vergessen
und verdammt zu sein, Freiheit von der Angst, zu kurz zu kommen und
benachteiligt zu werden, Freiheit von der Angst überhaupt, und das meint immer
auch: politische Freiheit, bürgerliche Freiheit, menschliche Freiheit. Denn die
Angst ist die Wurzel allen Übels: Sie macht Menschen aggressiv, sie lähmt
Menschen. Es ist unser Auftrag als Christen, die Botschaft von der Freiheit
überall zu verkünden, das Virus der Freiheit allen Menschen in das Herz zu
senken, damit Unterdrückung und Unrecht auf der Welt zu einem Ende kommen. „Virus“
klingt gefährlich, aber hier es ganz positiv gemeint: Ist der Gedanken der
Freiheit einmal in der Welt, kann er nicht mehr hinausgeschafft werden! Zu groß
ist unsere Liebe zur Freiheit, unsere Sehnsucht nach Freiheit! Gott ist bei den
Gefangenen dieser Welt, um sie in die Freiheit zu führen, seien es Gefangene
der Seele oder des Leibes: egal! Die Gefangenschaft soll aufhören, die Freiheit
beginnen!
Eine
Freiheit freilich, die uns auch verpflichtet. Wir sind als seine Botinnen und
Boten in die Welt gesandt, diese Freiheit nun auch in die Welt zu bringen. Das
war die große Erkenntnis Martin Luthers, der mit dieser Gewissheit im Herzen
die Mauern der damaligen Kirche sprengte und die Menschen, uns, herausführte
aus dem Gefängnis von frommer Angst und religiöser Bevormundung. Was Luther
wiederentdeckte und uns allen schenkte, war diese Freiheit: Gott ist ein Gott,
der in die Freiheit führt, kein Mensch darf in seinem Namen Unfreiheit
verkünden oder auch nur bestehen lassen!
Und
das ist eine politische Botschaft. Das ist nicht nur frommes Gerede. Das ist
ganz konkret gemeint. Wir haben hier, in unsrem Land, als, wenn man so will,
nachgeborene Kinder des Volkes Israels, als Kinder Gottes und Geschwister Jesu,
ein hohes Maß an Freiheit politisch umgesetzt. Wenn es so etwas wie ein
christliches Abendland überhaupt gibt, dann erkennt man es daran: an seiner
Liebe zur Freiheit!
Die
Menschenrechte, die uns so wichtig sind, sie sind ein Ergebnis dieses Glaubens,
und so schenkt der Glauben auch den Menschen Freiheit, die selber gar keinen
Glauben haben und denen Gott herzlich egal ist: Sie ist unser, Sie ist Gottes
Geschenk an die Welt. Freiheit kann nur Freiheit für alle sein! Die Freiheit,
in der wir leben können hier in Deutschland, hier in Europa, ist die Freiheit
der Kinder Gottes. Und wir sollten alles dafür tun, dass diese Freiheit nicht
Gefahr gerät. Keine Schreier von Rechts und keine Chaoten von Links, keine
furchtsamen Bedenkenträger aus der Mitte und keine Geschäftemacher aus der Welt
der Gier, keine Hassprediger im Namen irgendeiner Religion oder einer Ideologie
dürfen uns in einen Staat und in eine Gesellschaft führen, wo diese Freiheit in
Gefahr gerät. Die Freiheit, in die Gott uns führt, ist auch die Freiheit des
Gedankens und die Freiheit der Wahl, sein Leben zu führen in Verantwortung und
Nächstenliebe. Freiheit verpflichtet: sie muss immer neu errungen und gestaltet
werden, denn Trägheit und Hochmut lassen uns schnell vergessen, wie kostbar sie
und gaukeln uns vor, Unfreiheit wäre bequemer. Freiheit geht auch nicht ohne Regeln,
ohne Recht und Gesetz: An den Verkehrsregeln könne wir lernen und begreifen,
dass wir genau dann frei sein können von Angst, wenn sich alle an die Regeln
halten – nicht um der Regeln willen, sondern um der anderen willen! Die
Apostel, die da aus dem Gefängnis geholt wurden, machten sich sofort auf den
Weg, von der Freiheit zu predigen: sie wurden nicht nur befreit, sie wurden
auch in den Dienst genommen! Ja, der Strom der Flüchtlinge, er jetzt über uns
hereinbricht, hat auch etwas Bedrohliches und Beängstigendes, ja, es ist eine
ungeheure Aufgabe, die da auf uns zu kommt, ja, es ist eine politische
Herausforderung, wie wir sie aber doch alle paar Jahrzehnte immer wieder erleben:
ich nenne nur 1945, 1989; und wer tiefer in die Geschichte blickt wird sehen:
Europa war immer in Bewegung, die Suche nach Freiheit war immer ein starker
Impuls! Menschen kommen zu uns, weil sie den Ruf der Freiheit gehört haben –
und zwar einer ganz konkreten Freiheit: der Freiheit von nackter Überlebensangst.
