Montag, 28. Oktober 2019

Predigt zum Reformationstag 2019, Schma Jisrael


5.Mose 6,4-9
4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.  6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen. 7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. 8 Und du [a]sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, 9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

Liebe Gemeinde, diese sehr feierlichen Worte sind das Glaubensbekenntnis des Volkes Israel. Es wird in der Synagoge bei jedem Gottesdienst gebetet, auch für das tägliche Gebet ist es entscheidend. Wer das Schma Jisrael verkündet, stellt sich als Jude und als Christ in die große Geschichte Gottes mit seinem erwählten Volk und der ganzen Menschheit. Es steht im fünften Buch Mose und eröffnet den großen Block der Gesetze und Regeln, mit denen Gott das Leben der Menschen, vor allem aber des jüdischen Volkes, regeln will.
 Es ist Ausdruck eines tiefen Glaubens daran, dass Gott in der Geschichte wirkt, weil er Menschen in die Freiheit führt, so wie es das Volk Israel erlebt hat, als er aus der Knechtschaft in Ägypten und aus der Gefangenschaft in Babylon befreit hat.
Uns Christen erinnert es zudem an die große Tat Gottes, als er in der Auferweckung Jesu die Gefangenschaft des Todes beendet hat und die frohe Botschaft so für alle Menschen öffnete.
Es ist ein Bekenntnis zu dem Gott, der in die Freiheit führt. Und so ist gut und angemessen, dass wir diese Worte heute, am Gedenktag der Reformation, hören und bedenken. Denn das Schma Israel, das in unserer gemeinsamen Bibel steht und uns unserem gemeinsamen Gott spricht, erinnert uns an noch etwas, und es ist im Grunde ein Skandal, dass ich das heute, im Jahre 2019, nach allem was wir in der Geschichte mit dem Volk der Juden erlebt und ihnen angetan haben, sagen muss:
Man kann nicht Christ sein und Antisemit. Man kann nicht das Vaterunser beten und gleichzeitig Juden hassen. Denn wer Juden hast oder verachtet, der verachtet Jesus Christus. Denn er ist der Gesandte, der Sohn eben jenes Gottes, von den Israel in seinem Glaubensbekenntnis spricht, von dem einen Gott, Schöpfer und Erhalter der Welt. Darum können wir auch keine Muslimen hassen, denn auch sie beten zu dem einen Gott, wenn auch auf ihre Weise, die nicht die unsere ist. Ja, man kann überhaupt keinen Menschen hassen, denn wir sind alle Kinder dieses einen Gottes: Seine Gnade, seine Liebe gehört allen Geschöpfen. Wer sind wir, zu hassen, was Gott über alle Dinge liebt?
Und wenn doch der Hass da ist, wie er unter Geschwistern schon einmal auftritt, dann haben wir die heilige Pflicht, die unaufgebbare Aufgabe, die Versöhnung zu suchen und den Hass zu überwinden: er ist Sünde. Denn dass Gott uns vergibt, heißt nicht, dass wir uns beruhigt zurücklehnen sollen. Versöhnung und Vergebung nehmen uns vielmehr in die Pflicht, sie weiterzusagen und in die Welt zu tragen und für Versöhnung zu kämpfen.
Mögen die Auffassungen, die Erfahrungen von Juden, Christen und Moslems mit diesem einen Gott auch noch so verschieden sein, mögen wir auch einander auch noch so fremd sein: Dieser Auftrag steht im Raum: Sucht die Versöhnung.
Und Versöhnung geschieht durch Begegnung. Es ist schon auffallend, dass der Hass auf andere meist da am größten ist, wo man die anderen gar nicht kennt!
Unkenntnis, Vorurteile und Angst vor dem Fremden, nur weil es das Fremde ist, ist die Quelle von Hass.
Wir sollen nicht übereinander reden, sondern miteinander, wir sollen nicht in Unkenntnis verharren, sondern uns kundig machen: Wer sind diese Anderen? Was immer ihr über Juden und das Judentum zu wissen meint, überprüft es. Was immer ihr denkt und meint, eines steht fest: Sie sind unsere Schwestern und Brüder im Glauben an den einen Gott, der in die Freiheit führt. Daran erinnert uns Christen das Schma Jisrael, das Glaubensbekenntnis im fünften Buch Mose. Da müssen wir anfangen, wenn wir den absurden und grotesken Verschwörungsmythen über Juden und das Judentum entgegentreten wollen, die unser Denken und Handel vergiften und, wie wir sahen, bis zum Mord führen.
Und ich bekenne aufrichtig meine Naivität in diesem Punkt.
Ich hätte es als junger Pfarrer vierzig Jahren nicht für möglich gehalten, dass ich das einmal so deutlich und kompromisslos in einer Predigt sagen muss , und nicht nur aus frommer Beschaulichkeit, weil man da ja ab und zu drüber predigen muss, sondern weil hier in diesen Land jüdische Menschen wieder um ihr Leben fürchten müssen, weil hier der Hass wieder seine widerliche Fratze zeigt, der nicht nur widerlich ist, wie es Hass eben ist, sondern geradezu gottlos. Der Hass zerfrisst unsere Gesellschaft von innen heraus, er ist der schlimmste Feind von Freiheit und Frieden.

