Freitag, 15. Mai 2020

Herr der Töpfe und Pfannen: Theresa von Avila

 


Herr der Töpfe und Pfannen -

Theresa von Avila



Herr der Töpfe und Pfannen,
ich habe keine Zeit,
eine Heilige zu sein
und Dir zum Wohlgefallen
in der Nacht zu wachen,
auch kann ich nicht meditieren
in der Morgendämmerung
und im stürmischen Horizont.

Mache mich zu einer Heiligen,

indem ich Mahlzeiten zubereite
und Teller wasche.
Nimm an meine rauen Hände,
weil sie für Dich
rau geworden sind.

Kannst Du meinen Spüllappen
als einen Geigenbogen gelten lassen,
der himmlische Harmonie
hervorbringt auf einer Pfanne?
Sie ist so schwer zu reinigen
und ach, so abscheulich!

Hörst Du, lieber Herr,

die Musik, die ich meine?
Die Stunde des Gebetes ist vorbei,
bis ich mein Geschirr
vom Abendessen gespült habe,
und dann bin ich sehr müde.

Wenn mein Herz noch am Morgen
bei der Arbeit gesungen hat,
ist es am Abend schon längst
vor mir zu Bett gegangen.
Schenke mir, Herr,
Dein unermüdliches Herz,
dass es in mir arbeite statt des meinen.

Mein Morgengebet

habe ich in die Nacht gesprochen
zur Ehre Deines Namens.
Ich habe es im voraus gebetet
für die Arbeit des morgigen Tages,
die genau dieselbe sein wird
wie heute.

Herr der Töpfe und Pfannen,
bitte darf ich Dir
anstatt gewonnener Seelen
die Ermüdung anbieten,
die mich ankommt
beim Anblick von Kaffeesatz
und angebrannten Gemüsetöpfen?

Erinnere mich an alles,

was ich leicht vergesse;
nicht nur um Treppen zu sparen,
sondern, dass mein
vollendet gedeckter Tisch
ein Gebet werde.

Obgleich ich Martha-Hände habe,
hab' ich doch ein Maria-Gemüt,
und wenn ich die schwarzen Schuhe putze,
versuche ich, Herr,
Deine Sandalen zu finden.
Ich denke daran,
wie sie auf Erden gewandelt sind,
wenn ich den Boden schrubbe.

Herr, nimm meine Betrachtung an,

weil ich keine Zeit habe für mehr.
Herr, mache Dein Aschenbrödel
zu einer himmlischen Prinzessin;
erwärme die ganze Küche
mit Deiner Liebe
und erleuchte sie mit Deinem Frieden.

Vergib mir, dass ich mich absorge,
und hilf mir, dass mein Murren aufhört.
Herr, der Du das Frühstück am See
bereitest hast, vergib der Welt,
die da sagt: "Was kann denn
aus Nazareth Gutes kommen?"

Sonntag, 15. März 2020

Corona


Ein stammelnder Versuch, mal etwas tiefer zu schürfen. 

Sonntag, 15. März 2020
09:14
Wo ist Gott in Zeiten der Seuche? 

Die Tatsache, dass uns die Corona-Infektion in der Passionszeit trifft, löst bei mir theologisch sehr intensive Fragen aus. Längst von mir für vergessen gehaltene theologische, oder besser gesagt: Glaubens-Fragen tauchen wieder auf. 

Sehr groß ist die Verlockung, hier Strafe am Werk zu sehen (für was auch immer) oder, was das Allerschlimmste wäre, die Seuche dafür zu instrumentalisieren, die Gottesfurcht zu wecken und in moralischen Apellen zu versinken. Und ich spüre, dass unsere kirchliche Normal-Theologie an ihre Grenzen stößt. Sehr haben wir uns eingerichtet in einer Welt, in der Leid und Not recht weit weg sind oder als (behebbare), letztlich individuelle Störung betrachtet werden.

Doch das Leid ist einfach so da. Es ist auf eine sehr radikale Art "demokratisch", es geht nicht einfach so "weg" und es macht keine Unterschiede. Gleichzeitig macht es Ungerechtigkeit, Privilegien und Asymetrie radikal erkennbar: in der Art, wie damit umgegangen wird. Wenn Du arm bist, stirbst du schneller. 

Es ist auch nicht aus der Welt. Das Kreuz Jesu ist nicht das Ende des Leides. Es ist seine Veröffentlichung. Es ist ein Signal seiner Präsenz. Die Auferstehung macht es nicht ungeschehen, sondern nimmt das Leid mithinein in Gott. Das Leiden ist in Gott präsent. Und seine Überwindung, seine Aufhebung, ist nicht eine Wirklichkeit, die erfahrbar ist. Es ist eine Botschaft.

