Dienstag, 28. Juli 2015

Von den anvertrauten Zentnern. Mt 25, 14-30 9. S. n. Trin.

Es mag etwas ungewöhnlich sein, eine Predigt schon vor dem Gottesdienst zu veröffentlichen, aber Matthäus-Texte sind immer eine exegetische und vor allem homiletische Gratwanderung. Vielleicht hat der reine oder andere eine schönere Idee dazu - oder kann es als Anregung gebrauchen.



Predigt

Mt 25,14-30

Von den anvertrauten Zentnern

14 Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; 15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, [a]jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.

16 Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. 17 Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. 18 Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.

 19 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. 20 Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen. 21 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!

22 Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen. 23 Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!

 24 Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; 25 und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. 26 Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? 27 Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. 28 Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. 29 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.

30 Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

 

 

Liebe Gemeinde,

das ist ganz ohne Zweifel eine der krassesten Geschichten, die Jesus erzählt. Sie verblüfft gleich auf mehreren Ebenen.

 

Zum einen klingt sie wie ein Loblied auf den Kapitalismus. Die beiden Knechte, die mit ihren anvertrauten Zentnern gewuchert haben – und zwar mit einer Rendite von 100% Prozent! – werden belohnt. Dabei kann man sich an den zehn Fingern ablesen, dass eine solche Rendite nur mit fast verbrecherischen Methoden der Spekulation erreicht werden kann. 100%! Mit Recht wäre uns jemand, der sein Vermögen in kurzer Zeit verdoppelt, ein wenig suspekt. Der vorsichtige Knecht aber wird nicht nur betraft, er bekommt nicht nur sein Geld abgenommen –nein, sein Gewinn wird auch noch dem gegeben, der ohnehin schon ein riesiges Vermögen hat! Das ist krass. Das entspricht eigentlich nicht dem, was wir von der Kanzel zu hören gewohnt sind: Dass Gott uns liebt allein aus Gnade. Etwas scheint mit diesem Gleichnis nicht zu stimmen.

Das Zweite, was schockiert, ist die absolute Härte, mit der hier geredet wird. Dem ängstlichen Knecht, der sich nicht auf das unsichere Geschäft von Handel und Wandel einlässt, wird unverblümt gesagt, wie es läuft: Wer hat, dem wir gegeben, wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er hat genommen werden. Und am Ende landet er auch noch in der Hölle.

Das ist hart. Es ist deswegen hart, weil es doch genauso läuft – so und nicht anders lautet das Gesetz der Börse, so und nicht anders erleben es gerade die Griechen, so und nicht anders erleben es gerade die vielen Menschen, die nicht so fit, nicht so klug, nicht so mutig, ja man möchte fast sagen: nicht so dreist sind. Wer sein bisschen Geld zusammenhält, der kriegt es auch noch abgenommen, wer sich auf riskante Abenteuer einlässt, Zinsen nimmt, die weit über das Erlaubte hinausgehen und in windige Unternehmen investiert, kriegt noch eins oben drauf. Meine Großmutter hatte dafür einen drastischen Spruch, und besser kann man gar nicht sagen, was uns dieses Gleichnis offensichtlich sagen will: Der Teufel kackt auf den großen Haufen!

Ist das die göttliche Gerechtigkeit und Liebe?

Spricht Jesus hier also dem unbeschränkten, dem Raubtierkapitalismus das Wort? Ist das die Aufforderung genau das zu tun, was gewissenlose Menschen immer wieder tun: sich auf Kosten anderer bereichern?

 

Natürlich nicht. Nicht mal im Ansatz. Es ist ein Gleichnis. Es geht hier um etwas ganz anderes. Das wird deutlich, wenn ich Euch sage, was hier im griechischen Original für ein Wort steht. Luther hat es mit „Zentner“ übersetzt. Das ist zweifelsohne richtig. Aber im Griechischen steht hier das Wort Talentos. Es geht um anvertraute Talente – und zwar genau in dem übertragenen Sinne, wie wir das Wort heute verwenden. Es geht darum, dass wir unsere Talente einsetzen sollen. Talente sind von Gott gegebene Fähigkeiten und Gaben. Wir sprechen vom musikalischen Talent, vom mathematischen Talent, oder auch vom Talent, Menschen für sich zu gewinnen oder Frieden zu stiften. Jeder von uns hat etwas mitbekommen, was er kann, und was uns das Gleichnis, freilich sehr drastisch, deutlich machen will: mit diesen Talenten sollen wir wuchern, die sollen wir anwenden und ausbauen. Denn gemeint sind natürlich all die Gaben, die uns gegeben sind, um Gutes zu tun. Und davon hat jeder etwas. Und wir haben die Pflicht, diese Gaben auch zum Nutzen der Allgemeinheit einzusetzen. Dazu gehört auch, dass wir diese Gaben fördern und entdecken. Es geht also hier um ein Grundanliegen der menschlichen Gesellschaft. Darauf will Jesus hinaus. Er nimmt das Geld als Beispiel für etwas, das viel mehr wert ist als Geld. Tatsächlich ist es so: wer seine Gaben nicht einsetzt, ist ein Verschwender und in der Tat ein törichter Mensch. Und sage niemand, er habe nicht und könne nichts. Jetzt zeigt sich, dass das Gleichnis doch sehr raffiniert ist. Denn die Knechte bekommen ja unterschiedlich viel Geld. Unsere Gaben und Talente sind unterschiedlich, manchmal meint man sogar: ungerecht. So mancher traut sich selber nichts zu, wie der ängstliche Knecht, weil er denkt, seine Gaben seien nicht wichtig. Aber das ist ein Irrtum. Es gibt nichts, das wir nicht brauchen. Und es ist eine wichtige Aufgabe für uns als Gesellschaft, als Menschen, als Erzieherinne und Erzieher, unsere Talente zu entdecken und zu fördern. Zum einen weil es die Lebensfreude fördert und einen Menschen innerlich stärkt, wenn er spürt, dass er etwas kann. Deswegen haben wir ein Bildungssystem entwickelt, das niemanden zurücklässt und jedem die Förderung angedeihen lässt, die er braucht. Ich habe das sehr eindrücklich gelernt in der Zeit, als meine Frau in der Schule für praktische Bildbare gearbeitet hat. Konfirmandenunterricht und Schulunterricht für schwer geistig behinderte Menschen? Ja hat das denn einen Zweck, lohnt sich denn diese Investition? Ich war immer wieder sehr berührt, wenn ich mit Schülerinnen und Schülern aus ihrer Schule zu tun hatte. Sie waren, allein dadurch, dass sich Menschen ihnen zuwandten und ihnen halfen, zu entdecken, was sie können, auch stolze, fröhliche und engagierte Menschen – auch wenn sie vielleicht in all den Jahren auf der Schule gerade mal gelernt haben, ein paar Worte zu sprechen. Aber mit ihnen zu reden war eine Bereicherung, und sie machte es glücklich. Das gilt für alle Gebiete unseres Lebens. Jedem ist ein Talent anvertraut, niemand kann nichts. Jesus will uns anspornen, daraus etwas zu machen. Denn wenn man sein Talent zum Nutzen aller einsetzt, dann treibt man eben gerade keinen Wucher! Und ihr merkt: So herum betrachtet wird das Gleichnis nun doch zu einer harten Kritik am Kapitalismus – denn der treibt Wucher auf Kosten der andren Menschen. Wer aber sein Talent einsetzt, fördert und ausbaut, der wuchert mit seinem Talent zum Wohl anderer Menschen.

Wer hat, dem wird gegeben: das ist eine Erfahrung, die man auf diesem Gebiet wirklich machen kann, man wächst mit seinen Aufgaben. Man wird bereichert, ohne sich zu bereichern. Wer seine Talente verkümmern lässt, der wird arm, dem wird tatsächlich etwas genommen – oder genauer gesagt: der nimmt sich selber etwas. Viel Verbitterung unter den Menschen kommt aus dieser Quelle: Wer über sich selber sagt, ich hab nichts, ich kann nichts – der kann schnell in dieser Höhle der Traurigkeit festsitzen. Da braucht es dann doch auch mal einen kräftigen Anstoß: wie ihn Jesus mit seinem Gleichnis ja auch gibt.

Darum dürfen wir niemanden zurücklassen, darum dürfen wir uns auch selber nicht zurücklassen. Das gilt zum Beispiel auch für die vielen Menschen, die zu uns kommen, weil sie sich hier ein besseres Leben erhoffen: All die Menschen, die zu uns kommen, bringen auch Talente mit: wir sollten alles dafür tun, sie zu fördern und auszubauen, wir brauchen jeden und jeder kann etwas beitragen, wenn man ihn nur lässt. Von vornherein zu sagen, es sind Schmarotzer und Taugenichtse, die sich auf unsere Kosten ein gutes Leben machen wollen, ist genau der falsche Ansatz. Jeder Mensch, der kommt, bringt etwas mit, und wenn man ihm Gelegenheit gibt, das zu zeigen, wird er es dankbar tun.

So also ist das mit diesem schockierenden Gleichnis: es dreht unser Denken genau herum: Im Ersten Moment scheint es unseren finstersten Ängste zu bedienen. Auf den zweiten Blick macht es uns Mut. Niemand ist nutzlos. Niemand ist unbegabt. Jeder ist gefordert und gebeten, das, was er kann, für andere einzusetzen. Nur so kann unser Leben funktionieren, nur so kann eine Gemeinschaft wirklich wachsen und gedeihen. Und selbst wenn es nur ganz wenig ist: es ist wertvoll. Wir sind von Gott begabte Wesen. So lasst uns mit unseren Talenten wuchern, zum Wohle aller, und uns aneinander bereichern, ohne uns voneinander zu bereichern. Der Lohn, den du bekommst, ist ganz einfach: du wirst wachsen! Gott schaut nicht auf das, was wir nicht können, sondern auf das, was wir können. Er nimmt uns nicht bei unseren Defiziten, sondern bei unseren Stärken. Er fordert nicht, er fördert. Er misttraut uns nicht, er traut uns etwas zu.

