Sonntag, 27. April 2014

Wellness und innere Kraft. Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti, 24.4.2014


Jes 20,26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht!

 Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

29 Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden.

30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Wellness ist in aller Munde. Sie steht ganz vorne in der Wichtigkeit vieler Menschen, jedenfalls dann, wenn man der Werbung Glauben schenken darf. Wellness ist englisch, kommt von dem Wort „well“, das so viel wie „gut“ heißt, aber nicht nur im moralischen Sinne, sondern vor allem so im Sinne von „ich fühle mich gut, es geht mir gut, ich bin gut drauf“. Wellness meint also letztlich nichts anderes, als das, was man früher „Wohlgefühl“ nannte.

Das ist ein Riesengeschäft mit der Wellness. Es gibt Nahrungsmittel, die Wellness verbreiten, weil sie angeblich leicht verdaulich sind und fast schon unsterlich machen, es gibt Möbel für die Wellness, Kleidung für die Wellness und natürlich alle möglichen Mittelchen, die helfen sollen sich wohlzufühlen – wobei hier die Grenze zu den Drogen schon fließend wird: die Verheißen ja auch „Wellness“. Offensichtlich geht es einer ganzen Menge Menschen unglaublich schlecht, sie fühlen sich unwohl. Falsche Ernährung, blöder Beruf, falsche Kleidung, falsche Frau, was weiß ich: alles behindert meine Wellness.

Wenn ich genau darüber nachdenke, dann behindert eigentlich mein ganzes Leben meine Wellness. Ich werde älter, das ist kein Spaß. Ich muss morgens aufstehen, das ist oft auch keiner, und wenn jemand nicht gut schlafen kann, dann ist noch nicht einmal das ins Bett gehen ein Spaß.

Das Leben selber macht offensichtlich müde und kaputt. Es ist anstrengend, wer hätte das gedacht. Und ein gutes Leben: das kann ja, so wollen es uns jedenfalls die Werbemenschen einbläuen, ein gutes Leben kann nur ein Leben sein, in dem alles glatt läuft, in dem wir fit sind, sportlich, biegsam und hellwach. „Fit“ war nämlich das Stichwort in meiner Jugend. Da hieß es: Trimm Dich! die Älteren werden sich erinnern. Da lief jeden Tag in der Fernsehwerbung ein Spot mit einem Männchen, das den Daumen hoch hielt und uns vom Sofa scheuchen wollte, damit wir uns fit halten. Trimm-Dich-Pfade wurden angelegt, durch Wald und Flur, und der sonntägliche Spaziergang sollte nun also der Fittness dienen: und so sah man – damals hat man sich ja für den Sport noch nicht verkleidet – ehrbare Familienväter Baumstämme stemmen und Stepping auf Baumstümpfen machen. Ich habe das Bild immer noch vor Augen, wie mein, von seiner harten Arbeit müde und förmlich erschlagener Vater mit dem Schlaf kämpfend die Fitness-Werbung anschauen musste und ich mir dachte: Wozu um alles in der Welt soll der sich fit halten? Lasst ihn schlafen, das ist sein größtes Glück. Fitness war offensichtlich etwas für Leute, die sonst in ihrem Leben nicht genug zu tun hatten. Und noch früher hieß das Kraft durch Freude, Volksport, und jetzt ist es auf einmal gar nicht mehr witzig. Da wurden junge Männer und junge Mädel in schwarzweißer Turnerkleidung durch die Gegend gescheucht, marschierten im Gleichschritt, sprangen über Kisten, jonglierten mit Keulen: der deutsche Mensch ist gesund und kräftig. für den Führer, versteht sich. Viele von ihnen konnten das gut gebrauchen in Russland und anderswo.

Das ist nicht falsch verstanden werde: Ich will mich hier nicht über den Sport lustig machen. Das wäre hier in Großenritte ein unverzeihlicher Fehler und ziemlich dumm, denn hier wird viele Sport gemacht, was sollte ich dagegen haben? Ein bisschen davon würde mir auch nicht schaden. Es geht um etwas anderes.

 

Ich will mich über einen bestimmten Geist lustig machen, der oft dahinter steht. Als könnten Wellnes und Fitness uns davor bewahren, dass uns das Leben müde macht, als könnten sie uns retten. Ich mag es nicht, wenn mir eingeredet werden soll, dass ich mich mehr bewegen müsste, damit ich ein besserer Mensch werde. Aber meine Melancholie vertreibt das nicht und die Zumutungen des Lebens auch nicht. Und die „Wellness“ kann mir gestohlen bleiben: ich will meine Arbeit gut machen, dann geht es mir gut, ich will mich an den Menschen in meiner Umgebung freuen und mit ihnen leben, dann geht es mir gut, ich will einigermaßen vernünftig schlafen und essen, dann geht es mir gut und ich möchte vermeiden, Böses und Übles zu tun, denn dann geht es mir schlecht, weil es anderen schlecht geht durch mich. Redet eigentlich auch jemand von dieser Wellness und dieser Fitness?

Du hast aber niedrige Ansprüche, sagen dann einige.

Nein, sage ich dann, ich habe besonders hohe Ansprüche. ich möchte mein Leben genießen, und mich nicht einem albernen Stress aussetzen, ein entspannter, fitter, allzeit fröhlicher Mensch sein zu müssen. Mir kommt es oft so vor, als wäre dieses ganze Wellness- und Fitness-Gerede nur ein Ablenkungsmanöver, das uns vom Wesentlichen fernhält, eine ganz besonders fiese Variante des Spruches, denn ich ohnehin zutiefst furchtbar finde: „Jeder ist seines Glückes Schmied“  - das ist das krasse Gegenteil des Evangeliums. Denn am Ende bist du nur ganz allein dafür verantwortlich, wie es dir geht. Ganz rief unten in all diesem Gerede steckt nämlich, verborgen, aber tödlich, der Satz: Wenn es dir schlechtgeht, bist du selber schuld. Und das ist nicht witzig.

Da wird es nämlich gemein. Jetzt sind mit einem Schlag alle die draußen, denen es aus Gründen nicht gut geht,die sie nur zum Teil oder gar nicht zu verantworten haben. Menschen, die vom Leben schwer geschlagen sind, Menschen, die chronisch krank sind, Menschen die aus welchen Gründen auch immer im Elend leben  -  das geschieht ja doch eher selten freiwillig: Was ist mit denen? Nehmen die einfach nur die falschen Pillen, sollten die mehr Sport machen oder regelmäßig in die Sauna gehen?

Das macht mich manchmal ganz wütend. Und ich will Euch etwas sagen: Das macht mich manchmal auch müde, so ganz von innen heraus. Die Arbeit erschöpft mich manchmal so, dass ich abends halbtot ins Bett falle und vor Müdigkeit nicht schlafen kann, man kennt das. Da hilft ein bisschen Erholung. Aber dieses Gerede, dieser kaltschnäuzige Zynismus, der sich hier unbemerkt in unserer Gesellschaft breit macht, der macht mich richtig müde, weil er mich traurig macht. Offensichtlich zählen hier nur die Fitten, die Schönen und „Wellen“, die gut drauf sind. Die Kaputten, die Schlaffen, die Müden, Traurigen und Verunstalteten zählen offensichtlich nicht oder sind die Blödmänner.

