Montag, 15. Dezember 2014

Advents- und Weihnachtspoesie

Nun, zum Predigen komme ich dieses Jahr an Weihnachten so gut wie gar nicht. Also geht die Energie mal wieder ein wenig in Richtung "Poesie" (sprich: Pösje; damit hier nicht der Eindruck entsteht, ich hätte den Pegasus gesattelt und wollte gar mit Orpheusens Harfe unterwegs sein). Es ist, wenn man so will, homiletische Gebrauchslyrik, angeregt durch einen Kollegen, der damit einen Gottesdienst gestaltet.
Sollte jemand dergleichen aus der theologisch-poetischen Räucherkammer verwursten wollen, so wäre es mir doch ganz lieb, wenn ich es erstens erführe und zweitens mein Name dabei schon irgendwie auftaucht. Nicht, weil ich auf Lorbeeren aus bin (die brauche ich nur für die Suppe und die Gulaschsoße), sondern weil ich die Mechanismen der theologischen Wurstfabrik inzwischen gut genug kenne, um ein wenig dafür zu sorgen, dass es so bleibt, wie es seit Urbeginn war: Nur der Mythos hat keinen Autor.

Ich bin übrigens für kundige Hinweise, wo das eine oder andere klappert, schief und krumm ist, immer sehr dankbar.



Weihnachtliche Fragen

 

Auf Heu und auf Stroh.
Du fragst Dich: Warum?
Wieso nicht in Seide und Samt?
 
Im Stall unter Tieren.
Du fragst dich: Warum?
Wieso nicht vor Dienern und Sklaven?
 
In fremden Gefilden.
Du fragst dich: Warum?
Wieso nicht im Zentrum der Macht?
 
Als schutzloser Säugling.
Du fragst dich: Warum?
Wieso nicht als machtvoller Held?
 
Weil Gott es so wollte.
Als Mensch unter Menschen
Dem Menschen ein Mensch.

 

Heute

 

Heute wären es wohl
Banker und Forscher,
die etwas gelesen haben
von einem neuen Trend
in Sachen Gott:
 
Sie würden sich ebenso täuschen
wie damals die Klugen
mit ihren Sternen und Büchern.
Sie liefen auch
in den falschen Palast.
Weil der Palast schon falsch war.
 
Heute wären es wohl
Zeitarbeiter oder
moderne Tagelöhner (sagen wir mal:
Packerinnen und Packer)
denen gesagt würde:
Die Zeit der Gerechtigkeit
bricht heute an.
 
Sie würden ebenso laufen
wie damals die Hirten.
und wären erstaunt
eine Familie zu sehen:
auf der Flucht.
 
Heute wären es wohl
wir
die es auch nicht
verstünden,
was die Engel uns sagen.
 
Doch tief berührt
gingen sie alle
nach Hause.
 

Heiße Weihnacht

 

Weil wir hier Winter haben
fällt es uns leicht,
von Wärme zu reden
und vom strahlenden Licht.
 
Wie aber, wären wir
am anderen Ende der Erde?
Eine laue Sommernacht
Spekulatius am Pool?
 
Wir würden wohl
den Winter in uns
spüren müssen
und das Dunkel im Herzen.
 
Vielleicht käme uns
Weihnachten
in Australien
viel näher?

 

 

 

Verhaltener Jubel

 

Der Stern in jener dunklen Nacht
führt zur unerschöpften Macht
die sich, durch Liebe eingebunden,
In Menschentiefe eingefunden.
 
Der ewig ist, kommt in die Zeit
kostet die Vergänglichkeit,
die so furchtbar bitter schmeckt
und uns von Jahr zu Jahr verschreckt.
 
Die Angst, die uns gefangen hält,
vergiftet peinvoll alle Welt,
macht uns herzlos, neidisch, dumm,
bricht die Rücken, biegt uns krumm.
 
Weil wir in uns gefangen sind,
kommt er menschlich, kommt als Kind.
Seine Engel lässt er künden:
frei seid ihr von allen Sünden!
 
So glänzt der Stern, das kleine Licht,
in jedes Menschen Angesicht.
Wir erkennen, tief betroffen:
was einzig hilft, ist mutig hoffen.
 
 

Nachweihnacht

 

Der Tag wird kommen,
da singen wir wieder
auf kahlen Gefilden,
fröhliche Lieder.
 
Der Tag wird kommen,
da schweigen die Klagen
der Schmerz wird verklingen,
es enden die Plagen.
 
Der Tag wird kommen,
da suchen die Arme
des Nächsten den Nächsten,
dass der Mensch sich erbarme.
 
Die Welt muss vergehen
die Liebe wird siegen
und niemand wird sterben
in Hunger und Kriegen.
 
Es ist schon das Amen
darüber gesprochen.
Die Mächtigen zittern,
der Tod ist gebrochen.
 
Gott hat geredet.
So können wir leben.
Wir müssen nur wagen,
die Häupter zu heben.
 
Winter

 

Die alte Eiche weiß nichts von Erlösung:
Sie steht kahl in der Kälte.
Auch die frostharten Felsen
singen kein Gloria.
 
Der Schnee fällt, weil er fällt.
Eisiger Wind faucht keine Hymnen.
Die Blätter wehen in absichtslosen Kreiseln,
sie haben keine Meinung.
 
Das Eis glitzert auf der Straße,
sein Funkeln ist bloß Licht.
Die Katze miaut
nach Futter und Milch.
 
Das bange Herz aber
fürchtet die Kälte.
Für alle Stummen
ruft es nach Gott.
 
 

Er ist´s (Winteranfang, Frei nach Mörike)

 

Winter lässt sein weißes Tuch
wieder auf die Erde fallen.
Und des Frostes schwerer Fluch
lässt die Eisschicht krachend knallen.
Die zarten Veilchen ziehen sich
            tief verschreckt zurück.
Der kluge Igel igelt ein
            sich in Winterschlafes Glück.
Dass uns die die warme Gnade blüht,
hofft das fröstelnde Gemüt.
 

 

 

 Das folgende Poem ist schon ein wenig älter und wurde auch schon publiziert, in der Waldeckschen Landeszeitung. Ist ewig her. 1996?  

 

Advent, Advent,

der Vati rennt.