Das Leiden ist nicht aus der Welt seit Ostern. Es ist sichtbar. Es ist sichtbar als Teil der beschädigten Schöpfung. Es gehört zur conditio humana in der gefallenen Schöpfung. Die neue Schöpfung, in der kein Leid, kein Schmerz, keine Tränen mehr sein werden, ist nicht heute. Sie ist morgen. Sie ist jenseits des Todes. Hier, jetzt, heute, diesseits des Todes ist sie Verheißung, ist sie der Horizont, vor dem wir leben können und leben müssen. 

Das Kreuz nimmt das Leiden ernst. Es heiligt es nicht. Das ist der Irrtum, der hinter dem Gedanken des Martyriums steckt. Die Vorstellung, durch Leiden etwas zu erwerben, Anrechte zu bekommen, durch Leiden privilegiert vor Gott zu sein, ist ein absurder Gedanke. Das Leid ist so präsent, dass selbst Gott sich ihm nicht einfach entziehen kann. Und auch nicht will. 

Denn die Liebe ist Hingabe. Indem Gott das Leiden sichtbar macht, indem Gott das Leiden nicht einfach beiseite schiebt, stellt er sich auf die Seite der Opfer, auf die Seite der Leidenden. Und das sind nicht allein die anderen. Das bin auch ich. Die Corona-Seuche macht sichtbar, wie dünn das Eis der Illusion ist, auf dem wir gehen, sie zerstört der Illusion, wir wären in Sicherheit und alles wäre halb so schlimm. 

Das Leiden ist nicht die große Störung unseres Glücks, sondern die Basis unseres Lebens. Es klingt fremd und fast zynisch: Das Leid ist die eigentliche Gestaltungsaufgabe unseres Lebens. Wir erkennen uns darin als Ebenbild Gottes, dass wir uns als Ebenbild des Gekreuzigten erkennen: er ist der wahre Mensch. Weniger formelhaft gesagt: im Gekreuzigten erkennen wir, wie es um uns Menschen in Wahrheit steht. Wir sind Sterbende. Aber es ist Gott, der im Gekreuzigten sichtbar wird. 

Was uns vor Sarkasmus, oder schlimmer noch: vor Zynismus bewahrt, ist, dass darin ein Funken Hoffnung sichtbar wird. Die Sterbenden sind nicht die Verlorenen. Sie sind nicht die große Ausnahme. Sie sind nicht die Aufgegebenen. Sondern sie sind die, denen Gottes Liebe besonders gilt. Die große Herausforderung, aber auch das große Geschenk des Glauben ist, dass er uns ein Bild dafür schenkt, wer wir in Wahrheit sind. 

Und die große Hoffnung für hier und heute, für unsere, wie man früher sagte, unsere "iridsche Existenz" ist, dass wir, wenn wir diesen Blick zulassen, wenn wir diesen Blick aufnehmen, wenn wir ihn, verzweifelt und mutig zugleich, teilen, dass wir dann weich werden, dass Barmherzigkeit in uns geweckt wird. Nicht durch moralische Ermahnung, nicht durch den Ruf zur Vernunft und Besonnenheit, nicht durch "don´t panic", sondern durch einen Moment des Innehaltens und der Besinnung: Ecce homo. Das bist du.

Und daraus formt sich das elementare Gebet, die elementare Klage, die elementare Bitte: kyrie eleison. Lass Tod und Vernichtung, Verlust und Vergehen nicht das letzte Wort sein. Öffne uns einen Horizont des Mutes in einer Welt voller Leid.

Die Tageslosung machte mich darauf aufmerksam. Sie spricht es aus, worum es geht.

Gott sprach zu Salomo: Weil du weder um langes Leben bittest noch um Reichtum noch um deiner Feinde Tod, sondern um Verstand, auf das Recht zu hören, siehe, so tue ich nach deinen Worten.
1. Könige 3,11-12
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
Matthäus 6,3

Nach dem Reich Gottes trachten: Das bedeutet nicht, dass wir hier Gottes Reich auf Erden bauen, wie immer so schön gesagt wird. Das scheitert immer und führt in ein Scheitern, dass den Glauben zutiefst beschädigt. 

Er baut. Für uns. Wir brauchen, um das Bild zu stressen, nur einzuziehen. Einziehen in ein Haus der Hoffnung, dessen Fundamente zwar auf der Erde stehen, dessen Wohnungen aber im Himmel liegen. Das ist kein Eskapismus. Das ist keine Flucht aus der Wirklichkeit. Es ist gerade andersherum: An der Tür zum Haus Gottes hängt das Kreuz. Daran kommen wir nicht vorbei. Unsere Energie, unser Bemühen sollte also nicht dafür verschwendet werden, religiös verbrämte utopische Wolkenkucksheime zu bauen. 