Wir werden diese Träume nicht alle erfüllen können. Wir werden nicht alle
Probleme lösen können. Aber wir sollten allen, die zu uns kommen, zeigen, dass
die Freiheit ein hohes Gut ist: das gilt auch für die, die kommen, um die Freiheit
in Gefahr zu bringen. Wir werden sie nur überzeugen, wenn wir ihnen die
Freiheit so schmackhaft machen, dass ihre Gewalt ins Leere läuft. Die wahren
Feinde Gottes sind nicht die Ungläubigen, denn das sind wir irgendwie alle, die
wahren Feinde Gottes sind immer die, die Freiheit in Gefahr bringen, am
schlimmsten die, die das im Namen Gottes tun. Wer wüsste das besser als wir,
die wir in einer Freiheit leben, wie sie die Weltgeschichte noch kaum gesehen
hat. Wir sind doch in den letzten Jahrhunderten wahrhaftig aus vielen
Gefängnissen von Unfreiheit und Bevormundung geführt worden, und wir als
Christen sehen darin doch die Hand Gottes am Werk, der beharrlich die Freiheit
in der Welt durchsetzen will. Da dürfen wir als Christenmenschen nicht locker
lassen. Wir leben in Freiheit und Wohlstand, wie noch nie Menschen in Freiheit
und Wohlstand gelebt haben. Und wenn wir heute Kirmes feiern, in Sicherheit, im
Überfluss, im Frieden, dann ist das doch auch eine Feier der Freiheit, eine Feier
der Befreiung, der Dankbarkeit und der schieren Freude am Leben. Aber wir
feiern auch in einem Zelt: noch mehr Symbolik geht nicht. Ein Zelt ist ein
Symbol für die letzte Unbehaustheit, die für uns alle gilt – wir feiern so
gerne in Zelten, weil wir dann wieder zurückgehen können in unsere festen
Häuser! Wir sind hier freiwillig und genießen unsere Freiheit: das ist wahrlich
ein Grund zum Feiern!
Lasst
uns alles dafür tun, dass so viele Menschen wie möglich daran teilhaben können,
lasst uns alles dafür tun, dass die Freiheit in der Welt einen Raum gewinnt:
und wenn es auch Opfer kostet, so haben wir davon doch vielfachen Gewinn: 40
Jahre wanderte das Volk durch die Wüste, das war kein Zuckerschlecken. Jesus
starb für die Freiheit am Kreuz: das war doch ein großes Elend. die Boten der
Liebe saßen im Gefängnis, erfuhren Verfolgung, Spott und Bedrängnis: das war
kein leichtes Leben. Die Freiheit ist nichts für Weicheier! Aber am Ende stand
die Freiheit, am Ende stand das Leben ohne Fesseln, am Ende stand der Sieg der
Macht Gottes, die keine andere ist, als die Liebe. Die lasst uns heute feiern,
dafür lasst uns Gott loben und preisen, und dafür lasst uns beten: Dass er uns
Kraft gibt, die Freiheit zu wahren und auf ihn und seine Kraft, die Mauern
zertrümmert und Fesseln sprengt, zu vertrauen. Das Volk Gottes, Israel und mit
ihm wir, die wir auf Jesus Christus getauft sind, sind gut damit gefahren:
Lasst auch andere in diesen Genuss kommen und uns nicht müde werden, Wege aus
der Wüste und den selbstgemachten Gefängnissen zu finden. Gott geht voran: Der
Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln!
Amen
Samstag, 12. September 2015
Guten Morgen, liebe Sorgen, Predigt für den 15. S. n. Trin., Mt 6, 24-35 .
Mt 6,25-34
25 Darum sage ich
euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um
euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung
und der Leib mehr als die Kleidung?
Seht die Vögel unter
dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die
Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel
mehr als sie?
Wer ist unter euch,
der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch
darum sorgt?
28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung?
Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch
spinnen sie nicht. 29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner
Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
Wenn nun Gott das
Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen
geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir
trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32 Nach dem allen trachten die Heiden.
Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und
nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
34 Darum sorgt nicht
für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass
jeder Tag seine eigene Plage hat.
Liebe
Gemeinde!
Die Worte Jesu stammen aus
der Bergpredigt: jener großen Sammlung von Jesusworten, die am Anfang des
Matthäusevangeliums steht und die in den 2000 Jahren der Geschichte des
christlichen Glauben immer wieder für Zündstoff gesorgt hat. Wenn man meint,
der christliche Glaube sei weltfremd und versponnen, dann kann man hier die
Munition dafür finden. Es klingt wie Hohn, was Jesus hier sagt: Sorgt euch
nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht um euren
Leib, was ihr anziehen werdet…..Dabei ist das doch unsere Grundsorge, die Sorge
um das leibliche Wohl. Wenn man das so einfach könnte, die Sorgen einfach
wegstreichen. Ich muss an den albernen Schlager denken, der in meiner Jugend
von Jürgen von der Lippe gesungen wurde: „Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr
auch schon alle da? Habt ihr auch so gut geschlafen, na, dann ist ja alles klar“.
Das ist zwar witzig, aber auch ein bisschen bitter. Ähnlich klingen die Worte
des amerikanischen Komikers Groucho Marx. Der hat gesagt: “Drei Fragen treiben
den Menschen um. Wo komme ich her, wo gehe ich hin, was gibt es heute Mittag zu
essen?“ Wobei das ja schon eine Luxusfrage ist. Es gibt leider auf dieser Welt
viel zu viele Menschen, die stellen sich die Frage: Gibt es heute Mittag
überhaupt etwas zu essen?
Und ich glaube, das macht es
uns letztlich so schwer, die Worte Jesu wirklich ernst zu nehmen. Denn die
richtigen, die schwere, die lebensbedrohende Sorge um Essen und Trinken kennen
wir nicht wirklich. Das spüre ich im Moment bei der Diskussion um die
Flüchtlinge sehr deutlich: es fehlt uns in unsrem reichen und wohlhabenden Land
ein wenig an der Fantasie für die Armut, für die Not und den echten Hunger. Was
heißt schon Wirtschaftsflüchtlinge? Das sind Menschen, die vor der Armut, der
Not und dem Hunger fliehen. Und Armut und Not meint mehr als die Sorge um den
Kühlschrank. Armut und Not meint auch: für das Leben keine Perspektive mehr zu
sehen. Arm ist auch jemand, der heute nicht weiß, was das Morgen bringt, ja
schärfer noch: arm ist jemand, der heute Angst vor Morgen hat.
Das kennen wir nur noch,
wenn wir zum Beispiel ernsthaft erkrankt sind. Diese Menschen werden die Worte
Jesu in ihrer vollen Schärfe hören – und werden sie im ersten Moment als Hohn
empfinden. Wer wirklich Sorge hat, dem ist doch damit nicht gedient, dass ihm
gesagt wird, er solle sich keine Sorgen machen, Gott wird schon einen Weg
finden. Will Jesus diese Menschen vor den Kopf stoßen?
Das glaube ich natürlich
nicht. Obwohl es in der Geschichte des christlichen Glaubens diese Position und
diesen Standpunkt auch gab: die Armen sollen sich nicht so anstellen, sich
Sorgen zu machen, ist gottlos und zeugt von wenig Gottvertrauen. Na danke,
möchte man das sagen, das ist wirklich hilfreich!
Worauf will Jesus also
hinaus?
Letztlich ist es ein Aufruf
dazu, sich von den Sorgen nicht auffressen zu lassen. Wir sollen sie über unser
Leben nicht herrschen lassen. Denn wer sich der Sorge hingibt, der wird von ihr
am Ende zerstört. Wer sich in die Ecke setzt und jammert und klagt, wird sich
am Ende gar nicht mehr bewegen. So muss man die Menschen, die wir so einfach
„Flüchtlinge“ nennen, auch mal sehen: Sie warten ihr Schicksal nicht ab, sie
nehmen es an und bewegen sich. Das ist doch für meissten von uns kaum
vorstellbar, einfach alles stehen und liegen zu lassen und aufzubrechen. Auch
das muss man sehen: Diese Menschen machen sich auf, sie haben das Vertrauen,
dass es anderswo tatsächlich ein besseres Leben gibt. Flucht ist immer auch
Ausdruck von Hoffnung!
