Donnerstag, 12. Oktober 2017

Der reiche Jüngling. Mk 10, 17-27, 15.10. Züschen



Mk 10,17-27
17 Und als er sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? 18 Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. 19 Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.«

20 Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. 21 Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!
22 Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.
 23 Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: [a]Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!
24 Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen! 25 Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. 26 Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden? 27 Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.


Liebe Gemeinde°
„Zum Gelde drängt, am Gelde hängt doch alles“, reimte der vermeintlich allwissende alte Heide Goethe. Aber eines wusste er offensichtlich nicht: Das Reich Gottes hängt nicht am Gelde. Es hängt am Glauben. Und Glauben ist ein festes Vertrauen darauf, dass Gott uns gnädig ist aus reiner Liebe – und das heißt, Gott wartet nicht darauf, dass wir etwas tun. Er schenkt uns, was wir brauchen, nicht, was wir verdient haben.

Und das ist der eigentliche Witz der Geschichte vom reichen Jüngling. Sie klingt ja auf den ersten Blick recht erschreckend. Alles weggeben? Das ist hart. Für einen Armen vielleicht nicht so sehr, aber für einen Reichen schon. Und wir sind Reiche! Das Gleichnis fährt uns die Knochen! Hindert uns unser Reichtum, unser gutes Leben daran, in der Nähe Gottes zu leben? Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr, als das ein Reicher in das Reich Gottes kommt? Das klingt nach einem vernichtenden Urteil.

Und das genau ist die Falle, in die auch der reiche Jüngling tappt. Es ist nicht das Geld, das ihn von Gott entfernt. Sondern es ist das, was das Geld mit ihm macht. Denn Geld hat so eine ganz eigene Logik, die tief in uns sitzt. „Nichts ist umsonst“, heißt diese Logik, „Nichts wird dir geschenkt“, heißt diese Logik. Wer reich ist, hat hart dafür gearbeitet, und wenn er es geerbt hat, dann haben seine Vorfahren daran hart gearbeitet. Geld muss verdient werden. Geld lebt davon, dass wir in Gabe und Gegengabe denken. Geld gibt den Dingen einen Wert, an dem wir die Dinge messen. Selbst Menschen werden in Geld gemessen, wenn wir für die Zeit und die Kraft, die wir investieren, unseren Lohn kriegen. Das scheint ein ehernes Gesetz zu sein, das ganz tief in uns sitzt. Es ist die Logik des Tauschens, die im Kern heißt: Ich gebe, damit du gibst.
Das ist die Denk- und Glaubensfalle, in der der reiche Jüngling sitzt.
Er fragt ganz in diesem Sinne: Was muss ich tun, damit ich das Reich Gottes ererbe? Schaut man genau hin, dann ist das sogar eine ganz und gar fatale Frage: Hier wird sogar das Erbe als Belohnung verstanden! Das kennen wir ja auch: Das Erbe als Belohnung. Wenn Du dich als Kind gut und richtig verhältst, wenn Du tust, was Deine Eltern wollen, dann wirst du erben. Und wenn nicht, dann wirst du enterbt. Ich denke, jeder von Euch kennt Familiengeschichten, wo gerade die Frage des Erbes Familien über Generation entzweit hat. Die Logik des Geldes, die nur in Gabe und Gegengabe, nur in Lohn und Verdienst denken kann, ist vernichtend. Wenn wir nur bekommen, was wir verdienen, steht es schlecht um die Gerechtigkeit in einer Gesellschaft.
Jesus nun packt den Jüngling genau bei diesem Denkfehler. Der Jüngling stellt die falsche Frage, also bekommt er auch die passende Antwort: „Du weisst genau, was du zu tun hast!“ Jesus spürt, dass der junge Mann mit schlechtem Gewissen vor ihm steht, wie die allermeisten von uns ja auch. Jesus zitiert zuerst aus den zehn Geboten: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.«
Das tue ich doch alles, sagt der Jüngling, ich bin ein guter und frommer Jude. Also, sagt Jesus, dann weisst du ja auch, was als Nächstes zu tun ist.
Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!
Jesus sagt er ihm, was er längst weiß: Du musst alles den Armen geben. Du musst Dein Leben radikal ändern. Keine Frage, dass das den Jüngling traurig macht und erschreckt. Er geht betrübt von dannen.