So sollten wir es auch tun: denn es tut uns gut.

Amen.

Mittwoch, 15. Juli 2015

Pfarrstelle




Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde,

ich muss eine unerfreuliche Mitteilung machen: Ich werde die halbe Pfarrstelle Großenritte-Altenritte 3 nach genau zwei Jahren verlassen und nur noch auf der halben Pfarrstelle im Büro des Bischofs weiterarbeiten.

Die Gründe dafür sind ausschließlich persönlicher und gesundheitlicher Natur: Ich habe die Belastung falsch eingeschätzt und muss einen Schritt zurücktreten. Ich bitte um Ihr Verständnis.

Die Arbeit in der Gemeinde hat mir große Freude bereitet. Ich fühle mich hier wohl, die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Der Entschluss, mich daraus zurückziehen, fällt mir ausgesprochen schwer und hat viel Zeit gebraucht.

Mein letzter Arbeitstag in der Gemeinde wird, wenn nichts dazwischen kommt, der 30. September sein.

Die Tätigkeit meiner Frau bleibt von alledem völlig unberührt: Sie ist und bleibt weiterhin Gemeindepfarrerin in Großenritte und Altenritte. Als „Pfarrmann“ bleibe ich Gemeindemitglied und mit Ihnen in Verbindung.

Jetzt schon möchte ich von Herzen allen danken, die meine Arbeit unterstützen und begleiten, allen voran meinen beiden wunderbaren Kolleginnen, dem Kirchenvorstand, den nebenamtlich Tätigen und der großen Gruppe von ehrenamtlich Mitarbeitenden und all den anderen, mit denen zusammenzuarbeiten ich die Freude habe.  Das werde ich sehr vermissen!

Der Gottesdienst zu meiner Verabschiedung ist für den 18. Oktober geplant. Näheres dazu, wenn die notwendigen verwaltungstechnischen Schritte getan sind.

Bis dahin werde ich natürlich meinen Dienst vollständig wahrnehmen.

Ich hoffe, in meinem e-mail Verteiler niemanden übersehen zu haben, sofern er oder sie mit mir per e-mail in Kontakt standen.

Mit den besten Grüßen

Roland Kupski

Samstag, 6. Juni 2015

Der Reiche und der arme Lazarus, Lk 16, 19-30 Predigt 1. S.n.Tr. 2015


Vom reichen Mann und armen Lazarus

19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren 21 und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. 22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.

 23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24 Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. 25 Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du [a]dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt.

a) Kap 6,24 26 Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.

 27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; 28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. 29 Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören.[a]

30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.



Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!
Der letzte Satz aus diesem Gleichnis klingt sehr bitter.

„Selbst wenn einer von den Toten käme, würden Sie nicht auf ihn hören!“ Aber nur auf den ersten Blick klingt das bitter. Auf dem zweiten Blick zeigt er uns den Weg zur Lösung. In der Tat: wenn einer von Toten käme, um uns Angst zu machen, wie es der Reiche Mann sich für seine Brüder wünscht, würden wir nicht auf ihn hören. Nun ist aber Jesus von den Toten auferstanden, damit wir die Angst verlieren: Und Jesus spricht von der Liebe. Am Ende fällt Gott sozusagen dem Gleichnis in den Arm und geht einen ganz anderen Weg. Es ist einer von den Toten gekommen: Nicht um uns zu drohen, sondern um uns ein neues Herz zu schenken.

Hören wir die Geschichte noch einmal:

Ein reicher Mann lebt in Saus und Braus, trägt kostbare Gewänder, sein Leben ist eine einzige Party. Natürlich habe ich da sofort ganz konkrete Bilder vor Augen: Die Geschichte rückt uns sofort auf die Pelle. Sie rührt an unserer Urangst: mit unserem Guten Lebe das wahre Leben zu verfehlen und am Ende dafür büßen zu müssen. 

Lazarus ist auf der untersten Stufe der sozialen Leiter angekommen. Er ist nicht nur arm, er ist auch krank. Die einzigen, die sich seiner erbarmen, sind die Hunde, die seine Geschwüre lecken: Es ist ein Elend, das hier beschrieben wird. Da haben wir auch sofort Bilder vor den Augen: Dieser Anfang der Geschichte ist wahrlich keine große Herausforderung an unsere Phantasie. Er löst sofort Beklemmung aus, bei mir jedenfalls.

Nun stirbt Lazarus, und die Geschichte bekommt einen märchenhaften Zug: Larazus fährt direkt auf in den Himmel, dort sitzt er neben Abraham, dem Urvater des Glaubens, am himmlischen Tisch und wird von ihm getröstet und bewirtet. 

Und da beginnt die Geschichte schon zu stolpern, wenn man eine Sekunde innehält.

Ausgleichende Gerechtigkeit: ja sicher. Aber das kann es ja nicht sein – das wäre nicht nur ein billiger, das wäre ein zynischer Trost für die Armen. Wir würden die Armen damit nicht trösten, sondern eben nur vertrösten. Das wäre eine bittere Gerechtigkeit, wenn es die nur im Jenseits gibt! Die Hölle auf Erden würde bleiben! 

Jetzt hören wir wieder von dem reichen Mann. Auch er stirbt. Er wird begraben. Er fährt geradewegs in die Hölle. Und wer jetzt denkt: recht so! ist schon in die Falle getappt. Denn auch damit ist niemandem gedient. Am wenigsten dem Lazarus. Es wäre auch hier eine zynische Gerechtigkeit, es wäre reine Häme! Wer hätte etwas davon? Wir merken: Die Geschichte will auf etwas anderes hinaus. Hier wird keine billige Gerechtigkeit angeboten, die im Grunde mit unseren niedersten Instinkten, der Angst und der Häme, spielt. Sollen wir uns Gerechtigkeit so vorstellen, dass die Sieger am Ende wie der Klassenprimus feixen, weil die anderen schlechte Noten bekommen? Gerechtigkeit muss doch mehr sein, als Schadenfreude am Schluss! Wo bleibt hier das Erbarmen? 

Und darum geht die Geschichte noch weiter. Diese billige Gerechtigkeit, die keine ist, soll uns gründlich ausgetrieben werden. Der reiche Mann kommt nun zur Einsicht, er ist nun selber in der Not, er sucht Hilfe. Der Arme und der Reiche können sich sehen. Vater Abraham, ruft der Reiche, sende den Lazarus, dass er mir mit der Spitze seines Fingers die Lippen netze! Nun wird also der Reiche gequält, und er sucht seine Hilfe bei dem Armen. Die Hilfe aber wird ihm verweigert, mit einem unglaublich harten Satz: Du hast dein gutes Leben gehabt. Der Abgrund zwischen Himmel und Hölle ist unüberwindbar. Es gibt keine Rettung für Dich! 

Ein harter Satz, schwer erträglich. Doch er führt dazu, dass der Reiche nun zum ersten Mal in seinem Leben nicht an sich denkt, sondern an andere. Und jetzt wird es interessant: Er bittet Abraham, den Lazarus noch einmal in die Welt zu senden, damit er die Menschen warnt. Aber so ganz ist der Reiche von seiner Selbstsucht noch nicht geheilt. Denn er möchte, dass seine 5 Brüder gewarnt werden. Sie sollen hören, wie es ihnen ergehen wird, wenn sie nicht ihr Leben ändern. Also: der Reiche sieht selbst in der Hölle nicht die Not des Lazarus, sondern er sieht auch hier nur seine eigene Not und möchte, dass das seinen Brüdern erspart bleibt. Er möchte, dass einen Brüdern Angst gemacht wird, damit sie sich bekehren. Der Reiche ist nicht etwa erschüttert über das irdische Leben des Lazarus, sondern er macht sich Sorgen um das himmlische Leben seiner Brüder!

Doch Abraham wehrt das ab. Ich brauche den Lazarus nicht zu senden. Lazarus hätte deinen Brüdern nichts Neues zu sagen. Es ist alles bekannt. Sie können es in der Bibel nachlesen. Sie können es im Tempel hören. Zum Beispiel das schöne, klare Wort des Propheten Amos: Barmherzigkeit will ich, keine Opfer. Oder das klare Gebot aus dem fünften Buch Mose: Du sollst den Armen nicht bedrücken, oder eben auch das 7 Gebot: Du sollst nicht stehlen, denn auf Kosten der Armen zu leben ist Diebstahl. Da ist das Wort Gottes völlig eindeutig. Und darum sagt Abraham auch: Es ist nicht nötig, den Lazarus zu senden. Sie haben doch Mose und die Propheten. Auf die sollen sie hören! 