Denn er muß was Schönes kaufen,

also durch das Städtchen laufen

Boutique, Goldschmied, Spielzeugdealer:

was Rechtes für den Compispieler

für die Tochter was fürs Pferd

und für Mutti, was sie ehrt.

Die Weihnacht naht - mit ihr der Frust:

Was schenk ich bloß? - hab keine Lust

und vor allem keinen Dunst.

Schenken ist halt eine Kunst

für Menschen, die schon alles haben.

So muß Pappi fleißig traben.

Das schönste das er hat, kann er nicht geben:

Sich selber, seine Zeit, sein Leben.

Denn diese Gaben sieht man kaum

unterm bunt gestylten Weihnachtsbaum.

Also muß er munter flitzen

denn alle wollen was besitzen.

Das Kind jedoch - Gott, hier geboren,

fühlt sich dabei etwas verloren.

 

Advent, Advent,

die Mutti flennt.

Weihnachtsfeier, Kindergarten:

alle auf den Kuchen warten.

Weihnachtsfeier, Sportverein:

Mutti würzt den heißen Wein.

Und die Wohnung muß doch glänzen

Besuch wird kommen, ohne Grenzen.

Vier Wochen dauert dieser Kampf:

Heiligabend wird zum Krampf

weil in Hektik eingebettet.

Mutti durch die Wohnung jettet

Oh, die Nerven sind gespannt

heftig wird umhergerannt:

soll das Fest gelingen,

muß frau hier das Beste bringen.

Also gibt sie volle Power.

Doch reicht das nicht auf Dauer.

Denn was wirklich an ihr nagt:

daß kaum mal einer Danke sagt.

Das Kind jedoch - Gott, hier geboren,

fühlt sich dabei etwas verloren.

 

Advent, Advent,

Die Oma pennt.

Sie träumt von jenen Tagen,

als, im Leben voller Plagen,

diese Zeit die schönste war.

Lang ist's her, und kaum noch wahr.

Keiner will es von ihr hören.

Solche Worte können stören.

Sie erzeugen süssen Kummer.

Oma wird drum immer stummer.

Und sitzt so da. Und denkt daran

wie alles anders gehen kann.

Sie sieht, mit wirklichem Bedauern

die Enkel auf den Euro lauern,

weil sie den Groschen einst geehrt

den Apfel, und was sonst viel wert

in einer Zeit der echten Not.

Weihnachten: es ist fast tot.

Doch ist sie still

weil sie das Fest nicht stören will.

Das Kind jedoch - Gott, hier geboren,

fühlt sich dabei etwas verloren.

 

Advent, Advent,

Die Tochter nennt

das Weihnachtsfest 'ne Plage.

"Was soll'n das?" Ist ihre Frage.

Gedicht gelernt, Posaune geübt

und doch: die Stimmung ist getrübt.

War da nicht was mit Frieden?

Und Freude hinieden?

War da nicht was mit Kerzenschein,

und Fröhlichkeit und stille sein?

Wie wäre es, statt vieler Knete,

mit einer wirklich guten Fete?

Und ist da nicht "Der Asylant",

dem Weihnachten ganz unbekannt,

der unter schönen Weihnachtsbaum

mit Schmerzen träumt den Heimattraum?

Ist da nicht "Der Deutsche Wald",

mit toten Bäumen, sterbenskalt?

Und Kinder, die im Bombenkrach

Eltern verloren, Haus und Dach?

Die Tochter schweigt. Der Sohn ist Stille.

Und nehmen die Geschenkefülle.

Bemüht ist oft die Dankbarkeit.

Aller Friede scheint so weit.

Das Kind jedoch - Gott, hier geboren,

fühlt sich dabei etwas verloren.

 

Advent, Advent.

Ich fänd

es schön, daran zu denken,

Daß "Friede" mehr ist als bloß Schenken.

Vielmehr was wirklich Mühe macht:

Zu geben aufeinander acht.

Wird es jetzt fromm? Kommt jetzt Gelaber

Wie man es von Kanzeln kennt? Nein, aber -

Ein Augenzwinkern. Und ein Wunsch:

Plätzchen, Päckchen, Weihnachtspunsch,

alles schön, auf seine Weise.

Doch darunter ist, ganz leise,

die ganz besondre Köstlichkeit:

Das Windelkind.

Es schenkt uns Zeit.

 

 

 

Sonntag, 16. November 2014

Predigt zum Buß- und Bettag. Da kommt noch was! Lk 13,6-9

Predigt zum Buß- und Bettag, in Aufnahme unserer Kampagne: Da kommt noch was !
www.busstag.de

Lk 13,6-9

Das Gleichnis vom Feigenbaum

6 Er sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und [a]suchte Frucht darauf und fand keine.

 Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft? 8 Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge;

9 vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.

 

Lass ihn noch dieses Jahr! das ist die Bitte des Weingärtners an den Besitzer des Baumes. Da kommt noch was: gib ihm eine Chance!

Der Kreatur eine Chance geben, weil da noch etwas kommt. Besser kann man kaum auf den Begriff bringen, worum es dem christlichen Glauben geht. Wer nur an den Profit denkt, wer nur an das Ergebnis denkt, so wie der Weinbergbesitzer, der verfehlt das Leben und wir zum Unmenschen. Wir Menschen sind vernunftbegabte Wesen, und ein wesentliches Merkmal der Vernunft ist es, in die Zukunft denken zu können. Die Forschung am Menschen zeigt immer deutlicher, dass das wahrscheinlich sogar die Quelle unserer Intelligenz ist. Der aufrechtstehende Affe mit den beiden Augen, die räumlich sehen können, sieht den Horizont und kann abschätzen, was da kommt. Aber er sieht nicht, was hinter dem Horizont ist. Kommt da noch was? Es war immer eine der großen Triebfedern des Menschen, es ist der Schlüssel zu unserem Fortschritt, dass wir wissen wollen, was hinter dem Horizont ist. Alle großen Entdeckungen waren Horizontüberschreitungen. Natürlich denken wir dabei sofort an Columbus, der geradezu das Symbol dafür geworden ist. Oder an die Mondlandung oder an Rosetta und Philea, die auf dem Kometen gelandet sind. Doch auch in das Winzigkleine wurden Horizonte überschritten: Mit dem Mikroskop, mit den Teilchenbeschleunigern tauchen wir tief in eine Welt ein, die weit jenseits unseres natürlichen Horizontes liegt. Und die erstaunlichste aller Entdeckungen dabei ist: es kommt immer noch etwas! Als Max Planck, der berühmte deutsche Physiker, sich ungefähr 1870 der theoretischen Physik zuwandte, rieten ihm, so erzählt eine Anekdote, seine Lehrer ab: da gäbe es nichts mehr zu forschen, die Physik wisse im Grunde schon alles. Ein großer Irrtum, wie sich zeigen sollte. Max Planck und Albert Einstein sorgten mit der Quantentheorie und der allgemeinen Relativitätztheorie 1905 dafür, dass die Physik als Wissenschaft überhaupt erst richtig Fahrt aufnahm und heute zur bestimmenden Wissenschaft für unser gesamtes Leben geworden ist: kein Computer, keine Krebstheapie ohne Planck, keine Raumfahrt ohne Einstein. Wenn der Feigenbaum keine Frucht mehr trägt, hau ihn ab? Das ist nicht nur dumm, das ist vor allem ungnädig