Und auch die Jünger erschrecken zutiefst. Nicht nur weil die Forderung Jesu so hart ist, dass niemand auf der Welt sie erfüllen kann – oder will. Sondern weil sie wohl  auch spüren, dass in dieser Antwort noch mehr liegt, dass hier ein grundlegender Denkfehler vorliegt. Sie sind tief beunruhigt. Aber Jesus löst das nicht einfach auf. Er gibt ihnen zu denken: Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr, als das ein Reicher in das Reich Gottes kommt. Aber bei Gott ist alles möglich!
Nur, was ist bei Gott möglich?
Bei Gott ist möglich – dass die Logik von Gabe und Gebengabe gar nicht funktioniert. Dass Gott gar nicht denkt wie ein Banker, ein Lehrer oder ein Arbeitgeber! Das ist der Schlüssel. Wir denken so. Er aber denkt wie ein liebender Vater, der seinen Kindern schenkt, was sie brauchen, allein, weil sie seine Kinder sind. Gott schachert nicht.

Das erzählt Jesu in seinen Gleichnissen immer und immer wieder. Alle Arbeiter im Weinberg bekommen denselben Lohn, trotz unterschiedlicher Arbeitszeiten: Aber sie bekommen alle den maximalen Lohn, damit alle davon auch leben können! Der jüngere Sohn, der sein Erbe verjuxt und verprasst hat, wird wieder aufgenommen, ohne Wenn und Aber, ohne Bedingungen und ohne Vorhaltungen, einfach, weil er der Sohn ist. Das kommt uns ungerecht vor. Immer wieder, wenn ich gerade diese Gleichnisse mit Konfirmanden oder Schülern oder an Bibelabenden auch mit Erwachsenen besprochen habe, gab es an dieser Stelle Widerstand. Wie, Gott belohnt nicht? Heißt das auch, das Gott nicht straft? Ja, genau das heißt es. Das ist nämlich der Kern unseres Christlichen Glaubens. Unsere Sünde – und von der ist ja hier die ganze Zeit der Rede -ist uns immer schon vergeben, weil Jesus alle unser Schuld auf sich nimmt. Wir können vor Gott treten als freie und befreite Menschen, ohne Angst und ohne Furcht, und wir müssen auch kein Zeugnis vorlegen. Das Leben ist keine Castingshow, in der nur die Guten weiterkommen. Wer ist schon gut? Wer bitte liebt seine Kinder nur, wenn sie brav sind? Und wenn, würden wir das Liebe nennen?
Das also ist der Denkfehler des reichen Jüngling: Hier muss er sich ändern. Wenn er jetzt sein ganzes Erbe auflöste, nur um sich die Liebe Gottes zu verdienen, wäre er keinen Schritt weiter, die Heuchelei bekäme nur eine zusätzliche Umdrehung: Die Armen werden zum Instrument seiner Erlösung.  
Was muss ich tun, damit ich das Reich Gottes ererben? Fragt er. Die unglaubliche Antwort muss lauten: Gar nichts! Du hast schon längst geerbt. Du bist schon reich beschenkt. Das Reich Gottes steht dir offen, sobald du begreifst, dass es das Reich der Liebe ist!