Ich hoffe, ihr versteht, worauf ich hinaus will: Das Lleben selber setzt uns zu, und da helfen keine Wellnesprodukte, kein Sport und auch kein Trimm dich. Was die meisten Menschen müde und traurig macht, sind Verzweiflung, Frustration und Erfahrungen von Sinnlosigkeit und Leere in ihrem Leben. Unser ganzer Medienrummel überdröhnt das und will uns weißmachen, die Lösung dagegen wären Spaß und Wellness. So wird uns das Geld aus der Tasche gezogen du das Gewissen mit Müll gefüllt.

Das ist im Kern zynisch.

Und darum haben mich die Worte des Propheten auch sehr getroffen. Er sagt es ganz deutlich:

Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

29 Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden.

30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden

Der Glaube ist die Kraft, uns von innen zu wecken und zu stärken. Und hier geht es um mehr, als um Wellness, hier geht es um Lebenskraft. Es sind ja starke Bilder, die der Prophet gebraucht: Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen. Das ist doch sehr schön gesagt, man muss es nur modern ergänzten: Männer werden müde und matt und Frauen sinken erschöpft zusammen, Jünglinge straucheln und stürzen und junge Frauen verblühen und fallen genervt in sich zusammen.

Und zwar wegen der fehlenden inneren Kraft. Um sie geht es doch letztlich. Es geht darum, die Kraft zu bekommen, das Leben zu ergreifen, Ja zu sagen um Leben, selbst dann, wenn es schwer ist, wenn es voller Leiden und Kummer ist, wenn uns das Leben zusetzt, wie es das eben tut. Dagegen setzt der Prophet die Kraft der Hoffnung: aber die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Alder, dass sie laufen und nicht matt werden, das sie wandeln und nicht müde werden.

Das ist jetzt kein frommes Wellnes und Fitness-Programm. Das wäre ja höchst lächerlich. Ich könnte mich immer beömmeln, wenn man vor allem in frommen Zeitschritten ließt, dass fromme Menschen länger leben, besseren Sex haben und im Durchschnitt gesünder sind und was noch alles. Als ob es darauf ankäme. Der Prophet will uns deutlich sagen, worauf es in Wahrheit ankommt: dass wir wissen, wozu wir hier sind, dass wir Vertrauen und Hoffnung haben im Leben, dass wir uns mit dem Leben versöhnen.

Gesundheit ist wichtig. Aber Heil ist wichtiger.  

Denn kann haben auch die Hässlichen und die Kaputten, die Kranken und die Verzagten ein gutes Leben, weil sie aus ihrem Zweifel und ihrer Verzweiflung heraus geholt werden. Der Glaube macht nicht fit. Er macht auch nicht gesund, höchstens mal in Ausnahmefällen, nicht ohne Grund werden solche Geschichten als Wunder erzählt. Selbst die katholische Kirche erwartet von ihren Heiligen keine Heilungswunder mehr, wie man gerade anlässlich der Heiligsprechung zweier Päpste erfahren konnte. Der Glaube verbreitet auch keine Wellness. Sonst müssten wir hier Gymnastik machen oder irgendwelche Wässerchen trinken. Der Glauben greift viel tiefer: er macht uns von innen heraus stark, dass wir unser Leben ergreifen können, so wie es ist – mit unsere Hinfälligkeit und Müdigkeit. Die Kraft, von der der Prophet spricht, ist diese Kraft zu leben.

Ein schönes warmes Bad im einem schönen teuren Badeöl ist doch in der Tat etwas Feines, eine heiße Hühnersuppe übrigens auch.  Aber geheilt, getröstet werden können wir nur von Gott, der uns seine Liebe zusagt. Gegen die tiefe Traurigkeit und die tiefe Lebensmüdigkeit hilft nur sein Wort, das unserem Leben Richtung gibt und ein Ziel. Dann kann sogar der Tod seinen Schrecken verlieren, denn er ist der größte aller Müdemacher, wie alle wissen, die traurig sind, weil sie einen Menschen verloren haben oder eine Lebensperspektive.

Wie kommen wir aber an diese Kraft Gottes? Nun durch zwei Dinge: wir hören auf sein Wort, immer wieder und immer wieder neu. letzten Sonntag feierten wir in dunkler Nacht mit einem uralten Ritual die Auferstehung Gottes. Das tat nicht nur gut. Das richtete auf. Jeden Sonntag wird sie verkündigt, jeder kann es hören und kann es wissen: In jedem Gottesdienst wird uns diese Kraft Gottes als Segen zugesprochen, und wenn wir Abendmahl feiern, fließt sie geradezu wörtlich in uns hinein. Das ist das eine. Das andere aber ist das Gebet. Betend nehmen wir Kontakt auf mit dem Leben selber. Wer betet, spricht nicht nur zu Gott, er spricht immer auch zu sich selber, wer betet, vergewissert sich seines Glaubens, wie es Thomas auch tat. Was ihn aus seinem Zweifel holte, war die Bitte, Gott möge sich ihm doch zeigen und sich ihm offenbaren.

Gott ist die Quelle der Kraft, ohne die alle Wellness, alle Fittnes und alles Trimm-dich ins Leere laufen. Das ist die alte Verheißung, die alte Erfahrung, das ist es, was uns seit Generation als Grunderfahrung des Menschseins weitergeben wird, dafür sind wir Kirche, diesen Ruf weiterzugeben:

Die des Herren harren, kriegen neue Kraft!

Probiert es mal aus.

Denn das Tolle daran ist: es kostet nichts. Es ist umsonst.

Vielleich ist das das Problem. Wir sollten Eintritt nehmen und Gebühren für das Wort Gottes und das Gebet: vielleicht käme es dann auch wieder in Mode?

Aber ich will hier nicht albern werden. Nur ein bisschen, damit ihr mit einem Lächeln aus der Kirche geht. Es ist doch Ostern, und heißt die Botschaft doch: Freut Euch des Lebens – denn: die des Herren harren, kriegen neue Kraft. dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. der Sonntag heute hat einen komplizierten lateinischen Namen: Quasimodogeniti. Das heißt aber auf Deutsch einfach nur: wie neugeboren!

Das wünsche ich Euch, alle Tage! Und mir auch. Amen.

 

Sonntag, 20. April 2014

Das Ende der Gewalt, Predigt zu 1. Kor 15, Ostersonntag

In der Osternachtfeier habe ich die Predigt vom Vorjahr aus Elgershausen "recycelt, und das war gut so: manchmal werden Predigten durch Ablagern besser im zweiten Durchlauf. Und die Osternacht verträgt den "hohen Stil" der Homilie sehr gut.
Der Osteruf. Homlie zur Osternacht


Im 10.00 Uhr Gottesdienst habe ich mich dann mit dem OP-Text befasst. Und ich finde, das ist ziemlich schwerfällig geworden. Es predigte sich besser, als es sich liest. wenig österliche Freude, viel theologisches Blei. Der OP Text ist eben, trotz des Themas Auferstehung, kein wirklich österlicher Text. Aber - so mein Erfahrung nach rund 30 Jahren Kanzel - die Predigt entsteht im Ohr der Hörenden. Wer weiß....
1.Kor 15,19-28

19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.

20 Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.

21 Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. 23 Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören; 24 danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat.

25 Denn er muss herrschen, bis Gott ihm »alle Feinde unter seine Füße legt« (Psalm 110,1).

26 Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.

27 Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 28 Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.