Wie konnte es dazu kommen? Nun, weil es unser schweres Erbe ist, da man eben nicht so einfach los wird: und da kommt Martin Luther ins Spiel. Ja, es war Luther, der als alter, verbitterter und von seiner Kirche und den Menschen, und auch von sich selbst zutiefst enttäuschter alter Mann als seine Wut, all seine Frustration und alle seine Verletzungen auf dieses Volk, auf Gottes, auf die Juden warf und die vielleicht schlimmsten judenfeindlichen Schriften schrieb, die ein Christ je verfasst hat. Da gibt es kein Vertun: das ist so. Er hat uns damit den Hass auf die Juden tief in unser Denken eingepflanzt, es ist unser dunkles, schweres und schwarzes Erbe, das wir seitdem tragen: Der Theologe Martin Luther hat vieles geschrieben, was bis heute zum großen Schatz des christlichen Glaubens gehört, für alle Christen, wie inzwischen auch in der Ökumene gesehen wird. Aber der Mensch Martin Luther, der Kirchenmann Martin Luther hat auch Sachen geschrieben, die zum Unerträglichsten und Schlimmsten gehören, was je aus der Feder eines Christenmenschen geflossen ist. damit müssen wir uns auseinandersetzen, von diesem Erbe müssen wir uns trennen: Wir müssen mit Martin Luther, der so umwälzende und kraftvolle Worte für die Freiheit und die Kraft des Glaubens gefunden hat, gegen Martin Luther denken und reden, der so scheußliche Sachen geschrieben hat, über Juden und Moslems, über Bauern und Katholiken.
Es sitzt tief uns. Selbst ich erwische mich in Stunden der Frustration und der Schwermut bei dem Gedanken: Haben die Juden es nicht doch verdient, ist nicht doch etwas daran an den jahrhundertealten Vorurteilen über das Volk der Juden? Und erschrecke zugleich zutiefst, weil ich spüre, wie dieses schlimmes Erbe in mir wirkt und tobt wie eine Erbkrankheit, und ich höre dann das Nein! Nein! Nein!, das Gott mir entgegenruft, wenn er mir Jesus Christus, den Juden aus jüdischer Familie, vor Augen stellt. Die Reformation hat eine dunkle Seite, auch sie war nicht frei von Hass und Verachtung, auch sie scheiterte immer wieder an der Verkündigung des Evangeliums, darin ist sie menschlich, zutiefst menschlich, und darum feiern wir sie zwar als Anfang einer neuen befreiten Art des Glaubens, aber zugleich erkennen wir, wohin es führt, wenn man auch nur einen Moment aus den Augen verliert, was wir eigentlich glauben: Dass durch den Juden Jesus das Heil in die Welt kam. Wie lautet der Vorwurf dann, wie lautet die Formel des Hasses, des frommen Hasses:

Die Juden haben Jesus getötet? Nein, ein aufgehetzter Mob hat seinen Tod gefordert und ein machtgieriger und zugleich zutiefst feiger römischer Besatzungsmilitär hat es zugelassen. Nicht „die Juden“, nicht „die Römer“, , sondern einzelne, verblendete, vom Hass aufgewiegelte Menschen waren es, die riefen: Kreuziget ihn! Nicht „den Juden“ und „den Römern“ wird hier der Spiegel vorgehalten, Sonden all jenen Menschen, die aus religiösen Gründen hassen, die den Glauben nicht als ein Kraft zum Leben, sondern als eine Energie zum Töten missbrauchen, und wenn es eine Sünde gibt, die man die größte nennen kann, dann ist es die: Den Namen Gottes zum Töten zu missbrauchen. Das ist die Sünde, von deren Vergebung wir immer reden: Glaube und Tod miteinander zu vermischen.