Das kann problemlos wegfallen: 
Und was ist nun mit seinem Reichtum? Nun, auch hier ist die Antwort letztlich ganz einfach. Wer verstanden und begriffen hat, dass er von Gott reich beschenkt ist, wer verstanden hat, dass er von Gott unter allen Umständen geliebt wird – hat er nicht schon den größten Schatz des Leben gefunden? Wird der nicht bereit sein, abzugeben, zu teilen und helfen, wo es nur geht? Tun wir für die, von denen wir geliebt werden und für die, die wir lieben, nicht alles Mögliche, und tun wir das nicht sogar gerne? Kommt aus der Liebe nicht die Hingabe? Wer meint, sich die Liebe verdienen zu müssen, wird ein unglücklicher Mensch werden, weil es so nicht funktioniert. Wer sich aber geliebt weiß, hat schon den schönsten Schatz auf Erden, und wird darum nicht am Gelde hängen und am Gelde drängen. Darum, meine Lieben hat der Glaube ein ganz nüchternes Verhältnis zum Geld. Es ist ein Zahlungsmittel. Es ist auch ein Ermöglichungsmittel. Wer Geld hat, der hat die Möglichkeit auf eine Art und Weise zu helfen und zu unterstützen, die andere nicht haben. Darum liegt im Geld auch eine Verantwortung – aber eine vor den Menschen, nicht vor Gott. Es wäre doch auch niemanden geholfen, wenn alle gleich arm wären! Es sollen alle gleich reich sein! Nicht der Reichtum hindert uns, zu Gott zu gelangen. Sonderns das fatale Denken, dass der Reichtum in uns auslöst Wir wissen nicht, ob der Jüngling das eines Tages doch noch verstanden hat. Es ist kein leichter Gedanke. Aber was wäre ihm doch zu wünschen.
Die Jünger haben es eines Tages verstanden. Sie haben es verstanden. als Gott am Ostermorgen seinen Mördern, Verleugnern und Verächtern den auferstandenen Jesus entgegensandte und so ein Zeichen seiner Gnade setzte: Da haben sie verstanden, dass wir vor Gott nichts verdienen müssen, weil wir das gar nicht können. Sondern Gott beschenkt uns reich, reicher, als wir es jemals könnten.

 
Wann also kommt auch ein Reicher in den Himmel? Wenn er aufhört, in der Logik des Geldes zu denken, in der Logik von Verdienst und Würdigkeit, in der Logik von Gabe und Gegengabe. Ein Reicher ist schon genau dann im Himmelreich, wenn er begreift, dass auch sein Reichtum ein Geschenk ist. Ein Geschenk Gottes an ihn, auf seine Weise gutes zu tun. In dem er Menschen in Lohn und Arbeit bringt, in dem spendet und stiftet, indem mit dem Geld Barmherzigkeit übt. Nicht um wieder geliebt zu werden, sondern um Gottes Liebe weiterzugeben. Der Unterschied klingt nur minimal, aber eist gewaltig: Es ist der Unterschied von Lohn und Geschenk. Was das für unser Zusammenleben bedeutet, muss ich wohl kaum weiter ausführen. Wenn wir die Frage stellen: Hast Du das auch verdient? Steht dir das auch zu? Dann bauen wir eine ungerechte Gesellschaft, in der die Armen, Verlorenen, die Schwachen, Kranken, die Seltsamen und die Schwierigen keine Chance haben.
Die einfache Frage aber: Was brauchst du? Was kann ich für dich tun?  – geht durch die offene Tür des Himmelreiches und bringt die Liebe in die Welt.
Hoffen, wir, dass der Jüngling doch noch dazu gekommen ist, die richtige Frage zu stellen:
Meister, ich von Gott so reich beschenkt, was kann ich damit tun? Es hängt eben nicht alles am Gelde. Es hängt alles an der Liebe.

Amen.

Samstag, 2. September 2017

Gute Nachrichten! Jes 29, 17-24, Predigt 12. S.n.Tr, Züschen



Gute Nachrichten!
Jes 29, 17-24
17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. 18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;
 19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. 20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, 21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie [a]zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.
22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. 23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. 24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.
Liebe Gemeinde!