Liebe Gemeinde,

das ist ein heftiger Satz, den der Apostel Paulus da am Ende seiner Worte schreibt:

Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Krasser und deutlicher kann man nicht sagen, was der Kern unserer christlichen Hoffnung ist und was wir als Christen an Ostern feiern. Es ist ein Herrschaftswechsel. Aus einer Welt des Todes ist eine Welt des Lebens geworden. Aus einer Welt der Sünde eine Welt der Versöhnung.

Und das gegen allen Augenschein. Ein Blick in die Zeitung und wir wissen: so einfach stimmt das nicht. Wir warten noch auf diesen Letzten Sieg. Es hat erst begonnen. Aber immerhin: begonnen.


Und darum hat es die Osterbotschaft immer schwer gehabt. Schon am ersten Tag war es ja keineswegs so, dass der große Jubel ausbrach. Die Frauen, so hörten wird, verließen das Grab und waren ziemlich verschreckt von dem, was sie erlebt haben. Man muss sich ihre Gemütsverfassung vorstellen: Der schreckliche Tag war ja gerade erst 36 Stunden vorbei. Die drei Frauen, die da zum Grab gingen, waren ja die selben, die Jesus am Kreuz haben sterben sehen. Und mit ihm starb ja nicht nur ein geliebter Mensch: Mit ihm starb auch eine Hoffnung.


Die Hoffnung darauf, dass mit Jesus von Nazareth eine neue Zeit beginnt: eine Zeit des Friedens und der Gerechtigkeit. Denn ganz Israel hoffte auf so einen Mann, auf so einen König, einen neuen Mose, einen neuen David, der das Volk wieder in die Freiheit führt. In die Freiheit von der römischen Besatzung und in die Freiheit von der Last der Sünde.

Und da kam aus Galiläa, aus dem Norden, aus der äußersten Provinz, ein dreissigjähriger Zimmermannsohn. Das war noch nichts Ungewöhnliches: solche Wanderprediger gab es damals viele. Es waren halt unruhige Zeiten. Doch dieser war so ganz anders, als alle anderen Prediger und Freiheitskämpfer vor ihm. Er verzichtete konsequent auf Gewalt in jeder Form: weder als Brutalität, noch als Ausgrenzung. Ja mehr noch: Jesus heilte Menschen, und zwar einfach so. Und er machte keine Unterschiede. Er ging auch ganz anders mit Gottes Gesetz um, als die meisten Pharisäer und die Schriftgelehrten es lehrten.  Er frug nach dem Sinn der Gesetze und stellte den Umgang mit Gottes Gesetz radikal in Frage. Ihm ging es um die Liebe, die Barmherzigkeit und die Sanftmut. Er sprach auch vom Reich Gottes, wie all die anderen frommen Prediger. Aber er  verstand das Reich Gottes nicht als eine politische Größe, sondern als etwas, das in unserem Herzen und in unserem Denken Raum finden soll, indem wir alte Denk- und Glaubensgrenzen überwinden und von daher die Welt umkrempeln. Er dachte nicht von Sünde und Strafe her, sondern von der Vergebung und der Versöhnung her.

Der Friede muss von innen kommen, als fester Wille zur Gerechtigkeit. Und das geht nur im festen Vertrauen darauf, dass Gott ein unter allen Umständen gnädiger Gott ist, der selbst in seinem Zorn nicht auf Vernichtung aus ist, sondern auf Verwandlung. Denn Angst vor Gott ist eine große Quelle der Gewalt, wie überhaupt die Angst die Quelle der Gewalt ist. So brachte Jesus einen Gott ohne Schwert und Strafe. Das war die größte Leistung Jesu: Er dachte Gott und Gewalt auseinander. Wo Gott ist, kann Gewalt nicht sein. Wo Vergebung ist, kann Strafe nicht sein. Das ist auch heute noch eine aufregende Botschaft.

Er griff auch den Tempel an. Was ihm ein Dorn im Auge war: eine Religion, die auf Macht und Angst setzt, die also selber gewalttätig ist. Und dafür war der Tempel ein Symbol. Mit der Angst der Menschen vor Sünde und Tod wurde ein Geschäft gemacht. Wir alle kennen die Szene, wie er die Händler aus dem Tempel treibt.

Aber nicht nur, um gegen die Geschäftemacherei vorzugehen. Das wäre doch zu platt. Da geht es um mehr. Es ist ein Teil des Kampfes gegen die Mächte des Todes, von denen Paulus spricht. Wogegen Jesus hier vorgeht, ist die Vorstellung, dass man mit Gott durch ein Opfer ins Reine kommen kann. Dass Blut fließen muss, damit Gott versöhnt wird. Denn die Händler verkauften Opfergaben. Wogegen Jesus hier vorging war die üble Vorstellung, dass Gott durch eine Gabe von uns besänftigt werden kann. Was daran so übel ist? Naja, dieser Gedanke führt dazu, dass man an Gott glauben kann, ohne sein Leben zu ändern. Schlimmer noch: er führt dazu, dass Menschen glauben, sie müssten von sich aus etwas tun, um sich Gottes Gnade und Liebe zu erkaufen. Hinter dem Gedanken des Opfers steht die Idee des frommen Schachers und der sogenannten Wiedergutmachung. Hinter dem Gedanken des Opfers steht nämlich der Gedanke von Rache und Vergeltung. Dieser Gedanke war Jesus zutiefst fremd! Weil er direkt in die Heuchelei führt, wie er an vielen Beispielen immer wieder deutlich macht. Es kommt auf dein Herz an, nicht auf deine Leistung. Liebe ist nicht käuflich.

Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt bin, bin ich mitten unter ihnen. Nicht dort, wo ein Priester sein heiliges Brimborium abzieht, um es einmal auf den Begriff zu bringen. Denn eine solche Priesterherrschaft, und jetzt wird es ganz subtil, ist auch nur Anwendung von Gewalt. Religiöse Gewalt, wenn man so will. Die Vorstellung vom Opfer ist im Kern voller Gewalt und Blut.


Und das zeigte sich dann ja auch. Am Ende war er selber ein Opfer der Gewalt und der Sünde. Und er nahm es auf sich. Weil er wusste: Nur so werden uns die Augen geöffnet über den wahren Charakter des Menschen. Dass der Mensch selbst da, wo er ganz fromm zu sein scheint und meint, im Namen Gottes zu handeln, noch gewalttätig ist. Vergessen wir nicht: Jesus wurde im Namen Gottes getötet. Es war ein religiöser Mord!

Aber Gott machte dieses Opfer rückgängig. Das ist das Entscheidende. Er will keine Gewalt. So wie er Abraham, der seinen Sohn zu opfern bereit war, das Messer aus der Hand nahm. Es sollen keine Menschen mehr für Gott sterben. Auch Jesus starb nicht für Gott. Er starb für uns. Es sollen auch keine Menschen mehr sterben in seinem Namen. Auch nicht im Namen von überhaupt etwas. Das Opfer Jesu war das letzte Opfer und machte ganz klar: Religiöse Opfer sind fortan sinnlos. Sie sind die gemeinste und sinnloseste Form von Gewalt. Im Opfer kommen Religion und Tod zusammen. Der Gedanke ist uns so fremd gar nicht, wie er scheint. In der Gestalt des sogenannten Selbstmordattentäters ist er immer noch da. Aber auch der Heldentod fürs Vaterland gehört in diese Abteilung. Und ganz und gar widerlich wird es, wenn das Stichwort vom Heiligen Krieg fällt. Das ist übrigens keine muslimische Erfindung, sondern einen christliche Erfindung. Nur mal so als Erinnerung. Und das widerlichste von allem ist die Todesstrafe – nach Ostern ein Unding. Der Tod steht niemals im Dienste der Gerechtigkeit.