Und der reiche Mann versteht das auch sofort: Nicht der Reichtum ist das Problem, sondern die Gottlosigkeit. Nicht sein Reichtum hat ihn dahin gebracht, wo er jetzt ist, sondern seine Gottlosigkeit und seine Lieblosigkeit, die daraus folgt. Und darum ruft er jetzt: Ja, sie hören nicht! Aber wenn einer von den Toten kommt und es ihnen sagt, dann werden sie hören! Und jetzt kommt dieser fatale letzte Satz: Abraham aber sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.
Es geht hier gar nicht um Arm und Reich. Es geht um Glauben und Unglauben. Es geht darum, worauf wir unser Leben bauen und worauf wir hören. Arm und Reich sind hier nur Beispiele. Es könnte auch um eine schöne und eine hässliche Frau gehen, wobei ja diese Unterscheidung schon das Problem ist. Oder. wie eben schon angedeutet, um einen guten und einen schlechten Schüler. Denn es geht nicht zuerst um Gerechtigkeit in dieser Geschichte. Es geht um Erbarmen.. Die Brücke über diesen von Armut und Reichtum, die Brücker über den Graben von Gedankenlosigkeit und Elende heißt: die Liebe! 

Und darum ist es wichitg, darauf zu hören, wer uns diese Geschichte erzählt. Es erzählt ja einer, der von den Toten gekommen ist. Und er kommt nicht, uns macht uns Angst, der kommt und mach tuns die Augen auf.

Der auferstandene Jesus, der aus dem Reich der Toten zu uns spricht, zeigt uns seine Wunden: und lenkt damit den Blick auf Lazarus, den wir, gefangen in unsere Angst, wie der Reiche Mann, ganz vergessen haben. Um ihn geht es. Die Liebe zu Lazarus will er in uns wecken. Die Liebe lenkt den Blick vom Himmel der guten Vorsätze auf die Erde der echten Not. Sie macht nicht Angst, sie macht die Not sichtbar. Sie führt zum Erbarmen. Das ist es, was dem Reichen fehlte. Und damit wir da Ebarmen lernen, erzählt uns der Auferstandene, der von den Toten gekommene, diese Geschichte. In Jesus habe wir Lazarus vor Augen: da sollen wir hinschauen. Vergesst die jenseitige Höllennot des reichen Mannes, schaut auf die idirsche Höllennot des armen Lazarus. Der braucht sein täglich Brot.

 Das Gleichnis, dass scheinbar so märchenhaft und absonderlich mythisch von Himmel und Hölle spricht, will unseren Blick auf Erde lenken.

Vergesst die Hölle. Vergesst den Himmel. Liebt die Erde. Liebt den Lazarus. Denn in ihm liegt Gott vor unserer Tür.

Das ist am Ende die ganz einfache Botschaft dieser nicht ganz einfachen Geschichte, die uns um drei Ecken durch einen Alptraum von Gerechtigkeit jagt, damit wir bei einem Traum vom Erbarmen ankommen. Der letzte Satz der Geschichte ist nicht der letzte Satz, den wir zu sagen haben: „Sie hören ja doch nicht!“ Doch, wir hören, und die Bitte lautet: „Herr, lass uns verstehen, dass wir Larazus nicht übersehen.“ 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, erleuchte Eure Herzen und Sinne.



Amen.









Mittwoch, 13. Mai 2015

Predigt Himmelfahrt 2015. Der wahre Vatertag




Lk 24,44-49.50-53

44 Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen.

Da öffnete er ihnen das Verständnis, sodass sie die Schrift verstanden  und sprach zu ihnen: So steht's geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten [a]am dritten Tage;

und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Fangt an in Jerusalem  und seid dafür Zeugen. 49 Und siehe, ich will ]auf euch herabsenden, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe.

50 Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. 51 Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. 52 Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude 53 und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

 

Liebe Gemeinde!

Der wahre Vatertag habe ich diesen Gottesdienst, nicht ohne Augenzwinkern, überschrieben. Und in der Zeitung stand ja schon in einem kurzen Satz, was ich damit meine: Heute ist der Tag, an dem wir die Rückkehr des Sohnes zum Vater feiern. Denn das steht hinter „Himmelfahrt“.

Insofern ist Vater das Thema für heute.

Was ist ein Vater? Diese Frage ist heute gar nicht mehr so selbstverständlich zu beantworten, wie man meinen sollte. „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“, sagt eine alte Redensart, und die war nie so wahr wie heute.

Die Rolle des Vaters auch viel mehr durch die Kultur geprägt als die Rolle der Mutter! Denn die Aufgabe des Vaters wird in jeder Kultur anders verstanden, und auch in unserer Kultur wandelt sie sich stetig. Vatersein ist nichts Natürliches und nichts Selbstverständliches! Im Tierreich gibt es so etwas wie Väter fast überhaupt nicht, im Gegenteil muss manches Männchen nach der Zeugung zusehen, Land zu gewinnen, damit er nicht das erste Futter für die Kleinen wird!

Und im Moment ist es so, dass viele Väter, ich nehme mich da gar nicht aus, ganz verunsichert sind, was ihre Rolle und ihre Aufgabe eigentlich ist. Die „neuen Väter“ sind oft auch ganz unsichere Väter. Selbst der gute alte Vatertag, der es Männern erlaubte, für einen Tag auf Steinzeitniveau zu gehen, hat sich zu einem Familientag gewandelt. Was ist ein guter Vater? Das ist heute eine ganz drängende Frage – und sie war es im Grunde schon immer. Denn „Vaterschaft“ ist ein elementares Grundthema des christlichen Glaubens. Denn  Jesus sprach von Gott als dem Vater, aber er sprach auf eine Art und Wise von Gott als Vater, wie man sie bis daher noch nicht gehört hatte. Für Jesus war Gott ein gütiger Vater, der nicht mit harter Hand und der Macht des Gesetzes regiert, sondern der für Liebe, Sanftmut und Zuwendung steht. Für Jesu war das ganze Universum, die ganze Schöpfung, mit einer Liebe durchzogen, die für ihn eine väterliche Liebe war! Wer sich dieser Liebe anvertraut, der muss auch danach fragen, was es heißt ein Vater zu sein. Es gibt im Brief an die Epheser seine Stelle, wo die Väter ausdrücklich aufgefordert werden, ihre Kinder so zu lieben, wie der himmlische Vater seinen Sohn liebt: Mit Sanftmut und Hingabe, ohne Gewalt und mit Zärtlichkeit. „Der Vater und ich sind eins“, sagt Jesus einmal, und sie sind eins darin, ihre Liebe zu den Menschen zu zeigen. Und sie gehen darin bis zum äußersten.

Und jetzt kommen wir zum schwersten Gedanken, der uns aber ganz in die Tiefe führen wird, und den ich euch an  so einem festlichen Tage nicht vorenthalten will, weil er uns zum Kern führt.  

Was ist das für ein Vater, der seinen Sohn in den Tod gibt? Das ist ja eine alte Frage, und sie wird schon von den ersten Christen gestellt, die waren ja nicht dümmer als wir – Jesus erklärt es seinen Jüngern vor der Himmelfahrt, wie wir gehört haben, in dem er ihnen den Sinn des Ganzen auslegt. Wie kann ein Vater so etwas tun?

Doch die Frage hat einen inneren Zynismus, der davon ablenkt, dass die wirklich Frage heißen muss: Wie können die menschlichen Väter ihre Söhne zu tausenden, zu Abermillionen in den Tod schicken, wie es im vergangene Jahrhundert doch der Fall war, wie nie zuvor? Von dieser Frage nach den unbarmherzigen und grausamen menschlichen Vätern lenkt die Frage nach Gott völlig ab. Aber genau diese Frage stellt uns Gott. Denn er gibt seinen Sohn dahin, um ihn wiederzubekommen, verwandelt und verändert. Indem Jesus stirbt, durch Menschenhand, wird die Menschenhand in der Geschichte sichtbar. Wir können Väter so etwas tun, wo doch menschliche Väter die Kraft nicht haben, ihre Söhne aus den Gräbern zu holen? In der vemeintlichen Grausamkeit Gottes spiegelt sich die tatsächliche Grausamkeit der Menschen. Der wahre Vatertag: genau hier, genau hier am Kreuz wird uns die Frage gestellt, was denn ein wahrer Vater ist. Ein wahrer Vater ist einer, der nur und ausschließlich auf das Leben aus ist, der schenkt und gibt und sich verausgabt für die, die ihm anvertraut sind, der Gewalt erduldet, anstatt sie auszuüben. Ein wahrer Vater ist die Quelle von Zärtlichkeit und Sicherheit, von Geborgenheit und Versöhnung. Ein wahrer Vater ist stark darin, aus  der Schwäche heraus zu leben und darin seine Kinder zu stärken. Nicht die Rute, sondern die ausgestreckte Segenshand ist das Symbol des Vaters. Das ist die Botschaft des Glaubens zum Thema „Vater“. Gerade wenn wir Gott Vater nennen, müssen wir darüber nachdenken, was es heißt, ein Vater zu sein. Die Kirche hat diese Botschaft wahrhaftig nicht immer durchgehalten: immer wieder fiel sie dahinter zurück. Anstatt von Gott dem Vater her danach zu fragen, was es heißt, ein menschlicher Vater zu sein, machte sie es genau andersherum: Sie baute sich ein Gottesbild, dass den menschlichen Vater zum Vorbild nahm: Streng, gewaltbereit, distanziert, auf Strafe aus, emotional verkümmert.

Darin hat die Kirche am stärksten gesündigt und sich verfehlt: sie machte aus Gott den Vater ein Zerrbild von menschlichen Vätern, um Herrschaft auszuüben, statt Liebe einzuüben. So ein Gott kann nur unglücklich machen: so ein Gott fordert geradezu dazu heraus, sich gegen ihn aufzulehnen und ihn abzulehnen und mit ihm nichts zu tun haben zu wollen. Es ist kein Wunder, dass die Moderne von Gott nichts hören will: denn das Merkmal der modernen Zeit ist ja gerade die Auflehnung gegen den Vater: gegen den Herrschafts-, Macht- und Gewalt-Vater.