Denn wir Menschen überschreiten auch noch ganz andere Horizonte. Der Mensch kann lieben. In der Liebe überschreiten wir den Horizont unseres engen und selbstbezogenen Ichs und starten zum größten Abenteuer, zu dem wir Menschen überhaupt in der Lage sind: Die Erkundung des anderen Menschen. Und wie bei jeder Entdeckungsreise ist das nicht ungefährlich. Wer lieben will, muss mutig sein. Wer lieben will, muss leidensfähig und geduldig sein. Wer leiben will, muss offen sein und innerlich beweglich. Wer lieben will, muss eine Vision davon haben, wie die Liebe sein soll. Wer lieben will, muss vor allem bereit sein, sich lieben zu lassen, dafür brauchts besonders viel Mut. Denn in der Liebe treffen die Horizonte aufeinander, ganze Welten, ganze Universen verschmelzen: denn kein Land ist so weit weg, keine Sonne und kein Stern so fern, wie der andere Mensch; und keinem Land, keinem Stern und keinem Atom können wir so nahe kommen, wie dem anderen Menschen. Von allen Abenteuern ist die Liebe das größte. Bei ihr heißt es immer: da kommt noch was. Wer in der Liebe auf halbem Wege kehrt macht, bringt sich um tiefe Erfahrungen, bringt sich um das, was wir das Glück nennen. Den Feigenbaum umhauen, wenn er einmal keine Frucht bringt? Kurzen Prozess machen? Wie töricht, wie ungnädig und wie dumm. Gib der Liebe eine Chance! Das ist die Botschaft. Und das ist eine zutiefst religiöse Botschaft. Denn dass es hinter dem Horizont des Menschen noch weitergeht, wissen wir von Gott. Das ist die tiefste Erfahrung Gottes, die wir machen können: wenn sich der Horizont öffnet. Darum ist genau das die Grunderfahrung des Glaubens: Hinter dem Horizont geht es weiter, da kommt noch etwas. Der Glaube, unser Glaube, weiß das aus der Erfahrung, die Menschen mit Jesus gemacht haben. Der überschritt alle Horizonte und öffnete uns eine Weite des Lebens, von der wir vorher nichts wussten. Wir Menschen kennen nur den kurzen Prozess: hau den Baum um! Wir kennen nur den Tod. Gott aber kennt die zweite Chance: lass ihn stehen. Gott kennt uns will das Leben So haben es die Menschen erlebt. Als Jesus tot war, war er hinter dem Horizont verschwunden. Aber er riss den Horizont auf. Wie die Sonne am Morgen wiederkommt, war er wieder da, strahlender und kraftvoller als vorher: seine Kraft reicht bis zu uns, und der Glaube spürt es: seine Kraft reicht bis in Ewigkeit. Darum spricht der Glaube von der Zukunft in so kraftvollen, strahlenden und mutigen Bildern: vom himmlischen Jerusalem haben wir gehört, von der zukünftigen Stadt, die ein Ort des glücklichen Leben sein wird.

Das sind mutige Bilder. Es sind Bilder der Hoffnung und des Vertrauens. Als Columbus aufbrach, hatte er eine Vorstellung davon, wohin er will, er hatte ein inneres Bild davon, was hinter dem Horizont kommt. Er wollte nach Indien! Er hatte sich vollständig geirrt: er traf auf Amerika. Was er fand, was viel größer als das, was er sich hat träumen lassen: bunter, reicher, weiter. Er entdeckte nicht nur neues Land, er entdeckte eine neue Welt. Als Max Planck anfing Physik zu studieren, hatte er eine Ahnung davon, dass es noch mehr Geheimnisse zu finden gibt, als die Physik seiner Zeit meinte. Auch er hatte sich geirrt darüber, was er finden könnte. Was er fand, war noch viel größer als alles, was er sich hätte träumen lassen. Und wenn die jungen Menschen die Liebe entdecken, haben sie auch Wünsche und Träume, Sehnsüchte und Verheißungen. Sie werden etwas ganz anders entdecken, als sie erwarten: Und es wird auch größer, bunter und atemberaubender sein, als sie ahnen.

Aber immer ist es ein Aufbruch: und Aufbrüche machen uns Angst. Es ist die Angst vor Veränderungen, die Angst, unterwegs verloren zu gehen. Hätte Columbus Angst gehabt, wäre er ein kleiner Handelskapitän geblieben, oder vielleicht ein Pirat geworden. Hätte sich Max Planck von seinen Lehrern einschüchtern lassen, wäre er sicher ein erfolgreicher, aber unendlich langweiliger Physikprofessor geworden, der nur nachkaute, was alle längst wussten. Wäre Jesus nicht bereit gewesen, hinter den Horizont des Todes zu gehen, wären unser Glauben immer noch eine Mischung aus Magie und Aberglauben, langweilige und kleingeistige Religion. Weil er aber hinter den Horizont ging, wurde der Glaube eine Kraft der Hoffnung, eine Kraft der Veränderung. Hau den Baum nicht ab, nur weil er keine Früchte trägt. Gib ihm eine Chance und entdecke, was er dir bedeutet! Gib der Liebe eine Chance.

