Montag, 13. Februar 2017

Predigt 12.2.2017, Lk 17, 7-10. Großmäuler, Egoisten, Narzisten

Wieder eine "aktuelle" Predigt für die Predigtwerkstatt Premium, deshalb mit "Verfallsdatum". Aber vielleicht doch nützlich zu lesen, spätestens in sechs Jahren.

Sonntag: Septuagesima, 12.2.2017, Lk 17, 7-10

7 Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch?

8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken?

9 Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war?

10 So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.


Liebe Gemeinde!


Harte und schroffe Worte spricht Jesus hier. Vor allem wirken sie sehr unzeitgemäß. „Wir sind unnütze Knechte, wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren, wir brauchen keinen Dank“ – das ist eine Form der Selbstrücknahme und ein Pathos der Pflichterfüllung, das uns mit Skepsis erfüllt. Wir haben damit keine guten Erfahrungen gemacht. Es erinnert an ein anderes Jesuswort, das für Jahrhunderte das Leitbild protestantischer Christen war: „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“. Der Philosoph Friedrich Nietzsche, der aus einem frommen protestantischen Pfarrhaus stammt und dieses Denken mit der Muttermilch bekommen hat, schreibt dazu ganz süffisant und treffsicher: „Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden“. Es ist schlicht der Tatbestand der Heuchelei, der hier droht. Es gibt eine Form der Selbstrücknahme und ein Pathos der Pflichterfüllung, das mit simulierter oder echter Leidensmiene in Wahrheit nach tiefster Anerkennung lechzt. „Wir sind nur unnütze Knechte, wir haben nur unsere Pflicht getan“: das kann ein schlimmer Satz sein!


Doch auf der anderen Seite erleben wir im Moment an vielen Stellen eine völlige Entfesselung des Gegenteils. Gerade politische Ämter, aber auch Führungsämter in Wirtschaft und gesellschaftlichen Institutionen, sind schwer angeschlagen in der öffentlichen Wertschätzung: Hier scheint so etwas wie ein Gedanke der Pflicht und der Selbstrücknahme völlig vergessen zu sein. Wir erleben, wie sich Menschen bereichern über alles Maß hinaus, so dass man keineswegs den Eindruck hat, sie arbeiteten aus dem Gefühl einer inneren Verpflichtung heraus und im Dienst einer Sache, sondern nur um ihrer selbst willen. Dabei geht es oft nicht um Bereicherung im materiellen Sinne. Die Selbstinszenierung, der Verlust jeglicher Bescheidenheit und Selbstrücknahme bestimmt Wahlkämpfe und zieht, nicht nur in den USA, immer mehr in die Politik ein. „Schaut was wir leisten, wir sind wichtig, ohne uns geht gar nichts, seid gefälligst dankbar“. Zwar wird auch viel von der Pflicht geredet: Man ist dem Vaterland verpflichtet, um es wieder groß zu machen; man ist den Menschen verpflichtet, um sie wieder in stabile Verhältnisse zu führen; man ist der Geschichte verpflichtet, um das zu bewahren, was die Generation vor uns aufgebaut hat – das klingt alles im Grunde gar nicht schlecht. Doch: Die Botschaft hören wir wohl, allein es fehlt der Glaube, weil es denen an Glaubwürdigkeit zu fehlen scheint, die sie sagen.


Der Eindruck, dass Menschen sich gar nicht einer Sache verpflichtet fühlen, sondern letztlich nur ihrem Ego, hat eine verheerende Wirkung. Großmäuler, Wichtigtuer, Egozentriker, Narzissten und Größenwahnsinnige scheinen am Werk, und bei aller Übertreibung, die in diesen Worten steckt: für die Stimmung ist das gar nicht gut. Haben wir die Haltung der Pflichterfüllung, die hinter die Aufgabe zurücktritt, völlig verloren? Und wie können wir sie wiedergewinnen? Denn auch wenn das Wort Jesu in seiner Zuspitzung sehr hart klingt: Es gewinnt unter diesen Voraussetzung an Wahrheit. Warum sagt Jesus das so? Hinter den Worten Jesus steht erst einmal eine Frage des Glaubens. Denn es ist ein Gleichnis vom Himmelreich. Es geht um die Beziehung zu Gott. Die aber wird nicht über Leistung und Arbeit hergestellt. Das ist die genau frohe Botschaft, die hinter Jesu scheinbar harten Worten steckt! Im Jubiläumsjahr der Reformation können wir sie mit den Worten Luthers formulieren: Allein aus Glauben wird der Mensch gerecht. Allein die Vertrauensbeziehung bestimmt unser Verhältnis zu Gott. Wer sich Gott vertrauensvoll zuwendet, der ist gerettet, oder wie Jesus es sehr viel schöner sagt: selig. Nicht wir tun etwas für Gott, sondern Gott hat etwas für uns getan! Dieser schöne Satz hat aber eben auch eine klare Konsequenz: Das Reich Gottes, die Gotteskindschaft, die Gnade, wie immer wir es nennen wollen, können wir uns nicht erarbeiten. Gnade ist nicht die Belohnung, sie ist nicht der Dank für religiöse Pflichterfüllung. In diesem Sinne sagt Jesus: Wir sind unnütze Knechte, unsere Arbeit ist Pflichterfüllung, mehr nicht. Aber auch nicht weniger! Die gute Arbeit wird damit ja nicht abgewertet, sondern im Gegenteil: Sie wird von dem Ballast befreit, immer noch mit einem Auge auf Gott und seinen Dank schielen zu müssen. Aus diesem Blickwinkel wird die fromme Heuchelei, die wir hinter dem Pathos der Pflichterfüllung vermuten, gerade abgewehrt. Damit bekommen wir aber auch in den Blick, dass hier eben nicht von irgendeiner Pflicht die Rede ist. Es geht hier ganz konkret um den Dienst am Nächsten. Es geht hier nicht um eine abstrakte Pflicht, sondern es geht um das ganz selbstverständliche Tun des Guten um des anderen Menschen willen. Und es sind gerade die einfachen Taten des Guten, um die es geht. Jesus zählt sie in einem späteren Kapitel auf: Hungrige speisen, Dürstende tränken, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Gefangene besuchen, Kranke pflegen, Tote bestatten (Mt 25). Das sind die sogenannten „Sieben Werke der Barmherzigkeit“. Sie sind, wenn man so will, die Christenpflicht – nicht um Gott damit einen Gefallen zu tun und sich bei ihm Lohn und Wertschätzung zu erarbeiten, sondern weil das Tun dieser einfachen Werke nicht anderes ist, als die elementaren Bedürfnisse des Menschseins zu stillen. Da geht es überhaupt nicht um den, der die guten Werke tut, sondern nur um den, der sie empfängt. In diesem Sinne sind wir „unnütze Knechte“. Der Satz Jesu will uns helfen, unsere Motivation zu überprüfen und gerade nicht falschen Pflichten zu folgen. Es ist wirklich ein scharfer Satz!