Früher war alles besser! Morgen wird alles noch schlechter! Wir leben offensichtlich in einer Welt, die dem Abgrund entgegensteuert. Täglich kommen neue Nachrichten darüber, was alles Gräßliches passiert. Die Welt scheint nur noch von Verrückten regiert zu werden. Trump, Erdogan, Kim Il Jung, der Brexit, Venezuela. Die gesamte Ordnung scheint in Gefahr: Afrika löst sich offensichtlich auf, der Nahe Osten ist ein Pulverfass wie nie, und in Großbritannien spielt die Politik ganz offensichtlich eine Komödie von Shakespeare.
Wir haben Wahlkampf: Die Parteien überbieten sich darin, die Welt – vor alle die anderen Parteien – schlechtzureden, um ihre Lösungen anzubieten, viele vergreifen sich dabei sehr im Ton, und gehen bis an die Grenze des Menschenverachtenden und darüber hinaus. Krankheiten, Umweltkatastrophen, der unleugbare Klimawandel, Nahrungsmittelskandale halten uns in Atem. Im Internet tobt ein Kampf der Meinungen, der längst weit unter der Gürtellinie ausgetragen wird und für einen denkenden Menschen in weiten Teil kaum noch zu ertragen ist. Selbst die Alltagsgespräche kreisen sehr oft nur darum, was alles wieder schlechter geworden ist.
Nur schlechte Nachrichten? In der Welt der Nachrichten gibt es einen ganz üblen, ganz bösartigen Satz: Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Denn nur daran bleiben die Menschen hängen. Der alte Zeitungswitz lautet: Hund beißt Mann: das ist keine Nachricht. Mann beißt Hund: das ist eine Nachricht.
Wir haben einen großen Hang nach schlechten Nachrichten. Wir sind offensichtlich von Natur aus Gaffer und Pessimisten. Gaffer: dass sind die Leute, die bei einem Unfall langsamer fahren, um zu starren. Unglück zieht uns magisch an. Denn wenn wir das Unglück andere sehen, spüren wir das eigene Glück viel stärker – das meinen wir jedenfalls. In Wahrheit funktioniert das nicht. Jede schlechte Nachricht, die wir hören, verändert unsere Gehirn und unsere Seele. Da kann es einem das leicht so gehen wie einem Arzt: Wer sein Leben lang nur mit kranken Menschen zu tun hat, der hat schnell den Eindruck, alle Menschen sind krank. Wir sind darauf gepolt, das schlechte zu sehen. Und das tut uns gar nicht gut. Klatsch und Tratsch, Geschwätz und Lügen verbreiten sich auf diese Weise nämlich ungeheuer schnell. Und dann schaukelt sich das ganz schnell hoch, um am Ende denke alle: Die Welt wird immer schlechter.
Das hängt auch damit zusammen, dass wir immer nur das wahrnehmen und verstehen, was wir gerade sehen und hören. Wir sind sehr bestimmt von dem, was wir gerade im Moment erleben. Nehmen wir das Wetter: Der Sommer war kein guter Sommer. Erwartet haben wir etwas Anderes. Dabei spricht die Statistik eine ganz andere Sprache. Der Sommer war überdurchschnittlich warm. Wärme und Kälte waren nur recht ungleich verteilt.
Und so ist es mit vielem. Menschen haben verständliche Angst, in Großstädten auf große Feste und offene Plätze zu gehen, wegen der terroristischen Anschläge der letzten Monate. Aber Menschen haben keine Angst, Gardinen aufzuhängen und sich dabei mit Hausschuhen auf den Küchenstuhl zu stellen. Im vergangenen Jahr sind ca. 150 Menschen durch Anschläge in Deutschland ums Leben gekommen. Aber über 5000 haben sich einen tödlichen Stromschlag, einen Genickbruch oder eine Vergiftung zugezogen – bei der Hausarbeit. 2015 starben 136 Menschen bei Flugzeugunfällen – bei insgesamt 37,6 Millionen Flügen und insgesamt 68 Unfällen. Auf der Straße sterben jährlich rund 5000 Menschen. Aber wir haben Angst vorm Fliegen – worauf ich hinauswill: Unsere Neigung, dass wir uns nur schlechte Nachrichten merken und von ihnen gefesselt werden, führt dazu, dass wir ein falsches Bild von der Welt bekommen. Insgesamt entwickelt sie sich nämlich in vielem positiv. Auch wenn wir im Fernsehen ständig Kriege sehen: ihre Zahl hat seit 1945 abgenommen, die Zahl der Kriegstoten ist gesunken. Die Gewaltkriminalität, die immer im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, sinkt bei uns in Deutschland jedenfalls, stetig. Der Hunger in der Welt ist dramatisch weniger geworden – seit 1990 hungern ein Drittel weniger Menschen – es sind natürlich immer noch zuviel.