Darin ist der Glaube moderner, als die Moderne von sich selbst denkt.  Der von Gott in die Freiheit von Gott entlassene Mensch hängt nicht an Gottes Schürzenzipfel, sondern steht auf seinen Beinen. Die Perspektive kehrt sich um. Der Allmächtige Gott, das Gespenst des Aberglaubens, zeigt sich nicht als Alleskönner, sondern als Leidender, der das Leiden von innen her überwindet. 

Dafür hat die Vernunft keine Kategorien. Darin ist der Glaube unvernünftig, weil er auf der Liebe beharrt: auf reiner Zuwendung. Darin ist "Salomo" vernünftig: dass es ihm nicht um sich selbst geht. Das ist die Vernunft des Glaubens, und ich spitze zu: darin ist sie die vernünftigere Vernunft. Das bringt die Corona-Seuche ans Licht. Wer nur an sich denkt, begeht Verrat. 

Klopapier wird zum Symbol der Unvernunft. Es sei denn, ich horte es, um es gegebenenfalls an die weiterzugeben, die welches brauchen werden. Es geht um Zuwendung. Sie ist die Antwort auf das Leid.

Der Gekreuzigte braucht unsere Zuwendung, wie er sich schon als Kind in der Krippe gebraucht hat. Der Glaube lenkt den Blick nicht auf den Himmel. Er lenkt ihn auf die Erde, dort wo die Erde, die gefallene Schöpfung, am irdischsten ist. Da soll unsere Energie hinfließen. Leid mindern: das ist, was wir können. Solidarisch unter dem Kreuz stehen, wie die Frauen. Einander in der Verlassenheit annehmen, wie Johannes zum Sohn der Maria wird, als ihr Sohn stirbt. Auf Golgatha ordnet Gott uns einander zu: das Volk der Leidenden. Dahin blickt. Das Leid ist da. Es gilt, es mindern. Darum braucht es das Recht und den Verstand. Die sind jetzt gefragt. Angesichts der unveränderten Präsenz des Leides in der Schöpfung, der das Ende des Leides verheißen ist, bedeutet Liebe: Solidarität. Dafür wird Salomo gelobt. Dahin lenkt Jesus unseren Blick.

Mit Verharmlosung, mit Instrumentalisierung des Leides (als vermeintlicher Ausbruch des Zornes Gottes), mit Beschwichtigung, mit Gesundbeterei im übelsten Sinne ist uns nicht geholfen, mit moralischen Appellen auch nicht. 

Ganz im Gegenteil. Gerade der Glaube an die Auferstehung  kann uns stark machen, zu sehen, was der Fall ist: Die Schöpfung ist voller Leid, kyrie eleison. Nach dem Reich Gottes trachten: das kann für uns nur heißen: seiner Verheißung trauen und uns der Wirklichkeit stellen. Der Kelch geht nicht an uns vorüber, wie er auch an Jesus nicht vorüberging. 

Es ist ein fast unerträglicher Satz, den ich am Ende aussprechen muss: In jedem Leidenden offenbart sich Gott. Was ihr getan habt einem meiner geringsten Geschwister, das habt ihr mir getan. 

Ausgerechnet Nietzsche (oder vielleicht gerade er, der aus einem "frommen" Elternhaus stammt) spricht es sehr klar aus: Bleibt der Erde treu.

Kyrie eleision.

Amen.

Samstag, 16. November 2019

Predigskizze zu Mt 25, Volkstrauertag


Der Volkstrauertag ist ja ein merkwürdiger Hybrid. Aber er ist eine der wichtigsten "Kontaktflächen" zur Zivilgesellschaft und zur regionalen Politik. Ich predige ja für gewöhnlich frei, mit einem Stichpunkteskript, das Leitsätze enthält, für heute habe ich den mal etwas ausführlicher gestaltet, falls es Rückfragen geben sollte. Das gibt mir auch die Möglichkeit, auf die Ansprache aus dem politischen Raum einzugehen. Es ist also mehr ein Denkanstoß und ein Steinbruch. Ich habe mich für MT 25, in der neuen Predigtordnung das Evangelium, entschieden, weil heute auch viele Menschen im Gottesdienst sitzen werden, für die der Hiobtext vielleicht doch zu sehr harte Kost ist. Ich halte Mt 25 für einen ethischen Schlüsseltext in er momentanen gesellschaftlichen Debatte, den man gar nicht oft genug zitieren kann. Er beschreibt die ultimative Grenzüberschreitung und enthält eine radikal kenotische Christologie. Ich bin auf die Reaktionen sehr gespannt.