So hat es Sinn, von „Pflicht“ zu reden, und vielleicht ist es wirklich an der Zeit, das auch wieder etwas deutlicher zu tun. Und das geschieht auch. Denn wir erleben über all dem Geschrei der Selbstdarstellung, Selbstbereicherung und Selbstbeweihräucherung auch ein wachsendes Verständnis dafür, dass wir diesen elementaren Aufgaben verpflichtet sind. Die beeindruckende Bewegung der Menschen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, ist zu nennen. Oder die spürbar wachsende Bereitschaft, sich gegen politische Strömungen zu erheben, die unsere Freiheit und unser demokratische Miteinander unterhöhlen wollen, indem sie aus Selbstsucht Hass, Ausgrenzung und nationalen oder gruppenbezogenen Egoismus predigen. Da spüren Menschen immer deutlicher eine Verpflichtung, sich dagegen zu engagieren.


Wir sind unnütze Knechte – und Mägde, muss man ergänzen – wenn es darum geht, vor Gott zu bestehen. Da helfen uns unsere guten Taten überhaupt nicht, weil sie gar nicht gefragt sind. Vor Gott ist allein unser Glauben gefragt, der im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit nicht ängstlich und furchtsam nach der Pflicht vor Gott fragt und auf seinen Dank schielt, sondern aus großer innerer Freiheit und Gelassenheit heraus die einfache Frage stellt: Was ist zu tun um des nächsten Willen? Denn vor Gott müssen wir nichts beweisen. Seine Wertschätzung und Liebe kommt uns entgegen, die können wir ohne jeden Zweifel voraussetzen. Dafür steht Jesus mit seinem Leben ein, und Gott beglaubigt sein Leben durch die Auferweckung von den Toten, die uns allen verheißen ist. Der Glauben handelt nicht aus Angst und Ruhmsucht, sondern aus Freiheit und Gewissheit heraus. In diesen Sinne sind wir höchst nützliche Knechte und Mägde! Martin Luther hat das in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ einmal in einen wunderbaren paradoxen Satz gefasst: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Was hier wie ein Widerspruch klingt, beschreibt in Wahrheit eine Balance von Freiheit und Pflicht, von Selbstrücknahme und Selbstbewusstsein. Sie verhindert einerseits, dass wir unser Ego unmäßig aufblähen und andererseits ermutigt sie uns, beherzt zu tun, was zu tun ist: Nicht um Gottes Willen, nicht um unserer selbst willen, sondern um des Anderen Willen. Das ist eine sehr vernünftige Regel, weil sie das menschliche Maß hält. Und es ist nun tatsächlich unsere Pflicht als Christen, diese vernünftige, befreiende Botschaft in die Welt zu tragen. „Wir sind unnütze Knechte, wir haben nur getan, was uns aufgetragen war“. Dieser scheinbar so harte Satz ist ein schöner Prüfstein, im großen Geschrei der Selbstdarsteller, Wichtigtuer und selbsternannten Menschheitsretter das rechte Maß zu finden: der selbstverständliche Dienst am Nächsten, der als solcher nun wahrhaftig alles andere als unnütz ist. Gott gebe uns die Kraft und die Weisheit, diese Balance zu halten und zu finden. Es täte uns allen gut, am meisten aber denen, die auf Gerechtigkeit, Zuwendung und Wertschätzung warten. Also am Ende uns allen. So ganze ohne Lohn geht es eben doch nicht: Denn das einfache Tun des Guten trägt seinen Dank in sich. Wer das einmal erlebt hat, wird es nie wieder vergessen. Genau dazu will Jesus uns mit seinem harten Satz ermutigen: Tu es einfach!


Amen.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Mt 14,22-33 Der sinkende Petrus. Predigt zum 4. S. n. Epiphanias


Mt 14,22-33 Der sinkende Petrus

22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.

Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

 25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. 26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.

27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!

 28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

 32 Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich. 33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

 

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!

 

Die Geschichte vom Seewandel gehört zu den bekanntesten Geschichten überhaupt. Aus irgendeinem Grunde ist das Bild von Jesus, der über den See wandelt, sehr populär. Vielleicht, weil es von allen Wundergeschichten des Neuen Testamentes eine der aberwitzigsten ist. Soll man das glauben, dass er übers Wasser ging?

Soll man nicht. Jedenfalls nicht so. Schon die Menschen in der Antike waren keineswegs so leichtgläubig, dass sie das für bare Münze nahmen. Auch in der Antike wusste man schon, dass Geschichten zu Übertreibungen neigen, und was mit Geschichten, die von Mund zu Mund weitererzählt werden, immer stille Post gespielt wird. Am Ende wird fast das Gegenteil von dem erzählt, was wirklich geschehen ist. Und so müssen wir die Wunderberichte im Neuen Testamten auch lesen. Sie wollen nicht einfach ein unglaubliches Ereignis erzählen. Wer nur an Jesus glaubt, weil er die Naturgesetzte aufheben kann, der hat nämlich nur die Hälfte verstanden. Gerade die Wundergeschichten sind, wenn ich das mal so sagen darf, durchsichtig. Hinter dem vermeintlichen Naturwunder verbirgt sich ein viel größeres Wunder, und wer seine Zeit damit verschwendet, herauszufinden, wie das alles möglich war, dem entgeht der geistliche Sinn der Geschichte. Und darum gehört für mich, gerade weil ich ein denkender, moderner, naturwissenschaftlich gebildeter Mensch bin, gerade diese Geschichte zu meinen Lieblingsgeschichten. Denn es ist meine Geschichte. Es ist die Geschichte meines Glaubens. Denn darum geht es: um den Glauben.

Was wird erzählt? Jesus hat den ganzen Tag gepredigt, ist müde und will alleine sein. Er schickt seine Jünger mit dem Boot über den See, und zieht sich zur Meditation und Gebet zurück.

Die Jünger fahren los, durch die Nacht, was man in der Antike schon gar nicht so gerne machte. Und dann geschieht genau das, wovor sie Angst haben: Ein Seesturm kommt auf. Das geht schnell auf dem See Genezareth, der von Bergen mit fallenden Winden umgeben ist, und solche Seestürme auf einem Binnensee sind auch sehr heftig und bedrohlich. Die Zwölf geraten in Panik. Das haben wir ja eben in der Lesung auch schon gehört. Das kam wohl öfter vor. Mehr wird ja gar nicht erzählt. Vier Nachtwachen lang – also bis in den frühen Morgen - müssen sie voller Angst auf dem Boot ausharren. Und plötzlich haben sie eine Erscheinung: Jesus kommt ihnen entgegen. Sie reagieren darauf völlig vernünftig, oder sagen wir besser: durch und durch menschlich. Sie meinen, dass sie ein Gespenst sehen, griechisch: ein Phantasma. Das heißt, ihre Angst steigert sich in nermessliche. Jetzt kommt auch noch der Klabautermann und will uns alle holen! Sie fangen an, vor Angst zu schreien, die Panik erreicht den Höhepunkt. Das spricht sie Jesus an: Fürchtet Euch nicht, seid getrost Ich bin´s!