Wenn wir unser Gehirn nur mit schlechten Nachrichten füttern, ohne sie im Einzelnen zu überprüfen, dann vergiften wir uns und verlieren die Wirklichkeit aus den Augen. Wir werden immer weniger in der Lagen sein, das Gute und das Bessere zu sehen.
Aber woher die guten Nachrichten nehmen? Liebe Gemeinde, der Glaube ist die Gute Nachricht aller guten Nachrichten. Es ist die Nachricht darüber, dass Gott die Welt zu Guten bestimmt hat. Es ist die gute Nachricht, dass in der Welt die Liebe regiert, auch wenn das Böse scheinbar die Oberhand hat. Das ist die Gute Nachricht, und „gute Nachricht“ ist einfach nur die deutsche Übersetzung von Evangelium. Der Prophet Jesaja überbringt diese gute Nachricht dem Volk Israel in einer Situation, in der der Untergang unausweichlich scheint. die bis an die Zähne bewaffnete Armee des Königs von von Assur steht vor der Stadt Jerusalem, alle sind in Angst und Schrecken: und das steht der Prophet auf und verkündigt. 17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. 18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;
 19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. 20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, 21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie [a]zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.
22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. 23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. 24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.
Mit dieser Nachricht stießt er natürlich auf taube Ohren. Das wollte keiner hören. Aber im Ergebnis sollte er recht behalten. Die Stadt wird erobert, das Volk wird deportiert, das Unglück scheint einzutreffen. Und doch hat Gott sein Volk nicht verlassen. zwei Generationen später sind sie wieder zu Hause, das Land ersteht neu, Israel ist wieder ein Volk: Gottes Gnade hat sich bewährt und durchgehalten. Er hat sein Volk nicht verlassen, das Unglück war nur ein Durchgang. Das ist die Gute Nachricht. Sie ist von Jesus von Nazareth noch einmal bestätigt worden und auf die ganze Welt übertragen wurden: die Erde ist nicht dem Untergang geweiht, die Erde ist in der Hand Gottes, das Gute ist am Ende stärker. Auf das Kreuz folgt die Auferstehung, auf den Tod das neue Leben. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, das ist das, was den Glauben so einzigartig macht. Er ist reines Vertrauen auf das Gute. Darum ist der Glaube heute so wichtig wie er es selten war. Denn er ruft uns zur Besinnung. ER will uns sensibel und wachmachen für das Gute in der Welt. Er will unsere Augen von den Unglücken auf das Gelingen ziehen, damit wir nicht bitter, zynisch und feindselig werden. Der Glauben, der fest auf das Gute vertraut, will uns zur Nüchternheit führen. Damit wird all das Schlechte in der Welt nicht kleingeredet: das wäre verantwortungslos. Aber es wird ins recht Licht gerückt. Dass ist unsere Botschaft als Christen in einer Welt, die immer mehr in das Unglück verleibt ist. Nur so können wir dem Wahnsinn die Stirn bieten und nach besseren Wegen suchen. Gewalt, Zynismus und Geschwätz jedenfalls nicht sind der richtige Weg, das Gute in die Welt zu bringen, sondern innehalten, genau hinsehen, sich kundig machen, die Nachrichten abwägen, und immer nach der Spur der Guten suchen.
Das ist alles andere als naiv: das ist im Gegenteil hellwach. Immer „Untergang“, „Katastrophe“, „Alles wird schlechter“ zu schreien: das ist naiv, denn so sehen wir nur eine Seite der Wahrheit. Christen sind keine Unheilspropheten, Christen sind Verkünder des Heils. Darum lasst uns beten, dass Gott uns seinen Geist schenkt, der unsere Blicke auf das Gute, das Wahre und das Schöne richtet, damit die Kraft finden, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Lasst uns nicht müde werden darin, diese gute Werk weiterzuführen und einen klaren Kopf zu behalten: Wir haben die Verheißung Gottes, dass er uns dabei begleitet. Amen.