25,31-46
Vom Weltgericht
31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit,
und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.
 34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.
36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.
 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!
42 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. 43 Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.
 44 Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? 45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.


Liebe Gemeinde,

Die Geschichte vom Friedenspielen
Von Leo Nikolajewitsch Tolstoi wird folgende Geschichte erzählt:

Es gehörte zu den täglichen Gewohnheiten des Gutsbesitzers und großen russischen Schriftstellers, sich am Nachmittag im Park zu ergehen, der Natur nachzuspüren und die Gedanken kreisen zu lassen.

So war es auch an diesem Oktobertag, an dem die Sonne mit ihren Strahlen das Herbstlaub vergoldete. Welch friedliche Natur!

Auf seinem Weg störte ihn eine Schar halbwüchsige Buben, die mit Geschrei durch den Park tobten. Sie hatten sich mit Stöcken und allerlei Gerät bewaffnet.

Als sie geradewegs auf Tolstoi zustürmten, sah er zu seinem Entsetzen, dass einige größere auf zwei kleine einschlugen. Mit lauter Stimme gebot er Halt - verlegen und ängstlich versammelte sich die Gruppe um ihn.

"Welch schändliche Tat", herrschte er die Knaben an. "Wollt ihr euch gegenseitig totschlagen?"

"Aber nein, Gospodin", antwortete ein Junge, der wohl der Sprecher der Gruppe war: "Wir spielen doch nur." -

"Und wie heißt dieses Spiel?" fragte der Gutsherr weiter. "Wir spielen Krieg."

Tolstoi schüttelte energisch den Kopf und entgegnete laut: "Krieg, Krieg - ihr solltet lieber Frieden spielen!"

Missbilligend den Kopf schüttelnd, ging Leo Nikolajewitsch weiter.

Auch die Jungen waren still geworden und steckten die Köpfe zusammen. Plötzlich rannte der Sprecher hinter Tolstoi her, zupfte ihn am Ärmel und fragte: "Bitte, Gospodin, wie spielt man eigentlich Frieden?"

Wie spielt man Frieden? Vielleicht ist die Frage falsch: Krieg ist das Spiel, das finstere, das dunkle Spiel, Frieden ist der Ernstfall? Es wäre jedenfalls schön, wenn wir so denken könnten.

Die Erzählung vom letzten Tag, vom jüngsten Gericht, die wir als Lesung hörten und über die ich predigen will,
sagt uns, wie das geht: Frieden spielen. Nämlich: die einfachsten Bedürfnisse von uns Menschen stillen.

Früher habe ich diese Geschichte nicht gemocht: weil ich sie so las, dass sie mir mit dem jüngsten Gericht drohte, wenn ich nicht alles richtig mache. Jetzt, nach langer Lebenserfahrung, habe ich begriffen: Diese Geschichte erzählt nicht, was am „jüngsten Tag“ geschieht. Diese Geschichte erzählt, was jeden Tag in uns passiert. Es ist eine Geschichte vom Gewissen. Denn wir können entscheiden. Gott muss uns gar nicht mit Untergang und Vernichtung drohen. Wenn wir das einfache Gute nicht tun, kommt es ganz von selbst über uns.
Und was ist dieses einfache Gute?
Damit es auch wirklich jeder kapiert, wird es gleich viermal gesagt: zweimal negativ, zweimal positiv. Was ist daran eigentlich so schwer zu verstehen?
Schwer zu verstehen ist an dieser Geschichte, dass hier überhaupt nicht vom Glauben die Rede ist. Es ist auch gar nicht von Gläubigen und Ungläubigen die Rede. Dass ich diese Geschichte lieben gelernt habe, liegt genau daran. Sie erzählt vom einfachen Menschlichen. Sie überwindet gerade die Grenzen, die wir im Kopf und im Herzen immer ziehen. Wem sollen wir helfen? Wen sollen wir unterstützen? Wer ist bedürftig?
Die einfache Antwort dieses Gleichnisses lautet: alle.
Und hier liegt das Problem. Hier liegt der Grund, warum uns die Geschichte so unter die Haut geht.
Schauen wir sie uns genauer an.