Die Angst scheint sich zu legen. Wäre die Geschichte hier zu Ende, wäre sie wirklich nur eine banale Wundergeschichte, und man könnte sich fragen, warum sie uns erzählt wurde. Aber jetzt kommt erst, das, worum es hier wirklich  geht. Petrus nämlich übertreibt, wie so oft. Petrus will einen Beweis. Er will mehr! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser! Und Jesus sagt: Na, dann kommt. Und Petrus steigt über Bord, geht ein paar Schritte – und dann bemerkt er den Wind und die Wellen, er sinkt ein und gerät wieder in Panik. Jetzt ruft er: Herr, rette mich! Und Jesus sagt zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Streckt seinen Arm aus und hält ihn fest. Als sie dann alle im Boot sind, fallen sie vor ihm dankbar auf die Knie und rufen: Du bist Gottes Sohn!

Der entscheidende Satz ist: Du Kleingläubiger, warum hast Du gezweifelt? Genau so ist das mit unserem Glauben. Solange wir festen Boden unter den Füßen haben und Jesus in unserer Nähe wissen, ist unser Glaube stark. Aber wenn unser Lebensboot in Seenot gerät, dann geraten wir eben doch in Angst und fühlen uns allein gelassen. Wenn dann die Rettung kommt, wenn sich ein Ausweg öffnet – dann können wir es oft nicht glauben und nicht annehmen. Wir wollen dann Gewissheit, wollen es genauer wissen und mehr wissen, wollen Beweise und werden übermütig. Es mangelt uns an Vertrauen und Bescheidenht. Denn das meint ja Glauben: Vertrauen darin, dass Gott uns auch dann nahe ist, wenn wir seine Gegenwart nicht spüren, weil wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind. Das ist der Regelfall. Das Leben ist eben letztlich doch ein unruhiges Meer, und wir sind furchtsam und kleingläubig, und können wir das Gute, wenn es uns begegnet, oft nicht ergreifen. So geht es Petrus. Er braucht einen Beweis. Er will ein Wunder sehen, gerettet sein reicht ihm nicht. „Wenn Du es bist, dann lass mich über das Wasser gehen!“ Man kann sich fragen, was ihn hier umtreibt. Im Grunde ist es ja eine Art frommer Größenwahn. Er will auch so sein wie Jesus, gerettet sein genügt ihm nicht, nein: auch er muss über das Wasser gehen. Was sich hier meldet, ist Kleinglauben, der zugleich frommer Größenwahn ist – und der ist noch viel schlimmer als Kleinglauben. Denn genau das ist, was die Bibel Sünde nennt: frommer Größenwahn. Als die Schlange Eva im Paradies davon überzeugen will, dass es ihr besser geht, wenn sie Gottes Gebot übertritt, da sagt sie: ja, Gott will nicht, dass ihr vom Apfel esst, denn dann werdet ihr wie er! Das ist die große Verlockung, die große Falle, in die gerade die Frommen und die Eifrigen tappen: Der Glaube soll ihnen im Grunde übermenschliche Kräfte verleihen. Wir wollen sein wie Gott und fordern ihn damit heraus. Was Paulus hier packt, ist frommer Hochmut, und der ist ein schlimmes Gift! Paulus will mehr als Mensch sein, er will wie Jesus sein. Natürlich geht das schief. Als er aus seinem Größenwahn erwacht, sieht er sich vom tobenden Meer umgeben, seine Situation ist schlimmer als vorher. Er macht sich lächerlich – und er gerät in Panik. Genau so geht es uns, wenn unser Glauben uns vorgaukelt, er würde uns übermenschliche Kräfte verleihen. Jetzt ruft er um Hilfe, und er bekommt geholfen. Denn retten kann uns nur Gott. Es ist eine Geschichte, die uns zu einer gewissen frommen Bescheidenheit aufruft  und uns auch in unsere Schranken weist. Und das ist gut und wichtig, heute mehr denn je, wo wir als Menschen sehr oft Dinge anfangen und beginnen, die am Ende eine Nummer zu groß für uns sind. Und zugleich zeigt sie auch, wie sehr wir auf der Hut sein müssen vor einer gewissen Undankbarkeit, die eine erwiesene Wohltat nicht annehmen kann, sondern immer noch mehr fordert. Darum liebe ich diese Geschichte: Sie hält mir, gerade weil ich doch wie Petrus ganz besonders stark an meinem Glaube arbeite und er mir wichtig ist, oft über das Ziel hinaus schieße. Ein Glück nur, dass Gottes Gnade noch größer ist, als wir denken: er rettet und selbst dann, wenn wir uns übernehmen und holt uns aus dem selbstgemachten Schlammassel heraus. Die Geschichte will uns dahin führen, aufmerksam zu werden dafür, wie oft wir im Alltag die kleinen Tröstungen, die kleinen Rettungen, die kleinen Hilfen übersehen, weil wir meinen, das müsste doch Größeres geschehen. Aber da können wir lange warten. Der Glaube ist die Kunst, im kleinen Gelingen die große Gnade Gottes zu erkennen, und dankbar zu sein , wenn wir unser Lebensboot einigermaßen heil durch die Stürme bekommen. Wir müssen nicht auch noch auf dem Wasser gehen. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als jene Form der Zweifels, die sich als frommer Übermut verkleidet: Mit nichts können wir uns als Christen so blamieren und Menschen so abschrecken, als wenn wir von unserem und von ihrem Glauben mehr erwarten, als Gott uns gibt – dabei gibt er uns ja schon so viel. Aber wir wollen immer noch mehr und so verpassen wir die Chancen, die uns geboten werden. Also: etwas mehr Bescheidenheit täte uns gut!

Es gibt einen scher schönen Witz, der besser noch als jede Predigt erzählt, was auch diese Geschichte erzählt.

Ein kleines Dorf wird vom Hochwasser heimgesucht. Das Wasser steigt sehr schnell, so schnell, dass viele es nicht mehr schaffen, die Häuser zu verlassen. So geht es auch dem Pfarrer in dem Dorf. Seine Familie kann sich retten, aber er hat nur noch die Chance, auf das Dach zu klettern. Und das sitzt er nun, wie die Jünger im Boot, und betet um Hilfe. Da kommt auf einmal ein Boot mit zwei Feuerwehrleuten: Her Pfarrer, steigen sie ein! Nein, nein, der Herr wird mich retten! Er will ein Wunder! Die beiden fahren achselzuckend weiter. Das Wasser steigt, unser Pfarrerlein betet intensiver. Wieder kommt ein Boot, wieder von der Feuerwehr: Herr Pfarrer, steigen sie ein! Wieder sagt er: Nein, der Herr wird mich retten. Als ihm das Wasser schon bis an den Bauch steht, kommt das Boot nochmal. Wieder: Nein, der Herr wird mich retten. Wenig später ist er tot, ertrunken durch eine starke Welle, die ihn vom Dach gefegt hat.

