Samstag, 11. April 2026

Pale blue dot Predigt Quasimodogeniti 2026 Joh 20

 Lesung:

Die Lesung steht im Brief des Apostels Paulus an die Kolosser im 2. Kapitel

Der Apostel schreibt an seine Gemeinde in Kolossä:

 

Was wir sind, sind wir durch Jesus Christus, den in Christus erfahren wir Gott. Er schreibt das mit Worten eines alten Liedes, das er im Gottesdienst gehört hat:

 

Kol 2

9In Jesus Christus ist die ganze Fülle Gottes

leibhaftig gegenwärtig.

10Und an dieser Fülle habt ihr Anteil,

weil ihr zu Christus gehört.

Der steht als Haupt über allen Mächten und Gewalten.

12In der Taufe wurdet ihr mit ihm begraben.

Mit ihm wurdet ihr auch auferweckt.

Denn ihr habt an die Kraft Gottes geglaubt,

der Christus von den Toten auferweckt hat.

14Er hat den Schuldschein getilgt, der uns belastete –

einschließlich seiner Vorschriften,

die gegen uns standen.

Er hat ihn ans Kreuz angenagelt und damit beseitigt.

15Er hat die Mächte und Gewalten entwaffnet

und sie öffentlich zur Schau gestellt.

Er führt sie im Triumphzug mit,

der für Christus abgehalten wird.

 

 

Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit, Hallelujah!

 

 

 

 

Predigt:

Joh 20 19Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! 20Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

 

 

 

 

Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti 2026

Joh 20,19–20

Friede sei mit euch

Diese Woche war ein merkwürdiger Kontrast zu beobachten.

Auf der einen Seite: vier Menschen in einer Raumkapsel, auf dem Weg zum Mond und zurück. Die Artemis-II-Mission. Am Ostersonntag, während sie sich dem Mond näherten und gleich für vierzig Minuten hinter ihm verschwinden würden — ohne Funkkontakt, allein im All —, sprach Victor Glover, der Pilot der Mission, in die Kamera. Ungeplant, wie er selbst sagte. Einfach so. Er schaute auf die Erde zurück und sagte: „Ich kann die Erde als ein einziges Ding sehen." Und: „In all dieser Leere, in diesem Nichts, das wir Universum nennen, habt ihr diese Oase, diesen wunderschönen Ort, an dem wir zusammen existieren dürfen." Kurz bevor die Verbindung abriss, sagte er noch: er fühle die „Liebe von der Erde" — und: „Wir lieben euch vom Mond aus." 

Auf der anderen Seite: Donald Trump, am 7. April, auf Truth Social. „Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht untergehen, um nie wieder zurückzukehren." Er meinte den Iran.

Zwei Sätze. Aus derselben Woche. Derselbe Planet. Aber zwei völlig verschiedene Welten.

Der Kosmos

Der Kolosserbrief beginnt seine Christologie mit einem Paukenschlag. Nicht mit dem Stall von Bethlehem, nicht mit dem Jordan, nicht mal mit dem Kreuz — sondern mit dem Universum.

In Jesus Christus ist die ganze Fülle Gottes leibhaftig gegenwärtig. Er steht als Haupt über allen Mächten und Gewalten.

Alle Mächte und Gewalten. Das ist nicht nur politisch gemeint, obwohl es auch politisch gemeint ist. Das ist kosmisch gemeint. Der ganze Kosmos — alles, was ist, was war, was sein wird — steht unter diesem Haupt. Christus ist nicht der Gott einer kleinen Frömmigkeitsecke. Er ist nicht der Schutzpatron bestimmter Kulturen oder Zivilisationen. Er ist der, durch den und auf den hin dieser ganze unbegreifliche Kosmos existiert.