Sonntag, 16. April 2017

Fürchtet Euch nicht! Osterpredigt 2017

Aus Urheberrechtlichen Gründen mit Verspätung: meine "Premiumpredigt" zum Ostersonntag 2017,
Mt 28. Wie immer: bezogen auf ein aktuelles Ereignis der Woche.


1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. 2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. 3 Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. 4 Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. 5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. 6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; 7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. 8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. 9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. 10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Die Bilder von den Attentaten in Ägypten stehen uns noch vor Augen. Der Bürgerkrieg in Syrien ist längst ein weltweiter Konflikt geworden, der uns Sorgen macht, weil seine Auswirkungen bis zu uns spürbar sind. Überall auf der Welt sind vor allem Christen in Bedrängnis. Auch wenn es keine genauen Zahlen gibt: hunderttausende unserer Glaubensgeschwister leiden unter Unterdrückung und Verfolgung, aus dem einzigen Grunde, dass sie sich zum auferstandenen Herrn bekennen. Aber auch Muslime leiden untereinander, auch wenn das nicht so stark unsere Aufmerksamkeit beansprucht. In Indien geraten Hindus, Sikhs, Moslems und Christen ständig aneinander, in Afrika verbreiten radikale Anhänger ihrer Religionen Angst und Schrecken. Die tödliche Macht der Religion steht uns vor Augen, wie schon lange nicht mehr. Dieses Ostern ist eingebettet in Gewalt. Woran liegt das? Was geschieht hier? Wieso verfallen gerade die, die doch dem Frieden, von dem die Religionen zumindest immer reden, so der Gewalt? Und warum werden gerade auch Christen ständig Opfer?

Es ist offensichtlich etwas am Glauben und an der Religion, das man ganz schnell missverstehen kann, so dass sich in sein Gegenteil verkehrt, was als heilsame Botschaft gedacht war.

Das ist von Anfang an so. Vergessen wir nicht: Der Ostermorgen ist der Morgen nach einem Justizmord. Jesus wurde Opfer genau jener Form von Gewalt, die wir gerade erleben. Es waren die Frommen, die ihn töteten, und es war ein religiös geprägter Staat, der den Mord vollzogen hat. Wenn davon die Rede ist, dass „die Juden“ und „die Römer“ Jesus getötet haben, wird genau das zum Ausdruck gebracht: Religiöse Fanatiker und kalte Machtmenschen. Es geht hier nämlich gar nicht um die Schuld „der Juden“ und „der Römer“. Etwas platt gesagt: wir sind alle mögliche Juden und Römer Sie stehen hier als Beispiele  dafür, wie Verblendung und Machtgier, wie Angst und falsche Gewissheiten, Vorurteile und Propaganda Menschen dazu bringen können, sich selber Schaden zuzufügen. Denn genau das ist ja hier geschehen! Mit der Ermordung des Jesus von Nazareth wurde der Bote der Liebe umgebracht, der Prediger der Versöhnung, der Gottessohn selber.
 
