Samstag, 16. November 2019

Predigskizze zu Mt 25, Volkstrauertag


Der Volkstrauertag ist ja ein merkwürdiger Hybrid. Aber er ist eine der wichtigsten "Kontaktflächen" zur Zivilgesellschaft und zur regionalen Politik. Ich predige ja für gewöhnlich frei, mit einem Stichpunkteskript, das Leitsätze enthält, für heute habe ich den mal etwas ausführlicher gestaltet, falls es Rückfragen geben sollte. Das gibt mir auch die Möglichkeit, auf die Ansprache aus dem politischen Raum einzugehen. Es ist also mehr ein Denkanstoß und ein Steinbruch. Ich habe mich für MT 25, in der neuen Predigtordnung das Evangelium, entschieden, weil heute auch viele Menschen im Gottesdienst sitzen werden, für die der Hiobtext vielleicht doch zu sehr harte Kost ist. Ich halte Mt 25 für einen ethischen Schlüsseltext in er momentanen gesellschaftlichen Debatte, den man gar nicht oft genug zitieren kann. Er beschreibt die ultimative Grenzüberschreitung und enthält eine radikal kenotische Christologie. Ich bin auf die Reaktionen sehr gespannt.

25,31-46
Vom Weltgericht
31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit,
und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.
 34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.
36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.
 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!
42 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. 43 Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.
 44 Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? 45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.


Liebe Gemeinde,

Die Geschichte vom Friedenspielen
Von Leo Nikolajewitsch Tolstoi wird folgende Geschichte erzählt:

Es gehörte zu den täglichen Gewohnheiten des Gutsbesitzers und großen russischen Schriftstellers, sich am Nachmittag im Park zu ergehen, der Natur nachzuspüren und die Gedanken kreisen zu lassen.

So war es auch an diesem Oktobertag, an dem die Sonne mit ihren Strahlen das Herbstlaub vergoldete. Welch friedliche Natur!

Auf seinem Weg störte ihn eine Schar halbwüchsige Buben, die mit Geschrei durch den Park tobten. Sie hatten sich mit Stöcken und allerlei Gerät bewaffnet.

Als sie geradewegs auf Tolstoi zustürmten, sah er zu seinem Entsetzen, dass einige größere auf zwei kleine einschlugen. Mit lauter Stimme gebot er Halt - verlegen und ängstlich versammelte sich die Gruppe um ihn.

"Welch schändliche Tat", herrschte er die Knaben an. "Wollt ihr euch gegenseitig totschlagen?"

"Aber nein, Gospodin", antwortete ein Junge, der wohl der Sprecher der Gruppe war: "Wir spielen doch nur." -

"Und wie heißt dieses Spiel?" fragte der Gutsherr weiter. "Wir spielen Krieg."

Tolstoi schüttelte energisch den Kopf und entgegnete laut: "Krieg, Krieg - ihr solltet lieber Frieden spielen!"

Missbilligend den Kopf schüttelnd, ging Leo Nikolajewitsch weiter.

Auch die Jungen waren still geworden und steckten die Köpfe zusammen. Plötzlich rannte der Sprecher hinter Tolstoi her, zupfte ihn am Ärmel und fragte: "Bitte, Gospodin, wie spielt man eigentlich Frieden?"

Wie spielt man Frieden? Vielleicht ist die Frage falsch: Krieg ist das Spiel, das finstere, das dunkle Spiel, Frieden ist der Ernstfall? Es wäre jedenfalls schön, wenn wir so denken könnten.

Die Erzählung vom letzten Tag, vom jüngsten Gericht, die wir als Lesung hörten und über die ich predigen will,
sagt uns, wie das geht: Frieden spielen. Nämlich: die einfachsten Bedürfnisse von uns Menschen stillen.