Buße ist ein altmodisches Wort, und wir hören es gar nicht gerne. Weil es auch mit Angst besetzt ist. Denn Buße meint: Umkehr! Da denken viele: Aha, ich muss mein Leben ändern, weil es schlecht ist.

Aber so geht das nicht. So kann man Menschen nicht zur Hoffnung führen. Das ist ein krasses Missverständnis. Das ist schlechte Theologe für Angsthasen und Religion für Furchtsame, die meinen, dass nur die Angst uns ändern kann.

Nein, der Glauben macht uns eine Hoffnung. Er will uns in Bewegung bringen, indem er uns zeigt, was hinter dem Horizont ist. Er will uns Mut machen, aufzubrechen. Das Wort "Aufbrechen" hat ja im Deutschen einen schönen Doppelsinn. Der Glaube will alte, falsche, festgefahrene Vorstellungen aufbrechen, die uns vorgaukeln, unser Leben wäre eine Sackgasse. Und gleichzeitig will er, dass wir aufbrechen, indem wir mit den alten Vorstellungen brechen. In Märchen von den Bremer Stadtmusikanten wird von dem Esel erzählt, der alt und müde geworden ist und nicht mehr arbeiten kann. Er soll zum Abdecker. Doch das lässt er sich nicht gefallen: er büxt aus, er bricht auf, der alte Esel fängt er ein neues Leben an. Und er reisst den alten, halbblinden Kater, den alten, dürre gewordenen Hahn und den zahnlosen, traurigen Hund mit in sein neues Leben. Und wisst ihr noch, mit welchem Satz er das tut, was er den anderen Tieren sagt und womit er sie in Bewegung bringt: "Kommt", sagt er, "etwas besseres als den Tod werden wir überall finden".

Das, meine Leiben, ist mit Buße gemeint. Die schlichte Einsicht: etwas besseres als den Tod werden wir überall finden.

Alles andere folgt daraus. Auch Feigenbäume, die keine Frucht mehr bringen, haben noch eine Chance. Und sei es, dass sie uns Schatten spenden, und sei es, dass uns ihr bloßes Dasein erfreut. Denn hinter dem Horizont geht es weiter, und unser Leben ist keine Sackgasse. Gebt der Liebe eine Chance.

Dafür steht Gott.

Amen.

Samstag, 15. November 2014

Gen 22. Predigt zum Volkstrauertag 2014


Liebe Gemeinde!

(K 3) Wir hören die bewegende Erzählung davon, wie Abraham bereit war, seinen Sohn Isaak zu opfern und von Gott davor bewahrt wurde. Sie steht im ersten Buch Mose, im 22 Kapitel:

.

(K 4)Eines Tages stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm:

(K 5): Abraham!

(K 4)Und er antwortete:

(K6) Hier bin ich.

(K4) Und Gott sprach:

(K5) Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

(K4) Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne 5 und sprach zu seinen Knechten:

(K6) Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.

(K4) Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.

Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham:

(K7) Mein Vater!

(K4) Abraham antwortete:

(K6)Hier bin ich, mein Sohn.

(K4) Und Isaak sagte:

(K7) Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?

(K4) Abraham antwortete:

(K6) Mein Sohn, Gott wird sich ein Schaf zum Brandopfer aussuchen

(K4) Und die beiden gingen miteinander weiter.

Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz 10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach:

(K8) Abraham! Abraham!

(K4) Er antwortete:

(K6) Hier bin ich.

(K4) Der Engel sprach:

(K8) Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deinen einzigen Sohn nicht verschont um meinetwillen.

(K4) Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.

 

Wir begehen dieses Jahr die Erinnerung an den ersten Weltkrieg, der am 1. August 1914 begann und mit rund 11 Mio Toten allein auf den Schlachtfeldern ein bis dahin ungeahntes, furchtbares Gemetzel war, das eine ganze Kultur vollständig zerstört hat und dessen Wirkungen über den Zweiten Weltkrieg wir bis heute spüren. Man kann mit Worten gar nicht beschreiben, was die Soldaten in diesem Krieg erlebt haben, und die Menge der Toten überstieg alles bis dahin gekannte. Der Krieg wurde zu einem fast schon industriellem Töten und zu einem tiefen Schock für alle, die daran beteiligt waren. Schon die Art, wie er ausbrach, ist aus heutiger Sicht erschreckend und beschämend: Es war, im Rückblick eine Kette von Fehlentscheidungen, die auf Inkompetenz, Engstirnigkeit, Verantwortungslosigkeit und vor allem auch Ehrgehabe von Militärs und Politikern beruhte. Die Köpfe waren noch voll von Idealen von Heldentum und Tapferkeit, von Kampf Mann gegen Mann, von Feldherrenherrlichkeit und Opferbereitschaft. Mahner und Warner wurden überhört, niedergebrüllt und verächtlich behandelt: Ein Kontinent war im Rausch des Krieges.

Die Ernüchterung kam bald, und sie war in einer bisher nicht gekannten Weise brutal. Nach wenigen Wochen kam der Krieg zum Stillstand, die Soldaten gruben sich ein, und man lag sich über Jahre in den Schützengraben von der Nordseeküste bis zur Schweizer Grenze gegenüber, und auch auf dem Balkan, in Russland, in den Alpen und im Nahen Osten entwickelte sich der Krieg zur einer nie gekannten Hölle. Das Elend ist unvorstellbar: ich habe Euch drei Bilder mitgebracht, sie lassen etwas ahnen. Es regierte die Artillerie mit, und das ist keine Übertreibung, hunderten Millionen von Granaten, nun regierten die Maschinen: die Blutmühle nannten es die Soldaten. Es waren keine Helden mehr, die da starben. Es war Kanonenfutter, auf allen Seiten. Ihr merkt: Es fehlen die Worte. Und was besonders beschämend ist, und gerade heute nicht vergessen werden darf: Auch von den Kanzeln herunter wurde vaterländisch gepredigt, tief machte sich die Kirche – nicht überall, nicht immer, nicht jeder: aber die allermeisten! – daran schuldig, Menschen zum Töten aufgehetzt zu haben Sie haben die Botschaft des Evangeliums missbraucht  und mit politischen Botschaften vermischt, zu ihm im denkbar weitester Entfernung standen. Hier trägt auch die Kirche schwere Schuld! I

Ich will  hier keine historische Vorlesung halten, obwohl ich glaube, es wäre bitter nötig. Ich will hier eine Stimme aus dem Schützengraben zu Worte kommen lassen, die mich tief berührt hat, als ich sie das erste Mal hörte. Es ist das Gedicht eines jungen Engländers, der auch mit hohen Idealen in den Kampf zog, und schon nach kürzester Zeit tief verzweifelt war. Er starb, wie zum Hohn, in den letzten Tagen des Krieges, am 4. November 1918, 25 Jahre alt.