(Paraphrase)


-       es braucht also gar keine komplizierte Theologie, keine langen Erklärungen. Es braucht nur ein offenes Auge und eine offenes Herz.
-       und hier kommt der Glaube ins Spiel. Denn das sollte der Inhalt unsere Gebete sein: Dass wir den Blick geöffnet bekommen für die Not des Menschen. Da kommen wir alle drin vor.
-       Das ist der Weg zum Frieden. Frieden spielen heißt: niemals die Not des Menschen zu vergessen, denn es ist die Not, die die Menschen zu Bestien macht.
-       Darum ist das auch eine Geschichte von der Verheißung und der Vergebung. Im bedürftigen Menschen begegnen wir Gott. Er wendet sich nicht von uns ab, wozu er Grund hätte, wenn unsere Maßstäbe an uns selbst anlegte, sondern er kommt uns entgegen. Schon dass wir dieses Gleichnis hören dürfen uns sozusagen ein unblutiges Gericht erleben, ist schon ein Geschenk. Wenn man nicht dumm ist, und daraus eine Kinderschreckgeschichte macht. Und genau das ist dumm: aus Gott das Gespenst der eigenen Angst zu machen.
-       Starren wir auf den Himmel, starren wir auf Dome und Paläste, sehen wir keinen Gott. Jesus lenkt den Blick nach unten lenken und nach innen. Wo die Not ist, da ist Gott.
-       Wenn hier also ein Volk trauert, dann ist es das Volk Gottes. Zur Trauer gehört eben auch, die eigene Sterblichkeit, die eigene Verletzlichkeit, die eigene Fehlbarkeit zu spüren, und zur wirklichen Anteilnahme gehört auch, die eigene Sehnsucht nach Frieden zu spüren, den Hunger, den Durst. Es gehört auch dazu, dem Erschrecken darüber Raum zu geben, dass wir so sein können, wie wir sind, dass uns die Angst zu Bestien macht und die Habgier zu Unmenschen. Das Volk dass hier in diesem Haus trauert, ist das Volk Gottes. Es gibt keine deutsches, kein weißes, kein europäisches Christentum. Es gibt kein Drinnen und kein Draußen. Die große Zumutung dieser Geschichte ist, dass Gott sich allen Menschen zuwendet, und dass unser Versagen schon beginnt, wenn wir Grenzen ziehen, wenn wir Menschen unterscheiden nach Hautfarbe, Abstammung, Fähigkeiten, nach Herkunft, nach sexuellen Vorlieben oder Ernährungsgewohnheiten: von alledem ist hier nicht die Rede. Hier ist die Rede von Nacktheit, Verfolgung, Hunger, Durst, Einsamkeit und Sterben, hier die Rede von dem volk Gottes, dass Gott besuchen will. Wir liegen schon schief, wenn wir die Frage stellen: Wem sollen wir helfen?
-       Darum ist der Volkstrauertag auch ein Tag, den wir als Kirchengemeinde, als Christen begehen müssen und sollen, und es ist ein Jammer, vielleicht sogar eine Schande, dass wir das nicht lauter, tatkräftiger und entschiedener tun, dass wir vor allem die Jungen nicht hier deutlich einladen. Nicht, weil Christen bessere Menschen sind. Ganz im Gegenteil: Weil Christen, die die Stimme Gottes hören, wissen, dass es keine „guten“ und keine bösen Menschen gibt, keine von Gott Geliebten und von Gott Verworfenen, sondern das wir alle fehlbar sind, und gerade in dieser Fehlbarkeit die von Gott Geliebten. Er lässt uns die Freiheit der Entscheidung. Darum tragen wir auch die Folgen. Christen sollten nüchtern sein, und wissen, mit wem sie es zu tun haben: Mit hungrigen, durstigen und nackten Menschen, die, wenn sie in Not geraten, des Leibes sowohl wie der Seele, gewalttätig werden, in Wort und Tat. Also heißt der Schlüssel zum Frieden letztlich: Gerechtigkeit. Da ist für Rassismus, Sexismus, Ausgrenzung, Herabwürdigung von Menschen kein Platz. Was ihr getan habt, einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan. Das sagt Jesus von Nazareth, den wir den Sohn Gottes nennen, weil uns in ihm Gott begegnet: als ein Fremder, der uns nahe sein will. Der von sich aus die Grenze zu uns überschreitet, damit wir den Mut finden, Grenzen zu überschreiten. Aber nicht mit Panzern und Gewehren, sondern mit einem Stück Brot und einem Schluck Wasser.
-       Können wir aus der Geschichte lernen? offensichtlich nicht. Wir hören schon wieder diesselben brandgefährlichen Reden, die immer in Kriegen endeten. Die gefährlichste Generation für den Frieden war immer die Generation der Enkel, die nicht mehr erlebten, was Krieg bedeutet und sich gelangweilt von ihren Alten abwendeten.
-       Die frohe Botschaft des Tages lautet daher: Wir mögen von allen guten Geistern verlassen sein, dass wir in unserer Wohlstandsgesellschft in Panik geraten, weil wir unseren Überfluss ein wenig eindämmen müssen. Aber selbst wir sind nicht von Gott verlassen. Auf ihn zu hören ist, gerade heute, gerade jetzt, schlicht und einfach vernünftig: Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan. Ihr sucht Gott? Ihr findet ihn im von Gott geliebten Menschen.