Deswegen sagt Jesus: Trachtet
zuerst nach dem Reiche Gottes, dann wird euch das alles zufallen. Deswegen der
Hinweis auf die Vögel am Himmel und die Blumen auf dem Felde. Sie überlassen
sich ganz dem Gang der Natur, vertrauen sozusagen darauf, dass der Tisch reich
gedeckt ist. Schaut man genauer hin, dann wird einem aber schon klar: Auch die
Vögel legen Vorräte an und bauen Nester. Aber sie tun es mit einem geschöpflichen
Vertrauen, das wir Menschen, weil wir zweifeln und grübeln, sehr schnell
verlieren. Was uns von den Vögeln unterscheidet ist, dass wir Angst vor Morgen
haben. Im Grunde heißt die Botschaft: Schaut
genau hin, es ist genug für alle da, der Tisch ist reich gedeckt.
Es ist dieser andere Blick
auf die Welt, zu dem uns Jesus führen will. Wir sollen nicht auf den Mangel
starren, sondern auf das, was da ist. Und es ist ja etwas dran. Der Tisch ist
reich gedeckt. Die Nahrung, die wir produzieren, würde reichen, ein Vielfaches
der bisherigen Weltbevölkerung zu ernähren. Denn Knappheit ist nicht unser
Problem. Unser Problem ist die Verteilungsgerechtigkeit. Das wird sichtbar,
wenn man über die Worte Jesus ein wenig länger nachdenkt. In Paris haben diese
Woche die Bauern demonstriert, weil sie so viel Milch produzieren, dass die
Preise zusammenbrechen, und ähnliches gilt auch für die Fleischpreise und den
Getreidepreis. Das ist doch ein großer Widerspruch. Auf der einen Seite eine
Armee von Menschen, die zu uns kommt, weil sie nicht satt werden und kein Dach
mehr über dem Kopf haben, weil sie nicht in Sicherheit leben können und täglich
mit vielfältigem Tod rechnen müssen, auf der anderen Seite eine Gesellschaft,
die nicht weiß, wohin mit ihren Gütern. Es hat mich daher sehr berührt, als ich
die Bilder von den überquellenden Spenden sah, die die Menschen in München,
Dortmund, Wien und Düsseldorf zusammengetragen haben, es sind ja so viele
Spenden zusammengekommen, dass die Helfer schon sagen: Wir brauchen nichts
mehr! Das zeigt doch, in welchem Überfluss wir leben, denn niemand, der da
etwas hingebracht hat, wird deswegen selber in der Armut enden. Wir geben ab
von unserem Überfluss, denn es ist genug da. So ist das gemeint. Das ist die
Logik des Reiches Gottes, nachdem wir trachten sollen. Jesus ist nicht naiv. Es
geht hier nicht darum, dass er sagt, dass Gott uns die gebratenen Tauben in den
Mund fliegen lässt. Er will darauf hinweisen, dass genug für alle da ist, und
dass im Reiche Gottes Gerechtigkeit herrschen soll, und damit ist auch die
Verteilungsgerechtigkeit gemeint. Darum sollen wir uns von der Sorge nicht
auffressen lassen, sondern uns die Frage stellen, wie wir die Güter gerecht
verteilen. Und damit wird die Bergpredigt doch unmittelbar politisch. Bismarck
soll ja gesagt haben: Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen. Das halte
ich für einen törichten Satz. Man kann sehr wohl damit Politik machen, wenn man
aus dem Geist der Bergpredigt heraus handelt. Und in einem freiheitlichen Staat
ist es geradezu die Hauptaufgabe der Politik, Menschen die Sorgen um das
tägliche Brot zu nehmen, indem sie Solidarität organisiert. Freilich: man kann
darüber streiten, ja man muss es sogar, wie das am besten geschieht. Es ist sicher
nicht hilfreich, hier Essen und Wohnraum zu verteilen, wenn man nicht
gleichzeitig dort, wo die Not entsteht, für Abhilfe sorgt. Solange in Syrien,
in Eritrea und im mittleren Afrika Krieg herrscht, werden die Menschen von der
Sorge um das nackte Überleben zu uns getrieben. Solange in den Balkanstaaten
die wirtschaftliche Situation so schlecht ist, wie sie ist, wird die Sorge sie
zu uns treiben. Würden wir es anders machen? Haben wir nicht auch in unserem
Lande eine starke Migration dorthin, wo es den Menschen gutgeht? Die Menschen
kommen doch aus der ganzen Republik nach Baunatal, weil sie hier einen
Arbeitsplatz und gute Bedingungen finden – man muss gar nicht weit fahren, ums
selbst in Deutschland in Gegenden zu kommen, wo Arbeit so knapp ist, dass die
Menschen weggehen. Und nicht nur das. Wir stehen doch einigermaßen fassungslos
vor dem Phänomen, das Menschen aggressiv und gewalttätig auf die Fremden
reagieren, weil sie das Gefühl haben, dass ihnen etwas weggenommen wird. Das
muss man schon ernst nehmen, selbst wenn diese Angst bei Lichte betrachtet
wenig begründet ist – unser Finanzminister, wahrhaftig kein verschwenderischer
Typ – weist immer wieder darauf hin. Geld ist kein Problem. Aber die
Verteilung. Das ist, was die Menschen aggressiv macht. Also ist der Satz des
Jesus, dass wir uns nicht sorgen sollen, gerade auch an uns Reiche gerichtet.
