Samstag, 31. Oktober 2020

Pest, Angst und Freiheit. Predigt zum Reformationsfest 2020, Großenritte

 

Zu Beginn des Gottesdienstes:

 

Memorandum der medizinischen Fakultät der Universität Paris, Oktober 1348, zur um sich greifenden Pestepidemie, die als der schwarze Tod über 3 Jahrhunderte hinweg Millionen Todesopfer fordern wird.

 

„Wir, die Mitglieder des Medizinalkollegiums zu Paris, geben hier nach reiflicher Überlegung und gründlicher Durchsprechung des herrschenden Sterbens und Ablebens und nach Erforschung der Meinung unserer alten Meister eine klare Darstellung der Ursachen dieser Pest gemäß den Regeln und Schlüssen der Astrologie und Naturwissenschaft.

Wir erklären somit folgendes: Man weiß, daß in Indien und in den Gegenden des großen Meeres die Gestirne, welche mit den Sonnenstrahlen und der Hitze der Himmelsfeuer kämpfen, ihren Einfluß besonders auf jenes Meer ausüben und heftig gegen seine Gewässer ankämpfen. Daraus entstehen Dämpfe, welche die Sonne verdunkeln und ihr Licht in Finsternis verwandeln. Diese Dämpfe erneuern alle achtundzwanzig Tage den Kreislauf des Steigens und Fallens ohne Unterlaß [...]. 

Falls die Einwohner folgende Vorschriften oder ähnliche nicht beachten wollen, kündigen wir ihnen unausweichlichen Tod an. [...]

Sobald Donner und Hagel es ankündigt, muß jeder auf den Regen gefaßt sein und sich vor der äußeren Luft während des Unwetters und nachher hüten. Man soll dann große Feuer aus Weinreben, aus Lorbeerzweigen oder anderem grünen Holz anzünden, ferner soll man große Massen Weihrauch und Kamillen auf den öffentlichen Plätzen und an stark bevölkerten Orten und im Innern der Häuser verbrennen. [...]

Kalte, feuchte und wässrige Speisen sind größtenteils schädlich. Gefährlich ist das Ausgehen zur Nachtzeit bis um drei Uhr morgens wegen des Taues. Fisch soll man nicht essen; zuviel Bewegung kann schaden; man kleide sich warm und schütze sich vor Kälte, Feuchtigkeit und Regen, man koche nichts mit Regenwasser. Zu den Mahlzeiten nehme man etwa Theriak; Olivenöl zur Speise ist tödlich. Fette Leute sollen sich der Sonne aussetzen. Eine große Enthaltsamkeit, Gemütserregungen, Zorn und Trunkenheit sind gefährlich. Durchfälle sind bedenklich, Bäder gefährlich. Man halte den Leib mit Klistieren offen – Umgang mit Weibern ist tödlich; man soll sie weder begatten, noch in einem Bett mit ihnen schlafen.

Diese Vorschriften gelten besonders für Alle, die an den Gestaden des Meeres oder auf Inseln wohnen, wohin der verderbliche Wind gedrungen ist.“

 

Lesung:

Römer 3, 28-31 

28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. 29 Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja gewiss, auch der Heiden. 30 Denn es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben. 31 Wie? Heben wir das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Sondern wir richten das Gesetz auf. 

 


 

Predigt:

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder im Herrn, liebe Zuschauende und Zuhörende im Live Stream,

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus!

 

 

Die Reformation war eine Befreiung. Das ist es, was wir feiern und woran wir heute erinnern. Eine Befreiung wovon? In der Lesung haben wir es gehört, in schwerwiegenden Gedanken des Apostels Paulus über Gesetz und Glauben. Was er dort in seiner schwierigen theologischen Sprache sagt, ist aber ein einfacher Gedanke: Das Gesetz, die Regeln, sind für den Menschen da, nicht der Mensch für die Regeln. Dass Gott uns liebt, uns annimmt und uns für immer treu bleibt, hängt nicht davon ab, ob wir die Regeln und Gesetze halten. Er liebt uns bedingungslos, es ist an uns, ihm zum vertrauen. Zwischen Gott und Mensch herrschen Regeln und Gesetze, sondern die Liebe. Und für die steht Jesus Christus, dessen Weg durch Tod und Angst in die Auferstehung ein Weg gegen die Angst und die Verweiflung ist. So hat es Luther erfahren und erlebt, und dieser Impuls ist der Impuls der Reformation: Befreiung von der Angst und die Befreiung der Vernunft von religiösen Voruteilen, Aberglauben und falschem Autoritätsglauben.

Die Vernunft ist nicht mehr die Sklavin des Glaubens, sondern seine Partnerin. Vernunft und Glauben gehen nun Hand in Hand, Glauben und Wissen sind Geschwister, die einander kritisch begleiten und um die Wahrheit streiten. Die aber steht nicht in Büchern, sondern wird durch methodische Erfahrung, Auseinandersetzung und ständige Überprüfung freigelegt. Das ist der Geist der Moderne, die in der Reformation eine ihrer Wurzeln hat. Dem gehe ich in der Predigt nach.

 

Wir haben zu Beginn das Gutachten der Pariser theologischen Fakultät zu der großen Pestepidemie, dem Schwarzen Tod, gehört. Sie brach im Jahr 1347 aus und raffte innerhalb kürzester Zeit Hundertausende, am Ende über fast drei Jahrhunderte gar Millionen Menschen dahin.

 

Und wir haben gehört, wie hilflos die Menschen dem damals ausgeliefert waren, weil die Medizin der damaligen Zeit ein wüster Mix aus Religion. Aberglauben, Autoritätsglauben und wirren Theorien war, die dann auch völlig sinnlose und sogar schädliche Ratschläge gab. Am Ende blieb den Menschen nur Beten, und selbst das half nicht, beten hilft eben nicht gegen das Sterben, sondern gegen die Angst.

Am Ende galt die Pest als eine Strafe Gottes - was die Angst der Menschen nur noch steigerte und sie in den Wahnsinn des religiösen Fanatismus, der Hexenverbrennung, Judenverfolgung und der teilweise völligen Auflösung der Ordnung führte. Das Ganze war, aus heutiger Sicht, sehr unvernünftig, und die Religion spielte da eine unrühmliche Rolle: Die Kirche schürte noch die Angst.

 

Auch zur Zeit von Martin Luther wütete die Pest wieder einmal in Deutschland, und im Jahre 1527 kam sie auch nach Wittenberg. Und dazu hat Luther eine kleine Schrift verfasst, mit dem Titel: „Ob man vor dem Sterben fliehen solle“.

Und Luther antwortete - ganz modern : das hängt von den Umständen ab! Niemand ist verpflichtet, sich und andere unnötig in Gefahr zu bringen.