Nun steht er vor der Himmelstür. Er ist wütend und zornig und ruft: Ich habe Dir mein ganzes Leben geweiht, war immer für Dich im Dienst und habe die Last des Amtes getragen und alle mein Vertrauen auf Dich gesetzt, und jetzt hast mich umkommen lassen und mich nicht gerettet. Da hört er eine Stimme: Mein Lieber, ich weiß nicht, was Du willst, aber mehr als dreimal die Feuerwehr zu schicken kann ich auch nicht tun.

 

Wer Ohren hat zu hören, der höre.

 

Amen.

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Besonnenheit! Predigt zum Altjahresabend, Jes 30, 8-18




Jes 30, 8- 18

8 So geh nun hin und schreib es vor ihnen nieder auf eine Tafel und zeichne es in ein Buch, dass es bleibe für immer und ewig.

9 Denn sie sind ein ungehorsames Volk und verlogene Söhne, die nicht hören wollen die Weisung des HERRN,

10 sondern sagen zu den Sehern: »Ihr sollt nicht sehen!«, und zu den Schauern: »Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist; schaut, was das Herz begehrt!

11 Weicht ab vom Wege, geht aus der rechten Bahn! Lasst uns doch in Ruhe mit dem Heiligen Israels!«

12 Darum spricht der Heilige Israels: Weil ihr dies Wort verwerft und verlasst euch auf Frevel und Mutwillen und trotzt darauf,

13 so soll euch diese Sünde sein wie ein Riss, wenn es beginnt zu rieseln an einer hohen Mauer, die plötzlich, unversehens einstürzt;

14 wie wenn ein Topf zerschmettert wird, den man zerstößt ohne Erbarmen, sodass man von seinen Stücken nicht eine Scherbe findet, darin man Feuer hole vom Herde oder Wasser schöpfe aus dem Brunnen.

15 Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht

16 und sprecht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen«, - darum werdet ihr dahinfliehen, »und auf Rennern wollen wir reiten«, - darum werden euch eure Verfolger überrennen.

17 Denn euer tausend werden fliehen vor eines Einzigen Drohen; ja vor fünfen werdet ihr alle fliehen, bis ihr übrig bleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel.18 Darum harrt der HERR darauf, dass er euch gnädig sei, und er macht sich auf, dass er sich euer erbarme; denn der HERR ist ein Gott des Rechts. Wohl allen, die auf ihn harren!





Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn!



Das sind zugleich sehr harte und sehr klare, aber auch sehr verheißungsvolle Worte, die der Prophet Jesaja dem Volk Israel zu sagen hat. Ich fasse sie mal zusammen: Hört auf mit dem gottlosen Geschwätz, denkt mal einen Moment nach, und dann werdet ihr auch die Gnade Gottes erkennen. Dahinter steht die Erfahrung, dass Menschen, die aus ruhiger Überlegung heraus die Wahrheit aussprechen, es in aufgeregten Zeiten sehr schwer haben. Das kommt uns sehr bekannt vor. Das Jahr 2016 hat uns gelehrt, was dabei herauskommt, wenn an die Stelle von ruhiger Überlegung das Geschrei tritt. Wenn an die Stelle klugen Abwägens die spontane Reaktion tritt. Wenn der Bauch regiert, und nicht der Verstand. Das hat das Jahr 2016 sehr geprägt. Ruhige und besonnene Stimmen hatten es schwer, genaues Hinschauen war nicht gefragt. Als ich den Predigttext zum ersten Mal las, war ich hoch erstaunt. Offensichtlich ist es so, dass wir Menschenkinder genau dann die Besonnenheit verlieren, wenn wir sie am stärksten brauchen. Der Prophet spricht angesichts der Bedrohung durch die assyrische Armee, die mit großer Brutalität über das Land herzufallen droht, man hört schon allenthalben, dass sie quasi vor der Haustür stehen. Rufe werden laut, dass doch etwas geschehen müsse. Die Armee wird aufgestockt, zweifelhafte Bündnisse werden geschlossen und viel Geld fließt in Festungsbau und Rüstung. Die Propheten Gottes warnen davor, weil das auf Kosten der Armen geht und weil es letztlich ein sinnloses Unterfangen ist. Israel ist viel zu klein, um ernsthaft Widerstand zu leisten, und die Bündnisse mit den anderen Großmächten haben sich in der Geschichte immer als ein Missgriff erwiesen, weil sie sich ihren Einsatz am Ende bezahlen lassen, und man faktisch mit dem Teufel einen Pakt geschlossen hat, um den Beelzebub zu vertreiben. Die Propheten sehen aber noch tiefer. Sie sehen, dass hinter dieser Aufregung, hinter diesem Geschrei und hinter diesem Aktionismus verlorenes Gottvertrauen steht. Sie erinnern daran, dass Gott sein Volk bisher immer gerettet hat, wenn es sich ihm anvertraute, wenn es nicht den Kopf verlor, sondern seine Hilfe bei Gott suchte.

Doch die Menschen wollen die einfachen Lösungen, und die einfachste Lösung ist immer die Gewalt. Verhandeln, reden, genau hinschauen sind nicht gefragt, komplizierte Antworten will keiner haben. Sie hören nicht, was Gott ihnen sagen lässt: „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht“. Das ist ein klares Angebot Gottes. Es ist ein Aufruf zur Besonnenheit. Denn wer einen Moment innehält, der entdeckt eine große Kraft: die Hoffnung. Wer einen Moment stillehält, der entdeckt die Treue Gottes zu seinem Volk und zieht Kraft daraus. Damit steht der Prophet natürlich gegen die herrschende Stimmung, die Maßnahmen sehen will, Köpfe müssen rollen, schnell muss sich alles ändern. Gott lässt ihnen ausrichten, was dann geschieht: Genau die Vernichtung, der sie damit entgehen wollen, wird über sie hinwegfegen, weil die Unbesonnenheit sie angreifbar macht. Wer auf Aggression mit Aggression reagiert, kommt aus der Aggression nicht hinaus. Wer sich aufstacheln lässt von den Schreiern und Vereinfachern, wird irgendwann gar nicht mehr in der Lage sein, andere Lösungen zu finden.