 

Es wird Zeit, dass wir lernen, von menschlichen Vätern zu reden, wie Jesus von seinem Vater sprach und Vaterschaft so anzunehmen. So ein Vater will ich sein! Da haben wir das Leitbild, das alle so verzweifelt suchen: gibt es eine innigere Vater-Sohn-Beziehung als die von Jesus und Gott ?  Der Glauben versteht Vaterschaft von Anfang an als zärtliche Hingabe und solidarische Partnerschaft: das Ziel ist, dass die Söhne heimkehren und beim Vater ankommen: das Feiert Himmelfahrt!

Der Kreis schließt sich. Gott ist der Vater, der das Universum, den Himmel mit einer väterlichen Energie füllt, die nichts anderes ist als reine Liebe, die sich öffnet für alle Geschöpfe. Und darum ist gerade das Bild von der Himmelfahrt Christi, so märchenhaft es uns erscheint, von einer ungeheuren Kraft, wenn man es auf sich wirken lässt: Der Himmel wir aufgerissen, die verschlossene Kammer der Vaters, der Machtbereich Gottes, wird geöffnet und steht fortan jedem offen, der sein Herz diesem liebenden Vater zuwendet. Das ist doch ein wirklich anrührendes Bild: Vater und Sohn, in Liebe vereint, im Geist versammelt, regieren und herrschen sie so anders, wie alle menschlichen Väter und Söhne es tun: In Sanftmut und Geduld, in Hingabe und Zuwendung, in zärtlicher Zugewandtheit, verbunden durch einen gemeinsamen Geist.

Und was ist mit Müttern? Das ist eine andere Predigt zu einem anderen Tag. Gönnt es uns Vätern doch mal, für einen Moment im Zentrum von Aufmerksamkeit zu stehen: so ist Himmelfahrt auch in der Kirche der wahre Vatertag.

Himmelfahrt ist die andere Seite von Weihnachten: Gott und Mensch vereint als eine große Familie, Schöpfer und Geschöpf vereint als Fleisch und Geist, himmlischer Friede als Verheißung des irdischen Friedens, der offenen Himmel als Horizont der Zukunft.

Der alte Vatertag gehört zur alten Welt: da hat er sein gutes Recht: sollen die Väter ihren Spaß haben, ich war da früher auch dabei, und nicht zu knapp.

Der wahre Vatertag aber gehört zur neuen Welt: und da sollen wir alle, ja alle Geschöpfe Freude haben und Gott aus vollem Herzen loben und preisen – und genau das tun wir jetzt auch.

Amen.

Amen.

Sonntag, 26. April 2015

Predigt zur Konfirmation 2015, Großenritte. Kol 2, 6-10. Nie war der Glaube so wertvoll wie heute.


Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!

Im Grund möchte ich Euch nur einen Satz weitergeben: Nie war die Konfirmation so wertvoll wie heute, weil der Glaube nie so wertwoll war, wie heute!

Genau davon nämlich sprechen die schönen Worte des Apostels Paulus,  die seit alters am Tag der Konfirmation gelesen und gehört werden.:

6 Wie ihr nun den Herrn Christus Jesus angenommen habt, so lebt auch in ihm  7 und seid in ihm verwurzelt und gegründet und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und seid reichlich dankbar. 8 Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus. 9 Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig 10 und an dieser Fülle habt ihr teil in ihm, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.

 

Glauben ist ganz einfach. Glauben meint einfach nur: Vertrauen haben und Jesus Christus annehmen. Denn Vertrauen ist die Grundlage von allem. Wer auch nur ein bisschen Lebenserfahrung hat, weiß das.

Das Problem am Vertrauen ist, dass es immer wieder enttäuscht werden kann. Eltern enttäuschen ihre Kinder, Kinder enttäuschen ihre Eltern; Partner sind voneinander enttäuscht, Bürger von ihrer Regierung, und was am schmerzlichsten ist: oft genug sind wir auch von uns selbst enttäuscht.

Viele Menschen haben ja den Eindruck, als wäre die Welt in den letzten Jahren immer schlechter geworden. Aber das täuscht. Es hängt damit zusammen, dass wir so neugierig sind auf das Unglück und eien ganze Industrie von schlechten Nachrichten, von Gewalt, Übertreibung, Lug und Betrug lebt. Wir lieben schlechte Nachrichten, wie man sich in jeder Nachrichtensendung und bei jeder Zeitungslektüre überzeugen kann. Ja mehr noch, durch die neuen Medien, vor allem das Internet, hat sich in unserem Land ein Kultur des Geschreis und Gejammers breitgemacht, in der für gute Nachrichten scheinbar gar kein Platz mehr is, am wenigsten für die gute Nachricht des Glaubens. Man kann leicht den Eindruck gewinnen,  dass die Welt voller Idioten, habgieriger Spekulanten, korrupter Politiker, sexversessener Egoisten und gedankenloser Schwätzer ist. Da hat es das Vertrauen schwer. Die vielen guten Dinge und Erlebnisse unseres Leben werden überdröhnt vom Katastrophengebrüll der Medien.

Wir leben in einer Kultur des Geschreis, in der es die Stimme der Vernunft und der Mäßigung immer schwerer hat. Gerade in der Erziehung von Kindern spielt das eine immer größere Rolle. Ich bin immer wieder erstaunt und auch ein wenig erschrocken, wenn ich mitbekomme, was sich in den Köpfen der Kinder so abspielt. Sie wissen heute mit ihren 13 oder 14 Jahren Dinge, von denen ich mit 13 oder 14 noch nicht einmal wusste, dass es sie überhaupt gibt. Erziehung ist schon lange nicht mehr nur die Sache von Eltern, Familie, Schule und anderen, die damit professionell befass sind. Längst erziehen viele andere mit, die wir nicht kennen, die dafür keine Auftrag haben und dafür auch gar nicht vorgesehen sind.  Und es ist unendlich schwer, dagegen anzuerziehen.

Und: Die Welt ist kompliziert geworden. Es ist der ganz normale Alltag, der uns selber oft an den Rand des Wahnsinns treibt. Ich erlebe es auch bei meinen eigenen Kindern: die Schule stellt hohe Ansprüche, sie bestimmt in einer Weise das Leben von jungen Menschen, wie ich es als Schüler nicht erlebt habe. Die Arbeitswelt ist auch hektischer geworden, viele arbeiten weit über ihre Kräfte hinaus, Familien haben es schwer, ein gemeinsames leben auf die Beine zu stellen, in dem Vertrauen wachsen kann.

Und unsere Ansprüche sind gestiegen: sowohl die, wie an uns selbst haben, als auch die, die an uns gestellt werden. Viel Enttäuschung, gerade bei jungen Menschen, hat auch etwas damit zu tun, dass die Erwartungen viel zu hoch sind. Wer sich für sein Leben an den Bildern aus den Medien orientiert, der wird mit Sicherheit enttäuscht werden. Das Leben ist keine Castingshow, und nur eine wird Germanies next Top Modell und ist doch morgen schon wieder vergessen, bei den Allerwengisten kommt Tine Wittler zum Aufräumen und auf Supermann und Batman können wir lange warten. Das Leben ist auch kein Computerspiel, wo nach „Game over“ die Replay-Taste gedrückt werden kann. Zweite Chancen sind selten geworden.

Das alles ist ziemlich gnadenlos. Wir leben in einer gnadenlosen Welt.

Mit einem Wort: Wir leben in einer Gesellschaft, die uns zunehmend überfordert und zutiefst verunsichert. Woran soll man sich halten? Was gilt?

Nie war die Konfirmation so wertvoll wie heute. Denn Konfirmation meint: Innerlich festigen im Glauben, der dem Geschrei der Welt das Vertrauen entgegensetzt.

Denn der Glaube richtet sich nicht an einer Idee, einer Weltanschauung oder irgendwelchen abgehobenen Sätzen aus. Das denken ja viele Menschen: Glauben meint, das für wahr zu halten, was die Kirche sagt, irgendwelche weltfremden Theorien über die Entstehung der Welt, die Unsterblichkeit, viel Menschen denekn, Glauben sei das Gegenteil von Wissen und deshalb völlig unnötig. Aber das ist eine Verzerrung des Glaubens, die sich auch dem Geschrei der Welt verdankt.

Wäre der Glaube unnötig, dann wäre auch die Liebe unnötig.

Denn die Liebe ist auch kein Wissen. Die Liebe ist im Kern nichts anderes als Vertrauen. In der Liebe geht es nicht um Theorien und Meinungen, in der Leibe geht um Menschen. In der Liebe geht es um uns.  Und darum geht im Glauben auch um einen Menschen. Es geht um Jesus von Nazareth. Der hat uns die Liebe gebracht: Er ist der Mensch, in dem die Liebe, indem Gott selber wohnte und zwar vollständig, wie in keinem anderen. Darum ist er unser Held, unser Lehrer und Meister, darum nennen wir ihn unseren Herrn, obwohl das Wort in der Liebe eigentlich gar nichts zu suchen hat. Denn er ist der Herr, der uns dient, was Herrn ja sonst nicht tun. Jesus Christus: das ist keine Idee, das ist ein Mensch, der uns dazu bringen will, menschlich zu sein.