Seit das Kreuz auf Golgatha stand und Gott den Ermordeten ins Leben zurückrief, wissen wir, dass Gott Gewalt nicht will. Noch nicht einmal als Gegengewalt. Als Petrus für einen Moment die Beherrschung verlor und bei Jesu Gefangennahme einem der Soldaten ein Ohr abschlug, nahm ihm Jesus das Schwert aus der Hand und sagte: Wer das Schwert erhebt, wird durch das Schwert umkommen! Keine Gewalt. Seit Karfreitag und Ostern wissen wir das. Das Kreuz erinnert uns daran. Deswegen ist auch so schwer zu ertragen.


Die Menschen damals verstanden es anfangs auch nicht, es war eine zutiefst schockierende Erfahrung für sie. Schon der Tod Jesu war ein Schock. Aber da konnte man immer noch denken: er war halt ein Märtyrer. Aber die Auferstehung machte deutlich: Hier kommt der Tod selber an sein Ende. Hier wird der Gewalt ein Riegel vorgeschoben und bedingungslose Liebe an ihre Stelle Gesetz. Gott schlägt nicht zurück, Gott versöhnt sich mit seinen Mördern. Nicht wegen des Todes Jesu, sondern trotzt seines Todes. So wir die Kraft des Todes besiegt. Nicht durch die Hand, die zum Schlag erhoben ist, sondern durch die Hand, die zur Versöhnung ausgestreckt wird.  

Das ist auch heute noch ein schwer zu denkender Gedanken. Nicht nur das Kreuz, sondern auch die Auferstehung bleibt eine Herausforderung für uns Menschen. Dem sogenannten gesunden Menschenverstand fällt das unglaublich schwer zu glauben.

Weil wir, das ist das Anliegen des Paulus, vom Tod vergiftet sind und eben doch nur Gewalt und Rache denken können. Nach wie vor spielt die Rache in unserem Leben eine riesige Rolle. Das kann man bei vielen Ehescheidungen erleben, aber auch beim Mobbing auf dem Schulhof oder bei fiesen Intrigen am Arbeitsplatz. Kreuzigen liegt uns näher als Versöhnung, wir opfern lieber, als dass wir uns ändern. Wir lassen uns sogar lieber opfern, als das wir uns ändern, das ist das allergemeinste daran.

Darum musste diese eine Blut vergossen werden, es war, wie Paulus dann später schreiben wird, das letzte Opfer, es war, um es zugespitzt zu sagen das Blut Gottes selber, das fließen musste.

Gott offenbart sich an Ostern als ein schwacher Gott – jedenfalls nach unseren Maßstäben. Ein Gott, der lieber Gewalt erduldet, als ausübt. Aber genau darin zeigt er sich als der starke Gott. Er besiegt die Kraft des Todes. Die Römer fanden diese Vorstellung von einem leidenden Gott widerlich und anstössig. Darum verfolgten sie die Christen bis aufs Blut.

Diese Botschaft entriss ihnen nämlich das Recht, Gewalt auszuüben, um herrschen zu können. Und wenn die Kirche vergaß, wer ihr Herr ist und sich selber zur Herrin den Glaubens machte, wurde sie auch gewalttätig. Und so ist der Glaube heute noch für alle, die Gewalt für eine Lösung halten, eine schwere Herausforderung. Und damit meine ich nicht nur die Gotteskrieger aller Art oder die zynischen Machtmenschen. Ich meine auch unser alltägliches Miteinander. Man muss sich völlig klar sein, dass Gott auf dem Schulhof dort zu finden ist, wo der Verlachte und die Gedisste steht. Man muss sich völlig klar machen, dass, wer sich auf Gotte einlässt, in eine Position der Schwäche gerät. Denn der Tod ist immer noch stark.

Aber seine Macht ist gebrochen.

Das ist das Entscheidende. Daraus quillt alle Hoffnung, für die Lebenden und die Toten: Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, sind wir die ärmsten unter allen Geschöpfen, sagt Paulus darum an Anfang. Auch so ein starker Satz, der uns auf das ewige Leben verweist: den Horizont der Hoffnung.

Und diese Hoffnung erreicht uns über die Jahrhunderte: solange Ostern gefeiert wird, bleibt diese Hoffnung in der Welt.

Über Generationen wurde diese Hoffnung an uns weitergegeben, und sie hat dazu geführt, dass wir heute die Gewalt, jedenfalls im Prinzip, verachten. Das ist doch schon mal was! Schon allein deswegen dürfen wir den Glauben nicht zum Erliegen kommen lassen, auch und gerade, wenn er den meisten Menschen egal ist. Darum brauchen wir die Zeichen der Erinnerung: die heiligen Sakramente. Das einzige Blut, das in dieser Welt noch fließen sollte, ist das Blut des Abendmahl – weil es Wein ist, und eben gerade kein Blut. Der einzige Leib, der in dieser Welt noch gebrochen werden sollte, ist der Leib des Herrn – weil es ein Stück Brot ist und eben kein Körper. Der einzige Tod, den wir einander zufügen dürfen, ist die Taufe: weil es ein bloßes Symbol ist für Tod und Wiedergeburt. Unblutig, gewaltfrei, zärtlich. Das sind so einfache Zeichen, aber es sind die Zeichen für den Sieg über den Tod, das Ende aller Opfer und des Anfanges jener Ewigkeit, von der Paulus schreibt, dass dann Gott alles in allem sein wird.

Das ist unsere Hoffnung. Lasst die Welt davon hören: sie braucht sie. Wir brauchen sie.

Amen.

Sonntag, 30. März 2014

Predigt 30. März 2014, Lätare. Die Bilder und das Weizenkorn.Joh 12, 24



 Predigt über den Wochenspruch anläßlich der Eröffnung der Ausstellung der Tafelserie "Kreuzweg" von W. A. Friedrich in der Kreuzkirche Großenritte, siehe vorherigen Blogeintrag.


Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Johannes 12,24


Liebe Gemeinde,
Schwestern und Brüder im Herrn.