Wir dürfen uns von unserem Überfluss und unseren Verlustängsten nicht das Herz
versteinern lassen, sondern immer wieder einmal genau hinschauen, wie gut es
uns im Grunde geht. Dass die Menschen hierher kommen, weil es uns gut geht, ist
doch ein deutliches Zeichen dafür.
Es ist genug für alle da.
Gott sorgt für uns. Aber wir müssen dafür sorgen, dass die Gaben auch alle
erreichen. Das Gegenteil von Sorge ist Glück. Und am glücklichsten sind wir
doch alle, wenn alle glücklich sind. Ungerechtigkeit ist am Ende am schwersten
zu ertragen, vor allem dann, wenn man erkennt, dass die Ungerechtigkeit von
Menschen gemacht ist. Denn nur gegen diese Ungerechtigkeit können wir in einer
gemeinsamen Anstrengung etwas unternehmen. Dafür müssen wir aber das Gefühl
verlieren, dass uns daran hindert, genau hinzusehen: und das ist die Angst.
Darum geht es Jesus in Wahrheit am meisten. Auch in diesen Wort der
Bergpredigt, die so weltfremd klingen und so naiv wirkt, ist die Kernbotschaft
des Evangeliums verborgen: Fürchtet Euch nicht! und mehr noch: Habt Vertrauen!
Der Gott, der sogar die Mächte des Todes besiegt hat, wird auch die Mächte der
Ungerechtigkeit besiegen, und er will, dass wir dabei mitarbeiten, damit wir am
Ende stolz sein können auf unser Werk; und wenn wir scheitern, dann sollen wir
nicht verzweifeln, sondern im Gebet uns Gott anvertrauen und ihn bitten, uns
neue Wege zu zeigen, wie wir das Glück der Menschen fördern können. So würde
sich das Abendland, von dem immer so viel die Rede ist, als ein wahrhaft
christliches zeigen. Das ist alles andere als naiv.
Ja, jeder Tag hat seine
eigene Sorge. Darum sollen wir uns auf die konzentrieren, und uns immer wieder
vergewissern, dass Gott uns nicht alleine lässt. Die Angst macht uns kirre. Um
Gottes und vor allem um der Menschen willen sollen nicht die Sorge, sondern das
Vertrauen in unserm Herzen herrschen lassen. Denn die Angst macht uns dumm und
gewalttätig. „Trachtet zuerst nach dem
Reiche Gottes, dann wir Euch das alles zufallen“ kann man auch ganz
einfach übersetzten: habt Vertrauen, dann werdet ihr frei, gute Lösungen zu
finden und werdet nicht von der Angst beherrscht. Das also ist das, was wir als
Christen tun können: Neben der ganz konkreten Hilfe, die wir leisten können,
können und sollen wir auch vom Vertrauen reden, Vertrauen schaffen und um
Vertrauen beten: da kann wirklich jeder etwas tun. Denn Vertrauen ist die Quelle
des Glücks, weil es das Heilmittel gegen die Angst ist. Dafür steht Jesus mit
seinem Leben, mit seinem Tod und mit seiner Auferstehung. Dafür stehen wir Christen mit der Botschaft
von Gottes schenkender Gerechtigkeit, die nichts anderes ist als: Liebe. Guten
Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da? Schert Euch zum Teufel, denn
da kommt ihr her.
Amen
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