Gott macht es anders. Er führt uns ins Leben und nimmt sogar seinen Tod in Kauf, anstatt auf Gewalt mit Gewalt zu antworten: dass er gestorben ist, ist nicht seine Schwäche, es ist Zeichen seiner Stärke: Er starb aus Liebe zu seinen Geschöpfen, die ihn so widerlich behandeln.
Darum ist der Glaube an Gott für uns Christen  kein anderer Glaube als der Glaube an den Gott der Juden, der sein Volk erwählt und befreit hat und der sich aller Welt in Jesus Christus gezeigt hat. Glaube ist Glaube ab den versöhnenden und barmherzigen Gott oder es ist kein Glaube, und darin sind sich die Menschen, die von Gott jemals berührt wurden, zutiefst einig: Hass ist pervers, und wo eine Religion, die sich auf den einen Gott beruft, Hass predigt, und wo selbst in ihren heiligen Schriften, die ja auch von Menschen geschrieben sind, vom Hass anders die Rede ist als so, dass er überwunden werden muss, da ist diese Religion nur eine Fratze des Glaubens und verdient dieses Wort nicht, da ist dieser Glaube nicht als Ideologie, Lüge und Verblendung.

Das ist die frohe Botschaft für das 21. Jahrhundert, und es war nie eine andere, auch und gerade weil sie immer und immer wieder in ihr Gegenteil verkehrt wurde und wir Schuld über Schuld auf uns geladen haben, weil wir den Namen Gottes missbrauchen. Darum sprechen die Juden aus Klugheit und Vorsicht den Namen Gottes nicht aus, darum rufen auch die Moslem Gott als „Allah“, als Gott, an, und darum nennen wir ihn beidem Namen an, der für die Liebe schlechthin steht: Jesus Christus, damit wir Gott nicht verwechseln mit dem Götzen unserer gottlosen Angst.

Das ist die wahre Reformation, die wahre Umwandlung, die Umkrempelung und Erneuerung unseres Herzens und Denkens, und die brauchen wir immer und immer wieder, weil der Hass nach uns greift, der Hass auf alles, was anders ist, der Hass auf alles, was uns in Frage stellt, der Hass auf uns selbst sogar, wenn wir unseren Ansprüchen nicht genügen. Die wahre Reformation, die wir Tag für Tag brauchen, ist, dass wir von der Liebe berührt und verwandelt werden.
Wie aber kann das geschehen? Indem durch das Wort Gottes die die Augen geöffnet bekommen für die Zerbrechlichkeit und Schönheit des Lebens. In dem wir uns und andere erinnern, wie es ist, geliebt zu werden. Indem wir die Sehnsucht zulassen nach Berührung und Nähe, indem wir miteinander trauern und feiern, weinen und lachen, erzählen und zuhören, indem wir einander sehen als das, was wir sind: Sterbliche, die nichts wollen als leben, gut leben, mit Dir und mit Dir und mir Dir. Wir sind Geschwister unter dem einen Vater:
4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.  6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen. 7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.

Die einen loben Gott, weil er sie aus der Knechtschaft führt und Ihnen ein Gesetz gibt, nach dem sie gut leben können, das Volk der Juden; die anderen loben ihren Gott, weil er durch den Erzengel Gabriel und den Propheten gesprochen hat und sie vor Hölle und Verdammnis bewahrt, die Moslems, wir loben ihn, weil er unter uns lebte als Mensch unter Menschen, damit wir Menschen werden.
Meine Lieben: Gerade weil uns heute, am wichtigsten Gedenktag der evangelische Kirche, weil wir uns heute an dem Tag versammeln, wo wir auch die schmerzliche Trennung der Christengeit so brennend spüren, gerade weil uns heute als biblisches Wort  das Bekenntnis des Volkes Israel begegnet, das kein anders ist als das Bekenntnisses unseres Herkunft, gerade darum lasst uns heute hören, was der Gott Abrahams Isaaks und Jakobs, der Vater Jesu Christi, zuruft: seid Botschafter der Versöhnung an Christi statt, lasst euch versöhnen mit Gott, damit die Versöhnung in der Welt des Hasses eine Chance hat, denn nur so können wir leben: Versöhnt mit Gott, versöhnt mit der geschundenen Schöpfung, versöhnt mit dem Nächsten, versöhnt mit uns selbst. Das ist unser Auftrag in der Welt, das ist die wundervolle Aufgabe die wir haben: Botschafterinnen und Botschafter der Friedens zu sein. Bewegt das in eurem Herzens, schärt das euren Kindern ein, verkündet es laut in der Öffentlichkeit.
Dann dürfen wir uns mir Freude und mit recht “evangelisch“ nennen, Kinder der frohen Botschaft, zum Zeichen für alle Völker. Wir haben besseres als den Hass: wir haben den einen Gott, der die Liebe ist. Oder, hält, nein, wir haben gar nichts. Er hat uns.
Amen