Der Glaube kommt aus dem Hören:  Denn er ist eine getroste Hoffnung auf das, was man nicht sieht. Das Eigentliche des Glaubens ist unsichtbar. Und darum lebt der Glaube vom Erzählen, von der Erinnerung, von der Weitergabe von Mund zu Mund. Es geht um Vertrauen, um Hingabe, um Trost. Das alles fassen wir zusammen, wenn wir sagen: es geht um „Gottes Wort“. Der Glaube spricht, weil Gott zu uns gesprochen hat und durch die Heilige Schrift und die Predigt immer noch spricht. Wobei „Predigt“ eben das meint: Die Weitergabe des Glaubens. Die gottesdienstliche Predigt ist nur eine Form davon. Auch wenn ihr Euren Kindern von Gott erzählt, ist das Predigt, also Verkündigung. Und das heißt: Erzählen!
Erzählen aber bedeutet: innere Bilder finden. Das ist ja fast schon ein magischer Vorgang: Aus bloßen Worten formen sich in uns Bilder, selbst von Sachen, die wir noch nie gesehen haben. Das macht Lesen und Geschichtenhören so spannend. Sie ziehen uns hinein. Und zwar immer und immer wieder. Ich war nie Wohlhynien. Ich kenne Novo Racoczyzne nicht, der Ort, aus dem mein Großvater stammt. Und dennoch ist mir die weite, sandige, hügelige Ebene mit den Kreidesteinklumpen vertraut. Täglich sprachen meine Großeltern davon. Mein Kopf ist voller Menschen, die ich nie gesehen habe und voll von einer Landschaft, die ich nicht kenne. Sie ist eine innere Heimat, allein durch die Kraft des Erzählens. Photos gibt es nur eines.
Auch der Glaube hat solche Bilder. Er lebt von diesen Bildern. Wir wandern mit Israel durch die Wüste, Feuersäule und Wolkensäule vorneweg. Seht ihr sie? Wir stehen mit  Baruch, dem Freund des Jeremia, vor dem König von Iuda und lesen ihm aus einer Schriftrolle vor, was Gott von ihm will. Wütend schneidet der König Kapitel um Kapitel von der Schriftrolle ab und schmeisst es ins Feuer.
Seht Ihr die Szene?
Wir ziehen mit David in den Kampf gegen Goliath: Mit der Steinschleuder direkt in die Stirn. Wir sehen Goliath vor uns. Und ich will gar nicht wissen, wessen Gesicht ihr das seht. Es ist ein Zauber um diese Bilder, die entstehen, wenn wir Geschichten hören!
Sofort habt ihr Bilder im Kopf. Und die prägen sich ein. Oder es fallen Euch Bilder davon ein, die schon gesehen habt. Jesus mit der Dornenkrone. Maria an der Krippe. Jesus mit seinen Jüngern, wie sie das letzte Abendmahl feiern – wer sieht nicht das Bild von Leonardo da Vinci? Jesus am Kreuz. Unser Kopf ist voller Bilder. Selbst wenn das Wort „Gott“ fällt, haben wir ein Bild, eine Vorstellung. Eine abstrakte der eine, eine kindliche der andere. Ich habe mich soviel mit Theologie befasst, weil es mein Beruf ist, und das bleibt nicht ohne Folgen: Ich sehe, wenn ich das Wort Gott höre, einen leuchtenden, pyramidenförmigen, blauen Kristall, in dem leuchtend rote Fäden der Liebe umeinander kreisen: ein ganz abstraktes Bild. Aber keine Sorge: ich sehe auch, wenn ich die Geschichte vom Paradies höre, den älteren Herren, der abends in der kühlen Luft spazieren geht und sich fragt, was seine Geschöpfe so treiben. Das ist kein Widerspruch. Das sind innere Bilder, die mir helfen, zu verstehen, was ich glaube.
Die Bibel verbietet aber doch Bilder, heißt es. Heißt es nicht: Du sollst Dir kein Bildnis machen? Ja, heißt es. Aber damit sind Götzenbilder gemeint. Betet sie nicht an. Fallt nicht vor ihnen auf die Knie. Dahinter steht ein wichtiger Gedanken: Wir sollen die Bilder nicht mit der Wirklichkeit verwechseln. Der Prophet Jesaja macht sich darüber lustig: Sie fällen einen Baum, die eine Hälfte brauchen sie zum Feuermachen und Suppekochen, die andere schnitzen sie zu einem Gott, malen ihn bunt an und fallen vor ihm auf die Knie. Wie dumm ist das! Wir dürfen die Bilder nicht mit der Wirklichkeit verwechseln. Was für ein moderner Gedanke, im Grunde. Wie viele Menschen verwechseln die Bildern, die sie ihm Fernsehen, im Internet oder in der Zeitung sehen, mit der Wirklichkeit. Die Mediengesellschaft lebt davon, dass wir den Bildern all zu schnell glauben. Davor warnt uns das Gebot. Betet sie nicht an. Verwechselt nicht Bild und Sache.
Und wie gefährlich ist das. Und wie dumm!
Die Bilder reden nämlich nicht von selbst. Wir brauchen für die Bilder einen Schlüssel. Und dieser Schlüssel ist das Wort, das zum Bild immer dazu kommen muss: Die Geschichte, die wir erzählen. Da können wir fragen. Da können wir der Wahrheit redend auf den Grund gehen.
Darum erzählt der Glaube Geschichten.
Glaube ohne Bilder ist blind. Glaube ohne Geschichten ist leer.
Und darum gibt es für den Glauben noch eine ganz besondere Sorte von Bildern. Es sind Bilder, die selber eine ganz Geschichte erzählen. Oder die uns sofort an einen wichtigen Gedanken erinnern. Oder die uns einen Gedanken vor Augen führen, damit wir ihn besser verstehen. Es sind Bilder, die wie ein Suppenwürfel aufgelöst werden müssen.
Wir sehen das Kreuz, wie es uns überall im Alltag begegnet und denken an Jesus Christus, alles, was wir über ihn wissen, fällt uns sein, uns selbst wenn wir gar nichts über ihn wissen, weil das Wissen verschüttet ist oder nie wirklich da war: Das Kreuz erzählt die ganze Geschichte.
Solche Bilder braucht der Glauben. Wir nennen sie Symbole. Sie sind für uns lebenswichtig, denn sie erhalten die Erinnerung wach an das, was uns wichtig und heilig ist. Symbole sind die wichtigsten Bilder des Glaubens. Denn sie helfen uns zu verstehen und zu erinnern, was man eigentlich gar nicht in Bildern ausdrücken kann. Denn der Glaube spricht ja auch von der Hoffnung. Der Glaube spricht ja auch von der Zukunft. Dafür haben wir gar keine Bilder! Und noch etwas können Symbole: Sie können ganz komplizierte, ganz schwierige Dinge einfach ausdrücken und sichtbar machen.