-       Am Ende steht, obwohl hier vom Glauben die Rede ist, die schiere Vernunft. Denn dieser Satz beschreibt nichts andres als das, was wir seit dreihundert Jahren die Menschenwürde nennen, die die Grundlage unserer freiheitlichen Gesellschaft ist. Die beiden entsetzlichen Kriege des letzten Jahrhunderts sollten uns sehr drastisch vor Augen führen, wohin es führt, wenn wir das aufs Spiel setzen. Dass es zweimal so brutal, und danach immer wieder im Kleinen schiefging, sollte uns traurig machen. Und das heute vor allem die Religion wieder als Kriegsvorwand benutzt wird, sollt uns sogar zutiefst alarmieren.

-       Das Gott uns zutraut, es besser zu machen, sollte uns fröhlich machen. Das, Schwestern und Brüder, ist christliches Leben; wer etwas vom christlichen Abendland faselt und am libsten einen Zaun darum bauen möchte,  hat davon wenig verstanden, und wir sollten als Christen, als Kirche, als Gemeinschaft der heiligen, als Volk Gottes, das vielleicht doch etwas deutlicher sagen, als wir es bisher getan haben. Freunde werden wir uns damit nicht machen. Aber haben wir eine Wahl? Wir haben sie, sagt uns die Geschichte vom jüngsten Gericht. Jeden Tag: Liebe oder Gleichgültigkeit, Abgrenzung oder Öffnung, Kompromiss oder Verbohrtheit, Vergebung oder Rache. Die Unterscheidung von Schafen zur Rechten und zur Linken geht mitten durch jeden von uns hindurch.
-       Wie spielt man Frieden? Gebt den Menschen was zu essen, ein Dach über den Kopf, schenkt ihnen Gerechtigkeit und Bildung und seid darin barmherzig, großzügig und risikobereit. Besucht einander, redet miteinander, feiert miteinander. Betet. Damit, Schwestern und Brüder, dienen wir als Volk Gottes allem Volk auf Erden. So wird der Volkstrauertag auch ein christlicher Tag.
-        
Am Ende ist eben doch der Krieg der mörderische Ernstfall, und der Frieden das heilige Spiel.