Jetzt rechnen wir kurz nach. Das Universum ist ungefähr 13,8 Milliarden Jahre alt. Die Erde ist 4,5 Milliarden Jahre alt. Der Mond, den die Artemis-Crew gerade umrundet hat, ist 384.000 Kilometer entfernt. Das ist — kosmisch gesehen — nebenan. Der nächste Stern ist 4,2 Lichtjahre entfernt. Die Milchstraße hat ungefähr 200 Milliarden Sterne. Und sie ist eine von schätzungsweise zwei Billionen Galaxien.

Zwei Billionen Galaxien.

Und in diese Wirklichkeit hinein sagt der Kolosserbrief: In Jesus Christus ist die ganze Fülle Gottes leibhaftig gegenwärtig.

Das ist entweder der kühnste Satz, der je geschrieben wurde. Oder der lächerlichste. Gleichgültig kann man ihm kaum begegnen.

Victor Glover hat diesen Kosmos von außerhalb der Erde gesehen. Er hat die Erde gesehen — einen kleinen blauen Punkt in einem unvorstellbaren Nichts. Und sein Reaktion war: Staunen. Liebe. Das Gefühl von Zusammengehörigkeit. Wir lieben euch vom Mond aus.

Das ist vielleicht die menschlichste Reaktion auf den Kosmos überhaupt. Nicht Angst. Nicht Machtanspruch. Staunen und Liebe. Der amerikanische Wissenschaftler Carl Sagan sprach, als vor 50 Jahren die ersten Bilder der Erde aus dem All sah, vom pale blue dot - dem hellblauen Punkt. 

Die Torheit der Mächtigen

Und dann Trump: Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben.

Ich möchte das nicht moralisch abkanzeln. Ich möchte es kosmisch einordnen.

Da sitzt ein Mann — auf einem kleinen blauen Punkt, in einer von zwei Billionen Galaxien, auf einem Planeten, der seit 4,5 Milliarden Jahren existiert, und schreibt auf einen Onlinedienst: Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben.

Und meint damit: Er hat die Macht. Er entscheidet. Die Geschichte dreht sich um ihn.

Der Kolosserbrief hat für solche Ansprüche ein Wort: Mächte und Gewalten. Er meint damit die Kräfte, die sich aufspielen als wären sie das Letzte und Entscheidende. Die großtun. Die drohen. Die einschüchtern. Die glauben, das letzte Wort zu haben.

Und er sagt über diese Mächte und Gewalten: Er hat sie entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt. Er führt sie im Triumphzug mit — dem Triumphzug Christi.

Das ist ein Bild aus der Antike. Wenn ein römischer General siegreich zurückkehrte, führte er die besiegten Feinde im Triumphzug durch die Stadt. Gefesselt. Zur Schau gestellt. Entmachtet.

So, sagt Paulus, ist das mit den Mächten und Gewalten. Sie machen sich groß. Sie drohen. Sie verkünden, wer sterben wird. Aber sie sind bereits entmachtet. Bereits im Schlepptau des Auferstandenen. Bereits lächerlich gemacht — nicht durch Gegenmacht, sondern durch die schiere Überwältigung dessen, was in Christus geschehen ist.

Es gibt eine tiefe Ironie darin. Wer wirklich etwas vom Kosmos verstanden hat — von seiner Größe, von seiner Schönheit, von seiner Stille —, der redet nicht so. Der hat keine Zeit für solche Sätze. Der schaut auf die Erde und sagt: Wir lieben euch.

Wer den Kosmos nicht gesehen hat — wer nur seinen eigenen Machtbereich sieht, seine eigene Geschichte, seine eigene Agenda —, der glaubt, das letzte Wort zu haben. Der redet von Zivilisationen, die sterben. Der redet, als wäre er der Mittelpunkt von allem.

Er ist es nicht. Das ist die schlichte Botschaft des Kolosservbriefes. Der Mittelpunkt von allem ist ein anderer.

Hinter verschlossenen Türen

Die Jünger sitzen am Abend des ersten Wochentages hinter verschlossenen Türen. Aus Angst. Das ist der Ausgangspunkt. Nicht Glaube, nicht Hoffnung. Angst.