Allerdings unter einer Bedingung: Für das Wohl der Nächsten muss gesorgt sein. Die ganze Anstrengung muss, bei aller Sorge um die eigene Gesundheit, dahin gehen, Menschen nicht im Stich zu lassen und, wie wir heute sagen würden, die notwendige Balance zwischen der Sorge für sich und die Sorge für den andern zu finden. Und so gibt er ganz nüchterne Ratschläge:

Die Friedhöfe sollen aus den Städten verlegt werden, damit sie nicht ein Ort des Unheils werden; es sollen Krankenhäuser aus der öffentlichen Kasse eingerichtet werden und eine Fürsorge organisiert. Und dann, wir hören es wörtlich,

 

„Wenn  Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und  der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften,  Arznei geben und nehmen, Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit  ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine  Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde.

Wenn  mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person  meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein  gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und  Gott nicht versucht.“

 

Das klingt sehr vernünftig. Und sehr vernünftig ist es auch, nicht in ein falsches und hochmütiges, dummdreistes Gottvertrauen zu verfallen und zu meinen, dem Frommen könne nichts passieren. Das wäre nach Luthers Sicht geradezu gotteslästerlich!

Das ist schon ein sehr anderer Ton als der des Pariser Pestgutachtens! Das ist der Ton, mit dem Reformation die Kirche und den Glauben, am Ende aber die gesamte Gesellschaft aus der Enge eines Glaubens, der auf Angst beruht, in die Freiheit eines Glaubens führte, der auf Vertrauen beruht und die Vernunft einsetzt.

 

Nun wissen wir heute so unendlich viel mehr und Besseres über die Herkunft, die Verbreitung und die Bekämpfung der Seuchen.

Die Befreiung der Vernunft, die nun frei war, nicht mehr mit der Bibel in der Hand die Welt zu erforschen, sondern auf die Fähigkeiten des Menschen zur Erkenntnis und zu Wahrheit zu vertrauen, hat uns Möglichkeiten des Lebens in die Hand gegeben, von der Luther nicht einmal träumen könnte und für die wir Gott nicht genug danken können.

Wir verstehen heute die Seuche nicht mehr als Strafe Gottes, sondern als Herausforderung an unsere Vernunft und unsern Glauben.

Sie ist eine Katastrophe wie andere auch, halb naturgemacht, halb menschengemacht, und wie andere Katastrophen fordert sie unsere Solidarität, unseren Gemeinschaftssinn und unser Vertrauen heraus.

Wir sind frei, uns nach dem zu richten, was vernünftig ist.

Luther sagt einmal ganz zugespitzt: die Christen machen neue 10 Gebote, wenn es die Zeit erfordert. Das Gesetz muss dem Menschen dienen, und die Liebe ist der Prüfstein! So richten wir das Gesetz auf, wie Paulus schreibt, das Gesetz der Liebe.

Und vernünftig ist es, auf die Wissenschaft zu hören und mit ihr um die Wahrheit zu streiten, vernünftig ist es, den Erkenntnissen der letzten 200 Jahre zu folgen, die uns so viel Segen gebracht haben, dass wir oft vergessen, wie zerbrechlich unser Leben ist.

Vernünftig ist es aber auch, auf Gott zu vertrauen! Das ist nämlich kein Gegensatz! Also heißt die Devise, die wir aus dem Impuls der Reformation aufnehmen: Auf Gott vertrauen und vernünftig sein. Luther hätte heute, dessen bin ich mir ziemlich sicher, harte Worte für den Leichtsinn und das Geschwätz gefunden, und vermutlich zum Maskentragen, zur Quarantäne, zur Hygiene geraten, zur Zurückhaltung in den Kontakten, denn es geht  geht um das Wohl des Nächsten und das Gemeinwohl: das wir anderen nicht durch unsere Nachlässigkeit ein Grund zum Tode werden!

Darum tun wir als Kirche gut daran, das auch in besondere Weise zu tun und unseren Beitrag zu leisten und so zu Zeugen für die Freiheit zu werden, die Gott uns schenkt. Wir halten uns an die Regeln nicht aus Zwang, sondern aus Freiheit und Einsicht.

Wir wissen, dass gemeinsames Singen gefährlich ist. Wir wissen, dass größere Menschenansammlungen gefährlich sind. Wir wissen, wie gefährlich der zu enge Kontakt ist.

Wir wissen, dass wir aus dieser Pandemie nur herauskommen, wenn wir auch bereit sind, Opfer zu bringen - aber was zählen die gegen Menschenleben? Und das größte Opfer, das wir werden brngen müssen, ist die zu schüzten, die Opfer bringen müssen bis an den Rand ihrer Existenz, die unter dem Lockdown leiden und in ihrer Lebensgrundlage bedroht werden. Es wird auch darum gehen, unseren Wohlstand dadurch zu wahren, dass wir ihn verteilen. Das wird die eigentliche Herausforderung werden!

Nicht Furcht und Sorge sollen uns bestimmen, aber auch nicht Gleichgültigkeit und Schulterzucken, nicht Panik und wirres Geschrei sollen uns bestimmen, auch nicht Zorn und Wut, sondern Nüchternheit, Besonnenheit und Maßhalten.

Der Verzicht auf den Gottesdienst, wie wir ihn kennen, der Verzicht auf den Gesang, der Verzicht auf enge, auch körperliche Gemeinschaft kommt uns hart an und trifft uns ins Mark.

Aber unser Heil hängt nicht daran. Die Kirche hat schon ganz andere Katastrophen überlebt, für Selbstmitleid und Gejammer gibt es keinen Grund. Trauer ja, Jammern nein!

Aber es gibt Grund zum Vertrauen: daran hängt unser Heil, nicht an Regeln und Gesetzen. Und Vertrauen führt in die Freiheit: Die Freiheit, unseren Glauben so zu gestalten wie die Zeiten es zulassen. Jetzt, in der Zeit der Seuche, bewährt sich die Kirche als Sorgegemeinschaft: Sorge für uns, Sorge für den Nächsten, Sorge für die Gesellschaft.

Wenn wir als Kirche uns an diese Regeln halten, ist das nicht Staatshörigkeit oder Untertanengeist, wie oft geschwätzt wird, sondern Vernunft, die aus der Liebe geboren wird. So, liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitmenschen, so halten wir das Erbe der Reformation in Ehren:

Wir folgen der von der Angst befreiten Vernunft, die nach dem Wohl des Menschen fragt. Gott gebe uns dazu seinen Geist und lehre uns recht beten!

Und wir freuen uns jetzt schon darauf, dass wir auch aus diesem finsteren Tal zum frischen Wasser geführt werden.

Und ich freue mich schon auf den ersten Gottesdienst, den wir wieder in voller Pracht und Glanz feiern können, wann immer das sein wird.