Können wir aus der Geschichte lernen? Offensichtlich nicht. Besonnenheit, abwägendes Urteil, die gemeinsame Suche nach Lösungen, die nicht aus Gewalt und überstürzten Maßnahmen bestehen, fällt offensichtlich schwer. Ich will gar nicht im Einzelnen aufführen, wie uns das gerade im Jahr 2016 gebeutelt hat und die Stimmung vergiftet. Es wird hier jedem vor Augen stehen. Und es wird auch jedem vor Augen stehen, dass die Worte des Propheten an uns gerichtet sind. Wenn es etwas gibt, was wir als Christen, als Volk Gottes in diese aufgeregte Stimmung einzubringen haben, dann ist es der Ruf nach der Besonnenheit und nach Klarheit. Das ist es ja auch, was Jesus von uns will. Schaut genau hin. Vertraut nicht auf Gewalt und Macht. Fragt nach den Menschen, fragt nach Recht und Gerechtigkeit. Er sucht das Heil der Menschen nicht in großen Aktionen, und schon gar nicht in der Anwendung von Gewalt. Gott durchbrach dieses Spiel von Gewalt und Gegengewalt. Er antwortete auf das Geschrei und den Mord an seinem Sohn mit Vergebung und Hoffnung. Und er rief zum Gebet. Denn das Gebet ist gemeint, wenn er sagt: wäret ihr doch mal für einen Moment still! Ja, liebe Gemeinde, die Frage: was können wir Christen tun? Ist sehr einfach zu beantworten: Im Gebet Hilfe suchen und andere zum Gebet einladen. Im Gebet können wir das Elend der Welt vor Gott ausbreiten, im Gebet nach seiner Gnade fragen. So kann uns das Gebet helfen, zur Besinnung zu kommen und neue, andere Wege zu finden und uns von der Hysterie nicht anstecken zu lassen. Im Gebet sind wir nicht nur Redende, sondern auch Hörende. Stillsein meint auch: hört erst einmal gut zu! Und die Antwort des Wortes Gottes auf Terrorismus und Gewalt kann nicht Gewalt sein. Sondern nur das Recht. Wer auf Gewalt mit Gewalt antwortet, der hat schon verloren. So werden wir aus dem Kreislauf nicht herauskommen. Wir müssen nach den Wurzeln des Übels fragen, und die Wurzel des Übels heißt Ungerechtigkeit. Menschen werden bösartig, wenn sie das Gefühl haben, ungerecht behandelt zu werden, in ungerechten Verhältnissen zu leben, benachteiligt und ausgegrenzt zu sein, Menschen werden aggressiv, wenn sie Gefühl haben, nicht gehört, nicht gesehen und nicht ernstgenommen zu werden. Da müssen wir ansetzen. Das ist der Weg des Glaubens. Das ist nur scheinbar eine einfache Antwort. Es ist in Wahrheit eine schwierige Antwort. Wenn Menschen so verzweifelt und so wütend sind, dass sie ihr eigenes Leben wegwerfen, um damit anderes Leben zu zerstören: dann ist das doch auch ein Hilferuf. Dann ist doch etwas faul dort, wo diese Menschen leben. Dann müssen wir unsere Anstrengungen erhöhen, Gerechtigkeit zu schaffen. Und das geht eben nicht mit pauschalen Parolen. Durch den Propheten lässt uns Gott sagen, was uns helfen kann: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht.

Ich glaube, damit ist zum Jahr 2016 viel gesagt, und damit ist auch viel gesagt für das, was wir uns als Christenmenschen für 2017 vornehmen sollten: Ja, wir wollen auf dich hören Gott, lass uns hören, wie Dein Weg aussieht. Wenn wir als Christen zum Frieden in unsere Gesellschaft und in der Welt etwas beitragen können, dann das: Den Ruf nach Gerechtigkeit, nach Besonnenheit und Versöhnung weitergeben. Dass wir damit in der aufgeheizten Stimmung auf Widerstand stoßen, dürfte klar sein. Aber das sollte uns nicht schrecken. Auch Gott hat nicht nachgelassen, nicht einmal der Mord an seinem Sohn konnte ihn davon abbringen, uns Versöhnung, Gnade und Erlösung zu verheißen, wenn wir ihm treu bleiben. Lasst uns diesen Weg gehen: Gott verheißt uns, uns darin zu unterstützen. So kann die Stimme des Glaubens in einer Welt voller Unglauben letztlich nicht anderes sein, als der Ruf zur Vernunft. „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht“. Doch, wir wollen, wir wollen, um Christi willen, Herr, hilf uns!

Amen.

Dienstag, 27. Dezember 2016

Predigt 1. Weihnachtstag Mi 5,1-4

Diese Predigt stand bis gestern als "Premium-Predigt" zum Download bereit. Ich habe sie in Haddamar und Heimarshausen (bei Fritzlar, Gemeinde Züschen) etwas gekürzt, gehalten - mit schönem Echo.



5 1 Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.
2 Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel.
3 Er aber wird auftreten und ]weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. 4 Und er wird der Friede sein.




Liebe Gemeinde!



Eine große Hoffnung wird hier ausgesprochen in hoffnungslosen Zeiten. Eine Hoffnung auf Neuanfang und Wiederaufbau, eine Hoffnung auf eine gerechte Herrschaft und auf eine gute Ordnung. Und sie wird nicht irgendwie und irgendwo ausgesprochen, sie richtet sich nicht an die ganze Welt oder die ganze Menschheit; dann wären es nur große Worte. Sie ist kein leerer Apell, wie wir sie in den letzten Tagen und Wochen so oft gehört haben. Sie ist ganz konkret. Sie nennt den Namen eines Ortes: Das kleine Bethlehem, ein Dorf in der Nähe von Jerusalem, und Ephrata ist eine kleine Sippe darin. Aus diesem kleinen Bethlehem, aus dieser kleinen Sippe soll der kommen, der das Land, nämlich das Israel des siebten Jahrhundert vor Christus, wieder in den Frieden und die Herrlichkeit führen wird.



Gesprochen wurden diese Worte zu einer Zeit, als das Land unter Krieg, Plünderung und Terror litt wie kaum zuvor. Assyrien, der Feind aus dem Norden, dem heutigen Irak, hat mit unglaublicher Rohheit und Gewalt das Land erobert, die Oberschicht entführt, die ohnehin wenigen Schätze geplündert, Menschen versklavt, Städte geschleift, Ernten vernichtet. Die Prophetenbücher von Hosea, Amos Jesaja und Micha geben uns ein anschauliches Bild davon. Wir kennen die Bilder auch. Gerade in diesen Tagen haben wir Bilder von Aleppo vor Augen: die zerbombte Stadt, die verstörten Menschen. Flüchtlinge, die von einer Not in die nächste flüchten, Soldaten, die kaum unter Kontrolle gehalten werden können. Und kaum kann man Freund und Feind auseinanderhalten, immer wieder hören wir von neuen Greueln, sehen wir vor allem das Leiden der Zivilbevölkerung. Bomben und Granaten machen keinen Unterschied. Der Krieg ist ein Elend und der Krieg verursacht Elend. Und eben nicht nur dort, wo er tobt. Sondern bis zu uns reichen die Wirkungen. Die Bluttat von Berlin hat uns das erschreckend nahegebracht, hat auch uns in Ohnmacht, Schock, Wut und Trauer versetzt. Wir müssen ohnmächtig zuschauen. Wir bekommen nur bruchstückhafte Informationen, denen man kaum trauen kann. Denn das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Darum zerstört ein Krieg nicht nur Städte und Menschen. Er richtet auch in den Herzen und Köpfen der Menschen Zerstörung an, er sät Hass und Vergeltungswünsche, er sät Rache und Verzweiflung über Generationen hinweg, er streut Verunsicherung und Angst, er erzeugt Geschrei, Gerücht und Lüge.