Jesus lehrt uns Vertrauen. Und Jesus gibt uns ein paar einfache Richtlinien dafür, wie das Vertrauen gelingen kann. Wir haben die Worte gehört: Jesus preist die selig, die damit am wenigsten gerechnet haben. Die mit einem schwachen Glauben, die in Angst und Verfolgung leben, die, die sich selber schon aufgegeben haben, mit einem Wort: Jesus preist genau die selig, von denen wir allzu schnell denken, sie seien im Grunde die Verlierer und die Loser, die Luschen und die Schwachen. Gerade denen spricht aber die Liebe Gottes uneingeschränkt zu. Jesus will Vertrauen wecken in die Lebe Gottes, der den Menschen gerade dann liebt, wenn er schwach ist.

Damit stehen die Worte Jesus gegen das normale Denken, gegen den sogenannten gesunden Menschenverstand, so sind die Worte Jesus wie ein  Gegengift gegen das Geschrei in der Welt, dass nur die Superhelden und die Starken, die Schönen und die Reichen glücklich nennt. Nein, Jesus kennt ein besseres, ein stärkeres, ein nachhaltigeres Glück, eine stärker Seligkeit als die von Reichtum, Macht und Ansehen und wovon wir sonst so träumen: Für ihn heißt das Glück Erbarmen,  Zuwendung, Rücksicht auf die Schwachen, Erkenntnis und Annehmen der eigenen Grenzen.

Ich kann Euch nur wünschen, dass der Samen des Glaubens, den wir versucht haben, in eure Herzen zu legen, aufgehen möge in Eurem Leben, damit ihr etwas habt, an dass ihr euch halten könnt, damit ich innere Festigkeit und Stärke bekommt, Euren Wege im Leben zu gehen: Nicht auf Kosten anderer Menschen, sondern als Gewinn für alle Menschen. Nicht auf Kosten Eurer Kraft, sondern so, dass Euch Kraft zuwächst. Die Stimme Jesu, die so einfach Dinge sagt wie die Seligpreisungen, die 10 Gebote oder den 23. Psalm ist am Ende stärker als das Geschrei und das Gebrüll der Welt, und ein Gebet zu rechten Zeit ist stärker und kräftiger als alle großen Pläne, Meinungen und Überzeugungen.

Wenn ihr Euch heute konfirmeiren lasst, dann sagt ihr JA zu Gott, so wie Gott Ja zu Euch gesagt hat, schon bevor ihr überhaupt denken und reden konntet. Wenn wir euch gleich segnen, dann erneuern wir den Segen, dern Gott über euch schon gesprochen hat, bevor ihr überhaupt etwas hören konntet. Wenn wir Euch gleich die Hände auflegen, dann übergießen wir Euch mit einer Kraft, die stärker ist als alle anderen Kräfte dieser Welt: Mit der Liebe. Wir segnen Euch als ein Glied am Liebe Christi, wie es in den schönen Plakat sichtbar wird, dass wir für den Vorstellungsgottesdienst erstellt haben.

Denn der Segen ist das Zeichen des Vertrauens, das wir brauchen wie das tägliche Brot, damit wir an der Welt mit ihrem Geschrei nicht irre werden. Unser Herr, an den wir glauben und auf  den wir vertrauen,  heißt Jesus Christus: Das müssen alle Herren dieser Welt begreifen. Die Macht, aus der wir leben, heißt die Liebe, dass müssen alle Lieblosen dieser Welt begreifen. Die Kraft, die uns trägt, heißt die Hoffnung, dass müssen alle Pessimisten dieser Welt hören. Wer darin fest bleibt, der ist gewappnet für die Stürme des Lebens und kann kraftvoll und ohne Angst leben.

Das wünsche ich Euch. Das wünsche ich uns. Das wünsche ich der Welt. Nie war die Konfirmation so wertvoll wie heute. Denn nie war der Glaube so wertvoll wie heute. Was ihr daraus macht, ist Eure Sache, wie mit allen Geschenken, die ihr heute bekommt. Aber Geld ist eines Tages alle. Glaube, Liebe, Hoffnung aber hören niemals auf.

6 Wie ihr nun den Herrn Christus Jesus angenommen habt, so lebt auch in ihm  7 und seid in ihm verwurzelt und gegründet und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und seid reichlich dankbar. 8 Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus. 9 Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig 10 und an dieser Fülle habt ihr teil in ihm, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.

 

 

 

Dienstag, 14. April 2015

Predigt Ostersonntag 2015, Altenritte, Mk 16, 1-8


Mk 16,1-8

161 Jesu Auferstehung

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.

2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.

3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, daß der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.

6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.

7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, [a] daß er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

 

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!

 

Das ist keine Auferstehungsgeschichte. Wir erfahren gar nicht so genau, was geschehen ist. Wir erfahren nur: das Grab war leer. Der Tote war nicht dort, wo man ihn normalerweise vermutet: er war nicht im Grab. In der gesamten Bibel gibt es keine Erzählung davon, was genau am Ostermorgen geschehen ist. Wir erfahren nur etwas über die Wirkungen. Aber was heitß hier „nur“. Auf die Wirkung kommt es ja an. Und die Wirkung, dessen, was das geschehen ist, die spüren wir bis heute.

Die Frauen finden ein leeres Grab. Sie haben ein Vision: Ein Engel sagt ihnen, dass Jesus auferstanden ist, er ist nicht hier. Sie sollen aber zu den Jüngern gehen, nach Galiläa, wohin sie geflohen sind. Dort werden Sie Jesus sehen.

Und was machen die Frauen: sie geraten, was wohl nur mehr als verständlich ist, in Panik und fliehen. Und sie schweigen.

So war es, als das erste Licht des Tages anbrach. Die Frauen haben gesehen, was geschehen ist, aber sie haben es nicht begriffen. Und sind sie uns, denke ich mal, doch sehr nahe. Das leere Grab bedeutet gar nichts. Es ist ein leeres Grab, und das ist eine merkwürdige Vorstellung. Darüber kann man spotten, darüber kann man sich fürchten, darüber kann man in abergläubische Ehrfurcht verfallen. Aber Glauben ist das nicht.

Was wir heute, an diesem Tage feiern, ist das Ergebnis eines Verstehensprozesses, der fünfzig Tage dauerte. Darum beginnt heute die österliche Freudenzeit.

Darum feiern wir ja auch die österliche Festzeit bis Himmelfahrt. In den folgenden 50 Tagen geschahen die eigentlichen Wunder, die den Osterglauben entzündeten: die Überwindung des Schreckens, des Zweifels und der Ohnmacht. Das Leere Grab ist nur der Anfang: und die Geschichte zeigt uns sehr deutlich, dass es bei Auferstehung um mehr und um etwas anderes geht als um die Wiederbelebung eines Toten. Es geht um einen radikalen Wandel des Denkens. Das leere Grab ist im Grunde ein Symbol für unser leeres Herz. Und gefüllt werden kann es nur durch Verstehen und Begreifen, und das geht nur in der Gemeinschaft. 

Davon erzählen die Ostergeschichten.

In der Folge begegneten Menschen dem Auferstandenen Jesus. Aber nicht in Fleisch und Blut, sondern als Vision und Erscheinung. Und immer ging es darum, gemeinsam zu essen! Zuerst erschien er zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, aber sie erkennen ihn nicht. Er legt ihnen die gesamte Bibel aus, um sie zu trösten, aber sie begreifen kein Wort. Erst als sie beim Essen sitzen, geschieht es:

Jesus nimmt das Brot, bricht es und gibt es ihnen – und sie erkennen plötzlich, was geschehen ist: Jesus ist bei ihnen. Sie erkennen ihn an den Zeichen, die er tut. Doch in dem Moment, wo sie ihn erkennen, verflüchtigt sich die Erscheinung. Er ist kein wiederbelebter Toter, er ist reiner Geist, der ihnen in körperlicher Gestalt erscheinen ist; und doch sagen sie: Brannte nicht unser Herz? Das Feuer des Glaubens war in ihnen entzündet, nicht, weil sie in einem leeren Grab standen, sondern weil sie bei Feier der Abendmahls plötzlich seine Nähe erfahren haben. Sie laufen zu den anderen, erzählen ihnen das, die hatten inzwischen auch von den Frauen gehört, was geschehen ist – und natürlich auch nicht geglaubt. Erst als auch ihnen der Auferstandene erschien und mit ihnen das Brot brach, verstanden auch sie, was geschehen ist: Gott hat die Mauer des Todes niedergerissen und spricht zu uns von jenseits dieser Mauer, um uns zu trösten. Jetzt erst macht sich der Osterjubel breit, aber langsam – noch in der Abschiedszene an Himmelfahrt hören wird, dass etliche der Jünger zweifeln! Wir hören es von Paulus in der Lesung. Erst erschien er dem Petrus, dann ein paar andren, schließlich 500 Brüdern –das ist das, was uns die Pfingstgeschichte erzählt. Erst langsam brach sich das begreifen Raum, und plötzlich war die Frage, was da genau am Ostermorgen geschehen ist, völlig unwichtig – deswegen wird uns übrigens die Geschichte vom Ostermorgen von Markus, Matthäus, Lukas und Johannes in ganz verschiedenen Fassungen erzählt!. Sie spürten die Kraft des Auferstandenen, sie spüren, dass der Schrecken von Karfreitag nur ein Durchgang war durch das Leiden zum Jubel, durch den Schrecken zur Dankbarkeit und zur Freude, und dass damit die normale Ordnung des Lebens- die ja mit dem Schrecken des Todes endet – auf den Kopf gestellt war. Der Tod Gottes war der Anfang des Ewigen Lebens. Der tiefste Moment seiner Erniedrigung war der Anfang seiner Erhöhung. Ab jetzt können Gott und Mensch nur noch zusammen gedacht werden. Was am Karfreitag gestorben ist, ist ein falsches Bild von Gott. Was am Ostermorgen sich in den Menschen breit macht, ist ein neues Bild von Gott, in dem Gott und Menschen vereint sind, wo Tod und Leben kein Widerspruch sind, wo Vergängnlichkeit und Ewigkeit vereint sind.