Bis dahin aber: Bleibt vernünftig, um Gottes und der nächsten Willen, haltet Euch an die Regeln, nicht, weil sie von Gott kommen, sondern weil sie vernünftig sind und Ausdruck der tätigen Nächstenliebe.

Und dankt Gott für den Segen der Wissenschaft, die es bisher geschafft hat, diese Seuche nicht zu einer Katastrophe werden zu lassen und uns aus dem Dunkel der wirren Theorien geholt hat, die wir am Anfang gehört haben.

Lasst uns, in aller Freiheit, alles dafür tun, dass es so bleibt. Gott ist mit uns, er ist unsere feste Burg, nicht unser Gefängnis.

 

Amen.  

Freitag, 16. Oktober 2020

Das Jahr, in dem Weihnachten verboten wurde.

 

Das Jahr, in dem Weihnachten verboten wurde. Eine Vision.

Roland Kupski, vermutlich 1996

Eines Tages geschah es.

Weihnachten wurde verboten. Als Folge des Kruzifixurteiles wurden das öffentliche Aufstellen, Verkaufen und Verbreiten von Weihnachts­symbolen aller Art, von Dekoration und Lampchen, von Tannengrün und Weihnachtsrot, Engeln und Krippen unter Andro­hung von Ge­schäftsschließungen und hohen Bußgeldern gesetzlich untersagt. Weih­nachtsfeiern, auf denen weihnachtliches Gebäck gereicht, fromme Worte gesprochen und saisonale Lieder abgesungen wurden, sollten im Vorkommensfalle von der Polizei aufgelöst wer­den, die Veranstalter in Beugehaft genommen und die Teilnehmer erkennungsdienstlich behandelt werden. Schnüffeltruppen der Gesundheitsämter gingen durch die Häuser, und wo es nach Plätzchen duftete, wurde eingeschritten. Lastwagen voller Weihnachtsbedarf aus der ganzen Welt wurden bereits an der Grenze abgefangen. Die volkstümliche Hitparade enthielt nicht ein ein­ziges "Vom Himmel hoch" oder "Heidschi bum beidschi", der Dresd­ner Kreuzchor sang "Oh Haupt voll Blut und Wunden" als Höhepunkt seines Dezember­konzertes, und die Kurrende führte nicht das Bach'sche Weih­nachtsoratorium auf, sondern die Kantate "Ich habe genug" von Jo­hann Sebastian Bach.

Den Pfarrer und Pfarrerinen wurde am 1. Dezember schriftlich das Abhalten von Weihnachtsogtttesdiensten untersagt, die weihnachtli­che Urlaubssperre wurde aufgehoben und alle Pfarrer und Pfarrerin­nen aufgefordert, zu verreisen. Im Bayerischen Wald und anderen Ski- und Wandergebieten war in Folge davon kaum noch ein Zim­mer zu bekommen.

Als Predigttexte wurden verordnet ein Text des Propehten Amos (Amos 5,21): "Ich bin euren Feiertagen gram, spricht der Herr, und mag eure Versammlungen nicht riechen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lie­der, denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören. Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach!"

Am 23. 12. wurden zur Vorsicht die Kirchenschlüssel eingezogen und dem Landrat übergeben, wi­despenstige Küster und Küsterinnen kamen in Beugehaft.

Weihnachten war verboten.

Und was geschah? Die Menschen atmeten auf. Endlich freie Zeit in diesen Wochen. Endlich war der Geschenkestress zu Ende. Nirgendwo dudelte Weihanchtsmusik schon im Oktober, nirgends mußte stunden­lang herumtelefoniert werden, um Termine für Weihanchstfeiern zu machen und die Verwandtschaft zusammenzu­trommeln. Bürgermeister, Pfarrer und Vereinsmenschen hatten ein paar freie Abende, an denen sie Kegeln gingen oder Fernsehen guckten, falls sie nicht einfach einen Abend lang mit der Familie zu­sammensassen, ohne etwas sogenanntes Nützliches zu tun. Die Frommen versammelten sich heimlich zum Ge­bet und zu Klagegot­tesdiensten, denn war Advent nicht eine Bußzeit, ein Zeit der Ein­kehr gewesen? Und weil es dunkel war und still in den Städten und auf den Strassen, kamen viele zum Nachdenken, trauten sich, sich zu erinnern und auch den Kummer und die Sehnsucht nach vergan­genen Zeiten auszuhalten. Und sie spürten, daß es ihnen guttat, was sie sonst fürchteten, und vielen fanden in den stillen, dunklen Nächten wieder den Schlaf, den sie verloren hatten.

Die alten Menschen fingen an, sich in der freigewordenen Zeit zu besu­chen, Eltern und Kinder gingen ins Schwimmbad oder machten sonst etwas Schönes.

Zwei Wochen vor Weihnachten aber begann etwas Merkwürdiges. Die Kinder spürten, daß mit den Erwachsenen etwas nicht stimmte, und sie fragten: "Was ist denn los?" Und die Erwachsenen fingen an zu erzählen, aber leise, flüsternd, denn man wußte ja nie, ob nicht ein Weihnachtsspitzel in der Nähe war: "Früher feierten wir in diesen Wochen ein tolles Fest, Weihnachten genannt. Wir stellten einen Weihnachtsbaum auf und sangen Lieder, wir gingen in die Kirche, wir buken Plätzchen und ganz besondere Kuchen". Und die Kinder frugen weiter: "Und warum das? Wozu?" Und die Erwachsenen schauten sich an, und merkten plötzlich: so genau wußten sie es gar nicht. Sie kramten heim­lich, nachts, bei Licht von Taschenlampen und vorge­zogenen Vorhängen, ihre Bibeln und ihre Kinderbücher wieder her­aus und lasen es nach: "Stimmt ja, das hatte doch etwas mit Gott zu tun, war da nicht nicht die Geburt Gottes in der Welt?" "Gott, wer ist das, kann der denn geboren werden?" frugen die Kinder weiter, wie sie so sind, und die Erwachsenen sahen sich in die Augen und merkten: darauf konnten sie nun schon gar nicht mehr antworten. Heimlich traf man sich, getarnt als Sitzungen des Personlarates, des Gemeindevorstandes, als Jahres­hauptversammlung traf man sich bei Glühwein - der aber nicht Glühwein genannt wer­den durfte - und sprach darüber, was Weihnach­ten war und ist. Die alten Leute wurde auf­gefordert zu erzählen: "Wie war das denn da­mals, als Weihnachten noch ein christliches Fest war" - und sie be­richteten, und man erinnerte sich. Den Kin­dern wurde aber so weinig wie möglich erzählt, damit sie nicht in der Öffentlichkeit herumschwätzen und die Eltern in Schwierigkeiten brach­ten. Geschäftsleute orderten heimlich Weihnachtssachen, aber nur ganz kleine Dinge, die sie unter größter Gefahr aus dem Ausland herein­schmuggelten oder im Schutze der Nacht anfertigen ließen. Und nur gegen ein Losungswort: "Heilige Nacht" wurde unter dem Ladentisch etwas davon verkauft.