Samstag, 31. August 2019

Radikale Liebe. Predigt zu Lukas 18, 9ff


Predigt:
Das Gleichnis vom Pharisäer und Zolleinnehmer
Lukas 18, 9 Einige der Leute waren davon überzeugt,
dass sie selbst nach Gottes Willen lebten.
Für die anderen hatten sie nur Verachtung übrig.
Ihnen erzählte Jesus dieses Gleichnis:
10 »Zwei Männer gingen hinauf in den Tempel,
um zu beten.
Der eine war ein Pharisäer
und der andere ein Zolleinnehmer.
und betete leise für sich:
›Gott, ich danke dir,
dass ich nicht so bin
wie die anderen Menschen –
kein Räuber, Betrüger, Ehebrecher
oder Zolleinnehmer wie dieser hier.
und gebe sogar den zehnten Teil
von allem, was ich kaufe.‹
13 Der Zolleinnehmer aber stand weit abseits.
Er traute sich nicht einmal,
Er schlug sich auf die Brust
und sprach:
›Gott, vergib mir!
Ich bin ein Mensch,
der voller Schuld ist.‹
14 Das sage ich euch:
Der Zolleinnehmer ging nach Hause
und Gott hatte ihm seine Schuld vergeben –
im Unterschied zu dem Pharisäer.
Denn wer sich selbst groß macht,
wird von Gott unbedeutend gemacht.
Aber wer sich selbst unbedeutend macht,wird von Gott groß gemacht werden.« (Basisbibel)

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn.

Die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner kommt mir wie gerufen. Denn ich bin im Moment umgetrieben wie selten von der Frage: was ist eigentlich Kirche? Was machen wir hier eigentlich?
Ein ist klar: wir beten. Und damit ist auch schon gesagt, was uns als Kirche von allen anderen unterscheidet. Alles, was wir sonst machen, machen auch andere, und oft sogar sehr viel besser.
Aber Beten heißt im christlichen Glauben nicht nur mit gefalteten Händen in der Ecke des Temples zu stehen. Da sind wir nämlich einen Schritt weiter als Pharisäer und Zöllner. Wie sind nicht entweder einer von beiden, also heuchlerischer Großsprecher oder demütiger Selbstverkleinerer, wir sind beides gleichzeitig. Aber Gott interessiert das überhaupt nicht. Das ist nämlich unsere großartige Botschaft: Gottes Liebe ist so radikal, dass sie nach dem, was wir tun, gar nicht fragt. In diesem Irrtum stecken beide noch fest, Pharisäer und Zöllner. Und wir auch. Wir sind gejagte und Getriebene, weil wir meinen, wir müssten es als Kirche nun bringen. Wir müssten wichtig sein, Werte bewahren, überall mitsprechen, das Elend er Welt beenden, Mitglieder werben, besser sein als die anderen: das ist die Pharisäerseele.
Oder wir müssten bescheiden sein, uns zurücknehmen, uns in den stillen Winkel zurückziehen, uns mit Asche bestreuen und am Ende selbst kleiner machen, als wir sind. Das ist der Irrtum des Zöllners. Auch wenn Jesus ihn lobt: Am Ende betet auch der Zöllner nicht um des Betens willen, nicht um Gottes willen, nicht um der Liebe willen, sondern auch Angst: Gott sei mir armen Sünder gnädig.
Die Botschaft der radikalen Liebe aber, die sich am Kreuz offenbart hat, als radikale Hingabe, lautet: er ist uns schon gnädig. Wir müssen vor ihm nichts beweisen, weder unsere frommen Heldentaten noch unsere fromme Demut. Damit verplempern wir am Ende nur unsere Kräfte und reden doch immer nur von uns. Jesus lenkt unsern Blick aber auch auf die Liebe. Nicht die Liebe, mit der wir lieben, sondern mit der wir geliebt werden. Die Kirche, das ist die Gemeinschaft der Geliebten, die wissen, dass sie geliebt werden. Gott ging bis ans Kreuz, um uns eine Liebe zu beweisen. Aber wir stellen uns hin und sagen: schau mal, was wir alles tolles machen! Und sind gleichzeitig verzagt, weil wir meinen, dass es zu wenig ist. Böse Falle.