Montag, 28. Oktober 2019

Predigt zum 19. S.n. Tri, Joh 5, 1-9a Raus aus der Opferrolle


 Joh 5,1-16
Die Heilung eines Kranken am Teich Betesda
5 1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen;
 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. 5 Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank. 6 Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. 8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! 9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Liebe Gemeinde!
Willst Du gesund werden? Das ist eine merkwürdige Frage, die Jesus da stellt. Willst Du gesund werden – gerade noch hat der Erzähler Johannes deutlich betont: der Mann war achtundreissig Jahre lang krank. Vermutlich meint er damit: sein ganzes Leben. Und es wird zwar nicht gesagt, was er hat, doch aus dem Zusammenhang der Geschichte wird deutlich: er kann nicht laufen. Jedenfalls nicht schnell laufen. Denn als Jesus ihm diese Frage stellt, bekommt Jesus zur Antwort: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein“. Die Hallen am Teich Bethesda scheinen so etwas wie sehr spezielle Krankenhäuser zu sein. Die Kranken dort warten, bis sich das Wasser des Teichs bewegt, dann laufen sie zu dem Teich. Wer ihn als erster erreicht, wird geheilt. Dahinter steht vermutlich die Vorstellung, dass ein heilender Engel aus dem Wasser aufsteigt oder über das Wasser schwebt. Das ist alles recht merkwürdig und von unsren Vorstellung von Medizin und Heilung sehr weit entfernt. Doch das ist nicht das, worauf die Geschichte den Blick lenkt. Es ist die Frage Jesu: „Willst Du gesund werden“?
Noch einmal die Antwort des Mannes: „Herr, ich habe keine Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt“. Der Mann sagt nicht einfach: „Ja, ich will gesund werden“. Stattdessen erzählt er, warum es ihm bisher nicht gelang. Er bekam keine Hilfe. Das ist, wie so oft im Johannesevangelium eine sehr doppelbödige Erzählung. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wäre es eine Geschichte davon, dass ein Mann in seiner Krankheit allein gelassen wird. Es klingt also wie eine Geschichte von der Hartherzigkeit der Menschen. Auf den zweiten Blick aber erscheint etwas anderes. Denn Jesus macht jetzt nicht das, was man erwarten sollte. Er hilft dem Mann nicht, das Wasser zu erreichen. Sondern er sagt ganz einfach zu dem Mann: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin“. Und so geschieht es dann auch. Der Umweg über die Hilfe anderer war gar nicht nötig. Jesus heilte ihn direkt. Wieso hat der Mann Jesus nicht gleich um Hilfe gebeten? Hier öffnet sich der doppelte Boden der Geschichte. Die Frage Jesu: man könnte fast meinen, der Mann wolle gar nicht wirklich gesund werden. Es sieht so aus, als hätte er sich in der Rolle eingerichtet, die ihm zugewiesen wurde: dass er Opfer ist, ein Alleingelassener, ein Vergessener. Deswegen stellt Jesus ja die Frage: „Willst Du gesund werden“? Man muss im Grunde nur ein kleines Wörtchen ergänzen, um die ganze Schärfe der Frage zu verstehen: „Willst Du überhaupt gesund werden? Warum hast du nicht schon längst andere um Hilfe gefragt ?“ Jesus hat den nicht unbegründeten Verdacht, dass sich der Mensch in seiner Opferrolle eingerichtet hat. Dass er im Grunde Angst davon hatte, wieder gesund zu werden. Darum die unmittelbare Antwort: „Nimm dein Bett und geh“! Denn wer gesund ist, der muss sich wieder auf die Beine machen. Die Ofperrolle, das weiß Jesus ganz genau, ist für Menschen sehr verlockend. Denn kann man andere für sein Unglück verantwortlich machen. Dann muss man keine Verantwortung übernehmen. Dann kann man liegen bleiben und vom Mitleid anderer leben. Das klingt ein wenig absurd – aber es ist in Wahrheit zutiefst menschlich. Menschen gehen gerne in die Opferrolle. Das kennen wir aus vielen Lebensgebieten: viele Beziehungen funktionieren genau so. Ein Mensch geht in die Opferrolle und macht die anderen dafür verantwortlich. Alle sind schuld, nur man selbst nicht. Das durchkreuzt Jesus: „Nimm Dein Bett und geh. Mach dich auf. Die bequeme Zeit ist vorbei“. Jesu heilt den Mann von einer Lähmung, die viel tiefer geht, als dass sie nur den Körper betrifft. Er heilt den Menschen von seiner geistigen Lähmung. Er holt in aus der Erstarrung und stellt ihn auf die Beine.