Früher habe ich diese Geschichte nicht gemocht: weil ich sie so las, dass sie mir mit dem jüngsten Gericht drohte, wenn ich nicht alles richtig mache. Jetzt, nach langer Lebenserfahrung, habe ich begriffen: Diese Geschichte erzählt nicht, was am „jüngsten Tag“ geschieht. Diese Geschichte erzählt, was jeden Tag in uns passiert. Es ist eine Geschichte vom Gewissen. Denn wir können entscheiden. Gott muss uns gar nicht mit Untergang und Vernichtung drohen. Wenn wir das einfache Gute nicht tun, kommt es ganz von selbst über uns.
Und was ist dieses einfache Gute?
Damit es auch wirklich jeder kapiert, wird es gleich viermal gesagt: zweimal negativ, zweimal positiv. Was ist daran eigentlich so schwer zu verstehen?
Schwer zu verstehen ist an dieser Geschichte, dass hier überhaupt nicht vom Glauben die Rede ist. Es ist auch gar nicht von Gläubigen und Ungläubigen die Rede. Dass ich diese Geschichte lieben gelernt habe, liegt genau daran. Sie erzählt vom einfachen Menschlichen. Sie überwindet gerade die Grenzen, die wir im Kopf und im Herzen immer ziehen. Wem sollen wir helfen? Wen sollen wir unterstützen? Wer ist bedürftig?
Die einfache Antwort dieses Gleichnisses lautet: alle.
Und hier liegt das Problem. Hier liegt der Grund, warum uns die Geschichte so unter die Haut geht.
Schauen wir sie uns genauer an.

(Paraphrase)


-       es braucht also gar keine komplizierte Theologie, keine langen Erklärungen. Es braucht nur ein offenes Auge und eine offenes Herz.
-       und hier kommt der Glaube ins Spiel. Denn das sollte der Inhalt unsere Gebete sein: Dass wir den Blick geöffnet bekommen für die Not des Menschen. Da kommen wir alle drin vor.
-       Das ist der Weg zum Frieden. Frieden spielen heißt: niemals die Not des Menschen zu vergessen, denn es ist die Not, die die Menschen zu Bestien macht.
-       Darum ist das auch eine Geschichte von der Verheißung und der Vergebung. Im bedürftigen Menschen begegnen wir Gott. Er wendet sich nicht von uns ab, wozu er Grund hätte, wenn unsere Maßstäbe an uns selbst anlegte, sondern er kommt uns entgegen. Schon dass wir dieses Gleichnis hören dürfen uns sozusagen ein unblutiges Gericht erleben, ist schon ein Geschenk. Wenn man nicht dumm ist, und daraus eine Kinderschreckgeschichte macht. Und genau das ist dumm: aus Gott das Gespenst der eigenen Angst zu machen.
-       Starren wir auf den Himmel, starren wir auf Dome und Paläste, sehen wir keinen Gott. Jesus lenkt den Blick nach unten lenken und nach innen. Wo die Not ist, da ist Gott.
-       Wenn hier also ein Volk trauert, dann ist es das Volk Gottes. Zur Trauer gehört eben auch, die eigene Sterblichkeit, die eigene Verletzlichkeit, die eigene Fehlbarkeit zu spüren, und zur wirklichen Anteilnahme gehört auch, die eigene Sehnsucht nach Frieden zu spüren, den Hunger, den Durst. Es gehört auch dazu, dem Erschrecken darüber Raum zu geben, dass wir so sein können, wie wir sind, dass uns die Angst zu Bestien macht und die Habgier zu Unmenschen. Das Volk dass hier in diesem Haus trauert, ist das Volk Gottes. Es gibt keine deutsches, kein weißes, kein europäisches Christentum. Es gibt kein Drinnen und kein Draußen. Die große Zumutung dieser Geschichte ist, dass Gott sich allen Menschen zuwendet, und dass unser Versagen schon beginnt, wenn wir Grenzen ziehen, wenn wir Menschen unterscheiden nach Hautfarbe, Abstammung, Fähigkeiten, nach Herkunft, nach sexuellen Vorlieben oder Ernährungsgewohnheiten: von alledem ist hier nicht die Rede. Hier ist die Rede von Nacktheit, Verfolgung, Hunger, Durst, Einsamkeit und Sterben, hier die Rede von dem volk Gottes, dass Gott besuchen will. Wir liegen schon schief, wenn wir die Frage stellen: Wem sollen wir helfen?
-       Darum ist der Volkstrauertag auch ein Tag, den wir als Kirchengemeinde, als Christen begehen müssen und sollen, und es ist ein Jammer, vielleicht sogar eine Schande, dass wir das nicht lauter, tatkräftiger und entschiedener tun, dass wir vor allem die Jungen nicht hier deutlich einladen. Nicht, weil Christen bessere Menschen sind. Ganz im Gegenteil: Weil Christen, die die Stimme Gottes hören, wissen, dass es keine „guten“ und keine bösen Menschen gibt, keine von Gott Geliebten und von Gott Verworfenen, sondern das wir alle fehlbar sind, und gerade in dieser Fehlbarkeit die von Gott Geliebten. Er lässt uns die Freiheit der Entscheidung. Darum tragen wir auch die Folgen. Christen sollten nüchtern sein, und wissen, mit wem sie es zu tun haben: Mit hungrigen, durstigen und nackten Menschen, die, wenn sie in Not geraten, des Leibes sowohl wie der Seele, gewalttätig werden, in Wort und Tat. Also heißt der Schlüssel zum Frieden letztlich: Gerechtigkeit. Da ist für Rassismus, Sexismus, Ausgrenzung, Herabwürdigung von Menschen kein Platz. Was ihr getan habt, einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan. Das sagt Jesus von Nazareth, den wir den Sohn Gottes nennen, weil uns in ihm Gott begegnet: als ein Fremder, der uns nahe sein will. Der von sich aus die Grenze zu uns überschreitet, damit wir den Mut finden, Grenzen zu überschreiten. Aber nicht mit Panzern und Gewehren, sondern mit einem Stück Brot und einem Schluck Wasser.
-       Können wir aus der Geschichte lernen? offensichtlich nicht. Wir hören schon wieder diesselben brandgefährlichen Reden, die immer in Kriegen endeten. Die gefährlichste Generation für den Frieden war immer die Generation der Enkel, die nicht mehr erlebten, was Krieg bedeutet und sich gelangweilt von ihren Alten abwendeten.
-       Die frohe Botschaft des Tages lautet daher: Wir mögen von allen guten Geistern verlassen sein, dass wir in unserer Wohlstandsgesellschft in Panik geraten, weil wir unseren Überfluss ein wenig eindämmen müssen. Aber selbst wir sind nicht von Gott verlassen. Auf ihn zu hören ist, gerade heute, gerade jetzt, schlicht und einfach vernünftig: Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan. Ihr sucht Gott? Ihr findet ihn im von Gott geliebten Menschen.