Wir beten. Das ist, was Kirche macht. Paulus sagt an einer Stelle: Betet ohne Unterlass. Unser ganzes Leben soll Gebet sein. Damit ist aber nun nicht gemeint, und das ist, ich sage das jetzt mal so einfach dahin, sozusagen der katholische Irrtum: damit ist nicht gemeint, dass wir alle Mönche und Nonnen werden sollen und uns zurückziehen sollen und am besten gar nichts machen außer die Hände zu falten. Das ist immer noch falsch gedacht. Das ist immer noch vom Tun her gedacht. Aber Paulus meint damit eine Haltung, die wir einnehmen: Betet ohne Unterlass. Alles, was wir tun, sollen wir vor Gott tun. Und da gibt es jetzt einen sehr schlichten Gedanken, der aber ungeheure Kraft hat, wenn wir ihn zulassen: So ist es doch sowieso.
Wenn es Gott gibt, dann tun wir alles, was wir tun, vor ihm. Und die ungeheure Botschaft von der der radikalen Liebe, die uns Gott zuruft, lautet: Ihr tut alles, was ihr tut, in der Liebe, in meiner Liebe!
Sie umhüllt uns wie die Haut, sie ist um uns wie die Luft, sie ist der Heilige Geist, in ihm, so sagt Paulus an andere Stelle so schön, in ihm leben wir und weben wir. Christen sind also Menschen, die alles, was sie tun, vor dem Hintergrund von Gottes Liebe tun. Wir können tiefenentspannt sein. Uns kann nichts passieren. Aus dieser Liebe können wir nicht herausfallen. Niemand. Keine Kreatur. Ein bisschen Erlösung gibt es nicht. Das ist, was uns als Kirche anvertraut sind.
Das sind die Pfunde, die Gott uns gibt, damit wir damit wuchern. Weder pharisäische Großtuerei noch zöllnerische Selbstverkleinerung sind gefragt. Wir gewinnen unsere Würde und unseren Wert nicht aus dem, was wir tun, sondern aus dem, was wir sind. Ich finde, dass das eine sehr aufregende Botschaft ist. Und ich finde: würden wir das ehrlich, aufrichtig, mutig und mit Nachdruck verkündigen, würde man uns auch zuhören. Aber eine Kirche, die nicht anderes sein will, als die bessere Gesellschaft, die Gemeinschaft der besseren Menschen: das wird eine sehr verkrampfte, sehr eingeengte und ängstliche Schar von Menschen sein. Und wisst ihr was: ich glaube, dass das genau unser Problem ist. Wir haben die Liebe aus den Augen verloren, und fragen ständig: was sollen wir tun? Anstatt zu fragen: Was hat Gott für uns getan? Ich bin mir ziemlich sicher: eine Kirche, die diese Frage stellt und auch die Antwort darauf gibt – denn die Antwort haben wir ja – wird eine interessante, spannende, aufregende und, ja auch das, eine wichtige Kirche sein.
Weil wir etwas so radikal anderes sagen als das, was wir sonst zu hören kriegen: höher, schneller, weiter! Das ist doch furchtbar! Aber das Leben funktioniert nicht wie die Olympischen Spiele, von denen dieser Spruch stammt.

Wenn ich also sage, dass wir als Kirche vor allem Beten, dann heißt das gerade nicht, dass wir uns zurückziehen sollen, dass wir uns nur die „Religion“ kümmern sollten, als wäre das ein Hobby, das man hat oder nicht. Dieses ganze Gerede von der Religion geht mir ziemlich auf den Zeiger. „Religion“: das ist, was de Pharisäer und der Zölllner machen. Sie verplempern Zeit und Energie darauf, Gott zu zeigen, wir toll wir sind. Das interessiert ihn überhaupt nicht. Er weiß, dass wir toll sind. Er hat uns schließlich geschaffen. Das allein ist doch schon ein Grund, sich gut zu fühlen.