Die Vorhänge wurden vorgezogen, in der Nacht wurden Plätzchen ge­backen, bei geöffneten Sauerkrautfaß, damit niemand den Duft riecht. Die Gemeindbriefe wurden mit Zitronensaft geschrieben, und nur wer sie unter das Bügeleisen legte, konnte die Weihnachstbotschaft nachlesen; die wenige Briefe, die es deswegen gab, wurden wie kostbare Kaßiber aus einer anderen Welt weitergereicht, fo­tokopierte Blätter gingen von Hand zu Hand, heimlich wurden Komitees zur Planung des Widerstandes gegründet. Die Pfarrer und Pfarrerinnen verreisten zum Schein, kehrten aber alle am 20. 12. wieder zurück und zogen bei Ihren Küstern ein, um in aller Stille Weihnachtsgottesdienste vorzubereiten. Die Kinder der Kurrende trafen sich in Zivil und wie zufällig im Altersehim und im Gemein­dehaus, im Krankenhaus und ihren Häusern und sangen vorsichtig, leise, ein Weihnachtslied. Die Kinder waren verrückt vor Aufregung, denn sie spürten: etwas ganz und gar Geheimnis­volles war da am Gange, am 24.12. wird irgendetwas Ungeheures ge­schehen, man munkelte etwas von Geschenken und gemeinsam Singen und von Geschichten aus der Bibel, was mag das bloá sein? Und die vielen, vielen Menschen, die früher unter Weihnachten litten, weil es für sie das traurigste, entzsetzlichste und schwerste Fest des Jahres war, sie trafen sich nun und sprachen darüber, daá Weihnachten sie eigen­lich immer traurig gemacht hat, daß sie das aber nie sagen durften, und es bildeten sich heimliche Gesprächskreise: "Trauer an der Weihnacht", und sie trauten sich nun - in aller Freiheit - auf die Friedhö zu gehen und zu trauren, denn jetzt war ja plötlzlich keine Freude mehr verordnet. Und all die Familien, die sich immer an Weihnachten gestritten haben, weil sie es einfach nicht aushielten, vier füf Tage untäig zu­sammengepfercht zu sein zu einen Fest, das kaum einer mehr verstand, wurden plözlich verschworene Gemein­schaften, zusammengehalten durch das Gefül, etwas Verbotenes, aber ganz und gar Wichtiges zu tun. Am 22. 12. erreichte die Spannung ihren Höepunkt, endlich wurde den Kindern erzält, worum es wirklich ging, und völig atemlos hörten die Geschichte davon, wie Gott als ein Kind geboren wurde, um der Welt eine Hoffnung zu bringen und die Menschen zur Liebe und zum Frieden zu bewegen. Und die Erwachsenen höen zum ersten Mal seit ihrer eigenen Kindheit die Geschichte wieder als eine Ge­schichte von Le­ben unter schwierigsten Bedingungen, als eine Ge­schichte von der Freiheit fü die Benachteiligten und Armen, tausend­mal gehöt, aber nun zum ersten Mal verstanden: "Kommet ihr Hirten" wurde zur Losung fü heimliche Weihnachtsversammlungen. Die alten Lieder und Texte wurden auswendig gelernt, denn wer mit einem Ge­sangbuch erwischt wurde, kam drei Tage ins Gefägnis.

Damit die Menschen in Ruhe und in der gebotenen Heimlichkeit ihre Vorbereitungen treffen konnten, machten viele L„den schon am 22. 12. Betriebsferien oder feierten krank, es kehrte nie gekannte Ruhe ein in das Land, die Menschen gingen spazieren und grüßtesich verschwo­ren mit dem alten Engelsgruß "Friede sei mit dir", und daran erkannten sie sich, und die Pfarrer und Pfarrerinnen wa­ren von Morgens bis Abends unterwegs, weil die erinnerungsschwe­ren Tage nach dem Gespräh drägten; und es waren gute Tage fü sie, denn zum ersten Mal konn­ten sie aus vollem Herzen das tun, was sie ge­lernt hatten und wozu sie da sind.

Das ganze Land war von einer Spannung erfült, wie man sie nur kannte, als man noch ein ganz kleines Kind war. Es war wie das erste Mal Weihnachten.

Am 24. 12 geschah es dann, die Menschen versammelten sich vor den Kirchen und vor den Gemeindehäsern, auf den Marktpläzen und in den Parks, sie züdeten Kerzen an und sangen "O du Fröli­che", und die Polizei marschierte auf, aber nach 20 Takten warfen die Polizisten ihre Schilde weg und sangen mit, der BGS ließdie Wasserwerfer in den Himmels sprüen, sodaßdas Wasser als Schnee herabfiel, die Kinder fingen an, sich zu erinnern und die Alten auch, und es wurden schnell ein paar bunte Tüher hervorgekramt und Krippenspiele improvisiert, vor den Kirchentüen standen Gruppen von Jugendlichen und jungen Menschen, von denen viele seit der Konfirmation dort nicht mehr gesehen waren und skandierten in Chor: "Die Tüe mußauf, die Tüe mußauf" und: "Wir sind das Gottesvolk, wir sind das Gottesvolk."

Die Geschätsleute nahmen sich ein Herz und schmükten nur fü diese eine Nacht die Städte und die Fenster und die Häuser, und mit einem Male erstrahlte alles in einem Glanz, der schier überwältigte nach den langen, dunklen Wochen, es war ein Singen und ein sich Freuen, das THW brachte Gulaschkanonen voll Glühwein, das Rote Kreuz verteilte Spekulatius und Stollen, die AWO hatte eine Kapelle besorgt und die spielte "Brüder, zur Sonne zur Freiheit, Schwestern zu Christus em­por" -

und verstohlen wurden aus den Manteltaschen kleine Päckchen ge­holt, so klein, daß sie nicht auftrugen, denn man wußte ja nie, ob nicht doch ein Weihanchstspitzel dabei war und man schenkte wild­fremden Leute etwas Nettes, und die, die Weihanchten immer trau­rig und allein zu Hause sassen, genossen es, unter Menschen zu sein; und sie durften hemmunglos weinen und sich an die Schulten wild­fremder Menschen legen und die Obdachlosen unter den Brücken kamen dazu, alles lag sich in den Armen für diese eine Nacht, und man lud sich ein für den nächsten Tag: "Aber ewartet nicht zuviel, Ihr wißt ja, man bekam ja nichts, wir haben nur Kochwürst­chen und Kartoffelsalat, ihr müßt was mit­bringen", - 