Darum genügt es nicht, nach dem Waffenstillstand oder nach dem Friedensschluss einfach nur aufzuräumen, oder sich zurückzulehnen, wenn ein Attentäter festgenommen wurde. Es muss mehr geschehen: Die Herzen der Menschen müssen geheilt werden.



Davon spricht der Prophet Micha. Das ist es, was er ankündigt. Nicht die Geburt eines neuen Königs, der neuen Krieg bringen wird. Nicht ein neues Herrscherhaus, das neue Zwietracht und Gewalt bringen wird. Er spricht von einem Neuanfang, der tiefer geht. Selbst die Tage der Schwangerschaft der werden noch Tage des Leidens sein. Aber wenn die Frau geboren hat, wird das anders werden. Dann wird ein Herrscher kommen, der einen neuen, einen anderen Frieden bringen wird: Frieden für die Herzen. Er wird kein Wolf sein, sondern ein Hirte. Er wird nicht nur sein Volk befrieden, sondern die ganze Welt. Dieser König wird aus Bethlehem kommen, aus dem Stamme Efrat: die Zeitgenossen haben das sofort verstanden. Denn aus Bethlehem, aus dem Stamme Efrat, stammte David, der große, erste König des Landes, der das Land geeinigt hat und vor der Gefahr der aggressiven Nachbarn beschützte. Und die Zeitgenossen des Propheten Micha haben in seinen Worten noch mehr gehört: eine beißende Kritik an den Königen nach David. Sie haben es verdorben. Sie haben es, um einen jüdischen Ausdruck zu verwenden, im wahrsten Sinne des Wortes vermasselt. Darum wird Gott mit seinem Volk noch einmal von vorne beginnen, noch einmal aus dem kleinen Bethlehem einen König erwecken, der einen anderen Weg geht. Der Prophet spricht Worte der Hoffnung, die aber zugleich auch Worte des Gerichtes und der Kritik sind: Der Weg von Macht und Gewalt ist der falsche, er führt nur immer wieder von Krieg zu Krieg, von Trümmerstädten zu Trümmerstädten, von Gräbern zu Gräbern. Guernica, Hiroshima, Dresden, Aleppo, Paris, Nizza, Berlin. Wir haben die Bilder vor Augen. Wir hören, wie wahr das ist. Aber wir hören auch von der Hoffnung aus Bethlehem.



Für uns heute hat der Name Bethlehem einen vertrauten Klang. Denn die Prophezeiung hat Jahrhunderte gebraucht, bis sie in Erfüllung ging. Bis in Bethlehem, aus dem Stamm und der Familie Davids, ein Kind geboren werden sollte, mit dem sich alles änderte. Der Neuanfang aus Bethlehem: Das ist Jesus Christus, der König der Herzen. „Fürchtet Euch nicht! Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird: denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids“ verkündigen die Engel den Hirten auf dem Felde, und die verstehen die Botschaft sofort. Christus ist geboren: das ist der gesalbte Herrscher, der lang erwartete neue König. Und später singen die Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!“ Gott wird Mensch, damit wir Menschen einander Menschen werden. Mit diesem Kind kam eine Hoffnung in die Welt, die die Welt so vorher nicht kannte. Mit diesem Kind kam Gott selber als barmherziger und gnädiger Gott in die Welt, der die Kranken heilte, die Verzagten aufrichtete und den Sündern vergab, und allen Menschen gilt diese Botschaft. Er richtete ein neues Reich auf, das nicht von dieser Welt ist. Ein Reich des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Und auch er wurde hineingeboren in eine Welt voller Gewalt und Grausamkeit, ja, er musste Gewalt und Grausamkeit selber erleben. Der Weg von der Krippe führt an das Kreuz. Doch er schlug nicht zurück. Er übte nicht Rache. Er wollte keine Vergeltung. Auf den Ausbruch menschlicher Gewalt am Kreuz, die vor einem unschuldigen und friedfertigen Menschen nicht zurückschreckte, antwortet Gott mit noch größerer Liebe, noch größerer Gnade, noch größerer Versöhnung. Das ist die christliche Hoffnungsbotschaft, die wir an Weihnachten verkünden, und sie ist eine Botschaft für die ganze Welt. Niemals mehr wird im Namen Gottes Krieg geführt werden, und die es tun, sind nichts anderes als elende Verbrecher und Schänder des guten Namen Gottes. Sie vergehen sich an Gott selber, wenn sie Krieg führen in seinem Namen, sie vergehen sich an dem Kind, wie es schon Herodes versuchte, als er alle Säuglinge in Bethlehem töten ließ. Sein Machtinstinkt hatte gerochen, dass dieser König anders sein wird, dass er alle menschliche Macht und alle menschliche Gewalt als Mittel der Macht in Frage stellen wird. Doch es gelang ihm nicht, wie es auch denen nicht gelang, die es nach ihm versuchten, als sie Christus kreuzigten. Die Botschaft von Weihnachten war in der Welt, und sie konnte aus ihr nicht mehr vertrieben werden. Darum tun wir recht daran, dieses Fest so groß zu feiern, und darum tun wir recht daran, diese Botschaft in die ganze Welt zu tragen, ob das den Mächtigen, passt oder nicht. Und wir tun es gerade angesichts von Aleppo und Berlin. Denn noch ist die Welt voller Gewalt. Noch ist das Reich des Friedens nicht endgültig angebrochen. Noch warten wir darauf, dass er endgültig kommen wird und sein Friedensreich aufrichten wird. Derselbe Prophet Micha hat die schönen Worte gesagt. „Dann werden sie die Schwerter zu Pflugscharen machen“. Bis dahin aber haben wir diese Worte vom Frieden unauslöschlich im Herzen. Bis dahin wissen wir, dass Frieden eben mehr ist als Wiederaufbau und Neuanfang. Wir wissen nun, dass Frieden nur sein kann, wo Versöhnung stattgefunden hat. Das ist das tiefe Geheimnis der Weihnacht, die uns so berührt: Versöhnung an der Krippe, Versöhnung angesichts eines hilflosen Kindes, in dem doch alle Macht Gottes leuchtet. Das ist eine Botschaft auch für Aleppo und Berlin und die Menschen dort, aber auch für uns: Wir können, wie die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland, diesen Frieden in unsere Herzen holen, wenn wir Gott anbeten und loben und preisen und ihm danken für seine Gnade. Wir sind nicht ohnmächtige Zuschauer, wir können etwas tun: Beten können wir, und aus der Kraft des Gebets Zuversicht schöpfen für die geschundene Schöpfung. Aus dem kleinen Bethlehem, nicht aus dem Palast der Mächtigen, kam und kommt die Kraft, die Welt zu verändern. Im Licht der Weihnacht liegt selbst über den Trümmern von Aleppo und den Toten von Berlin noch der Glanz der göttlichen Herrlichkeit, die uns zum Frieden führen will: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“. Diese Botschaft gilt der ganzen Welt, und sie ist sehr konkret, denn sie hat einen Namen: Jesus Christus. Amen.



