Aber wir sind begrenzt in unsern Möglichkeiten. Das ist, was uns aufgegeben ist. Damit müssen wir umgehen. Unsere Ressourcen sind begrenzt. Unsere seelischen ebenso wie unsere materiellen. Darum spielt die Gerechtigkeit so eine große Rolle. Und darum muss es die Kirche geben, als organisierte Liebe. Das ist ihre Eixstenzberechtigung und ihre Aufgabe. Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden. Die Zeit ist begrenzt. Kauft die Zeit aus, sagt Paulus, denn es ist eine böse Zeit. Verplempert Eure Zeit nicht damit, mir oder den Menschen zu gefallen, nutzt sie, um ein gutes Leben zu führen. Und steht einander bei, ein gutes Leben zu führen. Das fängt beim Essen und Trinken an, das geht über das Recht, ein Dach über dem Kopf zu haben und nicht einsam sein müssen bis hin zu der Zusage von Versöhnung und Vergebung. So betet es das Vaterunser: Dein Reich komme, unser tägliches Brot gib uns heute, vergib uns unser Schuld. Und man beachte die Reihenfolge. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.
Wir beten. Und wir beten in Gemeinschaft, denn in Gemeinschaft sind wir stark. Das macht uns zur Kirche. Gott sagt uns, wer wir als Kirche sind.  
Ich habe das Gefühl, dass wir das gerade ein wenig vergessen haben und uns viel zu sehr davon treiben und jagen lassen, was andre Menschen denken, was wir als Kirche sind. Aber wir sind keine Institution zur Bewahren christlich-abendländischer Werte. das stimmt schon nicht mehr, wenn man ein paar Stunden in Richtung Osten fährt und plötzlich gar nicht mehr im Abendland ist.
Wir sind auch nicht die bessere Gesellschaft, dass sollten wir durch 2000 Jahre blutige Kirchengeschichte und die Missbrauchsfälle, die es auch in der evangelischen Kirche gibt, wahrlich gelernt haben. Wir scheitern an solchen Ansprüchen! Das ist die meines Erachtens die Hauptquelle unserer Frustration.  Wir sind keine bessere Menschen. Wir sind Menschen, die wissen, dass es keine besseren Menschen gibt. Da kann uns das Gebet des Zöllner schon ein wenig helfen. Solange man daraus nicht wieder ein Gesetz macht.

Wir sind die Gemeinschaft der von Gott radikale Geliebten. Und wir sind die Gemeinschaft der Vergesslichen, die wissen, dass sie vergesslich sind. Deswegen müssen wir predigen. Mit Wort und mit Tat. Und immer auf der Höhe der Zeit. Und auf der Höhe der Zeit sind wir, wenn wir nicht am Vergangenen kleben, sondern von der Zukunft her leben: von der Zukunft, die Gott für uns bereithält. Das ist doch auch ein Teil der radikalen Liebe: Dass wir vor der Zukunft nicht nur keine Angst haben sollen. Sondern dass wir uns auf die Zukunft freuen können. Er kommt uns doch entgegen, Gott ist ein entgegenkommender Mensch, so wie der Vater, der seinem verlorengeglaubten Sohn entgegenläuft, nicht, um ihm eine moralische Gardinenpredigt zu halten, was er alles falsch gemacht hat und wie enttäuscht er ist und was noch alles, sondern um ihn in die Arme zu schließen und zu sagen: mein Sohn war tot, jetzt lebt er wieder, Auferstehung mitten im Leben. Hallelujah. Hallelujah! Lobt Gott! Gott loben: Das ist auch Gebet, und es ist für uns Christenmenschen eigentlich der Anfang allen Betens! Er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Gott loben, so singt Luther in einem seiner schönsten Lieder, das ist unser Amt.
Was heißt das nun?
Ich wünsche mir eine fröhliche Kirche. Uns ist so eine großartige Botschaft anvertraut: Jesus Christus, Gottes radikale Liebe. Wir sind viel zu verzagt und lassen uns viel zu sehr jagen und schauen immer nur auf die Probleme. Aber es geht doch um Menschen!
Der Zustand der Kirche macht mich manchmal ganz traurig. Nicht, weil sich alles verändert. Das finde ich im Gegenteil sehr gut. Wir kleben viel zu sehr am Materiellen und Althergebrachten. Das ist pure Bequemlichkeit und von Angst gesteuert. “Furcht ist nicht in der Liebe“, das muss ich mir selbst auch immer wieder sagen lassen. Doch es macht mich wirklich traurig: Dass viele Menschen in der Kirche so verzagt und mutlos sind, nicht wenige auch frustriert und wütend. Das zeigt mir: wie nehmen unsere wichtigste Aufgabe nicht richtig wahr und hören Gott entweder nicht richtig zu oder reden nicht richtig von ihm (wahrscheinlich beides).