Wo war Gott in diesem Gemetzel? Wie konnte er es zulassen, dass sein Name so geschändet wurde?

Ist es am Ende kein gnädiger Gott, sondern doch ein rachgieriges Monster, der von uns Menschen Opfer verlangt? Wir haben die Geschichte gehört, die seit je Menschen tief verstört hat, die Geschichte davon, wie Gott Abraham auffordert, seinen Sohn Isaak zu opfern. Und Abraham ist dazu bereit! Warum? Weil er es so kannte von den Göttern seiner Umwelt, weil er gar nicht in Frage stellt, dass Gott es ernst meinen könnte damit. Erst hat er ihm Isaak, den einzigen Sohn mit seiner Frau Sarah, in hohem Alter geschenkt, nun will er ihn zurückhaben. Abraham fragt nicht. So sehr war die Gewalt für ihn ein Teil von Gott, dass er fraglos sich auf den Weg machte, Frau, Kinder und Knechte belog, um seinen Sohn zu töten. Was für ein grausamer Gott!

Nein, eben nicht. Gerade das erzählt die Geschichte ja eben nicht. Am Ende ist es der Engel Gottes, der Abraham in den Arm fällt. Am Ende stirbt nur ein Widder an Stelle des Menschen. Die Botschaft dieser Geschichte war für die Menschen, zu der Zeit, als sie erzählt wurde, völlig klar, und sie war revolutionär: Gott will keine Menschenopfer. Er will das Töten von Mensch zu Mensch nicht. Abraham wurde auf die Probe gestellt, ob er es durchzieht bis zum Ende. Und Abraham gehorcht in der Tat: er opfert seinen Sohn eben gerade nicht. Gott ist ein Gott des Lebens. das ist die Botschaft dieser Geschichte: Gott ist die Macht der Liebe. Die Menschheit begreift das nur schwer. Es musste mit dem Tod Jesus noch einmal zu einer Katastrophe kommen, zu einem unschuldigen Tot im Namen Gottes, damit nun aber auch jeder sehen kann: Gott will das Töten nicht, und allerwenigsten in seinem Namen.

 

Warum fällt uns das so schwer? Wieso muss Gott immer wieder herhalten als Grund für Gewalt?

Die Frage stellte sich auch der junge englische Dichter Wilfred Owen. Und er fand die Antwort, und drückte sie ein diesem wundervollen, aber auch sehr schmerzvollen Gedicht aus, das ich Euch habe austeilenn lassen, zusammen mit den Bildern.

Er nimmt die Geschichte von Abrahams Opfer auf. Und er erzählt sie so, dass sie durchsichtig wird auf den Krieg, den Owen erlebt, mit seinen Schützengräben und Schanzen, Seinen Uniformen mit Gürteln und Helmen, mit seinen Stacheldrahtverhauen und Mordmaschinen:

 

Daher erhob sich Abraham und hackte das Holz und ging

und nahm das Feuer mit und ein Messer.

Und als sie beide verweilten,

sprach Isaak, der Erstgeborene und er sagte: Mein Vater,

alles hast du vorbereitet, hast Feuer  und Eisen,

aber wo ist das Lamm für das Brandopfer?

Da fesselte Abraham den Knaben mit Gurten und Riemen,

baute dort ein Gerüste und Schützengräben

und strecke das Messer aus, seinen Sohn zu schlachten.

Doch siehe, die Stimme eines Engels rief ihn vom Himmel und sprach: Lege nicht Hand an den Jüngling, und tu ihm auch sonst nichts.

Sieh doch, ein Widder hat sich im Dickicht mit seinen Hörnern verfangen:

Opfere den Widder des Stolzes an seiner Stelle.

Doch der alte Mann wollte nicht

und erschlug seinen Sohn –

und die Hälfte des Samens Europas,

einen nach dem anderen

die Häfte des Samens Europas, einen nach dem anderen

Fast schon zynisch, aber auf jeden Fall zutiefst vom Menschen enttäuscht und verbittert, erzählt Owen die Geschichte anders zu Ende: Abraham schlug seinen Sohn, und die Hälfte des Samens Europas, einen nach dem anderen, die Hälfte des Samens Europas, einen nach dem anderen.

So sieht er seine Gegenwart:

Abraham, der hier für die Generation der Väter überhaupt steht, gehorcht Gott nicht. Er opfert nicht, was Owen den Widder des Stolzes nennt. er tötet lieber seine Sohn, er zieht es durch, er lässt sich von Gott nicht in den Arm fallen.

Drastischer kann man es nicht sagen. Krieg ist Sünde, ist Widerstand gegen Gott, Ungehorsam. Die Wurzel des Krieges aber ist der Stolz, der nicht nachgeben kann, der nicht mit der eigenen Fehlbarkeit rechnet, der das eigene Denken und Fühlen und die Ehre zum einzigen Maßstab macht und damit unfähig wird, das rettende Wort Gottes zu hören. Für Owen ist es einzig der Mensch, der Nachkomme Abrahams, der es zu verantworten hat, dass die Hälfte des Samens Europas auf den Schlachtfeldern verreckt. Und dem ist wenig hinzuzusetzen. „Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart“: : Würden wir darauf wirklich hören, würden wir unseren Stolz beiseite stellen, würden wir Gott wirklich gehorchen, hätte die Versöhnung ein Chance in unserer Welt, und schon die Schützengräben, die oft genug durch Familien laufen, zwischen den Hecken von Nachbarn, könnten zugeschüttet werden.