Das Kreuz Jesu: das ist ja nicht einfach nur eine Geschichte. Das ist ja noch mehr. Das will uns trösten. Wir erkennen im Kreuz Jesu ja auch unser eigenes Kreuz. Wir erkennen uns wieder, und manchmal sagen wir es ja auch so: jeder hat sein Kreuz zu tragen. Wir verstehen sofort, was gemeint ist. Symbole sind Bilder, die Geschichten erzählen. Der Künstler W. A. Friedrich malt mit Symbolen. Wir stehen vor seinen Bildern, und sehen die Dornenkrone: Symbol für Folter, Spott und Schmerz. Fragt Dich jetzt einer: Was bedeutet das? Dann kannst Du es ihm erklären. Besser aber: die erzählst ihm die Geschichte. Und wenn Du sie nicht kennst: Sie steht in der Bibel. Und wenn Du sie nicht verstehst, dann frage erfahrene Christen. Oder mich. Dafür bin ich da.
Du siehst die Lilie. Du weist, wo du schon Lilien gesehen hast: Auf Särgen, auf Gräbern. Aber auch die Jungfrau Maria hat auf vielen Bildern eine Lilie in der Hand. Weiß ist sie, und wunderschön. Symbol für Leben und Unschuld.
Der Ölzweig: Kennst Du die Geschichte? Die Geschichte von Noah, der eine Taube aussandte nach der verheerenden Sintflut und sie kehrte zurück, einen Ölzweig im Schnabel: Das Ende von Gottes Zorn. Neuer Frieden für die Schöpfung. Das ganze aber hinter Gittern. Das Gefängnis von Angst und Schuld. Dahinter das Kreuz. Lauter Symbole, lauter einzelne Bilder, die doch ein ganzes Bild ergeben: wir verstehen, worauf es hinaus will. Unschuld und Versöhnung, gefangen in der Sünde, vereinigt durch das Kreuz. Wie kompliziert das klingt, wenn ich es erkläre. Aber schauen wir auf das Bild, verstehen wir. Stundenlang könnte ich noch reden nur über dieses eine Bild. Symbole sind unerschöpflich. Es sind die Bilder des Glaubens.
Es gibt aber auch erzählte Symbole. Die nennen wir: Gleichnisse. Sie sind noch wichtiger. Denn die Gleichnisse geben uns etwas zu verstehen, was gar nicht kennen. Sie erzählen uns etwas Neues, Unerhörtes, sie erzählen uns etwas, was uns über unserer Erfahrung hinausführt. Darum erzählt Jesus Gleichnisgeschichten. Denn Jesus will uns erzählen vom Reich Gottes: das kennt doch niemand. Jesus will uns erzählen von der Gnade: die kennt doch niemand. Was ist Auferstehung? Warum sterben wir? Was wird aus uns? Schwere Fragen. Bedrängende Fragen. Und die Antwort?
„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“
Was für ein einfaches Bild. Das versteht jedes Kind.
Und was für eine ungeheure Sache. In diesem einen Satz, in diesem einfachen Bild, das jeder sofort versteht, erklärt er uns, warum er sterben muss, welchen Sinn sein Leiden hat und welch ungeheure Kraft Gott hat, neues leben zu wecken. Eines muss man freilich wissen dafür: Für die Alten war das Wachstum des Halms aus dem Korn ein unbegreifliches Wunder. Sie konnte es sich nur so vorstellen, dass Gott hier am Werk ist. Wir sagen ja heute: Es wächst aus dem heraus, was im Weizenkorn angelegt ist. Wir würden ja sagen: Das Bild ist total schief. Das ist doch keine Auferstehung, was da im Acker geschieht.  Das ist doch ein natürlicher Vorgang. So kann doch Auferstehung nicht funktionieren. Sei kann doch kein natürlicher Vorgang sein!
Richtig, das ist so. Darum sagt Jesus ja auch: Wenn dass Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt. Hier merken wir, dass er etwas sagen will, was über unsere Erfahrung hinausgeht und uns einen neuen Blick auf das Altbekannte beibringen will. Und dann denke noch einen Moment länger darüber nach: dann siehst Du es doch, das ungeheure Wunder, das im Wachstum des Weizenkorns steckt. Du verstehst es neu. Die Natur wird zum Gleichnis:  Aus der dunklen, kalten Erde kommt der Keim des Neuen. Hier ist Gottes Kraft am Werke. Und so wird seine Kraft auf am Werke sein, wenn Du in die dunkle Kalte Erde gelegt wirst. Aus deiner Asche wird er neues Formen, so groß ist die Kraft Gottes.
Und so stark ist das Symbol vom Weizenkorn. Darum hat W.A. Friedrich auf seine Ostertafeln, die heute noch mit dem Rücken zu uns stehen. Vögel und Blumen gemalt. Wir verstehen im Lichte des Evangeliums diese Bilder ganz neu. Hier ist nicht der ewige Kreislauf der Natur am Walten. Hier ist Gott am Walten. Die Natur wird selber zum Gleichnis für das, was Gott tut. Sie ist nicht Gott. Sie zeigt auf ihn, wenn man auf Jesus hört. Seine Auferstehung ist die Kraft, die überall am Wirken ist. Was für ein Bild. Bei jeder Schreibe Brot, die du ab heute ist, wirst Du an das sterbende Weizenkorn denken und an die Kraft der Auferstehung und der Verwandlung.
Erklär mir den Glauben – wenn Dich einer das fragt, halte ihm keine Vorträge. Erzähle ihm Geschichten.
Wenn Dein Kind die fragt: Was wird aus Opa, wenn er tot ist? Dann nimmt eine Weizenkorn in die Hand und sage: er wird in die Erde gelegt wie dieses Korn.  Kommt, wir legen es in die Erde. Und nach ein paar Tagen wird daraus ein neues Blatt kommen, neues Leben. So wird Opa verwandelt werden in etwas ganz anderes, ganz neues, das wir nicht kennen, weil es unsichtbar ist, und doch verstehen können, weil wir ds Bild verstehen: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt….ein einfaches, ein starkes Bild.

Meine Lieben: heute ist Lätare. Das kleine Ostern. Mitten in der Düsternis der Passionszeit feiern wir schon das, woher wir kommen: nämlich Ostern. Und freuen uns auf das, was kommt: Das Licht des Ostermorgens.
Alles ganz einfache Bilder. Und doch: Sie erschließen uns das Leben, das mehr ist, als das Leben.  Wir nennen es das Ewige Leben, weil wir kein besseres Wort dafür haben. Wir brauchen Bilder. Doch nicht die Bilder trösten, sondern das, worauf sie zeigen. Auf Gottes unbegreifliche Gnade. Lilie und Dornenkrone, Siegesfahne und schwarzer Regen, ein paar Tropfen Blut, das raue Material der Schalbretter, auf die gemalt wurde. Ein ganzer Kosmos von Zeichen und Bildern. Und doch die einfache Botschaft: Gott verwandelt uns, wie er das Weizenkorn verwandelt, das in die Erde fällt. Und die einfache Botschaft lautet: Fürchtet Euch nicht!
Amen.


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Samstag, 29. März 2014

Kreuzweg. Texte zur Vernissage



 Die Texte zur Vernissage unserer Ausstellung in der Kreuzkirche Großenritte. Kann jetzt täglich von 16-18. Uhr besichtigt werden. Auf Wunsch, und wenn es passt, mit Führung. 

Musik
Eingang
Es kostete mich viel Mühe, der Versuchung zu wiederstehen, in die mich diese Bilder führten: Der Versuchung, hier gleich loszupredigen und das, was mich begeistert, in Worte zu fassen. Denn Kunst löst Rede aus, führt zum Wort, Kunst ruft nach Ant-wort. Doch zuerst kommt das Sehen.
Ich werde also nicht predigen, ich werde etwas anderes versuchen. Ich will lieber dafür sorgen, dass alle gut hinschauen. Darum wird jetzt gleich Folgendes geschehen: Ich sage ein paar Worte dazu, was ein Kreuzweg ist – das ist uns Evangelischen eher unvertraut. Schade eigentlich.
Dann sage ich ein paar Worte dazu, warum der Glaube Bilder braucht und die Bilder den Glauben. Dann spricht Werner A. Friedrich. Er ist der beste Kenner der Werke – er weiß, wie sie entstanden sind und was in ihm vorging, als er die Werke schuf. Das kann unsere Sinne schärfen und helfen, besser zu sehen. Schließlich erlaube ich mir etwas. Wenn ich mir schon das Predigen verkneife und bis morgen aufheben muss, so möchte ich doch ein wenig zeigen, was die Kunst in mir auslöste, möchte Ant-worten mit meinen Mitteln: einer kleinen Meditation über einzelne Symbole auf den Tafeln: Wort trifft Bild und Bild trifft Wort und zusammen deuten sie die Welt.
Die Musik macht Felicia Friedrich, die Tochter des Künstlers und seiner Frau Heilke: Sie singt Psalmen, die alten Lieder Israels, die doch immer neu sind, weil sie niemals alt werden, in einem modernen Klang.
Damit sind alle Künste hier versammelt zum Lobpreis des größten aller Künstler.
Aber ich wollte ja nicht predigen….
Musik