 Was ist denn Kirche? Organisierte Liebe. Und ich glaube, dass sich deswegen auch so viele Menschen abwenden. Eine mürrische Kirche, die das, was unerträglich ist am Leben, auch noch verdoppelt, braucht niemand. Und es nervt mich. Weil wir auf diese Weise Energie, Geld und, was am schlimmsten ist, Menschen verschleißen. Ich glaube, so ist es von Gott nicht gemeint. Organisierte Liebe heißt doch vor allem: gemeinsam sind wir stark. Deswegen hat es keinen Sinn, die einzelnen Dienste und Aufgaben in der Kirche und in der Gesellschaft gegeneinander aufzuwiegen. Dann landen wir wieder beim Pharisäer und beim Zöllner und fragen danach, was Gott gefällt. Doch wir sollten alles, was wir tun und sagen daran messen, ob es der Liebe förderlich ist und den Menschen dient (also uns!). Also: aus dem Geist des Gebets handeln, das mit dem Lob beginnt. Und dabei nüchtern bleiben: weil unsere Ressourcen begrenzt sind. die radikale Liebe ist das Gegenteil von Sentimentalität und Schwärmerei. Die radikale Liebe ist nüchtern und hellwach. Sie ist genau, zugewandt und lösungsorientiert, weil ihr Ziel, dass es Menschen gut geht. Mit Sentimentalität hat das nichts zu tun. Die macht uns nur blind und verhindert, dass wir genau hinschauen.

Es ist schließlich die Liebe, die sich am Kreuz zeigt. Und das Kreuz stellt uns auch ein paar sehr unbequeme Fragen, vor denen wir uns aber nicht fürchten dürfen. Ich sage mal ganz spröde: zur Liebe gehört auch eine ehrliche Inventur. Was können wir überhaupt leisten? Die Frage macht uns genau dann mutlos, wenn wir meinen, wir müssten das alles alleine wuppen. Darum ist das nur die eine Frage. Es gibt auch noch eine andere, und mit der sollten wir anfagen: Was steht uns denn zur Verfügung? Und da zeigt sich etwas Wunderbares.
Wir sind als Kirche von Kurhessen-Waldeck eine riesige Organisatin. 850.000 Mitglieder, 40.000 Ehrenamtlichen und 11.000 Hauptamtlichen. wenn das nicht ein Schatz ist! Wir schauen nur auf das, was wegbricht. Aber schauen wir auch auf das, was da ist? Wir haben im Jahr rund 180 Mio Euro zur Verfügung, die uns anvertraut werden. Wenn das nicht ein Schatz ist, wenn wir hier nicht reich gesegnet sind, dann weiß ich wirklich nicht, was ein Segen ist. Da sollten wir beginnen und fragen: was fangen wir damit an?

 Ist in all diesen nüchtern Zahlen noch Platz für die Liebe? Gerade da! Und ich glaube, da liegt gerade unser Problem. Wir schauen wir die Kaninchen auf die Schlange auf das, was wegbricht, anstatt genau hinzuschauen, was da ist. Wir sehen die wenige Menschen, die hier sitzen und sind frustriert. Aber ihr seid da! Das ist doch ein Anfang! Wir müssen einfach mal nüchtern über den Tellerrand schauen und genau hinsehen. Die Liebe ist, ich sage es nochmal, immer genau. Und Genauigkeit ist das Wesen der Gerechtigkeit.
Zu organisierter Liebe gehört nämlich auch ein gerechter und phantasievoller Umgang mit dem anvertrauten Geld und den anvertrauten Menschen. Jesus redet oft davon, wie wir mit anvertrauten Pfunden umgehen. Da ist für Träumereien kein Platz. Aber eben auch nicht für kleinkarierte Zögerlichkeit und Besitzdenken. Organsierte Liebe meint mehr als verwaltete Liebe.  Wir haben als Kirche zu viele Steine und zu wenig Herzen. Wir schleppen zuviel Balast mit uns herum, den wir dann Tradition nennen und unser diesem Namen aufhören danach zu fragen, ob das noch irgendeinen Nutzen hat. Da ist etwas schiefgelaufen in den letzten Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten, in denen wie es in Staat und Gesellschaft bequem hatten. Das ist vorbei, und ich bin mir nicht sicher, ob das nicht sogar ein Segen ist, auch wenn ich schon etwas Angst davor habe. Aber Furcht ist nicht in der Liebe. Unter diesem Blickwinkel möchte ich mir gerne den Reformprozess ansehen, den wir letztlich ja nicht wirklich freiwillig, sondern aus letztlich aus Angst tun. „Sparen“ um des Sparens Willen jedenfalls ist kein Ziel. Das wäre Geiz, und Geiz ist eine Todsünde. Die Liebe hat immer auch etwas mit Verschwendung zu tun, mit Großzügigkeit und mit dem Mut, neu anzufangen.

