Predigt zu 1. Mose 3,1–24
Sonntag Invokavit
„Und er aß."
1Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Drei Versuchungen. Eine Geschichte. Und alle drei gehören zusammen – Eva, Adam, Gott. Erst wenn wir alle drei sehen, verstehen wir, was hier wirklich geschieht.
I. Die Versuchung Evas – der Griff nach oben
„Sollte Gott wirklich gesagt haben…?"
Die Schlange beginnt nicht mit einer Lüge. Sie beginnt mit einer Frage. Das ist wichtig. Lügen kann man abwehren. Eine klug gestellte Frage unterhöhlt von innen. Sie säet Zweifel, ohne ihn auszusprechen. Sie lässt den anderen selbst weiterdenken – in die gewünschte Richtung.
Und Eva denkt mit. Sie korrigiert die Schlange sogar in einem Detail. Ein gepflegtes Gespräch über Gott, bei dem Gott unmerklich aus der Mitte rückt. Das ist die Versuchung in ihrer raffiniertesten Form: nicht Gotteslästerung, sondern Gottesrelativierung. Nicht „Gott existiert nicht", sondern „Gott meint es sicher nicht so streng."
Dann sieht Eva den Baum. Gut zu essen. Lust für die Augen. Verlockend, weil er klug macht. Leib, Auge, Geist – drei Ebenen des Begehrens, und keine davon ist an sich schlecht. Das Verhängnis liegt nicht im Wunsch nach Nahrung, Schönheit oder Erkenntnis. Es liegt darin, dass diese guten Wünsche nun ohne Gott verfolgt werden. Der Griff nach dem Baum ist ein Griff nach oben – nach Gottgleichheit, nach Autonomie, nach einem Leben, das sich selbst genügt.
„Ihr werdet sein wie Gott." Das Angebot klingt großartig. Und es enthält sogar ein Körnchen Wahrheit – der Mensch ist ja nach Gottes Bild geschaffen. Aber das Bild Gottes zu sein ist ein Geschenk, keine Beute. Man kann es nicht greifen. Man kann es nur empfangen. Wer es greift, verliert es.
II. Die Versuchung Adams – das Schweigen
Hier passiert etwas, das leicht überlesen wird. Adam steht daneben. Er ist dabei – „und er war bei ihr", sagt der Text. Er hört das Gespräch mit der Schlange. Er sieht, wie Eva die Frucht nimmt. Und er sagt: nichts.
Adams Versuchung ist nicht der Griff nach der Frucht. Seine Versuchung ist das Schweigen davor. Er hätte sprechen können. Er hätte widersprechen können. Er hätte sich erinnern können, was Gott gesagt hatte – er war es, dem Gott das Gebot gegeben hatte, noch bevor Eva geschaffen wurde. Er war der Zeuge. Und er schweigt.
Dann nimmt er die Frucht von Evas Hand – und isst. Drei Worte im Hebräischen. Kein Kommentar. Keine Überlegung. Kein innerer Kampf, den der Text beschreibt. Einfach: er aß. Als wäre es das Natürlichste der Welt. Als zöge die Tat ihn mit, bevor er sie wirklich gewählt hat.
Das ist eine zweite Form der Versuchung: nicht die aktive Übertretung, sondern das passive Mitgehen. Das Ja, das man nie laut sagt, sondern einfach vollzieht. Die Schuld, die entsteht, weil man nichts getan hat. Adam ist nicht der Verführer. Er ist der Mitläufer. Und auch das ist Sünde.
Als Gott ihn zur Rede stellt, kommt die dritte Form: das Abschieben. „Die Frau, die du mir zugesellt hast – sie gab mir." Ein Satz, der nicht nur Eva beschuldigt, sondern auch Gott. Du hast mir diese Frau gegeben. Du bist mitschuldig. Der Mensch, der gerade versagt hat, macht Gott zum Mitangeklagten. Auch das kennen wir. Auch das ist uralt.
III. Die Versuchung Gottes – und die Entscheidung der Gnade
Jetzt kommt die dritte Versuchung. Die unerhörteste. Die, über die wir am seltensten sprechen.
Gott hatte gesagt: „An dem Tag, da du davon isst, wirst du des Todes sterben." Das war kein leerer Satz. Das war Gottes Wort. Und Gottes Wort hat Gewicht. Die Tat ist geschehen. Die Konsequenz wäre klar. Die Logik des Gerichts zieht in eine Richtung: Der Tod ist die folgerichtige Antwort auf den Verrat.
In diesem Moment steht Gott – wenn wir so reden dürfen – vor einer Versuchung eigener Art. Nicht einer moralischen Schwäche. Aber einer echten Spannung: zwischen dem Ernst seines Wortes und dem Erbarmen seiner Liebe. Gerechtigkeit zieht nach unten. Gnade zieht nach oben. Gott hält diese Spannung aus.
Und er entscheidet sich anders, als sein Drohwort es zu fordern schien. Er tötet nicht. Er tritt in den Garten. Er fragt. Er sucht. Er hört die kläglichen Ausreden – und verurteilt, ohne zu vernichten. Er verflucht die Schlange. Er benennt die Folgen für Frau und Mann. Aber er gibt sie nicht preis.
Und dann, fast unmerklich, fast zärtlich: Er näht ihnen Kleider aus Fell. Gott der Schöpfer wird zum Schneider. Er bedeckt die Scham, die sein Urteil bloßgelegt hat. Er kleidet die Menschen ein, bevor er sie hinaustreibt. Die Vertreibung ist real – aber sie geschieht nicht nackt. Sie geschieht in Gottes Fürsorge.
Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es kostet etwas. Die Spannung zwischen Gerechtigkeit und Gnade löst sich nicht einfach auf – sie wird von Gott getragen. Luther und nach ihm Karl Barth haben das gesehen: Gott nimmt den Zorn in sich selbst auf. Er schlägt ihn nicht am Menschen aus. Und das, was hier im Garten nur angedeutet wird, nimmt am Kreuz Gestalt an: Dort stirbt nicht der Sünder. Dort stirbt der Sohn.
Coda: Der vierte, der in der Wüste besteht
Invokavit. Der Sonntag, an dem wir an Jesus in der Wüste denken. Auch dort drei Versuchungen. Brot aus Steinen – der Leib will leben. Sich hinabstürzen – das Auge will staunen. Alle Reiche der Welt – der Geist will herrschen. Dieselbe Struktur wie in Eden.
Aber Jesus schweigt nicht wie Adam. Er greift nicht wie Eva. Er schiebt nicht ab. Er antwortet – klar, nüchtern, ohne Ausweichen. „Es steht geschrieben." Das Wort Gottes, das Adam vergaß, hat Jesus nicht vergessen.
Was im Garten verloren ging, wird in der Wüste zurückgewonnen. Nicht für Jesus allein – für uns. Er trägt, was Adam fallen ließ. Er besteht, wo wir versagen. Und er hängt am Ende nackt am Kreuz – damit Gottes Kleider uns warm halten.
Denn Gott näht immer noch.
Amen.
Diese Predigt ist in drei Stufen komplett von Claude Sonett 4,6 geschrieben, nachdem ich die KI auf meine Predigten trainiert habe. Eine Versuchung ganz eigener Art.
Der Prompt lautete:
Predigt zu 1. Mose 3,1–24
Sonntag Invokavit. Thema: die drei Versuchungen und die Versuchung: Eva, Adam, Gott. 5000 Zeichen.