Kreuzweg
Die Idee des Kreuzweges ist einfach: In mehreren Stationen wird der Weg Jesu durch Jerusalem von seiner Verurteilung bis zum Tod am Kreuz nachgegangen und so auf sehr eindringliche Weise erinnert. Seit dem 14. Jahrhundert ist diese Form der Andacht bekannt, seit dem 18. Jahrhundert ist in jeder katholischen Kirchen ein Kreuzweg zu finden. Es hat sich darum herum ein umfangreiches gottesdienstliches Leben entwickelt mit Pilgerweg, Andacht, Mediationen und Bußübungen: das würde jetzt zu weit führen.
Anfangs waren es sieben Stationen: die sieben Stationen, die auch im biblischen Bericht der vier Evangelisten zu finden sind. Dann wuchsen, durch Tradition und theologische Deutung, weitere Stationen dazu, heute sind es meist 14, und sie gehen über Golgatha hinaus mit Kreuzabnahme und Grablegung. Diese Idee setzte eine Fülle von Kunstwerken frei: Schon früh wurden die Stationen bebildert und waren ein Ort, an dem Künstler zeigen konnten, wie sie die Leidensgeschichte Jesu verstanden. Diese Bilder prägen bis heute – auch bei uns Evangelischen! – die Vorstellungen von Jesu letzten Stunden sehr tief. Kein Jesusfilm kommt ohne sie aus.
Jede Station benennt ein Element des Leidens Jesu. Aber nicht nur, um uns das vor Augen zu führen, was damals geschah. Vielmehr geht es dem Kreuzweg darum, dass wir unser eigenes Leiden und das Leiden der Welt darin wiedererkennen. Darum hat der Kreuzweg im 20. Jahrhundert, dem schrecklichsten Jahrhundert der Geschichte, großes Interesse der Künstler gefunden. Er ist nämlich auch sehr politisch und kann ein machtvolles Instrument der Kritik sein. Nicht nur der geschundene Jesus wird heute auf ihm dargestellt, auch die geschundene Schöpfung und der geschundene Mensch. Das tun die sieben Kreuzwegstationen von Werner Friedrich in besonderer Weise.
Warum aber der Kreuzweg, warum diese Erinnerung? Nicht, um uns zu erschrecken und zu demütigen. Nicht aus Menschenverachtung. Wir erinnern uns des Weges Jesu – weil wir von Ostern herkommen. Vier Tafeln stehen mit dem Rücken zu uns. Sie werden in der Osternacht umgedreht. Sie enthüllen das Geheimnis des Glaubens: Mitten im Tod das neue Leben.
Der Kreuzweg ist so für den Glauben ein Weg der Ermutigung. Um es mit dem Psalm zu sagen: „Und dennoch bleibe ich stes bei Dir, denn du hälst mich mit deiner rechten Hand“. Für den Glauben ist das Kreuz ein Zeichen der Hoffnung und der Überwindung des Todes. Darum der Kreuzweg. Er erinnert uns daran, wie sehr wir angewiesen sind auf die Gnade Gottes, der uns dennoch liebt.


Bilder
Glaube braucht Bilder, Bilder brauchen den Glauben.
Der erste Satz so etwas wie das Motto der jährlichen Kunstaktionen in der Kirche zu Großenritte. Darum seien hier Frau Israel und Frau Herrmann so wie alle, die sie unterstützen, an dieser Stelle namentlich als wesentliche Menschen genannt und bedankt. Der andere Satz: Die Bilder brauchen Glauben, ist nicht so selbstverständlich. Er ist sogar eine Provokation.

Glaube braucht Bilder. Aber heißt es nicht: Du sollst Dir kein Bild machen? Ist das nicht im zweiten Gebot der Bibel deutlich gesagt? Ja, ist es. Doch es geht noch weiter:“4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: 5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ (2. Mose 20). Wir sollen uns keine Götzenbilder machen! Wir sollen die Unsichtbarkeit und die Herrlichkeit Gottes nicht antasten. Dahinter steht ein wichtiger Gedanke: Du sollst das Bild nicht mit dem verwechseln, was es darstellt. Das ist das Geheimnis der Kunst. Kunst zeigt eben nicht einfach, was der Fall ist. Kunst ist nicht Nachahmung der Natur oder Darstellung der Wirklichkeit. Kunst ist Deutung. Kunst ist Auslegung. Kunst zeigt nicht auf die Welt, sondern darauf, wie der Künstler sie erlebt. Darum braucht auch der Glaube Bilder. Um die Welt zu verstehen. Nicht um sie anzubeten. Sondern um zu spüren, wie sehr wir doch gefangen sind, in dem, was wir sehen und schon deswegen für wahr halten. Gerade die guten Bilder, gerade die großen Kunstwerke weisen über sich hinaus. –das gerade macht ihre Größe aus. Das macht den Künstler zum Künstler: das da etwas durch ihn hindurchgeht, das mehr ist, als er selbst. Darum sind die großen Kunstwerke offen und immer voller Geheimnisse und werden nie alt. Sie machen uns staunen. Sie zwingen uns, unsere Wahrnehmung zu überprüfen, zeigen Ungesehenes und Unerhörtes, und weil es schön ist, weil es Kunst ist, können wir den Blick davon nicht abwenden: sie rührt eine Sehnsucht in uns an. Darum braucht der Glaube die Kunst. Wo das Wort an seine Grenzen kommt, führt uns die Kunst weiter. Was ein Bild sagt, ist unausprechlich, und doch müssen wir reden.
Darum brauchen aber die Bilder den Glauben. Denn der Glaube kommt aus dem Hören und dem Reden. Bete sie nicht an: sie sprechen nicht zu dir! Nur das Wort hat die Kraft, das Unsichtbare zu benennen. Nur die Rede hat die Kraft, das erfahrbar zu machen, was hinter den Bildern liegt. Auch der Glaube deutet die Welt. Aber deutet sie aus der Sicht Gottes. Wo wir Tod sehen, sieht Gott Leben. Wo wir Leiden sehen, sieht Gott Bewährung. Wo wir Kreuz sehen, sieht Gott den Himmel. So treten das Wort und das Bild in fruchtbare Spannung, deuten einander, nehmen einander auch in die Kritik. Nicht anbetend sollen wir vor den Bildern stehen. Den Künstler sollen wir ehren und bewundern für seine Kunstfertigkeit und seinen Mut. Das Werk aber sollen wir nicht anbeten. Es gehört zur vergänglichen Welt, ist auch nur Geschöpf unter Geschöpfen. Darum haben wir auf dem Altar die Bibel liegenlassen. Sie verstellt ein wenig den Blick und wird so besonders sichtbar. Und das ist gut so. Hier in diesem Raum treffen das Wort und das Bild aufeinander und öffnen uns so, so Gott will und seinen Geist wehen lässt, einen Blick auf die Welt, die ihr hilft, sich besser zu verstehen. Wir sollen nicht die Bilder anbeten. Aber die Bilder können uns zum Gebet führen. Das Bild zeigt, der Glaube spricht. Und wenn es den Menschen ergreift, dann fängt er an zu singen. Schön, dass wir hier heute auch Musik haben. So zeigt sich die Schöpfung von ihrer besten Seite und auch wir werden zu unserem Besten geführt. Der Glaube braucht Bilder, die Bilder den Glauben: Wir Geschöpfe brauchen beides, damit uns die Wahrheit erreicht.
Möge es so sein in den nächsten Wochen.