In zwei Woche sind Kirchenvorstandswahlen. Am Ende des Monats bekommen wir eine neue Bischöfin, unter der manches anders laufen wird, als bisher. Eine gute Gelegenheit, nach neuen Anfängen zu fragen und die Frage zu stellen: Wozu sind wir eigentlich da? Wir sind dazu da, die Botschaft von der radikalen Leibe zu verbreiten. Wir sind organisierte Liebe. Geht das noch in den alten Strukturen mit ihr festgefahrenen Art und Weise, wie eine preussische Behörde zu handeln? Ich glaube nicht. Das hat seine Zeit gehabt, Sie ist vorbei. Es kann nicht unser Ziel sein, das Alte um jeden Preis zu erhalten. Schauen wir genau hin, dann sehen wir: Es hat einmal funktioniert, jetzt funktioniert es nicht mehr. Wir leben in einer anderen Welt als noch vor wenigen Jahren. Also bitte: lasst uns fragen, was wir wirklich brauchen, damit wir beten können und Zeugen sein können für die radikale Liebe. Sollten w i uns davor fürchten?
Neue, schlanke, vernetzte Strukturen schaffen, die wieder Freude und Schwung in unsere Arbeit an der Liebe bringen: Das ist ein Ziel. Unrealistisch? Naiv? Nicht zeitgemäß? Ja, genau. Wir sind nämlich Kirche, und Kirche ist anders. Wir brauchen ein neues Denken, damit wir aus der Falle herauskommen, entweder mit großer Lippe wie der Pharisäer vor Gtt zu stehen oder mit verzagtem Herzen wie der Zöllner, die beide auf ihre Weise an der Vergangenheit hängen.
Wir sollten von der Zukunft her denken, von dem, was uns in der Taufe zugesagt wurde: Siehe, ich bin bei Euch, bis and er Welt Ende. Das befreit. Wir schleppen zuviel Gepäck mit herum. Kirche kann auch ganz anders aussehen, als sie es jetzt tut. Anderswo in der Welt wächst die Kirche, und sie tut es vor allem dort, wo man sich von den alten Zöpfen getrennt hat und dem Geist Gottes wieder Raum gegeben hat anstatt dem Geist der Verwaltung. Und das sage ich als einer, der and er Spitze der Verwaltung arbeitet. Das kann alles auch ganz anders gehen, auch wenn ich den Weg noch nicht sehe. Aber das heißt nicht, dass es nicht andere Wege geben kann. Vertrauen wir auf Gott und schauen wir, um der Liebe willen, also um der Menschen willen, genau hin und fragen wir, zuerst im Gebet, aber dann auch miteinander: Was brauchen wir eigentlich wirklich, damit wir beten können und das Zeugnis von der Liebe in die Welt bringen? Wahrscheinlich sehr viel weniger, als wir meinen.
Was machen wir als Kirche, was sonst niemand macht? Wir hören, beten und hoffen. Unser Auftrag ist, die gute Botschaft weiterzusagen, sonst mach es keiner. Dazugehört auch, laut und deutlich zu sagen, was in der Gesellschaft und in der Kirche schiefläuft. Noch lauter aber: was uns hält, trägt und herausfordert: Gottes radikale Liebe.  Gemeinsam. Und gut organisiert. Lasst uns anfangen. Furcht ist nicht in der Liebe. Weder die Frucht des Pharisäers, noch die des Zöllners.
Amen.