-       Am Ende steht, obwohl hier vom Glauben die Rede ist, die schiere Vernunft. Denn dieser Satz beschreibt nichts andres als das, was wir seit dreihundert Jahren die Menschenwürde nennen, die die Grundlage unserer freiheitlichen Gesellschaft ist. Die beiden entsetzlichen Kriege des letzten Jahrhunderts sollten uns sehr drastisch vor Augen führen, wohin es führt, wenn wir das aufs Spiel setzen. Dass es zweimal so brutal, und danach immer wieder im Kleinen schiefging, sollte uns traurig machen. Und das heute vor allem die Religion wieder als Kriegsvorwand benutzt wird, sollt uns sogar zutiefst alarmieren.

-       Das Gott uns zutraut, es besser zu machen, sollte uns fröhlich machen. Das, Schwestern und Brüder, ist christliches Leben; wer etwas vom christlichen Abendland faselt und am libsten einen Zaun darum bauen möchte,  hat davon wenig verstanden, und wir sollten als Christen, als Kirche, als Gemeinschaft der heiligen, als Volk Gottes, das vielleicht doch etwas deutlicher sagen, als wir es bisher getan haben. Freunde werden wir uns damit nicht machen. Aber haben wir eine Wahl? Wir haben sie, sagt uns die Geschichte vom jüngsten Gericht. Jeden Tag: Liebe oder Gleichgültigkeit, Abgrenzung oder Öffnung, Kompromiss oder Verbohrtheit, Vergebung oder Rache. Die Unterscheidung von Schafen zur Rechten und zur Linken geht mitten durch jeden von uns hindurch.
-       Wie spielt man Frieden? Gebt den Menschen was zu essen, ein Dach über den Kopf, schenkt ihnen Gerechtigkeit und Bildung und seid darin barmherzig, großzügig und risikobereit. Besucht einander, redet miteinander, feiert miteinander. Betet. Damit, Schwestern und Brüder, dienen wir als Volk Gottes allem Volk auf Erden. So wird der Volkstrauertag auch ein christlicher Tag.
-        
Am Ende ist eben doch der Krieg der mörderische Ernstfall, und der Frieden das heilige Spiel.

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