und da öffneten sich plötzlich sich die Kir­chentüren, die Kurrende kam singend heraus, die Pfarrer strahlten und verkündeten das Wort mit nie gekannter Vollmacht, weil sie zum ersten Mal wirklich Zeit hatten, das Fest intensiv mit Gebet und Meditation vorzubereiten; die Orgeln sausten und brausten, daß die Luft zu zittern schien, und es machte sich atemlose Stille breit, als die Stimme der Lektoren und Lektorinnen ertönte: "Siehe, euch ist große Freude wie­derfahren, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Chri­stus, der Sohn Gottes", und es erhob sich großer Jubel unter den Men­schen, es war Weihnachten geworden wie es noch nie war, in dem Jahr, als Weihnachten verboten wurde. Am andern Tag wurden die Bi­beln herausgeholt, und man las die Geschichte wieder und wieder, und jeder verstand, was Freiheit ist, und jeder ahnte, wie es ist, getröstet zu werden in dieser Nacht, und jeder spürte das Geheimnis dieser Nacht, das für Jahrzehnte vorher vom Rummel übertont und vom falschen Glanz der Lichter überstrahlt worden war, und das gesparte Geld wurde gesammelt und nach Bosnien ge­schickt und nach Rußland und nach Afrika, und als eine Woche später die Danktelegramme eintrafen, als die Fernseher voll von den Bildern überglcklicher Menschen waren, die auf einmal in dieser Zeit zu essen und trinken hatten, die auf einmal ganz körperlich spürten, daß Weihnachten das Fest der Liebe und der Solidarität ist, als die Telegramme eintrafen voller Dank und Freude, brachen alle in Tränen aus, denn das war das schönste Geschenk, das uns je ge­macht wurde, keiner hatte ein Geschäft gemacht und doch waren alle reich geworden, das alles geschah in dem Jahr, als Weihnachten verbo­ten wurde.

 

Freitag, 15. Mai 2020

Herr der Töpfe und Pfannen: Theresa von Avila

 


Herr der Töpfe und Pfannen -

Theresa von Avila



Herr der Töpfe und Pfannen,
ich habe keine Zeit,
eine Heilige zu sein
und Dir zum Wohlgefallen
in der Nacht zu wachen,
auch kann ich nicht meditieren
in der Morgendämmerung
und im stürmischen Horizont.

Mache mich zu einer Heiligen,

indem ich Mahlzeiten zubereite
und Teller wasche.
Nimm an meine rauen Hände,
weil sie für Dich
rau geworden sind.

Kannst Du meinen Spüllappen
als einen Geigenbogen gelten lassen,
der himmlische Harmonie
hervorbringt auf einer Pfanne?
Sie ist so schwer zu reinigen
und ach, so abscheulich!

Hörst Du, lieber Herr,

die Musik, die ich meine?
Die Stunde des Gebetes ist vorbei,
bis ich mein Geschirr
vom Abendessen gespült habe,
und dann bin ich sehr müde.

Wenn mein Herz noch am Morgen
bei der Arbeit gesungen hat,
ist es am Abend schon längst
vor mir zu Bett gegangen.
Schenke mir, Herr,
Dein unermüdliches Herz,
dass es in mir arbeite statt des meinen.

Mein Morgengebet

habe ich in die Nacht gesprochen
zur Ehre Deines Namens.
Ich habe es im voraus gebetet
für die Arbeit des morgigen Tages,
die genau dieselbe sein wird
wie heute.

Herr der Töpfe und Pfannen,
bitte darf ich Dir
anstatt gewonnener Seelen
die Ermüdung anbieten,
die mich ankommt
beim Anblick von Kaffeesatz
und angebrannten Gemüsetöpfen?

Erinnere mich an alles,

was ich leicht vergesse;
nicht nur um Treppen zu sparen,
sondern, dass mein
vollendet gedeckter Tisch
ein Gebet werde.

Obgleich ich Martha-Hände habe,
hab' ich doch ein Maria-Gemüt,
und wenn ich die schwarzen Schuhe putze,
versuche ich, Herr,
Deine Sandalen zu finden.
Ich denke daran,
wie sie auf Erden gewandelt sind,
wenn ich den Boden schrubbe.

Herr, nimm meine Betrachtung an,

weil ich keine Zeit habe für mehr.
Herr, mache Dein Aschenbrödel
zu einer himmlischen Prinzessin;
erwärme die ganze Küche
mit Deiner Liebe
und erleuchte sie mit Deinem Frieden.

Vergib mir, dass ich mich absorge,
und hilf mir, dass mein Murren aufhört.
Herr, der Du das Frühstück am See
bereitest hast, vergib der Welt,
die da sagt: "Was kann denn
aus Nazareth Gutes kommen?"

Sonntag, 15. März 2020

Corona


Ein stammelnder Versuch, mal etwas tiefer zu schürfen. 

Sonntag, 15. März 2020
09:14
Wo ist Gott in Zeiten der Seuche? 

Die Tatsache, dass uns die Corona-Infektion in der Passionszeit trifft, löst bei mir theologisch sehr intensive Fragen aus. Längst von mir für vergessen gehaltene theologische, oder besser gesagt: Glaubens-Fragen tauchen wieder auf. 

Sehr groß ist die Verlockung, hier Strafe am Werk zu sehen (für was auch immer) oder, was das Allerschlimmste wäre, die Seuche dafür zu instrumentalisieren, die Gottesfurcht zu wecken und in moralischen Apellen zu versinken. Und ich spüre, dass unsere kirchliche Normal-Theologie an ihre Grenzen stößt. Sehr haben wir uns eingerichtet in einer Welt, in der Leid und Not recht weit weg sind oder als (behebbare), letztlich individuelle Störung betrachtet werden.

Doch das Leid ist einfach so da. Es ist auf eine sehr radikale Art "demokratisch", es geht nicht einfach so "weg" und es macht keine Unterschiede. Gleichzeitig macht es Ungerechtigkeit, Privilegien und Asymetrie radikal erkennbar: in der Art, wie damit umgegangen wird. Wenn Du arm bist, stirbst du schneller. 

Es ist auch nicht aus der Welt. Das Kreuz Jesu ist nicht das Ende des Leides. Es ist seine Veröffentlichung. Es ist ein Signal seiner Präsenz. Die Auferstehung macht es nicht ungeschehen, sondern nimmt das Leid mithinein in Gott. Das Leiden ist in Gott präsent. Und seine Überwindung, seine Aufhebung, ist nicht eine Wirklichkeit, die erfahrbar ist. Es ist eine Botschaft.

Das Leiden ist nicht aus der Welt seit Ostern. Es ist sichtbar. Es ist sichtbar als Teil der beschädigten Schöpfung. Es gehört zur conditio humana in der gefallenen Schöpfung. Die neue Schöpfung, in der kein Leid, kein Schmerz, keine Tränen mehr sein werden, ist nicht heute. Sie ist morgen. Sie ist jenseits des Todes. Hier, jetzt, heute, diesseits des Todes ist sie Verheißung, ist sie der Horizont, vor dem wir leben können und leben müssen. 