Glaube entsteht, wenn Menschen von Jesus ergriffen werden und erkennen, wer er für sie ist. Glauben entsteht,  wenn Menschen hinter den Buchstaben und Wörtern, die ja auch bloß eine Art leeres Grab sind, plötzlich Gott erkennen und begreifen, dass er zu ihnen spricht. Dann geschieht Auferstehung jeden Tag, so ist jeden Tag Ostern:  wenn ein Menschen aus seiner Angst, aus seiner Schuld und seiner Ohnmacht geholt wird, weil er die Nähe Jesu erfährt. Wenn ein Mensch die Angst vor Gott verliert und Vertrauen in seine Kraft findet, dann ist Auferstehung, neues Leben mitten im Alten.  Die Auferstehung am jüngsten Tage ist dann nur die Vollendung dieses Geschehens, das Ziel der Hoffnung, die aber jetzt schon nach uns greift, denn jetzt brauchen wir sie.

Darum müssen wir erzählen, und nicht schweigen – die Frauen haben ja am Ende auch erzählt, was ihnen wiederfahren ist, wie sie Auferstehung erlebt haben. Was das leere Grab bedeutet, erschließt sich also im Grunde erst ganz zum Schluss. Es ist unsere eigene innere Leere, von der hier die Rede ist. Suchen wir Gott in der Leere unseres Herzens, werden wir in nicht finden. Wir finden ihn nur in der Gemeinschaft der Glaubenden. Glaube ohne Kirche, Glauben ohne Gemeinde, Glauben ohne Verkündigung ist leer, leer wie das Grab. Erst wenn unser Herz mit dem Worte Gottes gefüllt ist, öffnet sich uns die Wahrheit. Christen glauben nicht an ein übernatürliches Wunder von Wiederbelebung, sondern sie glauben an das natürliche Wunder der Verwandlung aus der Kraft Gottes. Wir erkennen Gott nur und ausschließlich in der Gemeinschaft, die sich um die Zeichen seiner Gegenwart versammelt. Der Theologe Ernst Fuchs hat es einmal so formuliert: Jesus ist in das Wort hinein auferstanden. Wenn wir von ihm reden, dann ist er gegenwärtig.

Darum feiern wir das Abendmahl. Im Abendmahl ist Jesus ganz besonders gegenwärtig: nämlich als ein Stück Brot und ein Schluck Wein, als ein Symbol und Zeichen seiner Nähe. Da ist er uns ganz körperlich nahe. Darum ist das Abendmahl die zentrale Feier unseres Glaubens. Auch Brot und Wein sind letztlich nur leere Dinge, wenn man so will: So, wie sie da jetzt stehen, sind sie ein leeres Grab. Aber wenn wir gleich die Worte dazu sprechen, die Jesus dazu gesprochen hat, dann werden sie zu Zeichen seiner Gegenwart. . Erst das Wort Gottes macht sie für uns zum Zeichen seiner Gnade. Im Grunde ist es ganz einfach. Wir denken immer viel zu kompliziert.

Und so ist auch eine Kirche nur ein leeres Grab, wenn darin nicht das Wort Gotts verkündigt wird. Und so sind auch wir im Grunde wie ein leeres Grab, wenn nicht das Wort Gottes in uns einzieht und uns weckt. Darum müssen wir es immer und wieder hören. Glauben lebt von der Verkündigung, Glauben lebt vom Hören, Glauben lebt von der Gemeinschaft. Glauben lebt genau von dem, was wir hier gerade tun.  

Ostern ist nicht nur der Anfang.  Wir feiern heute nicht nur die Erinnerung an etwas, was vor 2000 Jahren geschah. Ostern ist auch Gegenwart und Zukunft: Denn an Ostern leuchtet das Licht der Ewigkeit in unser Leben. Dafür steht diese schöne Kerze, die heute morgen aus dem Dunkel der Nacht in die Kirche gebracht wurde.

Schwestern und Brüder: lasst euch hineinnehmen in das Licht der Ostertages, das kein anderes Licht ist als das Licht des ersten Schöpfungstages, als Gott aus dem Nichts heraus die Welt in das Sein rief, lasst Euch hereinnehmen in das tiefste Geheimnis des Kosmos, dass da lautet: Über allem waltet die Liebe, das Kreuz ist nicht das letzte Wort!
Das ist im Grunde das, was Gott uns sagen will und was auch der Engel den Frauen gesagt hat: Fürchtet Euch nicht!

Karfreitag 2015. 70 Jahre Kriegsende in Kassel und Region


Was ist das mit dem Karfreitag? Was begehen wir hier? Was wird hier vollbracht, wie es Jesus in seinem letzten Wort sagte?

Der Tag, einst der wichtigste evangelische Feiertag, wird immer weniger beachtet, ja vielen ist er peinlich, manchem sogar anstößig: Wird hier nicht das Leiden verherrlicht? Wir hier nicht auf peinliche Wiese das Ekelhaftestes und Übelste am Menschen sichtbar gemacht, um ihn zu demütigen und zu erniedrigen?

Es ist genau andersherum. Der Karfreitag ist der zutiefst menschliche Tag, der wie kein anderer deutlich macht, wie es um uns Menschen bestellt ist. Es war der Tag, an dem die Menschen, vertreten durch Juden und Heiden, wie wir es in der Lesung gehört haben, versucht haben, Gott aus der Welt zu drängen. Es war der Tag des abrundtief  Bösen. Wir reden aber von ihm, weil an diesem abgrundtief Bösen zugleich die abgründige Tiefe der Liebe Gottes sichtbar wurde.

Das klingt sehr theologisch, sehr abgehoben und sehr fern. ich will daher versuchen, es ein wenig deutlicher zu machen. Und dazu nehme ich einen Jahrestag zum Anlass, den wir in diesen Tagen auch begehen: Das Ende des 2. Weltkrieges und damit auch das Ende der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus in Deutschland. In diesen Tagen des Jahres 1945 kamen die amerikanischen Truppen im Raum Kassel an, in der Stadt Kassel am 4. April. Die entscheidende Wende für die deutsche Geschichte ereignete sich in der Wochen zwischen Karfreitag und Himmelfahrt. Für Baunatal kam das Kriegsende sogar am 1. April, direkt am Ostersonntag.

Aus christlicher Sicht ist diese letzte Woche des Krieges von besonderer symbolischer Bedeutung: Es war der Mittwoch nach Ostern, in der österlichen Freudenwoche also, als die 80. Infanteriedivision der US-Armee über die Wilhelmshöher Allee in Kassel eintraf. Damit war der Krieg für Kassel zu Ende.  Und es war der nach christlichem Kalender dunkelste und finsterte Tag des Jahres, Karsamstag, als dort in Kassel, in Wilhelmshöhe, in letzter Minute, 78 italienische Zwangsarbeiter erschossen wurden. Sie hatten sich, als das Ende des Krieges schon zu sehen war und die meisten Nazis sich längst aus dem Staub gemacht hatten, an Plünderungen beteiligt: Es ging um einige Güterwagen mit Nahrungsmitteln; und sie waren nicht allein, auch die Kasseler Bevölkerung beteiligte sich daran. Diese 78 Italienischen Kriegsgefangenen, die als Zwangsarbeiter nach Kassel verschleppt wurden, aber wurden am Karsamstag des Jahres 1945 hingerichtet, als der Geschützdonner der Amerikaner hinter dem Herkules schon zu hören war. Ein unbegreifliches Verbrechen, selbst nach den Standards des internationalen Kriegsrechtes. Das dies am Karsamstag geschah, ist von tiefer symbolischer Bedeutung. Denn der Karsamstag ist der dunkelste Tag für uns Christen, weil an ihm die Grabesstille des toten Gottes herrschte. An ihm war das mörderische Werk des Karfreitag scheinbar an ihr Ziel gekommen: die Liebe, die Gerechtigkeit, das Erbarmen, das sich in Jesus Christus in der Welt gezeigt hat, aus der Welt zu schaffen. Der Karsamstag ist der Tag, an dem es aussieht, als habe das abgrundtief Böse gesiegt. So haben es die Jünger und Jüngerinnen Jesu auch erlebt. Der Schrecken war masslos.

Was ist das abgrundtiefe Böse?  Das ist der Hass auf das Leben schlechthin, aus dem aller Hass auf das Andere und Fremde und auf alles, was uns an uns selber hassenswert und fremd erscheint, seine Quelle hat. Die alte christliche Überzeugung, die man sich heute oft nur noch hinter vorgehaltener Hand zu sagen traut, steht uns am Karsamstag vor Augen: das abrundtief Böse ist eine Möglichkeit des Menschen, und nur des Menschen, denn nur er kann das Böse wollen oder eben auch nicht wollen. Und darum kann man auch nur beim Menschen von Schuld sprechen. Es hätte nicht sein müssen, heißt der Satz, der die Schuld sichtbar und offenbar macht. Es ist ein vernichtender Satz, ein lähmender Satz. Es ist ein vernichtender Satz, wenn er nicht zugleich mit dem Satz gesagt wird, dass Schuld vergeben werden kann. Aber dieser zweite Satz darf nicht zu früh kommen. Dann wird er eine Ausflucht. Dann wird er das, was der Theologe Dietrich Bonhoeffer die „billige Gnade“ genannt hat. Er starb übrigens, auch dessen sollten wir gedenken, ebenfalls in letzter Minute durch die Hand des Henkers am 9. April 1945, als einer der wenigen Christen, der öffentlich und unter Einsatz seines Lebens gegen das abgrundtief Böse aufgestanden ist. Das gibt ihm das Recht, von der billigen Gnade zu sprechen, die allzuschnell, allzu eilfertig, allzu wenig aus echter Buße und Reue heraus auf die Knie geht.