Mich bewegt dieses Gedicht zutiefst. Mehr als alle Zahlen und drastische Bilder drückt es aus, was dieser Krieg angerichtet hat. Hier wurden Menschen geopfert, sinnlos geopfert, weil alle Opfer sinnlos sind. Das ist auch die Lehre dieses Krieges, die viele schon während des Krieges zogen. Aber es waren nicht genug. Es musste noch die viel größere Katastrophe des zweiten Weltkrieges folgen, bis auch die letzten erkannten, das Krieg nicht Gottes Willen ist, das Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll.

Über den Gräbern von Verdun und der Somme, von Tannenberg und am Isonzo entstand der Gedanke eines vereinten Europas als einziger Weg zum Frieden. Jeder, der heute an der europäischen Idee zweifelt, muss sich vor den Toten des ersten Weltkrieges verantworten und einen besseren Weg zum Frieden zeigen!

Gott ist die Macht der Liebe, die das Leben will und keine Opfer. Es gibt keinen Krieg in Namen Gottes. Es gab ihn auch nie. Und es darf ihn auch nie wieder geben. Nur so ehren wir das Andenken an jene Männer, die auf den Tafeln hier in der Kirche/draussen vor der Tür genannt werden. Der Krieg ist immer noch in der Welt. Aber wir haben verstanden: er ist kein Mittel der Politik mehr, er ist Scheitern von Politik.

Einen Gedanken noch: Abraham war auch der Stammvater der Moslems. Dort heißt er Ibrahim. Der Koran kennt die Geschichte auch. das islamische Opferfest erinnert daran. Und viele Moslems haben sie verstanden, setzen sich auch mit ihrer Gewaltgeschichte auseinander und wollen den Frieden, ohne Gewalt und ohne Waffen. Wir haben kein Recht, auf den Islam mit dem Finger zu zeigen: denn auf unseren Koppelschlössern stand auch: Gott mit uns, das ist erst hundert Jahre her.

Wir haben aber die Aufgabe, aus unserer Geschichte heraus zu verkündigen, dass Gott und Tod, Gott und Krieg nicht zusammengehören. Glaubt mir: Millionen von Moslems auf dieser Welt wissen das auch, denn der Koran ist ein Buch des Friedens. Das er, wie die Bibel, in die Hände von verblendeten Verrückten geraten ist, ist ein Unglück, an dem wir nicht ganz unschuldig sind. Es ist ein politisches Phänomen, kein religiöses! Dieser Tag, wo wir vor Millionen von Kriegstoten stehen, wo wir die Worte von Wilfred Owen direkt aus dem Schützengraben hören, sollte uns das Mahnung sein und eine Ermutigung: Lasst uns auf die Macht der Liebe vertrauen und aus ihr  heraus allen Menschen die Chance geben, den Widder ihres Stolzes zu opfern anstatt Söhne und Töchter. Der gnädige Gott wird uns darin tragen und stützen. Denn das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung: „Lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts!“ Das ist Gottes Gebot an Abraham, dem Vater unseres Glaubens.

 

Amen.
 
 
 

Freitag, 17. Oktober 2014

Cool bleiben! Gott loben. Predigt zu Eph 5, 15-20. 18. S.n. Tr.


So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit. Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist. Und ]sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen. Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi.

 

Liebe Gemeinde.

Was uns hier gesagt wird ist, was das Leben eines Christen ausmacht. Wer getauft ist und sich auf Gott beruft, der wird auch in die Pflicht genommen. Denn die Welt ist nach Jesu Tod und Auferstehung eine andere geworden, als sie vorher war. Sie ist jetzt eine Welt, über der eine Verheißung ausgesprochen ist. Damit wird sie nicht automatisch eine bessere Welt, wahrhaftig nicht, aber der Blick für die Welt schärft sich. Es ist immer noch die Welt, die der Sünde verfallen ist: ein Blick in den Fernseher, aber auch ein Blick in die Tiefe der eigenen Seele genügt, um das zu begreifen. Es ist unverantwortliche Träumerei und geradezu Realitätsverweigerung, das nicht sehen zu wollen.

Die Welt ist, so wie sie ist, ein übler Ort und die Zeit, die irdische Zeit, ist eine üble Zeit. Sie ist dem Untergang geweiht. Über Jahrhunderte hat der christliche Glauben vor allem davon gelebt, dass er das wusste: Die Erde wird zu Ende gehen, sie wird sterben, wie jeder von uns sterben muss. Und sie sie ist, für die überwiegende Mehrheit der Menschen, ein schrecklicher Ort. Eine ernüchternde Erkenntnis.

Das zu wissen, ist weise. Das nicht zu wissen, ist töricht. Und darum, liebe Gemeinde, leben wir in ganz besonders törichten Zeiten. Wir lügen uns als gesamte Gesellschaft etwas in die Tasche, und leider, so muss ich sagen, hat die Kirche auch Züge davon angenommen. Wir tun so, als wäre alles in Ordnung, von ein paar dummen Sachen, wie Kriege, Seuchen, Hunger, Gewalt und Katastrophen mal abgesehen. Wir leben so, als wären die Ressourcen unbegrenzt. Wir tun so, als hätten wir ein Recht auf Spaß, Unterhaltung und ein gutes Leben, verstanden als ewige Party. Wir lassen uns vorspielen, wie einfach alles sein könnte, wenn wir nur richtig lebten und vor allem natürlich: die richtigen Sachen kaufen!  Die Welt, in der wir leben, ist eine Warenwelt, und die wichtigste Aufgabe der Waren, die uns umgeben, ist schon lange nicht mehr, unsere unmittelbaren Bedürfnisse zu stillen. Die wichtigste Aufgabe der vielen Dinge, die wir haben, haben sollen und haben wollen, ist, uns den Kopf zu verdrehen und uns besoffen zu machen. Und zwar von Jugend an. Die jungen Leute hier trifft es am härtesten. Sie werden mit Drogen vollgestopft, die sie betäuben. Ich meine natürlich nicht die harten Drogen. Ich meine die Drogen, die wir als Drogen gar nicht mehr wahrnehmen. Die Medien, die vielen schönen Dinge, und, was besonders übel ist, der Rausch der Geschwindigkeit und der Lärm, der uns umgibt. Das sind unglaublich starke Betäubungsmittel, die uns in einen Rausch versetzen, so dass wir gar nicht mehr richtig hinsehen und hinhören können, und auch nicht wollen. Wir werden in eine Art Schlaf versetzt und sollen davon träumen, in der besten aller Welten zu leben, in der es für alles ein Heilmittelt gibt..