Fürbitte



Lass es Weihnachten werden, Herr unser Gott, in unseren Herzen und in die ganze Welt. Lass alle Welt das Licht erkennen, das uns aus der Krippe leuchtet.



Bewege die Herzen der Mächtigen, einen Frieden zu finden, der mehr ist, als das Schweigen der Waffen.



Bewege die Herzen der Völker, eine Versöhnung zu finden, die Gräben zuschütten und Hass beendet.



Nimm denen die Waffen aus der Hand, die mit ihnen meinen, das Heil der Welt zu finden.



Reiße denen dein Wort aus dem Mund, die damit neuen Hass säen wollen und meinen, sich auf dich berufen zu können.



Stifte Frieden auch unter den Religionen: Lass sie deine Barmherzigkeit erkennen.



Deiner Kirche schenke den Mut, unverdrossen Botschafterin deines Friedens zu sein, der höher ist als unsere Vernunft.



Unsere Gemeinde führe an die Krippe, dass wir innerlich vor dir auf die Knie gehen wie die Hirten und die Weisen.



Den Geschundenen und Gequälten schenke eine neue Hoffnung.



Wir denken insbesondere an die Opfer der Bluttat von Berlin und alle, die davon betroffen sind: Sende Ihnen Menschen, die trösten und Gedanken, die heilen.



Und führe uns zum Gebet, in dem wir uns vereinen als dein Volk aus Völkern, dass die Erde ein Ort des Friedens werde.



Amen.

Freitag, 23. Dezember 2016

Predigt an Heiligabend, 1. TIM 3, 16. Der große Gott macht sich klein





ANSPRACHE 1. TIM 3, 16

16 Und groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens:

Er ist offenbart im Fleisch,

gerechtfertigt im Geist,

erschienen den Engeln,

gepredigt den Heiden,

geglaubt in der Welt,

aufgenommen in die Herrlichkeit.

 

Groß ist das Geheimnis des Glaubens: er ist offenbart im Fleisch! Und das heißt:

Gott macht sich klein.

Das ist die christliche Botschaft in Reinstform. Und sie ist ganz einfach, sie ist ganz schlicht, so einfach und so schlicht wie die Krippenszene: Der große Gott macht sich klein. Er trägt Windeln. Deswegen wird dieses Detail so betont. Der große Gott trägt Windeln.

 

Ich bin großgeworden in einer Familie von Bauern und Handwerken. Sie betrieben alle Landwirtschaft im Nebenerwerb, wie man heute sagt. Ich bin also großgeworden mit Tieren: Schweine, Enten, Hühner, Kühe, Schafe. Ich schlief schräg über dem Schweinstall. Das Grunzen und Quieken war mein täglicher Begleiter. Ich habe das gemocht. Was ich weniger mochte: die Gerüche. Es stank. Nicht nur nach Mist und Gülle, sondern auch nach säuerlichen Schweinekartoffeln, nach Silage, und von den Kuhställen nebenan der scharfe Geruch von Kuh und Milch. Oft habe ich im Stall gestanden und mir überlegt: Hier ist also Jesus geboren. Der muss doch gestunken haben. War ich drei Minuten im Kuhstall, habe ich drei Tage lang gerochen! wer Kühe kennt, kennt das. Und dann die Geschichte mit den Königen aus dem Morgenland. Die bringen Weihrauch mit. Weihrauch kannte ich. Meine DDR-Verwandtschaft schickte uns immer Räuchermännchen mit Weihrauchkerzen. Ich stand also im Stall und überlegte mir, wie das wohl gerochen hat: Weihrauch und Mist. Und dann kamen ja auch noch die Hirten. Die rochen nach ungewaschen und Schaf. Wie mag es da im Stall gerochen haben? Dann bekam ich einen Bruder. Ich lernte also auch noch den Geruch von Säuglingen kennen. Auf der einen Seite das Süßliche, Milchige das leicht auch etwas Säuerliches bekommen kann, auf der anderen Seite natürlich Windeln. Das ganze Haus roch danach, über Monate.

So also roch es da in Bethlehem. Nicht nach Plätzchen, Glühwein, Gans und Tannenbaum. Es war kein gemütlicher Ort, und für die frisch entbundene Wöchnerin sogar lebensgefährlich.

 

Der große Gott macht sich klein. Wir erzählen da an Weihnachten eine ganz ungeheure Geschichte. Wir erzählen eine Geschichte, die allem, was man so über Gott denkt, krass entgegensteht.

Die Hirten haben das verstanden. Sie haben es natürlich nicht sofort geglaubt, aber sie haben es sich angesehen. Und sie haben verstanden, dass der Engel Recht hatte. „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist der Christus“. Der lang verheißene König. Die Armen und die Außenseiter – und genau das waren Hirten damals – haben sofort verstanden. Sie fallen auf die Knie, beten an. Sie haben verstanden, dass Gott zu ihnen gekommen ist, als einer von Ihnen.

Der große Gott macht sich klein.

Die Weisen aus dem Morgenlande aber – die haben lange gebraucht um es zu verstehen. Sie haben einen Stern gesehen: ein König wird geboren, weit im Westen. Sie meinten nämlich, den Willen Gottes aus den Sternen und aus ihrer Weisheit zu erkennen. Und so machen sie sich auf, und wo suchen sie den neugeborenen König? Natürlich dort, wo jeder, der einen Funken verstand hat und was von der Welt versteht, ihn suchen würde: im Palast des Königs.  doch das war ein fataler Missgriff. In Wahrheit hatten sie nämlich überhaupt nichts verstanden. Weisheit führt nicht zu Gott. Weil sie Gott in den Sternen gesucht haben. Ihre Weisheit führte sie in die Irre, denn wir alle kennen die Konsequenzen: Herodes lies alle Kinder unter zwei Jahren in Bethlehem ermorden. Was für ein entsetzliches Gemetzel!

Der große Gott wird klein. Die Weisen fanden am Ende en richtigen Weg: weil Herodes die Schriftgelehrten aus der Bibel vorlesen ließ, woher denn der neue König kommen sollte. Aus Bethlehem, lasen sie beim Propheten Micha, gar nicht weit von Jerusalem. Die Weisen zockelten dorthin, und was sie fanden, wissen wir ja nun. Ich wäre gerne bei ihrer Ankunft dabei gewesen: die erstaunten Blicke! die zugehaltenen Nasen!  Aber sie haben es dann offensichtlich verstanden und ihre Weisheit Weisheit sein lassen: sie glaubten, was sie sahen: Sie huldigen dem kleinen Kid, als wäre es ein König. Und das war er ja auch. Der große Gott, den alle zu kennen meinen,  macht sich klein.