So ist der Jahrestag des Kriegsendes für uns Deutsche nach wie vor ein zwiespältiges Ereignis, indem sich das Zusammenspiel von Karfreitag und Ostersonntag spiegelt: Über der Freude und der Dankbarkeit über das Ende des Krieges liegt der Schatten der wachsenden Erkenntnis der Schuld – jener Schuld, die eben auch daraus entsteht, dass man nicht gegen das Böse aufsteht und schweigt. Auch die Kirchen haben sich hier schuldig gemacht. Wenn es auch im Einzelnen, in der historischen Tiefe und genau betrachtet, viele Formen von Widerständigkeit, Verweigerung, Widerspruch und von schlichter Humanität auch in den Reihen der Kirchen gab, so muss man im Rückblick mit Schrecken erkennen, dass auch die Kirche vieles mitangesehen hat – und da und dort sogar: mitgetragen und mitgemacht hat –, was im Rückblick nur noch mit Scham und Erschrecken betrachtet werden kann. Schon im Oktober 1945, anlässlich der Neugründung der Evangelischen Kirche in Deutschland, wurde von führenden Vertretern diese Schuld benannt und öffentlich bekannt: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Dieses Schuldbekenntnis stieß auf Widerstand, auf Empörung und Abwehr, es kam für viele viel zu früh; auch wenn es, historisch gesehen, zum richtigen Zeitpunkt kam, weil es den evangelischen Christen in Deutschland den Zugang zur weiten Welt der Ökumene wieder öffnete, was sich für viele als großer Segen erwies, weil in der Folge aus der Ökumene viel Hilfe kam für unser Land. Zu früh aber kam es, weil zum wirklichen Bekenntnis der Schuld auch die Erkenntnis der Schuld gehört, zu wirklicher Versöhnung gehört auch, mit den Opfern zu reden, die Geschichten zu hören und zu ertragen, mit denen zu weinen, an denen wir schuldig geworden sind. Versöhnung ist ein langer Prozess, und schon in den 10 Geboten wird gesagt, dass Schuld und Schulderkenntnis andauert bis ins dritte und vierte Glied. Und darum ist die Gnade, auch wenn sie uns geschenkt wird, ein teures Gut, das unter Schmerzen erworben werden muss, wenn es in uns zu einer guten Kraft werden soll. Und darum ist es gut und wichtig und immer noch ein Gebot der Stunde, dass wir uns, gerade als Generation der Spätgeborenen, immer wieder dem aussetzen, was damals geschah – sowohl an jenem ersten Karfreitag, als auch allen anderen Taten von menschlicher Schuld, wie sie in unbegreiflicher Weise uns vor allem in den Vernichtungslagern der Nazis sichtbar wird, aber auch überall dort, wo gemordet, getötet, gefoltert und verfolgt wird. Wir erinnerun uns nicht nur, um denen Gerechtigkeit zukommen zu lassen, die damals verfolgt, verachtet, gefoltert und gemordet worden sind. Sondern auch, um die Schuld als das Menschenmögliche zu erkennen und zu begreifen, das keineswegs aus der Welt ist und vor dem wir weiterhin auf der Hut sein müssen. Der erste Karfreitag war nicht der letzte Karfreitag!. Aber Das Böse  ist durch den Karfreitag, den Karsamstag und den Ostermorgen ein für allemal entlarvt worden als das, was es ist: Menschliche Tat. Gott will die Gewalt nicht. Er antwortet auf das radikal Böse nicht mit noch Böserem, nicht mit Rache und Vergeltung, sondern mit Gnade und Vergebung. Wir können das als Christen getrost, wenn auch unter Seufzen sagen. Der Weg zur Versöhnung geht über die Erinnerung an Schuld und Gnade. Der Karsamstag des Jahres 30 spiegelt sich im Karsamstag des Jahres 1945 und er spiegelt sich überall dort, wo unbegreiflich Böses geschieht. Es ist Christenpflicht, und das ist das Erbe des Stuttgarter Schuldbekenntnisses, das Böse als das zu benennen, was es ist: das Menschenmögliche. Wir können davor nur mit Scham und Erschrecken stehen, und können nur auf die Knie gehen und um die Vergebung bitten, die uns zugesagt ist. Die Vergebung aber können wir uns eben nicht selber zusprechen. Sie muss, wie damals im Jahre 33, als der Auferstandene den Jüngern und Jüngerinnen aufs neue begegnete, aus dem Mund der Opfer kommen, und da die nicht sprechen können, aus unserem Munde, wenn wir uns, als Christen mit Christus, und also mit allen Opfern von menschlicher Gewalt, identifizieren, und betroffen und beschämt, aber auch mutig und aufrichtig mit der alten Liedzeile von Paul Gerhardt sagen: „Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast. Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat. Gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.“ ( EG 85,4). Nur dann werden wir frei werden und aus der Lähmung geholt und können, aus Erfahrung klug geworden, dem Bösen Wiederstand leisten, der Versöhnung den Weg bereiten und die Erde zu einem Ort des guten Lebens machen. Nicht nur das abgrundtiefe Böse ist das Menschenmögliche. Auch das Gute steht in unserer Macht. Daran erinnert uns der Karfreitag eben auch, weil wir ihn nie ohne Ostern bedenken können. Tage wie diese, an denen wir schaudernd des abgrundtief Bösen gedenken, das in und durch unser Volk geschehen ist, und zugleich auch des Guten, das uns wiederfahren ist, können und wollen uns helfen, den Weg des Guten zu suchen: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Das Stuttgarter Schuldbekenntnis kommt uns auch heute noch – wie jedes andere Schuldbekenntnis - schwer über die Lippen, wenn man vor konkreten Gräbern steht. Gerade wenn wir das spüren, werden wir auf unsere Verantwortung als Christen verwiesen und bei ihr behaftet: „Aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Wir dürfen diesen Satz sagen, heute, am Gründonnerstag 2015, weil uns am Ostertag des Jahres 33 zugesagt wurde, dass wir mit der Schuld leben dürfen als solche, die auf Vergebung hoffen dürfen. In diesem Geiste tiefster Humanität begehen wir den Karfreitag. Er ist der Tag der Wahrheit.

Die Kraft der Versöhnung kommt aus der Erinnerung, und zur Erinnerung braucht es Mut, und den Mut finden wir im Vertrauen auf die Gnade Gottes, die will, dass wir leben. Lasst es uns besser machen als damals, lasst uns nicht schweigen, wo wir reden müssen und lasst nicht ab vom Gebet. Und lasst und dankbar sein gegenüber denen, die uns gerettet haben unter Einsatz ihres Lebens. Das ist es, was uns die Toten von damals zurufen: und weil sie tot sind, müssen wir ihr Mund sein. Indem wir die frohe Botschaft von der Gnade Gottes verkünden, die selber das Böse auf sich nahm, damit wir es sehen können, sind wir dieser Mund der Opfer. Das gilt für die sinnlos Erschossenen von damals ebenso wie für unser alltäglichen Bosheiten, die wir einander antun, das gilt für die Opfer der menschlichen Katastrophe in den französischen Alpen ebenso wir für die Opfer unsers Raubbaues an der Natur: Indem wir uns der Schuld stellen, können wir der Gnade ansichtig werden. Indem wir den Opfern eine Sprache geben, könenn wir auch der Versöhnung eine Sprache geben. Es ist vollbracht, sagte Jesus, der sich von Gott verlassen, mit letzter Kraft.  Was er vollbracht hat, ist nicht weniger als das Heil der Welt. Im Vetrauen auf die Kraft der Auferstehung, die das Geschehene nicht ungeschehen macht, aber zur Versöhnung führt, können wir mit dem Bösen leben, das wir tun und das uns wiederfährt, können wir aber auch und mehr noch,d em Bösen wiederstand leisten, wenn es nach uns greifen will. Dafür steht der Karfreitag. Gott sei Dank, dass er den Weg der Gnade suchte und nicht der Gewalt, der liebe, und nicht der Rache, der Versöhnung, und nicht der Vergeltung. Reden wir vom Karfreitag, dann tun wir, was als Kirche, als Christen, unser Auftrag ist: Lasst Euch versöhnen mit Gott, damit ihr versöhnt werdet miteinander. 

Montag, 9. März 2015

Predigt zu Luk 9, 57-61, Okuli, 8.März 2015


Vom Ernst der Nachfolge

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

 59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

 61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.

Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

 

Liebe Gemeinde!

1. Jesu, geh voran

auf der Lebensbahn!

Und wir wollen nicht verweilen,

dir getreulich nachzueilen;

führ uns an der Hand

bis ins Vaterland.