Das Kreuz nimmt das Leiden ernst. Es heiligt es nicht. Das ist der Irrtum, der hinter dem Gedanken des Martyriums steckt. Die Vorstellung, durch Leiden etwas zu erwerben, Anrechte zu bekommen, durch Leiden privilegiert vor Gott zu sein, ist ein absurder Gedanke. Das Leid ist so präsent, dass selbst Gott sich ihm nicht einfach entziehen kann. Und auch nicht will. 

Denn die Liebe ist Hingabe. Indem Gott das Leiden sichtbar macht, indem Gott das Leiden nicht einfach beiseite schiebt, stellt er sich auf die Seite der Opfer, auf die Seite der Leidenden. Und das sind nicht allein die anderen. Das bin auch ich. Die Corona-Seuche macht sichtbar, wie dünn das Eis der Illusion ist, auf dem wir gehen, sie zerstört der Illusion, wir wären in Sicherheit und alles wäre halb so schlimm. 

Das Leiden ist nicht die große Störung unseres Glücks, sondern die Basis unseres Lebens. Es klingt fremd und fast zynisch: Das Leid ist die eigentliche Gestaltungsaufgabe unseres Lebens. Wir erkennen uns darin als Ebenbild Gottes, dass wir uns als Ebenbild des Gekreuzigten erkennen: er ist der wahre Mensch. Weniger formelhaft gesagt: im Gekreuzigten erkennen wir, wie es um uns Menschen in Wahrheit steht. Wir sind Sterbende. Aber es ist Gott, der im Gekreuzigten sichtbar wird. 

Was uns vor Sarkasmus, oder schlimmer noch: vor Zynismus bewahrt, ist, dass darin ein Funken Hoffnung sichtbar wird. Die Sterbenden sind nicht die Verlorenen. Sie sind nicht die große Ausnahme. Sie sind nicht die Aufgegebenen. Sondern sie sind die, denen Gottes Liebe besonders gilt. Die große Herausforderung, aber auch das große Geschenk des Glauben ist, dass er uns ein Bild dafür schenkt, wer wir in Wahrheit sind. 

Und die große Hoffnung für hier und heute, für unsere, wie man früher sagte, unsere "iridsche Existenz" ist, dass wir, wenn wir diesen Blick zulassen, wenn wir diesen Blick aufnehmen, wenn wir ihn, verzweifelt und mutig zugleich, teilen, dass wir dann weich werden, dass Barmherzigkeit in uns geweckt wird. Nicht durch moralische Ermahnung, nicht durch den Ruf zur Vernunft und Besonnenheit, nicht durch "don´t panic", sondern durch einen Moment des Innehaltens und der Besinnung: Ecce homo. Das bist du.

Und daraus formt sich das elementare Gebet, die elementare Klage, die elementare Bitte: kyrie eleison. Lass Tod und Vernichtung, Verlust und Vergehen nicht das letzte Wort sein. Öffne uns einen Horizont des Mutes in einer Welt voller Leid.

Die Tageslosung machte mich darauf aufmerksam. Sie spricht es aus, worum es geht.

Gott sprach zu Salomo: Weil du weder um langes Leben bittest noch um Reichtum noch um deiner Feinde Tod, sondern um Verstand, auf das Recht zu hören, siehe, so tue ich nach deinen Worten.
1. Könige 3,11-12
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
Matthäus 6,3

Nach dem Reich Gottes trachten: Das bedeutet nicht, dass wir hier Gottes Reich auf Erden bauen, wie immer so schön gesagt wird. Das scheitert immer und führt in ein Scheitern, dass den Glauben zutiefst beschädigt. 

Er baut. Für uns. Wir brauchen, um das Bild zu stressen, nur einzuziehen. Einziehen in ein Haus der Hoffnung, dessen Fundamente zwar auf der Erde stehen, dessen Wohnungen aber im Himmel liegen. Das ist kein Eskapismus. Das ist keine Flucht aus der Wirklichkeit. Es ist gerade andersherum: An der Tür zum Haus Gottes hängt das Kreuz. Daran kommen wir nicht vorbei. Unsere Energie, unser Bemühen sollte also nicht dafür verschwendet werden, religiös verbrämte utopische Wolkenkucksheime zu bauen. 

Darin ist der Glaube moderner, als die Moderne von sich selbst denkt.  Der von Gott in die Freiheit von Gott entlassene Mensch hängt nicht an Gottes Schürzenzipfel, sondern steht auf seinen Beinen. Die Perspektive kehrt sich um. Der Allmächtige Gott, das Gespenst des Aberglaubens, zeigt sich nicht als Alleskönner, sondern als Leidender, der das Leiden von innen her überwindet. 

Dafür hat die Vernunft keine Kategorien. Darin ist der Glaube unvernünftig, weil er auf der Liebe beharrt: auf reiner Zuwendung. Darin ist "Salomo" vernünftig: dass es ihm nicht um sich selbst geht. Das ist die Vernunft des Glaubens, und ich spitze zu: darin ist sie die vernünftigere Vernunft. Das bringt die Corona-Seuche ans Licht. Wer nur an sich denkt, begeht Verrat. 

Klopapier wird zum Symbol der Unvernunft. Es sei denn, ich horte es, um es gegebenenfalls an die weiterzugeben, die welches brauchen werden. Es geht um Zuwendung. Sie ist die Antwort auf das Leid.

Der Gekreuzigte braucht unsere Zuwendung, wie er sich schon als Kind in der Krippe gebraucht hat. Der Glaube lenkt den Blick nicht auf den Himmel. Er lenkt ihn auf die Erde, dort wo die Erde, die gefallene Schöpfung, am irdischsten ist. Da soll unsere Energie hinfließen. Leid mindern: das ist, was wir können. Solidarisch unter dem Kreuz stehen, wie die Frauen. Einander in der Verlassenheit annehmen, wie Johannes zum Sohn der Maria wird, als ihr Sohn stirbt. Auf Golgatha ordnet Gott uns einander zu: das Volk der Leidenden. Dahin blickt. Das Leid ist da. Es gilt, es mindern. Darum braucht es das Recht und den Verstand. Die sind jetzt gefragt. Angesichts der unveränderten Präsenz des Leides in der Schöpfung, der das Ende des Leides verheißen ist, bedeutet Liebe: Solidarität. Dafür wird Salomo gelobt. Dahin lenkt Jesus unseren Blick.

Mit Verharmlosung, mit Instrumentalisierung des Leides (als vermeintlicher Ausbruch des Zornes Gottes), mit Beschwichtigung, mit Gesundbeterei im übelsten Sinne ist uns nicht geholfen, mit moralischen Appellen auch nicht. 