Auch Religion kann so eine Droge sein, jede Form von Fanatismus und Gläubigkeit, die zu einer Abhängigkeit geworden ist. Denn Drogen machen abhängig: man kann nicht mehr ohne. Wenn der Rausch aufhört, kommt der Kater und das böse Erwachen, also gleich noch einen drauf. Ich weiß noch, als ich noch Alkohol getrunken habe: das beste morgens nach der Fete war, gleich noch eine Flasche Bier draufzutrinken. Den Spiegel halten, heißt das dann. Gesund war das nicht. Wir leben in einer Gesellschaft, die alles dafür tut, dass wir wie besoffen leben und aufgeregt durch das Leben jagen, wie Süchtige von Kick zu Kick.

Sauft Euch nicht voll Wein, denn daraus folgt ein unordentliches Wesen, schreibt der Apostel, und wenig vorher hat er geschrieben: Wache auf, der du schläfst, erhebe dich von den Toten, dann wird dich Christus erleuchten….!

Genau darum geht es. Der christliche Glaube ist zu allererst ein Weckruf: Wach auf! mach die Augen auf! Schaue hin! Und er ist ein Ruf in die Nüchternheit: Sauft Euch nicht voller Wein daraus folgt ein unordentliches Wesen! Damit ist nicht das Glas Wein am Abend oder das Bier auf einer Feier gemeint. Damit ist gemeint: lasst Euch nicht durch Drogen aller Art den Verstand rauben, lasst Euch nicht einlullen und für dumm verkaufen! Bleibt nüchtern!

 

Nüchternheit ist eine der wichtigsten Tugenden für einen Christen. Sauft Euch nicht voll Wein, sondern lasst Euch vom Geist erfüllen. Der Geist, der hier gemeint ist, ist der Geist Gottes. Und es geht jetzt gerade nicht darum, dass wir den einen Suff der schönen neuen Waren- und Medienwelt austauschen sollen gegen den Suff der Religion. Das wäre eine schöne Bescherung! Wir sehen ja gerade, dass Religionen, wenn sie als Droge verwendet und benutzt werden, warhhaft teuflische Energien freisetzten können. Glaube ist keine Droge. Wenn er es wird, ist ein kein Glaube mehr, sondern Aberglaube

 

Nein, der Glaube will nüchtern machen. Und es ist äußerst ernüchternd, was der Glaube über die Welt sagt, weil es die Wahrheit ist:. Sie ist ein Ort der Sünde. Sie ist im große und Ganzen ein höllischer Ort, wo man auf der Hut sein muss, das man nicht in den Abgrund gezogen wird.

Das macht es dem christlichen Glauben natürlich schwer. In einer Gesellschaft, die vom verlogenen Optimismus lebt, die davon lebt, sich selber vorzugaukeln, es sei im Grunde alles in Ordnung, hat es so eine Botschaft natürlich schwer. Vor allem, weil sie zur Nüchternheit ruft. Ich höre schon die Einwände: Aber wir wissen doch, was los ist. Ebola! Arbeitslosigkeit! Isis, Syrien, Kurden, Ukraine, Pflegenotstand, das Bildungssystem, die Windkraftanlagen und was noch alles: Aufreger, wohin man schaut.  Es gibt doch lauter Katastrophen und Skandale! Ja, aber schaut einmal genau hin: wird hier nüchtern darüber geredet? Oder wird hier nicht eben doch immer eine neue Sau durchs Dorf gejagt? Was für eine Entrüstung und was für ein Geschrei wird gemacht, was für eine Panik und was für ein Geheule: Es müssen immer gleich Köpfe rollen, oder Maßnahmen ergriffen werden oder Gesetze erlassen oder dies oder das. Merkt ihr was? Dieses ständige Geschrei, das bei uns herrscht, ist nur die andere Seite dessen, was ich vorhin beschrieben habe. Sobald uns die Droge weggenommen wird, fangen wir an zu jammern, zu klagen, Vorwürfe zu erheben. Mir macht das wirklich Sorgen! Wie wollen wir eine vernünftige, nüchterne und auf Lösungen zielende politische Kultur aufbauen, wenn immer gleich geschrien und gejammert wird? Eine ganze Gesellschaft verhält sich wie ein Kindergarten oder wie eine Horde Junkies, denen man ihr Spielzeug und ihre Drogen wegnimmt, wenn die Wirklichkeit an die Türe klopft. Aber Geschrei hilft niemanden. Wir berausch uns an unserem Geschrei.

Ich höre im Wort des Apostels eine wirklich weise und kluge Mahnung. Kauft die Zeit aus: das ist ja eine merkwürdige Formulierung. Sie klingt wie: Nutze die Zeit! Mach was aus deinem Leben! Verschwende keine Zeit! So hören wir das, weil wir genau das gewohnt sind: die Hektik, die Arbeit, das „immer muss was gemacht werden“  ist auch eine Droge. Und der Satz wurde auch oft so verstanden, und auch so gepredigt. Wir dürfen als Christen keine Zeit verschwenden. Wir müssen doch, wir sollten doch und zwar jetzt und gleich und sofort und am besten alle und am besten rund um die Uhr.

Merkwürdigerweise meint der Satz genau das Gegenteil. Er sagt gerade nicht: Sauft Euch voll, macht euch besoffen, stürzt Euch in die Welt und krempelt sie um.  Er sagt gerade nicht, dass wir uns betäuben sollen mit hektischer Aktivität. Sondern nüchtern sollen wir werden. Die Zeit ist böse. Und gut ist Gott. Darum heißt die Zeit auskaufen: die Zeit damit füllen, Gott zu loben und zu preisen und einander mit dem Gotteslob zu stärken und zu ermuntern. Ja, in der Tat: beten sollen wir, singen, auf das Wort Gottes hören, uns besinnen. Dann kaufen wir die Zeit aus, weil wir Gott in unser Leben lassen. Darum geht es.