Das ist eines der beliebtesten Kirchenlieder, und es wird vor allem bei Hochzeiten gesungen. Es hat auch eine schöne, geradezu schmissige Melodie. Doch sieht man genau hin, dann merkt man, dass hier doch ganz ernste Dinge verhandelt werden. Ein Leben in der Nachfolge Jesu zu führen ist keine leichte Sache. Jesus macht überhaupt keinen Hehl daraus, und sein Leben zeigt es ja auch, dass man damit in gehörige Schwierigkeiten geraten kann. Denn man gerät in Widerspruch zu vielen, von dem die Welt denkt, es sei wichtig, richtig und anständig. Wer auf das himmlische Vaterland zugeht, von dem das Lied singt, der wird in der Welt erst einmal ein Fremder und der Glaube wird befremdlich.

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

 

Das Vaterland, die Heimat: Ein Ort, wo wir hingehören, ein Ort, aus dem wir stammen, und an dem es uns am besten geht, weil uns alles vertraut ist. Doch wer Jesus nachfolgt, verliert diese Heimat. Der Menschensohn, damit meint Jesus immer sich selbst, ist heimatlos. Er hat keinen festen Ort.

Jedenfalls nicht hier auf der Erde. Unsere Heimat, so sagt es Paulus, ist im Himmel. Dort wartet auf uns, so beschreibt es das Buch der Offenbarung, das himmlische Jerusalem, ein Ort, an dem Gott und Mensche zusammen wohnen wie einst im Paradies. Und der Brief an die Kolosser schreibt. Trachtet nach dem, was droben ist, achtet auf eure himmlische Berufung. Das meint auch das Lied mit dem Vaterland.

Jesus nachfolgen heißt, sich auf eine andere, eine neue Heimat auszurichten. Denn alle irdische Heimat vergeht. Die himmlische Heimat bleibt. Darum geht es Jesus. Wir sollen, brauchen und müssen nicht alles stehen und liegen lassen, um Jesus nachzufolgen. Aber wir sollen unsere Abhängigkeiten und Bindungen aufgeben. Jesus will uns aus den falschen Bindungen herausreißen, aus dem, was uns krank macht und uns daran hindert, unser Leben in Freiheit vor Gott zu führen. Wer sich an ein Stückchen Erde, an ein Haus, an einen Ort oder auch an einen Menschen innerlich so bindet, dass er davon nie fortkommt, der ist ein Gefangener. Wer sich auf den Glaube einlasst, wer den Ruf Jesus hört, der geht erst einmal in die Fremde, bricht auf in ein fernes Land, das wir nur vom Hörensagen kennen: das Land der Liebe und der Freiheit, das Land der Gottesnähe und der Sanftmut, ein Land, wahrhaftig hinter den Hügeln liegt. Die Fremde, in die Jesus uns führt, ist unsere wahre Heimat. Aber dafür braucht es Mut und Vertrauen.  Für die Jünger genügte es, Jesus zu hören, um zu wissen: hier gehe ich den richtigen Weg!

59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

 

Mit Jesus durchs Leben gehen – mit dem Auferstandenen, mit dem, den Gott aus dem Grab geholt hat – bedeutet: Abschied nehmen von der Vergangenheit und nach vorne schauen, denn vorne ist das Leben, das wahre Leben. Vorne ist die Erlösung. Denn Jesus kommt aus der Zukunft. Die Vergangenheit hat ausgedient. Das Kreuz ist für Jesus die Vergangenheit, der Tpd ost Vergangenheit, das Ewige Leben ist seine Gegenwart und damit unsere Zukunft. Darum kann Jesus den scheinbar so schockierenden Satz sagen: Lasst die Toten ihre Toten begraben. Sie gehören in die Vergangenheit. Sie sind Eurer Sorge enthoben. Das heißt nicht, dass wir die Menschen nicht ordentlich begraben sollen. Aber wir sollen eben gerade nicht an den Lebenden, und schon gar nicht an den Toten kleben. Wer Jesus nachfolgt, wird frei. Kein Mensch hat das Recht, den anderen zu binden und zu fesseln, und schon gar nicht die Toten. Wie viel Elend ist schon über die Welt gekommen, weil Menschen die Befehle von Toten ausgeführt haben, anstatt mit den Lebenden zu reden? Es ist mir völlig unbegreiflich, wie das Christentum zu so einer Religion der Familie werden könnte. Wenn Jesus etwas radikal in Frage stellt, dann doch die Familie! Sie ist wichtig, keine Frage, aber sie darf unser Leben nicht bestimmen. Sie darf nicht zur Fessel werden. Lasst die Toten ihre Toten begraben: Das ist ein harter Satz, aber er ruft uns in die Freiheit und in die Verantwortung für die Welt:  Kümmert Euch um die Lebenden mit der ganzen weite Eures Herzens. Wer nur in Familie, Sippe, Volk und ähnlichen, rein zufälligen Konstellationen denkt, wird nie frei sein, den Menschen selber zu sehen. Wer auf die Toten hört, sieht auch nur Totes.

61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.

Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

 

Ich kann mich noch erinnern, dass ich mit meinem Großvater gepflügt habe. Wir haben hinter meinem Elternhaus einen schiefen Acker mit dem schweren Lehmboden des Werratals, da war mit einem Schlepper nicht viel zu machen – aber mit dem Holder, einem kleiner Einachser, hinter dem ein einfacher einschariger Wendepflug angebracht war. Es war eine unglaubliche Schinderei, den Einachser und den Pflug auf Spur zu halten. Man musste ganz konzentriert nach vorne schauen, eine kleine Unachtsamkeit, und die Furche war krumm und schief, und das hieß unter verschärften Bedingungen von vorne anfangen. Beim Pflügen musst Du nach vorne schauen, sonst wird es nichts. Ein starkes Bild, das Jesus hier verwendet. Unser Leben ist wie pflügen, und wer sich ständig umdreht und nach hinten schaut, der bleibt nicht in der Spur. Die Redewendung verwenden wir ja immer noch. Wer am alten klebt, kommt nicht voran. Es ist mir, angesichts dieser Worte Jesus ehrlich gesagt ein Rätsel, wieso gerade die Kirche oft so eine altmodische, schwerfällige Institution ist, und warum gerade Christen oft so am Alten und Vergangenen hängen. War denn früher alles besser? ist denn jetzt alles gut? Jesus ruft uns Menschen raus aus dem alten Trott, stellt alle Regeln des sogenannten gesunden Menschenverstandes und der sogenannten Sitte in Frage, weil er möchte, dass wir freie Menschen sind: Menschen, die konzentriert und nach vorne blickend durch das Leben gehen. Das Christentum fing an als eine Religion des Aufbruches, ja sogar der radikalen Abbrüche, und die Kirche kam immer in Fahrt, wenn Menschen den Ruf Jesu hörten und aufbrachen.. Die großen Namen unserer Geschichte stehen dafür: alles Rebellen: Paulus, der mit seinem Leben als frommer und ordentlicher Jude brach; Augustinus, der eine Karriere als Playboy und Starredner aufgab und ins Kloster ging, Franziskus, behüteter Sohn aus reichem Hause, der um der Armen willen alles aufgab und sich öffentlich vor seinem Vater nackt auszog, um die einfache Kutte anzuziehen; Martin Luther, der alles über den Haufen warf, was angeblich heilig, richtig und gut war in der Kirche, Martin Luther King, der mit der Unterordnung der schwarzen Rasse brach, aber auch mit dem Weg der Gewalt Sie alle überwarfen sich mit der Familie, dem Herkommen, den Autoritäten – die Kirche lebt davon, dass sie alten Krempel hinter sich lässt und aufbricht. Werft Balast ab, reinigt Euer Leben vom Müll, und geht als freie Menschen hinter mir her: es wird ein schwerer Weg, sagt Jesus, aber das ist der Weg in die Freiheit immer. Ich bleibe, müde und abgespannt, oft im Fernsehen bei solchen Reality-Shows hängen, in denen Menschen geholfen wird, die in ihrem eigenen Müll ersticken, die sogenannten Messies.  Und ich bin oft sehr beeindruckt, mit was für einer Intensität Menschen an ihrem Müll hängen. Das dürfen wir als Kirche nicht. Wir dürfen nicht die Messies unserer Traditionen werden. Sonst werden wir ersticken.

Hören wir den Ruf Jesu als Kirche, als Gemeinde, als Christen? Wollen wir nachfolgen, hinter dem Pflug hergehen, oder wollen wir, wie die Frau von Lot, nach hinten schauen und zur Salzsäule erstarren?

Der Weg der Kirche kann nur der Weg nach vorne sein. Das ist nichts für Angsthasen, Bedenkenträger und Zauderer. Das ist etwas für Menschen, die bereit sind darauf zu vertrauen, dass Gott uns führt. Das macht uns zur Kirche und zur Gemeinde Gottes. Wer die Kirche für einen Hort des alten, althergebrachten und des „das war schon immer so“ hält, der macht aus ihr einen frommen Folkloreverein, für den sich morgen keiner mehr interessiert und der einem Übermorgen nur noch im Geschichtsunterricht begegnet. Wir können als Kirche darüber jammern, wie schön es mal war. Wir können es aber auch wagen, ganz neue Wege zu gehen. Keine Fraege, was Jesus dazu sagen würde. Zwei Wörter gehören zusammen, untrennbar: Kirche und Mut. Oder: Glaube und Vertrauen. Oder: Zukunft und Aufbruch. Jesu, geh voran!

 

4. Ordne unsern Gang,

Jesu, lebenslang.

Führst du uns durch rauhe Wege,

gib uns auch die nöt'ge Pflege;

tu uns nach dem Lauf

deine Türe auf.