Werner A. Friedrich: Werner A. Friedrich, geboren 1940, lebt in Bad Wildungen. Er ist Bildender Künstler, Musiker, Kunsterzieher und Musiklehrer. Seit 1968 stellt er seine Werke öffentlich aus und betreibt in Bad Wildungen eine Galerie. Er wurde auch schon mehrfach geehrt, so 1993 mit dem Kunstpreis der VEW Waldeck, einem großen Mäzen in unserer Region.
Werner A. Friedrich ist zudem auch Gründer und Leiter der „Wildunger Musik-Werkstatt“, die mit zeitgenössischen Komponisten zusammenarbeitet. Ein vielseitiger Künstler also, der einen langen und verschlungenen Weg zur Kunst hinter sich gebracht hat. Ich zitiere aus der Webseite des Künstler, die ich jedem der Zugang zum Internet hat, wärmsten empfehle:
„Nach der Mittleren Reife begann ein mühevoller „zweiter“ Bildungsweg: Jungarbeiter an der Stempelhobelmaschine und Werkzeugmacher-Ausbildung in den Anker Werken in Bielefeld; Praktika in Gießerei und Modelltischlerei; Werklehrer-Studium in Düsseldorf, unter anderen bei Erwin Heerich; Studium zum graduierten musischtechnischen Fachlehrer für Kunst und Musik in Kassel; neben dem Schuldienst fünf Jahre Fortbildungsstudium an der Gesamthochschule Kassel in den Fächern Kunst und Gesellschaftslehre und noch einmal Referendariat am Studienseminar Marburg. Seit 1966 Lehrer an unterschiedlichen Schulen des Kreises, an der Haupt- und Realschule Breiter Hagen in Bad Wildungen, am Edertal-Gymnasium Frankenberg, an der Gesamtschule Edertal und am Gustav Stresemann Gymnasium in Bad Wildungen. Beauftragter zur Ausbildung von Kunsterziehern im Studienseminar des Kreises Waldeck-Frankenberg.
Die Fortbildung in der Malerei erfolgte bei Bernhard Vogel in Salzburg, mit Erwin Kastner in Venedig, bei Jürgen Meister in der Firma Lukas und im Atelier Eglau in Kampen auf Sylt.
Wie es zu diesen Bildern kam, wird er uns gleich selber erläutern. Ich erlaube mir die Anmerkung: Der Materialmix aus allen Arten von Farben, die Anwendung vieler Techniken aus der Kunstgeschichte und die souveräne Verwendung von Alltagsmaterialien zeigt ihn als zeitgenössischen Künstler auf der Höhe der Zeit.
Soviel von mir. Jetzt gilts der Kunst.
Musik
Ansprache Friedrich
Musik


Zu den Tafeln.
1. Material
Der Baum
der gefällt wurde
um daraus zu machen
Bretter,
Das Erz,
das geschmolzen wurde
um daraus zu machen
Stahlkanten
hätten auch sein können
der Baum
der gefällt wurde
zu machen ein Kreuz
das Erz,
das geschmolzen wurde,
zu machen die Nägel.
Das ist der Kummer der Welt:
sie weiß nie,
was aus ihr wird.
2. Der Neuntöter
Der Neuntöter,
ein schöner Vogel,
tut, was er muss
weil er nicht anders kann.
Darum ist er kein Mörder.
Der Millionenmörder,
tut, was er nicht muss
weil er auch anders kann.
Darum ist er ein Mörder.

3. Blutstropfen
Wie schön ist doch
auf tristem Grau
die leuchtende Farbe
des Blutes!
Lebendiges Rot,
strahlende Kraft.
Doch wenn Du es sieht,
rinnend,
ist irgendwo
Haut aufgegangen,
Ader geöffnet,
fließt Leben.
Darum ist
von allen Säften
einzig das Blut
zum Heiligsein
fähig.


4. Lilien
Weil die reinweiße Lilie
Leben meint,
legen wir sie
auf Särge.

5. Dornenkrone
Jede Krone
ist so wie diese:
Eine Schande.
Es sei denn
es ist
die Krone des ewigen Lebens.

6. INRI
Iesus
Nazarenus
Rex
Iudaeorum
Eine Lüge
und doch wahr.
Der Spott dieses Titels
verspottet die Spötter.
Der Mob
wird gemobbt.
Das ist
inmitten des Geschreis
ein Lächeln Gottes:
himmlische Ironie.

7. Schienen
Zuviel des Leides.
Wir verderben uns daran
den Mitleidsmagen.
Und Ausschwitz wird
oft viel zu schnell
zur kleinen Münze
des großen Schreckens,
billig getauscht.
Wohl dem
dem so noch
vor einem toten Vogel
die Tränen kommen können.


8. Kreuz
Hätten sie ihn erschossen,
wir trügen heute
goldene Gewehre
um den gewaschenen Hals,
und die Ältäre
zierten Patronen.
Hätten sie ihn erschlagen
dann wäre es wohl
eine goldene Keule
und wir grüßten einander
mit dem göttlichen Schlag.
Ein Kreuz aber
schmückt
ganz ungemein.

10. Schwarzer Regen

Schwarzer Regen
Asche und Ruß.
Es strömt herab
auf uns
der eigene Unrat.
Der Mensch zeigt sich
dem Menschen
als Unmensch.
11. Osterglocken
Dass wir es erinnern
sei es verkündet
immer und immer:
Es wächst nichts
aus eigener Kraft!
Jede Blüte
ist uns eine Siegesfahne
des Herrn aller Herren.
Auch das große Gestirn,
die heitere Sonne,
ist nur Lampe
des göttlichen Lichts,
Fenster des ersten Tages:
als solches
ein leuchtendes Gleichnis.
Schon, wo kein Tod ist,
ist mehr als Leben:
Gnade.


12. Ostern
Vier Stelen
sind stärker
als sieben Platten.
Sie zeigen
nach so viel Ende
den neuen Beginn.
Wir kommen nicht aus dem Gestern.
Wir kommen aus dem Morgen
und gehen getrost
dahin
wo er herkommt:
leuchtende Zukunft,
ewiges Leben.

Musik
Danksagungen und Einladung
Abendgebet und Segen:
Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.
Bleibe bei uns und bei deiner ganzen Kirche.
Bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Abend der Welt.
Bleibe bei uns mit deiner Gnade und Güte, mit deinem heiligen Wort und Sakrament, mit deinem Trost und Segen.
Bleibe bei uns, wenn über uns kommt die Nacht der Trübsal und Angst, die Nacht des Zweifels und der Anfechtung, die Nacht des bitteren Todes.
Bleibe bei uns und allen deinen Gläubigen in Zeit und Ewigkeit.
Es segne und behüte uns
Gott der Allmächtige
Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen
Musik