Warum? Weil er die Erwartungen der Menschen enttäuschte. Alle warteten, wie heute, auf einen Menschen, der die Erlösung bringt, der den Frieden bringt, der Unterdrückung und Not beendet, der Versöhnung ermöglicht. Genau das hat Jesus ja auch gebracht – aber eben auf eine ganz andere Weise, als alle erwartet haben. Nicht mit Gewalt, nicht mit Aufstand und öffentlicher Erregung, auch nicht durch Gründung einer revolutionären Gruppe oder einer politischen Partei. Jesus setzte konsequent auf die Macht des Wortes, und zwar eines Wortes, das Menschen nicht kleinmacht, erniedrigt und entwürdigt im Namen Gottes, sondern aufrichtet. Seine Worte waren Ermutigungen, Zuspruch und heilsame Zuwendung. Und zwar: ohne Voraussetzungen seitens der Menschen.
 
Er ging zu denen, die keine Hoffnung mehr hatten, weil sie keine Hoffnung mehr hatten. Er ging zu denen, die verzweifelt waren, weil sie verzweifelt waren. Er ging zu denen, die allen Glauben aufgegeben hatten, weil sie allen Glauben aufgegeben hatten. Er frug nicht nach Herkunft, nicht nach Würdigkeit und Zugehörigkeit, er überschritt alle Grenzen, auch und gerade die Grenzen der Religion und der Völker. Er heilte den Sohn des heidnischen, sprich: römischen Hauptmannes, er heilte die Tochter der syrophönizischen Frau, spricht: einer Ausländerin und erzählt sein schönes Gleichnis von der Nächstenliebe ausgerechnet von einem Samaritaner, einem verhassten „Ungläubigen“. Er pries die selig, die von den anderen ausgegrenzt wurden, er kritisierte die, die sich ihres Glaubens allzu gewiss waren, er ließ sich von politischer Macht nicht beeindrucken. Am Ende ertrug er die Gewalt, anstatt sie auszuüben und entlarvte sie auf diese Weise. Gerade die, die Gott allzusehr auf ihrer Seite wähnten, erwiesen sich als zutiefst gottlos – selbst seine Jünger ließen ihn im Stich!

 

Und nun hat Gott den, der so getötet wurde, auferweckt! Das heißt ja nichts anderes, als dass Gott diese Botschaft beglaubigt hat, dass Gott sich auf das Spiel von Gewalt und Gegengewalt nicht eingelassen hat. Das ist doch der Kern der Osterbotschaft: Gott vergibt seinen Mördern!
 
Mit dem, was an Ostern geschah, bricht eine ganz neue Welt an, das, was Jesus immer das „Reich Gottes“ nannte, und das alle missverstanden, weil sie meinten, er spräche von einem irdischen Reich, einen Gottesreich. Aber er sagt immer wieder. Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Aber es ist in dieser Welt, dort nämlich, wo Menschen Gottes Liebe vetrauen. Und hier liegt die Quelle des Missverständnisses: Wer meint, das Reich Gottes sei eine irdische Größe – der hat das Schwert schon in der Hand.
 
Es ist immer wieder der Wunsch nach dem Paradies auf Erden, das die Hölle beschworen hat!

 

Die Ostererzählung macht das sehr deutlich. Wir hören  sie durch den Filter von drei Generationen Erzählen – das Matthäusevangelium wurde erst rund 50 Jahre nach den Ereignissen aufgeschrieben – doch die Erschütterung ist noch zu spüren. Drei Frauen gehen zum Grab, um den hastig beerdigten Toten die letzten damals üblichen Ehren zu erweisen: den Leichnam waschen und salben. Man muss sich das Übermaß ihrer Verzweiflung vorstellen: Jesus war das ganz und gar unschuldige Opfer von religiöser und staatlicher Gewalt geworden. Ein unfassbares Ereignis, das eben nicht nur ein Leben zerstörte, sondern auch die Hoffnungen aller, die auf ihn vertraut haben.
 