Nun hören wir bei dem Wort „Besinnen“ sofort: „Besinnlich“, das heute schon fast dasselbe bedeutet wie: Gemütlich. Die Kirche also ein Ort der Besinnung, das meint dann oft: die Kirche als ein Ort, wo wir es uns gemütlich machen.

Aber weit gefehlt. Darum geht es hier nicht. Es geht nicht um Gemütlichkeit. Die gehört ins Wohnzimmer! Hier geht es darum, sich darauf zu besinnen, wo wir wirklich leben: in der vergehenden Welt, über der Gott aber seinen Segen ausgeschüttet hat, seine Verheißung. Dafür steht das Kreuz. Es ist ein Durchhaltezeichen, ein Trostzeichen. Es durchkreuzt im wahrsten Sinne des Wortes unsere Träumereien, weil es uns zeigt: So ist die Welt! Und es wäre unerträglich, wenn das alles wäre, was über die Welt zu sagen ist. Der Glaube sagt aber eben auch noch etwas anderes über die Welt: sie ist bestimmt als Ort der Verwandlung!

Wir reden doch auch, nein, wir reden zuallererst von der Auferstehung, und dann vom Kreuz. Das ist die Erfahrung, die die ersten Christen gemacht haben und als eine Erfahrung des Geistes verstanden haben: Diese Welt, dieser Ort des Schreckens, ist der Ort, den Gott erwählt hat, um in ihm mi t uns zu wohnen, bis er dem ein Ende macht und alles verwandeln wird. Aber bis dahin, liebe Schwestern und Brüder, leben wir in der Hoffnung. Sie ist die Kraft, die aus der Nüchternheit kommt. An sie sollen wir erinnern, auf sie sollen wir uns einstimmen. Darum kommt nach dem Ruf zur Nüchternheit eben kein politisches Programm, kein Fitnesplan für das Gutmenschentum und kein Aufruf zu heiligen Kriegen gegen alles Böse in der Welt. Sondern es folgt ein Aufruf, Gottesdienst zu feiern. 19 Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus. 21 Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi.

In dieser Welt, in diesem schrecklichen Ort, sollen wir einander erinnern, was Gott uns verheißen hat. Wir sollen hören auf das, was er sagt. Und er sagt eben nicht: Tod und Vernichtung! Er sagt eben nicht: Untergang! Sondern: Verwandlung, ewiges Leben, Reich Gottes. Das ist es, worauf wir Christen warten, seit der Ruf Gottes in der Welt ist. Ganz nüchtern sollen wir werden. Bevor wir uns alarmieren lassen von all den Hiobsbotschaften oder uns betäuben lassen von all den schönen Dingen:: erst einmal innehalten und nach dem Wort Gottes fragen. Bevor wir tausend Programme zur Weltbeglückung auf den Weg bringen: erst einmal beten! Bevor wir Menschen verdammen oder in den Himmel loben, bevor wir unser Hoffnung auf vergängliche Dinge setzen, erst einmal genau hinhören, erst einmal den Gang der Dinge unterbrechen. Kauft die Zeit aus heißt: haltet sie an, denkt nach, besinnt euch, bringt Ordnung in das Leben, lasst Euch nicht ins Bockshorn jagen durch die Versprechungen der Werbung, aber auch nicht durch das Geschrei der Medien. Bittet Gott um Weisheit, stellt Euch unter das Kreuz, betet und weckt in Euch die Hoffnung. Seht sorgfältig darauf, wie ihr das euer Leben lebt. Im griechischen steht hier ein Wort, dass die meisten von euch kennen: akribisch. achtet akribisch darauf, wie ihr lebt. Werdet langsam, haltet inne. Das ist das, was das Wort „sich besinnen“ einst meinte. Und auch das Wort Demut meinte genau das: Achtet die Tatsache, dass die Welt und die Dinge größer sind als ihr, rechnet mit Irrtum, rechnet mit der Sünde. Seid nüchtern, dient einander mit Klugheit..

Kann man das Menschen vermitteln, kann man das Konfirmanden vermitteln? Ist das nicht total altmodisch, konservativ und völlig überholt: Seid nüchtern?

Ich glaube nicht. Gerad die Jugendlichen haben ein schönes Wort dafür, auch wenn es langsam aus der Mode kommt. Bleibt cool.

In der Tat: so zu leben, also nüchtern, besonnen, mit der Hoffnung auf Gott und gehörigem Abstand zu allem, was uns besoffen machen will, das ist cool. Glauben ist cool. Die völlig überhitzte Welt voller Leid und Geschrei braucht diese Coolness: Kauft die Zeit auf. Werdet langsam, lasst Euch Zeit. Gott schenkt sie euch. Die ganze Ewigkeit. Darum ist Gottesdienst eben gerade keine Zeitverschwendung, sondern Zeitgewinn: wir teilen Glaube, Liebe, Hoffnung, wir üben Dankbarkeit ein und lernen, akribisch hinzusehen. Damit wir gestärkt, ernüchtert, aufgeweckt ins Leben gehen können.

Hört noch einmal den ganzen Text: ist das nicht cool?

Ich lese Euch die Worte noch einmal vor, in einer modernen Übersetzung:

15Darum achtet genau auf eure Lebensweise! Lebt nicht wie Unwissende, sondern wie Menschen, die wissen, worauf es ankommt.

16Nutzt die Zeit; denn wir leben in einer bösen Welt*.

17Seid also nicht uneinsichtig, sondern begreift, was der Herr von euch erwartet.

18Betrinkt euch nicht; denn zu viel Wein verführt zu einem liederlichen Lebenswandel. Lasst euch lieber vom Geist* Gottes erfüllen!

19Ermuntert einander mit Psalmen und Lobliedern, wie der Geist sie euch eingibt. Singt und spielt Christus, dem Herrn, von ganzem Herzen.

20Dankt Gott, dem Vater, zu jeder Zeit für alles im Namen unseres Herrn Jesus Christus.

Darum geht es: Aus Glauben klug zu werden und cool zu bleiben. Anstatt kollektives Besäufnis: die nüchterne Liebe! Damit dienen wir der Welt. Die braucht das: dringend!

Amen.