Liebe Gemeinde, das ist eine sehr kluge Geschichte. Heute sind in Thüringen Wahlen, und alle sind gespannt, wie sie ausgehen: Die Umfragewerte sind schwankend. Es wird viel darauf ankommen, wie hoch die Wahlbeteiligung ist. Die sinkt ja seit Jahren bei fast allen Wahlen, vor allem in den neuen Bundesländern. Warum eigentlich? Warum nehmen Menschen ihre Verantwortung nicht wahr? Wir erleben seit geraumer Zeit, auf jeden Fall aber seit der Wiedervereinigung vor dreißig Jahren, dass viele Menschen tatsächlich ein eine Art Opferrolle verfallen. „Man kann ja sowieso nichts machen!“ heißt es dann, und gleichzeitig wird darüber geklagt, wie schlecht alles geworden ist. Obwohl die Zahlen eine andere Sprache sprechen. Wir leben immer noch, und das schon seit Jahren, in einem wirtschaftlichen Aufschwung. Und auch wenn wir ein massives Problem mit der Gerechtigkeit, mit der Verteilung der Güter haben, wird die Lebenssituation der Menschen immer besser. Freilich: Die Welt wird auch immer komplizierter.  Das Leben ist in vieler Hinsicht anstrengender geworden. Das ist ja auch kein Wunder: Der Wohlstand will erarbeitet und gesichert werden. Von nichts kommt nichts. Alle sind gefordert, viel mehr, als dass früher der Fall gewesen sein mag, Verantwortung zu übernehmen und sich zu beteiligen. Das macht Mühe, keine Frage. Aber macht es wirklich so viel Mühe, dass man in einer Opferrolle fallen muss? Offensichtlich. Denn die Opferrolle ist so schön bequem: Die anderen sind schuld. Aber das hat fatale Folgen. Das führt am Ende dazu, dass man überall Schuldige sucht, anstatt nach Lösungen zu suchen. Das aber ist für ein Gemeinwesen tödlich. Vor allem dann, wenn man die Schuld immer bei den Anderen sucht. Dann entstehen die Verschwörungsmythen. Dann sind plötzlich die Juden schuld, die Fremden, die Wessis, die Ossis oder wer auch immer. Und das vergiftet das politische Klima ganz ungeheuer. Denn das sind, bei genauer Betrachtung, alles Hirngespinste. Es ist sehr bequem, die Schuld auf andere zu schieben. Dann muss man nicht selbst aktiv werden. „Herr, ich habe niemanden, der mich zum Waser bringt“. Ja, fragt man sich, wieso fragst du niemanden? Wieso kümmerst Du dich nicht darum, dass sich jemand um dich kümmert? Ein gesellschaftliches Klima, in dem immer nur Opfer und Täter gesucht werden, indem die Verantwortung für das vermeintliche oder echte Elende auf andere geschoben wird, ist am Ende sehr vergiftet. Und das spüren wir gerade sehr deutlich. Andere sind schuld. Im Thüringer Wahlkampf ist der Vorsitzende der CDU, Mike Mohring, mit dem Tod bedroht worden. Weil ihm und seiner Partei die Schuld gegeben wird an allem Möglichen – was grotesk ist. In Halle hat ein junger Mann beinahe ein schlimmes Massaker angerichtet, weil er denkt, dass die Juden an allem Schuld sind und dass er ein armes Opfer unveränderbarer gesellschaftlicher Verhältnisse geworden ist. Ganz abgesehen davon, dass das eine scheußliche Tat ist, ist es auch ein wirklich dummes Denken, immer Anderen die Schuld zu geben. Jesus weist dieses Denken weit von sich. Nimm Dein Bett und geh! Übernimm Verantwortung, erheben Dich von deinem bequemen Lager, raus aus der Opferrolle. Jesus sagt das mit der Vollmacht Gottes. Und er sagt es nicht nur diesem Mann. Er sagt es uns allen, und er sag es mit der Vollmacht Gottes. Das eigentliche Wunder dieser Geschichte ist nicht, dass der Mann einfach so von seinem körperlichen Gebrechen geheilt wird, das eigentliche Wunder ist, dass er aus seiner Opferrolle geholt wird. Gott will, dass wir Verantwortung übernehmen und unser Leben gestalten. Dass wir nach Lösungen suchen, anstatt tatenlos und jammernd auf der Matte zu liegen. Die Lösung für diesen Mann wäre gewesen, Gott um Hilfe zu bitten. „Willst du gesund werden“? „Ja, ich will, hilf mir, zeig mir einen Weg“. Das wäre die richtige Antwort gewesen. Und das ist auch die Antwort auf unsere politischen und gesellschaftlichen Probleme, die im Moment sehr davon bestimmt sind, dass wir in die Opferrolle fallen und lieber klagen und jammern, anstatt nach Wegen zu fragen. Wir dürfen uns freilich vor der Antwort nicht fürchten: „Nimm dein Bett und geh“. Denn bei Lichte betrachtet, geht es dem Mann doch jetzt sehr viel besser als vorher: er hat sein Leben wieder in der Hand, auch wenn es jetzt wieder richtig viel Arbeit macht. Aber er ist wieder lebendig, von seiner Lähmung geheilt. Gebe Gott, dass auch wir diese Frage hören und ernst nehmen: „Willst Du geheilt werden“? Es ist diese Frage, die Gott uns stellt. Und wir sind gut beraten, nicht damit zu antworten, dass wir die Verantwortung für unser Unglück anderen in die Schuhe schieben, sondern bereit sind, die Antwort zu hören: „Nimm Dein Bett und geh“. Nimm Dein Leben in deine Hand. Warte nicht auf andere. Suche die Hilfe, die du brauchst. Allein diese Einsicht, dass es eigentlich immer eine Lösung gibt, wenn man bereit ist mitzuarbeiten und mitzuwirken, ist schon heilsam. Und dieser Art des Heils brauche wir: Heilung von der Opferrolle. Man darf gespannt sein, ob die Wahl heute zeigt, dass Menschen diesen Weg in die Verantwortung finden. Als Kirche aber, als die von Jesus in die Verantwortung Gerufenen, sind wir auch berufen, die Opferrolle nicht anzunehmen, sondern immer dazu aufzurufen, nicht nach Schuldigen zu suchen, sondern Lösungen zu finden. Wir haben die Verheißung Gottes. dass er uns dabei hilft und uns aus der Lähmung herausholt. Amen.