Hier geht es um mehr, als um Trauer! Und dann erleben sie den nächsten Schrecken: Ein Erdbeben erschüttert den Boden, die vorsorglich aufgestellten Wachen fallen in Ohnmacht, ein Engel öffnet das Grab – und es ist leer. Panik macht sich breit. Der Engel spricht: „Ihr sucht den Gekreuzigten, er ist nicht hier, er ist auferstanden, wie er gesagt hat und nach Galiläa gegangen“. Das alles können wir uns ganz schwer vorstellen: Was genau ist hier geschehen? Die Auferstehung selber wird ja gar nicht berichtet, nur ihre Wirkung. Mit Furcht und Freude laufen die Frauen davon, eine wahrlich beindruckende Gefühlsmischung! Und schließlich sehen sie auch den Auferstandenen, und auch er sagt: Fürchtet Euch nicht!

Denn das ist im Grunde der Kern der österlichen Botschaft. „Fürchtet Euch nicht!“ Denn die Furcht ist die Quelle allen Übels: Menschen töten aus Angst. Aus Angst zu kurz zu kommen, aus Angst, vergessen und übersehen zu werden, aus Angst, ausgegrenzt und nicht geliebt zu werden, aus Angst von Gott verworfen zu werden. Das Reich Gottes aber ist das Reich, in dem die Angst besiegt ist, weil der Tod besiegt ist. Fürchtet Euch nicht vor Gott, denn er liebt Euch uneingeschränkt und will das Böse nicht. Fürchtet Euch nicht vor den Menschen, denn sie haben genauso Angst wie ihr!

Wem diese Botschaft zu wenig ist, wer meint: Hier müsse doch mehr sein, hier müsse doch mehr geschehen – der prüfe sich, ober er nicht schon auf dem Pfad ist, mit Gewalt durchsetzen zu wollen, was doch nur mit Liebe, Sanftmut und dem Wort durchgesetzt werden kann.
 
Das ist unsere Hoffnung für diese Welt voller Gewalt und Tod: dass dieser Glaube Frieden bringen kann und aller Menschenverachtung in Religion und Politik ein Ende macht. Und in diesem Glauben können wir auch beten für unsere Geschwister im Glauben, die um dieses Glaubens willen getötet worden sind und für die, die um sie trauern. In diesem Glauben können wir auch beten für alle, die im Grab von Hass und Verachtung gefangen liegen, dass Gott sie erleuchten möge -  wie er die drei Frauen am Grab und nach ihnen alle Apostel und Zeugen erleuchtet hat zu Boten des Friedens. Mehr als diese Hoffnung haben wir nicht.
 
Aber eine Hoffnung zu haben, ist das stärkste Mittel gegen die Angst: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Hallelujah!.

 

Fürbitte

 

Herr, unser Gott, durch Deine Auferstehung hast du den Tod besiegt und die Mächte des Todes in ihre Schranken verwiesen. Sie ist das starke Zeichen deiner Liebe, die noch ihren Feinden vergibt. Dafür danken wir dir, darüber freuen wir uns, daraus leben wir.

So bitten wir dich:

Lass Christus auferstehen in unseren Herzen und in den Herzen aller, die gefangen sind im Grab der Angst, der Verzweiflung und des Hasses. Schenke den Regierenden Weisheit und Nüchternheit, den Völkern Geduld und Großmut. Denen, die in deinem Namen Töten, falle in den Arm, heile ihren Irrtum. Widerspreche denen, die dein Wort missbrauchen, um Menschen zu demütigen und zu erniedrigen. Lass Deine Kirche ein Botin des Friedens sein, die selbst Versöhnung mit den ärgsten Feinden sucht. Erweiche die harten Herzen, rolle alle Steine weg, die auf unserer Seele liegen, schaffe den Armen Gerechtigkeit, tröste die Trauernden, nimm die Toten bei dir auf. Lass das Wort der Freude in die Welt gehen und gehört werden: Er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.