Das nämlich hat Herodes sehr gut begriffen. Er war ein brutaler Gewaltherrscher von der Römer Gnaden, einer der größten Widerlinge der Geschichte. Er geriet in Panik, erst als die Weisen von einem neugeborenen König redeten, aber vollends drehte er durch, als die Schriftgelehrten ihm erklärten: das wird der Nachkomme des Königs David sein, der in Bethlehem geboren werden wird, wie die Propheten sagen, und ein neues Reich aufrichten wird. Keine gute Nachricht für einen Tyrannen. Er verstand sofort: dieses Kind wird die Welt verändern. Gerade weil es so niedrig und so schwach geboren wurde. Der Gott, der hier in der Krippe liegt, ist nicht der Gott der Koppelschlösser und der Kriegsfahnen. Der Gott, der hier in der Krippe liegt ist auch nicht der Gott der Philosophen, der Naturschwärmer und der Weltverbesserer, das ist nur der Schatten von Gott. Der Gott, der hier in der Krippe liegt, ist der Gott, der Mensch geworden ist.

Groß ist das Geheimnis. In der Tat. Und es bleibt für uns immer wieder ein Geheimnis. Immer wieder fallen wir auf unsere Träume von Gott herein, immer wieder arbeiten wir uns an einem Bild von Gott ab, das gar nicht Gott ist, sondern ein Zerrbild unserer Angst und unserer Träume. Der große Gott macht sich klein, nicht, wie er ohnmächtig ist, sondern weil seine Macht die größte Macht ist, die es überhaupt gibt: die Macht der Liebe! Darum wird er Säugling, liegt in der Krippe, zwischen Vieh und Futter, in Gestank und Durcheinander, darum riskiert er sein Leben von Anfang an: damit wir ihn dort sehen und ihn lieben lernen, wie man eben einen Säugling liebt und einen liebenswürdigen Menschen, zu dem der Säugling dann wurde..

Haben wir dieses große Geheimnis wirklich verstanden? Wir vergessen es immer wieder. Zu groß ist die Verlockung der Macht, zu groß ist die Verlockung von Besitz, Erfolg und Rechthaberei, immer wieder fallen wir hinter Weihnachten zurück, immer wieder träumen wir uns einen Gott, der größer ist als wir selbst, weil wir meinen, dass wir dann auch größer sind, immer wieder fallen wir hinter den Glauben zurück. Das hat zu schrecklichen Ereignissen geführt: wenn die Kirche vergessen hat, wie sich uns Gott gezeigt hat und an die Stelle des menschgewordenen Gottes wieder einmal den Popanz unserer Träume von Macht und Gewalt gesetzt hat. Kein Wunder, das viele Menschen sich davon abwenden! Der Gott in der Krippe aber will keine Fanatiker: er will herzliche Menschen.

Darum, meine Lieben, hören wir diese Geschichte immer wieder, Jahr für Jahr, seit 2000 Jahren, darum feiern wir Weihnachten und all die andren schönen christlichen Feste, darum feiern wir jede Woche Gottesdienst, damit wir eine Chance haben, dem großen Gott zu begegnen, der darin groß ist, dass er sich klein macht. Und warum tut er das? Warum wird er Fleisch, warum wird er Mensch? Damit wir lernen, den Menschen zu lieben. Damit wir in jedem Menschen das Ebenbild Gottes erkennen, das Kind in der Krippe. Damit auch wir barmherzig werden, und der Glaube uns zu unserer Menschlichkeit bringt. Die alte Welt, die Welt der Gewalt, der Lüge und der Rechthaberei, die Welt von Krieg und Mord und Totschlag, sie ging an diesem Abend zu Grunde. „Welt ging verloren, Christ ist geboren“, singen wir am Ende des Gottesdienstes. An Weihnachten beginnt, mitten in der alten Geschichte, eine neue Geschichte: die Geschichte der Liebe.

Kommt mit an die Krippe, fallt auf die Knie wie die Hirten und die Weisen, betet ihn an und werdet Teil dieser Geschichte, der besseren Geschichte, der Geschichte der Liebe, denn aus dem erbärmlichen Anfang kommt ein herrliches Ende: der Tod wird besiegt.  Ja, das ist ein Geheimnis. Aber ein öffentliches Geheimnis, das wir Christen hinausrufen in die Welt: Die alte Welt vergeht, weil die neue Welt Gottes angebrochen ist, mitten unter uns. Im Gestank und in der geistigen und weltlichen Armut der Welt leuchtet in einem Kind das Licht des ersten Schöpfungsmorgens, denn er will, wie am ersten Tag, alles neu machen. Das ist unsere Hoffnung, dass ist unser weihnachtlicher Glaube.

Denn groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens:

Er ist offenbart im Fleisch,

gerechtfertigt im Geist,

erschienen den Engeln,

gepredigt den Heiden,

geglaubt in der Welt,

aufgenommen in die Herrlichkeit.

Amen.

 

Mittwoch, 16. November 2016

Predigtskizze zu Buß- und Bettag, Mt 11, 28-30


Mt 11, 28-30

 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

 

Keine Mahnung, kein Schimpfen.

Sondern eine Einladung: an alle! Keine Eingangsbedingen, keine Glaubensprüfung, keine Voraussetzungen außer: die eigene Not kennen.

Nicht an die Frommen, nicht nur an das eigene Volk.

Alle sollen Ankommen bei Jesus

Der Ruf der Barmherzigkeit

Barmherzigkeit:

Zuwendung und Wertschätzung gegenüber Geschöpfen in Not

Und in Not sind wir alle. Es ist die Not der Gottesferne.

Wie kann man sie überwinden?
In dem man Jesu Ruf annimmt und sich von ihm zur Barmherzigkeit führen lässt, die die Last und die Not der anderen sieht – und in ihr die eigene.

Drei Beispiele für Barmherzigkeit, die unglaublich aktuell sind.
- Mt 25: die sieben Werke der Barmherzigkeit.

Hungrige speisen, Durstigen tränken, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote  begraben, was ihr getan habt einem der geringsten unter meinen Brüdern, das habt ihr mir getan: Gottesbegegnung im einfachen Tun des Guten.

Lk 10: Der Barmherzige Samariter. Hilfe ohne wenn und aber, Hilfe ohne Fragen, nachhaltige Hilfe.

Mt 20: Arbeiter im Weinberg.

Schaust du so scheel, weil ich gütig bin? Wem geschieht Unrecht, wenn anderen Gutes geschieht?

Umkehr, Buße meint: Umkehr zur Barmherzigkeit.

Beten meint: Beten um die Kraft dafür.

Das sanfte Joch: keine Heldentaten, sondern einfaches Tun. Ankommen bei der Menschlichkeit, Einsetzen der Mittel, die man hat (wie der barmherzige Samariter):

Sorgfalt, Gelassenheit, Tatkraft.