Ganz im Gegenteil. Gerade der Glaube an die Auferstehung  kann uns stark machen, zu sehen, was der Fall ist: Die Schöpfung ist voller Leid, kyrie eleison. Nach dem Reich Gottes trachten: das kann für uns nur heißen: seiner Verheißung trauen und uns der Wirklichkeit stellen. Der Kelch geht nicht an uns vorüber, wie er auch an Jesus nicht vorüberging. 

Es ist ein fast unerträglicher Satz, den ich am Ende aussprechen muss: In jedem Leidenden offenbart sich Gott. Was ihr getan habt einem meiner geringsten Geschwister, das habt ihr mir getan. 

Ausgerechnet Nietzsche (oder vielleicht gerade er, der aus einem "frommen" Elternhaus stammt) spricht es sehr klar aus: Bleibt der Erde treu.

Kyrie eleision.

Amen.

Samstag, 16. November 2019

Predigskizze zu Mt 25, Volkstrauertag


Der Volkstrauertag ist ja ein merkwürdiger Hybrid. Aber er ist eine der wichtigsten "Kontaktflächen" zur Zivilgesellschaft und zur regionalen Politik. Ich predige ja für gewöhnlich frei, mit einem Stichpunkteskript, das Leitsätze enthält, für heute habe ich den mal etwas ausführlicher gestaltet, falls es Rückfragen geben sollte. Das gibt mir auch die Möglichkeit, auf die Ansprache aus dem politischen Raum einzugehen. Es ist also mehr ein Denkanstoß und ein Steinbruch. Ich habe mich für MT 25, in der neuen Predigtordnung das Evangelium, entschieden, weil heute auch viele Menschen im Gottesdienst sitzen werden, für die der Hiobtext vielleicht doch zu sehr harte Kost ist. Ich halte Mt 25 für einen ethischen Schlüsseltext in er momentanen gesellschaftlichen Debatte, den man gar nicht oft genug zitieren kann. Er beschreibt die ultimative Grenzüberschreitung und enthält eine radikal kenotische Christologie. Ich bin auf die Reaktionen sehr gespannt.

25,31-46
Vom Weltgericht
31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit,
und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.
 34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.
36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.
 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!
42 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. 43 Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.
 44 Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? 45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.


Liebe Gemeinde,

Die Geschichte vom Friedenspielen
Von Leo Nikolajewitsch Tolstoi wird folgende Geschichte erzählt:

Es gehörte zu den täglichen Gewohnheiten des Gutsbesitzers und großen russischen Schriftstellers, sich am Nachmittag im Park zu ergehen, der Natur nachzuspüren und die Gedanken kreisen zu lassen.

So war es auch an diesem Oktobertag, an dem die Sonne mit ihren Strahlen das Herbstlaub vergoldete. Welch friedliche Natur!

Auf seinem Weg störte ihn eine Schar halbwüchsige Buben, die mit Geschrei durch den Park tobten. Sie hatten sich mit Stöcken und allerlei Gerät bewaffnet.

Als sie geradewegs auf Tolstoi zustürmten, sah er zu seinem Entsetzen, dass einige größere auf zwei kleine einschlugen. Mit lauter Stimme gebot er Halt - verlegen und ängstlich versammelte sich die Gruppe um ihn.

"Welch schändliche Tat", herrschte er die Knaben an. "Wollt ihr euch gegenseitig totschlagen?"

"Aber nein, Gospodin", antwortete ein Junge, der wohl der Sprecher der Gruppe war: "Wir spielen doch nur." -

"Und wie heißt dieses Spiel?" fragte der Gutsherr weiter. "Wir spielen Krieg."

Tolstoi schüttelte energisch den Kopf und entgegnete laut: "Krieg, Krieg - ihr solltet lieber Frieden spielen!"

Missbilligend den Kopf schüttelnd, ging Leo Nikolajewitsch weiter.

Auch die Jungen waren still geworden und steckten die Köpfe zusammen. Plötzlich rannte der Sprecher hinter Tolstoi her, zupfte ihn am Ärmel und fragte: "Bitte, Gospodin, wie spielt man eigentlich Frieden?"

Wie spielt man Frieden? Vielleicht ist die Frage falsch: Krieg ist das Spiel, das finstere, das dunkle Spiel, Frieden ist der Ernstfall? Es wäre jedenfalls schön, wenn wir so denken könnten.

Die Erzählung vom letzten Tag, vom jüngsten Gericht, die wir als Lesung hörten und über die ich predigen will,
sagt uns, wie das geht: Frieden spielen. Nämlich: die einfachsten Bedürfnisse von uns Menschen stillen.

Früher habe ich diese Geschichte nicht gemocht: weil ich sie so las, dass sie mir mit dem jüngsten Gericht drohte, wenn ich nicht alles richtig mache. Jetzt, nach langer Lebenserfahrung, habe ich begriffen: Diese Geschichte erzählt nicht, was am „jüngsten Tag“ geschieht. Diese Geschichte erzählt, was jeden Tag in uns passiert. Es ist eine Geschichte vom Gewissen. Denn wir können entscheiden. Gott muss uns gar nicht mit Untergang und Vernichtung drohen. Wenn wir das einfache Gute nicht tun, kommt es ganz von selbst über uns.
Und was ist dieses einfache Gute?
Damit es auch wirklich jeder kapiert, wird es gleich viermal gesagt: zweimal negativ, zweimal positiv. Was ist daran eigentlich so schwer zu verstehen?
Schwer zu verstehen ist an dieser Geschichte, dass hier überhaupt nicht vom Glauben die Rede ist. Es ist auch gar nicht von Gläubigen und Ungläubigen die Rede. Dass ich diese Geschichte lieben gelernt habe, liegt genau daran. Sie erzählt vom einfachen Menschlichen. Sie überwindet gerade die Grenzen, die wir im Kopf und im Herzen immer ziehen. Wem sollen wir helfen? Wen sollen wir unterstützen? Wer ist bedürftig?
Die einfache Antwort dieses Gleichnisses lautet: alle.
Und hier liegt das Problem. Hier liegt der Grund, warum uns die Geschichte so unter die Haut geht.
Schauen wir sie uns genauer an.