Und dann steht Jesus da. Mitten unter ihnen. Die Türen sind noch zu. Trotzdem ist er da.

Und das Erste, was er sagt, ist: Friede sei mit euch.

Nicht: Wie habt ihr das zulassen können? Nicht: Wo wart ihr? Nicht: Ich muss euch jetzt etwas erklären. Das erste Wort ist Frieden. Shalom. Mehr als ein Gruß — eine Zusage. Eine neue Wirklichkeit, in den Raum hineingesprochen.

Man muss sich überlegen, wer das sagt. Und zu wem.

Der Auferstandene sagt es. Einer, der gestorben ist durch menschliche Gewalt, durch politische Kalkulation, durch Feigheit und Verrat. Der Anklage erheben könnte. Der abrechnen könnte. Aber sein erstes Wort ist nicht Anklage. Es ist Friede.

Und er sagt es zu Menschen, die ihn im Stich gelassen haben. Die weggelaufen sind. Die sich versteckt haben.

Das erste Wort ist trotzdem: Friede sei mit euch.

Das ist kein sentimentales Wort. Das ist das härteste Wort, das man sprechen kann. Es durchkreuzt alle Logik von Schuld und Strafe. Es sagt: Das ist nicht das, worüber ich mit euch reden will. Was zwischen uns steht, ist das: Friede.

Dann zeigt er die Wunden

Dann zeigt Jesus den Jüngern die Hände und seine Seite. Die Wunden sind noch da.

Der Auferstandene ist nicht makellos. Er ist nicht der Jesus aus dem Kitschbild. Er trägt die Spuren dessen, was geschehen ist.

Das ist wichtig. Denn der Friede, den er bringt, ist kein Friede des Vergessens. Er schaut nicht weg. Er verdrängt nichts. Die Wunden sind da — aber sie sind am Leib des Lebendigen. Sie definieren ihn nicht mehr. Sie töten ihn nicht mehr.

Das ist der Unterschied zwischen dem Frieden Jesu und dem, was die Welt Friede nennt. Die Welt nennt Friede oft: Schweigen über das, was war. Nicht hinschauen. Verdrängen. Oder — Trump-Stil — einfach verkünden, es sei ein Sieg, und weiterziehen.

Der Friede Jesu schaut hin. Er trägt die Wunden. Und er sagt trotzdem — oder gerade deshalb: Friede.

Friede sei mit euch

Und dann: Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

Freude. Nach allem. Nicht weil die Welt nun problemlos wäre. Nicht weil die Türen nun offen stehen und draußen alles gut ist. Sondern weil sie ihn sehen. Den Gekreuzigten, der lebt. Den, der Herr ist über alle Mächte und Gewalten. Den, dessen erstes Wort Friede ist.

Quasimodogeniti. Erster Sonntag nach Ostern. Die Osterglocken sind verstummt. Die Welt ist wieder die Welt.

Und die Welt ist tatsächlich kompliziert. Es gibt Krieg. Es gibt Drohungen. Es gibt Menschen, die über das Verschwinden von Zivilisationen schreiben, als wäre das eine Option unter anderen. Und gleichzeitig gibt es vier Menschen, die vom Mond zurückkommen und sagen: Wir sehen eine Erde. Wir lieben euch.

Und es gibt den Auferstandenen, der in einen verschlossenen Raum tritt. Und das Erste, was er sagt, ist nicht die Zusammenfassung der Weltlage. Nicht eine Analyse der Mächte und Gewalten. Nicht ein Plan.

Er sagt: Friede sei mit euch.

In all dieser Leere, in diesem Nichts, das wir Universum nennen — dieser eine blaue Punkt. Diese eine Oase. Und der, dem aller Kosmos gehört, sagt zu den Menschen auf diesem Punkt: Friede.

Das reicht.

Amen.