(Paraphrase)


-       es braucht also gar keine komplizierte Theologie, keine langen Erklärungen. Es braucht nur ein offenes Auge und eine offenes Herz.
-       und hier kommt der Glaube ins Spiel. Denn das sollte der Inhalt unsere Gebete sein: Dass wir den Blick geöffnet bekommen für die Not des Menschen. Da kommen wir alle drin vor.
-       Das ist der Weg zum Frieden. Frieden spielen heißt: niemals die Not des Menschen zu vergessen, denn es ist die Not, die die Menschen zu Bestien macht.
-       Darum ist das auch eine Geschichte von der Verheißung und der Vergebung. Im bedürftigen Menschen begegnen wir Gott. Er wendet sich nicht von uns ab, wozu er Grund hätte, wenn unsere Maßstäbe an uns selbst anlegte, sondern er kommt uns entgegen. Schon dass wir dieses Gleichnis hören dürfen uns sozusagen ein unblutiges Gericht erleben, ist schon ein Geschenk. Wenn man nicht dumm ist, und daraus eine Kinderschreckgeschichte macht. Und genau das ist dumm: aus Gott das Gespenst der eigenen Angst zu machen.
-       Starren wir auf den Himmel, starren wir auf Dome und Paläste, sehen wir keinen Gott. Jesus lenkt den Blick nach unten lenken und nach innen. Wo die Not ist, da ist Gott.
-       Wenn hier also ein Volk trauert, dann ist es das Volk Gottes. Zur Trauer gehört eben auch, die eigene Sterblichkeit, die eigene Verletzlichkeit, die eigene Fehlbarkeit zu spüren, und zur wirklichen Anteilnahme gehört auch, die eigene Sehnsucht nach Frieden zu spüren, den Hunger, den Durst. Es gehört auch dazu, dem Erschrecken darüber Raum zu geben, dass wir so sein können, wie wir sind, dass uns die Angst zu Bestien macht und die Habgier zu Unmenschen. Das Volk dass hier in diesem Haus trauert, ist das Volk Gottes. Es gibt keine deutsches, kein weißes, kein europäisches Christentum. Es gibt kein Drinnen und kein Draußen. Die große Zumutung dieser Geschichte ist, dass Gott sich allen Menschen zuwendet, und dass unser Versagen schon beginnt, wenn wir Grenzen ziehen, wenn wir Menschen unterscheiden nach Hautfarbe, Abstammung, Fähigkeiten, nach Herkunft, nach sexuellen Vorlieben oder Ernährungsgewohnheiten: von alledem ist hier nicht die Rede. Hier ist die Rede von Nacktheit, Verfolgung, Hunger, Durst, Einsamkeit und Sterben, hier die Rede von dem volk Gottes, dass Gott besuchen will. Wir liegen schon schief, wenn wir die Frage stellen: Wem sollen wir helfen?
-       Darum ist der Volkstrauertag auch ein Tag, den wir als Kirchengemeinde, als Christen begehen müssen und sollen, und es ist ein Jammer, vielleicht sogar eine Schande, dass wir das nicht lauter, tatkräftiger und entschiedener tun, dass wir vor allem die Jungen nicht hier deutlich einladen. Nicht, weil Christen bessere Menschen sind. Ganz im Gegenteil: Weil Christen, die die Stimme Gottes hören, wissen, dass es keine „guten“ und keine bösen Menschen gibt, keine von Gott Geliebten und von Gott Verworfenen, sondern das wir alle fehlbar sind, und gerade in dieser Fehlbarkeit die von Gott Geliebten. Er lässt uns die Freiheit der Entscheidung. Darum tragen wir auch die Folgen. Christen sollten nüchtern sein, und wissen, mit wem sie es zu tun haben: Mit hungrigen, durstigen und nackten Menschen, die, wenn sie in Not geraten, des Leibes sowohl wie der Seele, gewalttätig werden, in Wort und Tat. Also heißt der Schlüssel zum Frieden letztlich: Gerechtigkeit. Da ist für Rassismus, Sexismus, Ausgrenzung, Herabwürdigung von Menschen kein Platz. Was ihr getan habt, einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan. Das sagt Jesus von Nazareth, den wir den Sohn Gottes nennen, weil uns in ihm Gott begegnet: als ein Fremder, der uns nahe sein will. Der von sich aus die Grenze zu uns überschreitet, damit wir den Mut finden, Grenzen zu überschreiten. Aber nicht mit Panzern und Gewehren, sondern mit einem Stück Brot und einem Schluck Wasser.
-       Können wir aus der Geschichte lernen? offensichtlich nicht. Wir hören schon wieder diesselben brandgefährlichen Reden, die immer in Kriegen endeten. Die gefährlichste Generation für den Frieden war immer die Generation der Enkel, die nicht mehr erlebten, was Krieg bedeutet und sich gelangweilt von ihren Alten abwendeten.
-       Die frohe Botschaft des Tages lautet daher: Wir mögen von allen guten Geistern verlassen sein, dass wir in unserer Wohlstandsgesellschft in Panik geraten, weil wir unseren Überfluss ein wenig eindämmen müssen. Aber selbst wir sind nicht von Gott verlassen. Auf ihn zu hören ist, gerade heute, gerade jetzt, schlicht und einfach vernünftig: Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan. Ihr sucht Gott? Ihr findet ihn im von Gott geliebten Menschen.

-       Am Ende steht, obwohl hier vom Glauben die Rede ist, die schiere Vernunft. Denn dieser Satz beschreibt nichts andres als das, was wir seit dreihundert Jahren die Menschenwürde nennen, die die Grundlage unserer freiheitlichen Gesellschaft ist. Die beiden entsetzlichen Kriege des letzten Jahrhunderts sollten uns sehr drastisch vor Augen führen, wohin es führt, wenn wir das aufs Spiel setzen. Dass es zweimal so brutal, und danach immer wieder im Kleinen schiefging, sollte uns traurig machen. Und das heute vor allem die Religion wieder als Kriegsvorwand benutzt wird, sollt uns sogar zutiefst alarmieren.

-       Das Gott uns zutraut, es besser zu machen, sollte uns fröhlich machen. Das, Schwestern und Brüder, ist christliches Leben; wer etwas vom christlichen Abendland faselt und am libsten einen Zaun darum bauen möchte,  hat davon wenig verstanden, und wir sollten als Christen, als Kirche, als Gemeinschaft der heiligen, als Volk Gottes, das vielleicht doch etwas deutlicher sagen, als wir es bisher getan haben. Freunde werden wir uns damit nicht machen. Aber haben wir eine Wahl? Wir haben sie, sagt uns die Geschichte vom jüngsten Gericht. Jeden Tag: Liebe oder Gleichgültigkeit, Abgrenzung oder Öffnung, Kompromiss oder Verbohrtheit, Vergebung oder Rache. Die Unterscheidung von Schafen zur Rechten und zur Linken geht mitten durch jeden von uns hindurch.
-       Wie spielt man Frieden? Gebt den Menschen was zu essen, ein Dach über den Kopf, schenkt ihnen Gerechtigkeit und Bildung und seid darin barmherzig, großzügig und risikobereit. Besucht einander, redet miteinander, feiert miteinander. Betet. Damit, Schwestern und Brüder, dienen wir als Volk Gottes allem Volk auf Erden. So wird der Volkstrauertag auch ein christlicher Tag.
-        
Am Ende ist eben doch der Krieg der mörderische Ernstfall, und der Frieden das heilige Spiel.